15. September 2014

Der richtige Sattel

Wer nach dem Winter zum ersten Mal wieder aufs Rad steigt und eine längere Tour macht, der spürt seinen Hintern, wenn er am nächsten Tag wieder aufsitzt. Reiter wissen seit langem, dass man sich an den Sattel gewöhnen muss und kann.

Sättel für Pferde sind aus Leder und hart für den Menschen, gepolstert dagegen darunter für den Pferderücken. Früher - in meiner Kindheit - radelte man auf einem ähnlich harten Sattel entweder aus Leder oder aus Plastik. Ich erinnere mich nicht, dass mir der Radsattel damals jemals Probleme bereitet hätte. Und dafür gibt es einen guten Grund, den ich weiter unten erläutere.


Das Problem fängt erst mit gepolsterten Sätteln an. Auch mit den Gel-Dingern. Und hier müssen wir nun in die peinlichen Regionen der Anatomie vorstoßen.

Zunächst die Männer. Anatomisch ist der Mann eigentlich nicht fürs Radfahren geeignet. So mancher Arzt ist der Meinung, dass Männer eigentlich gar nicht Radfahren sollten. Es bestehe die Gefahr von Unfruchtbarkeit und von Hodenkrebs, wenn man beim Radeln die Durchblutung der Genitalien abklemmt. Jetzt aber keine Panik. Wie üblich streiten sich auch hier die Mediziner über die realen Gefahren. Bewegung ist in jedem Fall gesünder als keine Bewegung. Sollte sich beim Radlern allerdings ein taubes Gefühl im Penis einstellen, dann sollte der Mann schnellstens für einen anderen Sattel sorgen oder ihn anders einstellen.

Wie man auf dem Foto mit dem Beckenknochen sieht, sind Sättel für Männer so ausgelegt, dass sie auf den Schambeinen, also auf dem Knochen zwischen Sitzbeinhöcker und Schambeinfuge sitzen. Sättel für Frauen sind dagegen breiter, was dazu führt, dass sie eher auf den Sitzbeinhöckern sitzen, also auf den beiden tiefsten Punkten des Beckens.

Bei Frauen droht zwar weder Krebs noch Unfruchtbarkeit, aber auch bei ihnen kann es wehtun. Und da meine ich nicht die Stellen unter den Knochen, sondern die Weichteile dazwischen. Und das wird schlimmer durch gepolsterte Sättel, egal wie viel Gel unter der Satteldecke steckt. Denn hier sinkt das Gesäß mit den Sitzhöckern tiefer ein (Knochen sind ja hart) als mit den Weichteilen dazwischen. Die werden statt dessen zusammengequetscht. Sie müssen auf einem gepolsterten Sattel viel mehr Druck aushalten als auf einem brettharten Sattel, wo die Sitzbeinhöcker nicht einsinken können.

Die Lösung ist der Sattel mit Loch. Die für Männer sind schmaler, die für Frauen breiter, denn sie haben in der Regel ein breiteres Becken. Der Sattel mit Loch hat bei Männern den Vorteil, dass sich die Hoden auch nicht überhitzen beim Radeln (schlecht für die Fruchtbarkeit). Frauen spüren durchaus ebenfalls Kühlung. Wer das nicht will, braucht einen Sattel, wo das Loch unterhalb des Sattels mit Folie abgedeckt ist. (Oder selber was unters Loch kleben.)

Das Loch findet wiederum Prof. Froböse von der Sportuni Köln verkehrt. Er plädiert für Sättel mit breiter Sitzfläche, auch bei Männern. Meiner Erfahrung entspricht das nicht ganz. Aber es lohnt sich, das zu lesen.

Wie breit der Sattel sein muss, muss man ausprobieren, was unter Umständen den Kauf des einen oder anderen Sattels bedeutet. Das lohnt sich aber, wenn man viel radelt. Die Stellen unter den Sitzhöckern dürfen durchaus erst einmal wehtun - da gewöhnt sich das Gesäß dran - die Weichteile sollten jedoch niemals wehtun. Sonst hat man den falschen Sattel.

Auf einem gepolsterten Sattel mit Loch braucht man übrigens auch keine Radlerhose mit eingenähtem Polster mehr. Im Gegenteil. Das stört dann nur.

Übrigens darf man beim Kauf eines Sattels auch darauf achten, ob er seitlich rundherum zum Beispiel eine herausstehende Kante oder eine Naht hat, an der man sich auf Dauer die Hosen (schlimmer noch die Haut) aufscheuert. Und Jeans mit verstärkten Nähten an der Beininnenseite sind nicht unbedingt ideal für weite Strecken auf dem Rad. Erstaunlich viele Sättel sind an der unteren Kante nicht abgerundet.

Jeder Vielradler und jede Vielradlerin hat bestimmt seine eigenen Erfahrungen mit Sätteln und schwört auf seine oder ihre Lösung. Solange nichts wehtut oder taub wird, braucht man auch keinen anderen Sattel als man gerade hat.

Nur beim Kauf eines Rades, übrigens auch eines Pedelecs, darf man sich durchaus Gedanken über den Sattel machen. Man muss nicht den gut finden, der vom Radhändler gerade angepriesen wird.



Kommentare:

  1. Von den hier abgebildeten Selle SMP habe ich mal zwei Modelle ausführlich Probe gefahren. Die haben ein sehr großes Loch in der Mitte, was sehr wenig Fläche zum sitzen lässt. Auf dem schmalen Rand tat es dann richtig weh. Ich konnte mich nicht daran gewöhnen. Auch die Sitzknochen haben geschmerzt, weil man durch die dünne und zu weiche Polsterung durch auf der harten Schale sitzt. Auf dem Foto mit dem Beckenknochen sieht man auch, dann die Sitzknochen außen an den schrägen Flanken sitzen. In der Mitte drückt sich der Sattel dann in die Weichteile und führt zu Taubheit. Dieser Hersteller hat alles falsch gemacht, jedenfalls für mein Hinterteil.
    Nach meiner Erfahrung muss ein Sattel hinten flach sein und so breit wie die Sitzknochen, so dass man auf den Sitzknochen sitzt, und dazwischen nichts reindrücken kann. Die Schale muss weich genug sein, dass die Knochen sich etwas reindrücken können und so die Druckfläche vergrößert wird. Am besten geht das mit Kernleder. Wenn der Sattel gepolstert ist, darf das Polster nicht zu weich sein, sonst sinken die Knochen zu tief ein und das weiche Polster, dass immer noch härter ist als die Weichteile, drückt dieselben ein.
    Frauensättel sind breiter, weil sich noch das Gerücht hält, dass Frauen einen größeren Sitzknochenabstand haben. Statistisch gesehen gibt es bei Frauen und Männern eine große Schwankungsbreite. Es lohnt sich, bei Sitzproblemen den eigenen Sitzknochenabstand mal zu messen, mit einer Pappe, wie es SQLab macht. Im Fahrradladen oder zu hause.

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    1. Vielen Dank, das sind schöne ergänzende Informationen. Nach dem richtigen Sattel muss man wirklich suchen. Leider weiß man es immer erst nach einer längeren Tour. Aber wenn schon bei einer Probefahrt was wehtut, dann ist es bestimmt der falsche.

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  2. Ihr habt Probleme... mein Sitz am Liegerad ist super Komfortabel. Dafür hat das Konzept andere Nachteile. Für mich ist aber nicht das Problem mit dem Sattel der Hauptgrund gewesen, sondern die Belastung von Nacken, Schulter und Handgelenken haben mit auf dem sportlichen Aufrechtrad Schwierigkeiten gemacht.

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    1. Was für Probleme gibt es beim Liegerad? Worauf muss man da achten. Schick mir mal ne Mail, dann schreibe ich mal einen Post darüber.

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  3. Also ich habe auch 2 SMP und bin sehr zufrieden.
    Auf dem "Loch" sitze ich ja nicht, es belüftet ja und nimmt den Druck. Bei mir ist das gut.
    Der Sattel ist hinten breit genug und ich sitze da sehr gut und auch lange ohne Probleme. Allerdings muss man auch hier den passenden finden, weil es unterschiedliche Modelle gibt. Ich denke, dass das eher das Problem ist heutzutage bei der Vielfalt.

    Allerdings finde ich es auch sehr kostspielig solche Sättel alle auszuprobieren. Der SMP würde 180€ kosten, ist schon eine Menge. Bei den Meisten kostet das Fahrrad kaum mehr.

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  4. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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