13. September 2014

Wer es eilig hat, sollte langsam tun

Es gibt schnelle Radler, und es gibt langsame, und beide vertragen sich nicht gut. Die Süddeutsche Zeitung hat das Thema angeschnitten und schöner kann ich es auch nicht beschreiben. 

"Das Leben im Straßenverkehr ist nicht einfach. Dauernd muss man Rücksicht nehmen. (...) Die Hölle, das sind immer die Anderen. Sitzt man im Auto, schimpft man über die Trekkingnerds auf ihren Rädern, sitzt man auf dem Rad, verflucht man die Lackaffen hinterm Steuer. Rast einen auf dem Rad ein anderer Radler halb zu Tode, erklärt man ihn zum anstaltentflohenen Psychopathen, versperrt einem selbst mal jemand durch sein Getrödel den Weg, gelüstet es einen nicht übel, ihn einfach seitlich wegzurammen. Nein, das Leben im Straßenverkehr ist nicht leicht. Überhaupt das Leben in Gesellschaft ist nicht leicht. Wie kann man es also verbessern?", heißt es in dem Artikel.

Die Lösung, die uns da sofort einfällt ist: toleranter sein und mehr Geduld miteinander haben. Die anderen so leben lassen, wie sie es wollen, denn merke: Jeder und jede braucht irgendwann immer auch mal selbst Rücksicht und Verständnis. 

Übrigens gibt es auch mittelschnelle Radler/innen, es gibt vorsichtigere und waghalsigere Fahrer/innen, es gibt Frauen auf Rennrädern und Männer auf Cityrädern, es gibt Frauen, die auf Trekkingrädern zügiger unterwegs sind als ein Herr auf einem Pedelec. Es gibt einfach alles. Aber es stimmt schon, dass Männer tendenziell sportlicher fahren als Frauen, die das Rad als Einkaufstransportmittel oder als Autoersatz für den Weg zur Arbeit benutzen und dort nicht erst die Dusche aufsuchen wollen, falls es überhaupt eine gibt. In der Stadt müssen Autos langsamer fahren, Radfahrer/innen auch. Überall, wo viele sind, muss man sich arrangieren. 

Klar wären Schnell-Rad-Wege toll für alle, die schnell vorankommen wollen. Aber kann das funktionieren? Einen haben sogar schon in Stuttgart, nämlich den Radweg entlang der Neckartalstraße zwischen Reinhold-Meyer- und Aubrücke in Münster. Er verläuft unten entlang der Fahrbahn und würde er nicht hier und dort durch den Aufstellplatz für Fußgänger an Fußgängerampeln führen und wäre er nicht für beide Fahrrichtungen erlaubt, könnte man ihn als Schnellradweg verwenden. Denn die Langsamradler können nach wie vor oben auf dem Neckardamm die Aussicht auf den Fluss genießen. 

Aber so funktioniert das natürlich nicht. Alltagsradler, die sich auskennen, fahren die für sie bequemste Strecke, also vermutlich eher unten. Andere fahren so, wie sie es der Beschilderung und ihrem eigenen Urteil für richtig halten. Und wenn ich mir so anschaue, wie viele Fußgänger auf dick und fett ausgeschilderten Radwegen spazieren gehen, dann bezweifle ich, dass die Trennung von Schnell- und Langsamradwegen jemals funktioniert. Die Radler/innen kapieren es nicht, und dann sind immer ein paar wie die gesengte Sau auf einem Langsamradweg unterwegs und ein paar Schneckenradler auf dem Schnellradweg. Das erzeugt dann einen Rechthaber-Streit, den man nicht hat, solange keiner im Recht ist, weder der schnelle Radler vor dem langsamen noch umgekehrt.

Ich fürchte, wir ticken einfach so, weshalb manches unlösbar bleibt. Zumal wir in Stuttgart froh wären, wir hätten endlich wirklich praktikable und zügig zu befahrenden durchgehende Radrouten ohne seltsame Fußgängerampelkonstruktionen und indirekte Abbiegespuren. Übrigens mit genug Raum, damit schnellere Radler die langsamen auch mal überholen können, vor allem bergauf!




Kommentare:

  1. Ich denke der letzte Satz ist der wichtigste. Mehr Raum führt zu weniger Reibungspunkten. Interessant finde ich aber auch das sogenannte "shared place" Projekte funktionieren. Hier sind alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt und angeblich gibt es dort weniger Unfälle.

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  2. Solange die Menschen rücksichtslos sind und ihren Verstand nicht nutzen, sofern sie einen haben, wird kein Ansatz funktionieren. Und Überregulierung war noch nie eine Lösung, vom in Stuttgart fehlenden Platz für zusätzliche Schnellradwege einmal ganz abgesehen.

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    1. Lieber Joachim, würdest du dich als rücksichtslos bezeichnen und als einen ,der seinen Verstand nicht nutzt? Vermutlich nicht. Ich habe mir angewöhnt, von anderen Menschen nicht schlechter zu denken als von mir selbst. Wir haben alle unsere Fehler, aber die meisten Menschen wollen alles richtig machen und sind zuweilen nur sauer, weil man sie (und sie sich selbst) bei einem Fehler oder einer Unklugheit ertappt. Ich denke, die Radverkehrspolitik sollte es Radlern leichter machen, sich an die Regeln zu halten, als bisher, und so gestaltet sein, dass sich Autofahrer (und Fußgänger) nicht ständig über Radler ärgern müssen. Das ist kompliziert. Aber wir denken hier ja darüber anch.

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  3. "dass sich Autofahrer (und Fußgänger) nicht ständig über Radler ärgern müssen." ???
    radler dürfen sich nicht über andere ärgern, dann sind auch die anderen zufrieden, Hier sieht man doch nur wieder auf radler herab anstatt aus der sicht eines radlers die probleme zu lösen.

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  4. Lieber Axel, so auch wieder nicht. Dieses Blog beschäftigt sich mit dem Radfahren, mit politischen und psychologischen Aspekten. Ich möchte, dass Radler wieder mehr auf den Fahrbahnen fahren, weil es für Radler sicherer ist, und weil die Fußgänger ihre Gehwege für sich haben sollen. Ich versuche aus Sicht des Radlers (schließlich radle ich ja hauptsächlich und ärgere mich auch gehörig über Autofahrer und Fußgänger) zu schildern. Aber ich habe gemerkt, dass Konfrontation nicht hilft, Probleme zu lösen. Es ist für uns Radler besser, wenn wir konfliktfreier durch Stuttgart fahren als bisher. Auch für die Akzeptanz des Radverkehrs überhaupt, die in Stuttgart nicht übertrieben groß ist.

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