3. August 2014

Was ist so gefährlich am Pedelec-Fahren?

 Grafik, Statistisches Landesamt 
Eine Bemerkung aus aktuellem Anlass. Das baden-württembergische Innenminsterium hat am 31. Juli eine Unfallstatistik für das erste Halbjahr dieses Jahres vorgelegt. Demnach starben auf den Straßen in unserem Bundesland bereits 22 Radfahrer/innen bei Unfällen. 

In der Pressemitteilung heißt es:
"Bei 4.624 Fahrradunfällen (plus 27,3 Prozent) seien im ersten Halbjahr 2014 bereits 22 Fahrradfahrer ums Leben gekommen (1. Halbjahr 2013: 19), 968 seien schwer verletzt worden (plus 27 Prozent).
Bei den Radunfällen sei die Beteiligung von Pedelecs auffällig. Die Verdopplung gegenüber dem 1. Halbjahr 2013 auf 233 Unfälle spiegle die zunehmende Verbreitung der neuen Fahrzeuge. Fazit: „Tragen Sie einen Fahrradhelm. Denn damit lassen sich Kopfverletzungen vermeiden oder zumindest mildern“, betonte Gall. Dies gelte besonders für Pedelecs, da mit diesen eine deutlich höhere Geschwindigkeit erreicht werden könne."

Und sofort sind wir alle ganz schnell dabei zu behaupten, dass es an der Geschwindigkeit liege, dass Pedelec-Fahrer statistisch öfter verunglücken als es ihrem Anteil an Radfahrern unter den Radler entspricht.  Ich glaube aber, das ist ein Denkfehler.


Ich vermute, dass die meisten, die das meinen, noch nicht Pedelec gefahren sind. Ich fahre seit zehn Jahren Pedelec. Stimmt, man kann damit schneller fahren als mit einem Normalrad. Allerdings macht sich Schnelligkeit vor allem bei Bergauffahrten bemerkbar. Und die sind in der Regel sehr viel ungefährlicher als Bergabfahrten oder Fahrten auf ebener Strecke.

Ich radle die Alte Weinsteige mit 11 km/h hoch, ein Normalradler radelt die Steilstecke mit zwischen 5 und 8 km/h, von ganz sportlichen Rennradlern mal abgesehen.

Runter aber können alle Radklassen so schnell sausen, wie sie sich zutrauen, mit 50 km/h (erlaubt sind 30) oder mit 30 oder vorsichtig mit 20 km/h. Und oft sind Rennrad- oder Montainbikefahrer da deutlich schneller als ich mit meinem Pedelec.

Auf ebenen Strecken (etwa durch den Schlossgarten oder auf Fahrbahnen) fahren Rennradler oder sportliche Alltagsradler, wo sie können, ein Tempo von vielleicht um die 25 km/h (zwischen 20 und 26 km/h). Oft komme ich auf meinem Pedelec denen kaum hinterher, auch weil mein Pedelec wie die allermeisten, die Kraftzugabe bei 25 km/h stoppen. Ab dann trete ich nur noch mit eigener Kraft. (Es gibt Pedelecs, die 45 km/h mit Kraftzusatz fahren können, die brauchen aber ein Nummernschild und dürfen nicht auf Radwegen oder durch Parks fahren. Sie sind äußerst selten in Stuttgart.)

Ich halte es also für fraglich, ob wirklich höhere Pedelec-Geschwindigkeiten für relativ höhere Unfallzahlen verantwortlich sind. Ich sehe das Problem eher darin, dass Pedelecs hauptsächlich von Menschen zwischen 45 und 60 Jahren gekauft werden, die wahrscheinlich in den davor liegenden Jahren eher nicht so viel mit dem Fahrrad unterwegs waren. Sie sind insgesamt unsicherer, womöglich nicht nur körperlich ungeübter, sondern auch unerfahrener im Fahrrad-Straßen-Verkehr, der in Stuttgart schon hohe Anforderungen an Findigkeit und Wendigkeit stell.

Wir sollten über ein Radtraining für Wiedereinsteiger nachdenken. 


Kommentare:

  1. "Ich sehe das Problem eher darin, dass Pedelecs hauptsächlich von Menschen zwischen 45 und 60 Jahren gekauft werden." - Und eben diese Gruppe von Menschen sind meist jene, die ein eher gemächliches Tempo beim Radeln um die 15 km/h gewohnt sind. Wenn die jetzt plötzlich mit 25 km/h unterwegs sind ist das schon eine deutliche Steigerung und Gegebenheit, an die man sich sicherlich erst mal gewöhnen muss. Trotzdem würde ich mich der Meinung anschließen, dass die höheren Pedelec-Geschwindigkeiten generell nicht die Ursache sein können. Ich persönlich gehöre zur Gruppe derjenigen, die sportlich mit dem Rad unterwegs sind, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von allein schon meist 25 km/h, was mit ein wenig Übung und Erfahrung auch kein Problem ist. Vielleicht stechen die Pedelecs ja auch gerade aus der Statistik hervor weil es momentan eben einen Boom gibt.

    "Tragen Sie einen Fahrradhelm. Denn damit lassen sich Kopfverletzungen vermeiden oder zumindest mildern." - Bei solchen Fazits würde ich aber doch gerne mal eine differenziertere Statistik sehen wollen, d.h. wie viele tödliche Unfälle lagen tatsächlich an Kopfverletzungen. Ich bin bestimmt kein Helmgegner, nur diese Aussagen klingen immer so nach Standard-Ratschlag ohne genau darauf einzugehen, wie und auf welche Weise die meisten Unfälle mit Radfahrern denn wirklich passieren. Ich denke, im heutigen Verkehr sind bestimmt nicht selten die Autofahrer der Unfallverursacher. Ich habe tagtäglich mit Rücksichtslosigkeiten, gefährlichen Überholmanövern (Hauptsache mit Vollgas vorbei am Radfahrer, auch wenn die Ampel 100 m weiter gerade auf Rot schaltet) und Fahrern, die absolut nicht die Dimensionen ihres Fahrzeugs einschätzen können, zu tun. Dass diese bei einem Unfall meist glimpflich davonkommen während der Rad-/Mofa-/Rollerfahrer stirbt wird von der Statistik so bestimmt auch nicht erfasst.

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  2. mich würde die Statistik in veränderter Betrachtung interessieren. Nicht Pedelecs pro zeit sondern relativ zu den gefahreren Kilometern. Sind das dann 2 Unfälle pro 100.000 gefahrene Kilometer oder wie ist dann das Verhältnis zum Standardrad. Da ich selbst nicht mehr Pedelec aber dafür wieder reichlich Liegerad fahre freue ich mich natürlich über die Form der Auswertung. Wenn es nach der Häufigkeit der vertretenen Fahrradformen ausgewertet würde wären die Sonderbauformen sicherlich auch überproportional beteiligt, da ich mit dem Liegerad etwa die 10-fache Fahrleistung wie mit meinem Bahnhofsrad habe, das ich mit einem einfachen Schloss nahezu überall abstellen kann.

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  3. Es gibt nicht wirklich eine Statistik zu Helmen und ihrer Schutzwirkung. Die Polizei erwähnt manchmal, ob der verunglückte Radler einen Helm getragen hat. Es gibt aber die These, dass es statistisch bei schweren Verletzungen und Todesfällen keinen Unterschied macht, ob jemand Helm getragen hat oder nicht (also Helmträger oder Nichthelmträger erleiden gleich viele folgenschwere Unfälle). Aber im Einzelfall - im Individuealfall - kann es schon einen Unterschied machen, ob ich einen Helm aufhatte oder nicht. Ich bin übrigens gegen eine Helmpflicht, weil sie andererseits ältere Radler vom Radfahren abhält, aber ich selber trage einen und würde es empfehlen. Es stimmt, auch der Ruf nach Helmpflicht ist ein Reflex genauso wie der Aufschrei bei Pedelec-Unfällen. Insgesamt ist aber die Gefahr für Fußgänger und übrigens auch Autofahrer, einen folgenschweren Unfall zu erleiden größer als bei Radfahrern, sagen die Statistiker. Und Radfahren hält insgesamt gesünder. Besonnenheit bei all diesen Diskussionen tut Not, da hast du Recht.

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