15. November 2014

Autobild mit Fahrrad

Mischverkehrsflächen - auch Shared Space genannt - gibt es juristisch in Deutschland nicht. Die Stadt Stuttgart meint zwar, sie hätte so was. Hat sie aber nicht. 

Die Tübinger Straße soll eine Mischverkehrsfläche auf dem Abschnitt zwischen der Paulinenbrücke und dem Rote-Bühl-Platz sein. Es gibt aber kein Schild, das dies erklären könnte, so was wie: Alle gleichberechtigt durcheinander und alle sind nett zueinander.

Es deutet für Autofahrer nichts darauf hin, dass sich hier Radler, Autos und Fußgänger mischen. Im Gegenteil, sie werden separiert: Am Eingang von der Paulinenbrücke her, stoßen Autofahrer und Radler auf einen Zebrastreifen. (Eine Separation von Fußgängern) Danach fahren sie auf einer asphaltierten Fahrbahn weiter. Autofahrer und Radler müssen also nach dem Zebrastreifen annehmen, dass Fußgänger jetzt nichts mehr auf der Fahrbahn zu suchen haben.

Es gibt zwei Schilder. Das eine lautet: Tempo 20, das andere Parkverbot. Fertig. Autofahrer haben gelernt, das zu interpretieren: Geradeaus durch, Radler und Fußgänger beiseite drängen. Und Tempo 20 ist an sich für Fußgänger keine Erlaubnis, auf der Fahrbahn zu laufen. (Sie tun es halt.)

Leider ist dieser Abschnitt zugleich Teil der Rad-Hauptroute 1 längs durchs Tal. Doch zunehmend bremsen wir Radler nicht mehr für Fußgänger, sondern für Autos, die die Straße verstopfen. Nix mit Mischverkehr. Es ist Hauptverkehr.


Übrigens je verbotener das Parken, desto schöner die Boliden. 

Fast ein bissle schade, dass die Stadt jetzt überall diese hässlichen Radbügel und ähnliche unverrückbare Dinge aufstellen will, damit das illegale Parken aufhört.




Kommentare:

  1. Danke für diesen Post, wie auch überhaupt für Deinen Blog!

    Von Anfang an habe ich mich bei diesem Projekt gefragt, in welcher Realität die Akeure aus dem Gemeinderat und der Stadt eigentlich leben. Die bauliche Umsetzung des "Shared Space" ist einfach unterirdisch, weil sie symbolisch so gut wie überhaupt nicht mitteilt, dass man sich die Fläche nun bitte teilen möge.

    Der Berichterstattung konnte man alle paar Tage und Wochen entnehmen, dass der "Shared Space" schlecht angenommen würde, Autos wild parken etc pp. Es war immer wieder Thema, dass das doch seltsam sei. Und mit Kontrollen kam man auch nicht hinterher, was ebenfalls Anlass für Verwunderung gab. Soviel Verwunderung deutet glasklar darauf hin, wie wenig durchdacht und unprofessionell die Flächenneugestaltung geplant wurde.
    Aber als (Stuttgarter) Zeitungsleser konnte man also durchaus informiert sein, wenn man wollte. Da war man dann aber leider einer der wenigen Eingeweihten ...

    Denn zugleich habe ich fast täglich als Fußgänger und Radfahrer erlebt, wie das Projekt vor Ort eingeführt und vorgestellt wurde: Nämlich überhaupt nicht. Keine Flyer, keine Plakate, keine Erklärungen. Nur ein 20-km/h-Schild und die Parkverbotsschilder. Und dazu eine klare Abgrenzung zwischen Teer-Fahrbahn und klassischem Gehweg. Das signalisiert keine Gleichberechtigung — das vermittelt stattdessen: Das ist eine normale Straße, aber eben langsamer. Dasselbe gilt für die Zebrastreifen-Situation, die Du treffend beschrieben hast.

    Wer bitteschön soll denn da überhaupt von sich aus auf die Idee kommen, die Straße als "Shared Space" wahrzunehmen oder entsprechend zu nutzen?
    Vom Himmel fällt das ganz bestimmt nicht... Mich jedenfalls wundert die Situation überhaupt nicht und passt zur Fahrradpolitik dieser Stadt: Viele Worte und wenig dahinter...

    AntwortenLöschen
  2. Danke für den Dank. Ich fand es auch von Anfang an schwierig und habe mich von Anfang an mit diversen Leuten der Stadt deswegen angelegt. Aber dass diese Bereiche derartig von Autos übernommen werden, das hatte ich mir damals nicht gedacht. Ich dachte, die Fußgänger machen uns Radlern Probleme. (Die kommen halt noch dazu, aber die Autos, die sich da durch das Gebiet schieben, das ist schon krass!) Irgendwann endet diese Radpolitik in einem Aufstand der Radfahrer.

    AntwortenLöschen
  3. Danke erstmal für diesen Blog. Zum Zebrastreifen:
    Zebrastreifen sind in Stuttgart eh ein tolles Thema. In den Stadtteilen werden sie verweigert, da diese in Tempo-30 Zonen angeblich nicht angelegt werden dürfen.
    Dafür findet man sie in der Tübinger Strasse und mindestens 6-Mal in der Eberhardt-Strasse, die ja eigentlich eine Fahrrad-Strasse ist.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für den Dank. Und zum Zebrastreifen: In Stuttgart ist das so: Wo schon Zebrastreifen waren, bevor eine Straße zur Tempo-30-Zone erklärt wird, bleiben sie bestehen, so in der Eberhardstraße. (Was ich als Radlerin ganz gut finde, signalisiert es doch den Fußgängern, dass sie nciht überall blicklos diagonal über die Fahrbahn gehen sollen, sondern dort.) Am Eingang zur fiktiven Mischverkehrsfläche hat man die Regel allerdings verletzt. Ich vermute, weil man die Autos ausbremsen wollte. Das führt dann zur absurden Situation, dass Autofahrer annehmen müssen, dass hernach Fußgänger auf der Fahrbahn nachrangig sind.
      Fußgängerübrwege in Fahrradstraße halte ich übrigens wirklich für sinnvoll. Sie klären die Situation für alle, und bündeln die Fußgänger dort. Sonst schlängeln wir uns hier ebenso durch Fußgänger wie im Schlossgarten, und das kann es nicht sein. Das widerspricht der allgmeinen Vorgabe, dass Radler auf Radstraßen Vorrang haben und zügig vorankommen sollten. Aber Radpolitik ist halt sehr schwierig in einer Stadt, die das Auto so aggressiv bevorzugt sehen will.

      Löschen
  4. ich find das konzept 'shared space' sehr spannend und es überzeugt mich,
    es wurde von einem holländischen Verkehrsplaner erstellt, er hiess Hans Monderman:http://smart-magazine.com/space/the-miracle-of-space/
    hoffen wir das dieses konzept in weiter deutsche städt einzieht...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich finde es nicht überzeugen, Ari. Zumindest funktioniert es in Stuttgart nicht. Die Autos dominieren. Die Fußgänger weichen aus und die Radfahrer schlängeln sich, gescheucht von Autos, durch alles durch. In den Niederlanden hat das Rad einen anderen Stellenwert als bei uns in Stuttgart. Wir Radler hier sind immer die letzten in der Hackordnung. Da hilft uns ein Shared Space gar nicht. Er bremst uns nur noch zusätzlich aus.

      Löschen