17. August 2014

Worüber sich ein Fußgänger wirklich aufregt

Fußgänger sind die friedlichsten Verkehrsteilnehmer überhaupt. Sie treten freundlich beiseite, wenn ihnen ein Radler auf dem Gehweg den Platz nimmt.

Sie ertragen fast alles. Nur eines macht sie richtig wütend: Wenn man sie auf dem Radweg zur Rede stellt.

Nie habe ich Fußgänger wütender erlebt, als wenn sie auf einem ausgewiesenen Radweg auf mein Bimmeln hin Platz machen mussten. Dann schimpfen sie wirklich. Wenn ich sie gar darauf anspreche, dass sie sich auf einem Radweg befinden, dann ergießt sich die gesamte Frustration über Radler auf Gehwegen in Parks und überhaupt über Radler über mich.
Merke: Menschen werden nur dann aggressiv, wenn man sie bei einem Unrecht erwischt. Dabei lässt sich auch der friedlichste Fußgänger nicht gern ertappen. Dann fühlen er sich vermutlich angegriffen und vereidigt sich. Ich vermute auch deshalb, weil er als Fußgänger von allen Seiten viel mehr Unrecht zu erleiden hat, als er umgekehrt begeht. Autos hindern ihn am Überqueren von Straßen, parken die Straßenecken zu, sodass Mütter mit Kinderwagen nicht mehr durchkommen, Radler sausen ihnen illegal auf Gehwegen um die Ohren und so weiter.

Schade, dass es so schwierig ist, ein Gespräch mit einem Fußgänger über Radwege zu führen. Ich wüsste nämlich zu gern, was in in den Köpfen genau der Fußgänger/innen vor sich geht, die an einem "Nur für Räder"-Schild vorbeigehen, wie sie im Schlossgarten an den beiden Radwegen aufgestellt sind. Sogar in Sichthöhe von Fußgängern. Ich habe mal versucht, neugierig nachzufragen, aber ein Gespräch darüber, warum Fußgäner Radweg-Schilder und Radwegflächen so schlecht sehen, war nicht möglich.

Tatsache ist: Genauso wenig wie Radler in Fußgängerbereichen oder Fußgängerzonen Rad fahren dürfen, dürfen Fußgänger auf Radwegen entlang gehen. Es ist, als würden sie auf der Fahrbahn für Autos über den Charlottenplatz marschieren. Aber Radwege werden in Stuttgart von etlichen Fußgängern nicht respektiert (von Autofahrern auch nicht), was sicher daran liegt, dass zu wenige Radfahrer auf ihnen unterwegs sind.

Es gibt ja viele Radler mit der Seele eines Fußgängers, aber es scheint auch fiele Fußgänger zu geben, die Radfahrer eigentlich für Fußgänger halten, oder sich selbst für so etwas wie Radfahrer, auch wenn sie gerade zu Fuß gehen. 

Kommentare:

  1. Als Fussgänger sollte man sich nicht nach Verkehrsschildern richten müssen. Wenn ein Weg exklusiv für andere Verkehrsteilnehmer ist, dann sollte das deutlicher erkenntlich sein, als nur durch irgendein Schild gekennzeichnet. Wenn man also unbedingt einen exklusiven Radl-Highway durch einen Park führen will, dann muss das auch optisch so deutlich sein wie bei KFZ-Strassen.
    Oft sind diese Radwege ja auch Wege die es schon immer gab, und wo man nur aufgrund des erhöhten Radleraufkommens irgendwann einen Radweg draus gemacht hat. An vielen Stellen wurde dann der gerade, direkte, eben asphaltierte Weg den Radfahrern zugesprochen - der vermeintlich "schönere" den Fussgängern. Aber auch Fussgänger gehen nicht immer nur "spazieren" sondern wollen von A nach B. Oder sie schieben einen Kinderwagen oder wollen in einer Gruppe nebeneinander laufen. Bei all diesen Situationen ist oftmals der "Radweg die schnellere oder bequemere Alternative. Ein Weg den man ihnen irgendwann weggenommen hat.
    Dem Fussgänger, für den Umwege das grösste Übel bedeuten, schickt man oft auf genau diese Umwege.
    Von reinen Radwegen in Parkanlagen halte ich rein gar nix. Radler und Fussgänger können sich arrangieren. Bei gemischten Wegen geht man sich aus dem Weg - bei Wegen die explizit einer Gruppe zugewiesen werden entstehen die Grabenkämpfe. Der Radler der auf so einer Strecke nicht einen Gang runter schalten will, der soll halt wie der KFZ-Verkehr aussen rum fahren.
    Wenn es wirklich einen reinen Radweg geben soll, dann sollte der auch so angelegt sein, dass keine Zweifel entstehen - und es sollte kein Weg sein, den man zuvor den Fussgängern weggenommen hat.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. +1. Ganz genau so (und ich bin mehr Radler als Fußgänger). Im Stadtpark kann man durchaus öfters mal bremsen und beschleunigen. Ist eh sportlicher.

      Löschen
  2. Interessante These, lieber Axel. Fußgänger erkennen Autostraßen am Bordstein und weil Autos fahren. Auf Radwege ist meist ein an mehreren Stellen ein Rad aufgemalt. Das könnten Fußgänger auch erkennen. Radwege nehmen selten Fußgängern den Gehweg weg (kommt aber vor, dass sie ihn sich teilen). Im Schlossgarten wurde am Landtag extra für Radler ein Weg angelegt, den Fußgänger komplett für sich adaptiert haben. Und es gibt einen vom Neckartor gen Cannstatt. Es ist für Fußgänger nicht ungefährlich, dort zu spazieren, weil er eine Biegung macht und Radler dort schnell fahren. Manche Fußgänger nehmen auch am Neckartor den Radweg zur Neckarstraße, obgleich die Grünphase für sie nicht ausreicht, und Radler da lang brausen. Da kann man auch nicht sagen, der Weg sei den Fußgängern weggenommen worden. Ich bin aber einig mit dir, dass Radler ruhig die Straßen nehmen können, wenn sie sich im Schlossgarten mit den Fußgängern nicht arrangieren wollen. Vom Charlottenplatz aus geht das aber nicht wirklich, weil Radler dort in den Schlossgarten geschleust werden und nur mutige auf der Stadtautobahn (rechts außen) radeln. Auch weil die Fortführung nach dem Wagenburgtunnel alles andere als geklärt ist. Ich fürchte, so ganz ohne Schilder können sich auch Fußgänger nicht bewegen, ohne sich in Gefahr zu bringen. Der Fahrzeug- und Fußgängerverkehr in Stuttgart ist eng und verwinkelt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sehe ich genauso, gerade auch am Beispiel des Schlossparks und den dort teils neu angelegten Radwegen, also Wege, die den Fußgängern nicht weggenommen wurden und ihnen eher zugute kommen sollten - aber nicht, indem man die eindeutig gekennzeichneten Radwege als Fußgängerweg missbraucht sondern um die vorhandenen Wege von Radfahrern zu befreien und damit sicherer und entspannter für Fußgänger zu machen. Und ich meine: Was außer Schilder, weißen/roten Markierungen und teilweise bauliche Trennung von Rad- und Fußweg soll man denn noch machen, damit Fußgänger erkennen (oder einsehen) dass es sich um einen Radweg handelt und diesen einfach mal als solchen respektieren? Ist ja schon die Regel dass ich auf mein höfliches "Runter vom Radweg, bitte!" eher ein "Halt's Maul!" hinterhergerufen bekomme anstatt dass man mal über sein Verhalten als Fußgänger nachdenkt. In den meisten Fällen ist es meiner Meinung nach doch so, dass Radwege schlicht aus Faulheit benutzt werden, wenn diese einen Tick kürzer sind als der angrenzende Fußweg (siehe an diversen Punkten rund ums Leuze).

      Löschen
  3. Ich denke nicht, daß die Optik einer Straße helfen würde. Das beste Gegenbeispiel ist die Marktstraße am Breuninger, die ja auch gerne von Fußgängern als Fußgängerzone angesehen wird. Dabei ist es eine Fahrradstraße, die von viel zu vielen Kfz auch noch benutzt wird.

    Das Fußgänger so reagieren, wenn sie einen Fehler gemacht haben, liegt auch weniger am Stellenwert, den Fußgänger im Verkehr leider haben. Dann würden Falschparker auf Radwegen oder Radfahrer auf Gehwegen anders reagieren. Tun sie aber nicht. Das Problem ist eher ein gesellschaftspolitisches. Es wird leider immer mehr üblich nicht zu seinen Fehlern zu stehen und daraus zu lernen, sondern andere dafür verantwortlich zu machen. Im Straßenverkehr halt denjenigen, der darauf aufmerksam macht.

    AntwortenLöschen
  4. Ich finde auch, dass Fussgänger nicht mit exklusiver Nutzung von irgendwelchen Wegen, ob neu oder alt, abgehalten werden sollten. So gut wie immer profitieren wir durch gemeinsame Nutzung voneinander: gemeinsame Wege abseits von Strassen, bei denen häufig gar nichts beschildert ist und wir von gemeinsamer Nutzung ausgehen.

    Wenn so ein exklusiver Weg gebaut weil die Nutzung eben stärker ist, sollte also eine ordentliche Trennung da sein. Und zwar so, dass jeder von selbst da gehen oder fahren will, wo es stimmt; zB. mit einem Grünstreifen und Sitzbänken nur am Fussweg, so dass die Wegarten im Unterbewusstsein völlig eindeutig ankommen.

    Tja, und was das Aufregen angeht, finde ich wir sollten uns generell mit Fussgängern verbünden und auch mal aktiv den Eindruck erwecken, dass wir auch freundlich sind. Hier in Leipzig gibt es gerade wieder eine CDU-Kampagne gegen Rüpelradler im (weitgehend als Fussgänger-Zonen ausgewiesenen) Stadtzentrum.
    Zu guter Letzt: Zu Fuss kriegt man halt auch nicht die Infrastruktur die man sich wünscht.

    AntwortenLöschen
  5. Achso: Ich finde jedenfalls als Radler (und nach dem Absteigen sowieso) ist man den Fußgängern ja auch sehr viel näher als den KFZ-Nutzern: Beide wollen wahrscheinlich mehr Lebensqualität in den Städten und der näheren Umgebung, weniger Lärm, weniger Gefährdung, usw. Mit verbünden meine ich dass wir versuchen sollten das auszubauen, Infrastruktur zu teilen wo einer vergessen/übervorteilt wurde, und natürlich auch gemeinsam Verkehrspolitik zu machen.

    AntwortenLöschen
  6. Vielleicht sind die auf dem Radweg im Schloßgarten bummelnden Fußgänger ja aber auch die, die zum Shoppingausflug in Stuttgart eingefallen sind und die sich gefreut haben, direkt neben Breuninger noch einen "ganz frisch geteerten Parkplatz" ganz ohne Parkuhr gefunden zu haben. ;-)

    Wie auch immer. Ansprechen finde ich gut, aber natürlich macht der Ton die Musik. Verärgert? Genervt? Vorwurfsvoll? Das kann nicht klappen und dann halte ich die Klappe auch und beschränke mich auf ein strenges Klingeln.

    Gut gelaunt und gelassen geht das auch anders. Parkt der aus Wiesbaden doch einfach "meine" Fahrraddruckampel zu. Hey, wo kommen Sie denn her? Sie parken meine Fahrradampel zu. Bei Ihnen gibt es das sicherlich nicht.

    Vielleicht ist es political auch nicht ganz korrekt, mag sein, aber wer Fahrradampeln oder Radwege nicht erkennt, den oute ich lachend als bedauernswerten Pampashasen, der es, weil er hinterm Mond lebt, "natürlich" noch nicht wissen kann...

    AntwortenLöschen
  7. Als Radfahrer ärgere ich mich oft über Fußgänger, die Radwege benutzen.
    Allerdings kenne ich auch die andere Perspektive. Diese Metamorphose geht sehr schnell, ich habe mich zu Fuss schon auf Radwegen oder dem Radfahrerteil gemeinsamer Wege ertappt.
    Warum? Als Fußgänger bin ich meist Spaziergänger, weniger Verkehrsteilnehmer. Man achtet auf andere Dinge als Zeichen auf der Strasse oder Schilder. Auch wenig befahrene Strassen werden als Gehweg genutzt.

    Hier hilft auf Dauer wohl nur mehr Radverkehr. Wenn Radwege so stark wie Autostrassen benutzt sind, merkt man auch als Spaziergänger schnell, dass man falsch unterwegs ist. Bis dahin hilft Toleranz, und vielleicht auch freundliche Hinweise.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja das stimmt. Fußgänger ticken anders als Verkehrsteilnehmer auf Rädern (zwei oder vier). Sie achten nicht auf Schilder, übrigens auch nicht auf Markierungen auf dem Asphalt. Da helfen nur mehr Radler.

      Löschen