23. Dezember 2014

Radfahrer brauchen keine Ampeln

Ich bin sicher, für alle, die Auto fahren, ist dieser Satz undenkbar. Straßenverkehr ohne Ampeln, das kann nicht gedacht werden. Darum denken wir es jetzt mal. 

Tatsächlich ist der Straßenverkehr so gut wie gar nicht für Radler eingerichtet. Die Regelungen, die wir haben, regeln die Dominanz des Autoverkehrs über den Fußgängerverkehr. Fußgängern werden an viel befahrenen Straßen per Fußgängerampeln für einige Sekunden Wege gebahnt. Dazu wird der Autoverkehr unterbrochen. Für Radfahrer unnötig, denn sie könnten vor oder hinter den querenden Fußgängern weiterradeln.


Zu allem Überfluss werden Radler aber nicht nur durch Autoampeln ausgebremst, sondern gern auch durch Fußgängerampeln. Die erkennt der Radler daran, dass sie auf der anderen Straßenseite stehen und keine Gelbphase haben. Es kann aber auch sein, dass plötzlich Radlerampeln auf der eigenen Straßenseite auftauchen. Die werfen dann neue Rätsel auf.

Der Gesetzgeber stellt sich den Radler als Auto vor, wenn er auf der Fahrbahn unterwegs ist. Nur dass er nicht die grüne Welle bekommt, die der Autofahrer hat. Radler müssen dann an jeder roten Ampel einer Serie warten. Noch viel lieber sieht der Gesetzgeber den Radler aber als Fußgänger, der im Schritttempo unterwegs ist und an Fußgängerampeln, die plötzlich auf Rot springen, abrupt zum Stillstand abbremst.

Zuweilen tauchen auch Radlerampeln auf, die verkleinerte Version der Autoampel, die immerhin eine Gelbphase hat. Wenn auch ihre Grünphase sehr viel kürzer ist als die für Autos und ihre Rotphase im Gegenzug oft länger. Ich habe hier schon oft darüber geschrieben, wie gefährlich der permanente System- und Moduswechsel für Radfahrer ist. Davon abgesehen, ist es unnötig, Radler so oft auszubremsen.

Tatsächlich brauchen Radfahrer Ampeln viel weniger als Autofahrer. Sie nähern sich rollend einer Kreuzung, schauen mehrmals hin und her, sondieren die Lage und treten aus dem Rollen wieder an, wenn frei ist. Das kostet viel weniger Kraft als Anhalten und Neustarten. Sie schlängeln sich, sind wendig und dynamisch, denn sie sind schmal, viel schmaler als Autos.

Wenn man Radfahrern zubilligt, dass sie eine dritte Fortbewegungsart - nicht Fußgänger, nicht Autofahrer - darstellen, frage ich mich: Gelten denn für Radler tatsächlich die Zeichen, die für Fußgänger oder für Autofahrer gedacht sind?

Kein Fußgänger richtet sich nach den Ampelsignalen für Autofahrer, kein Autofahrer schaut nach denen, die für Fußgänger gelten. Warum sollte sich ein Radfahrer also nach denen für Autofahrer oder denen für Fußgänger richten? Sie passen doch meist gar nicht. Wenn ein Radler beispielsweise von einem parallel zum Fußgängerüberweg geführten Radstreifen auf die Fahrbahn abschwenken will (also vom System Fußgänger ins System Autofahrer wechselt), dann passt gar nichts mehr.

Übrigens verunglücken Radfahrer äußerst selten, weil sie ein Rotlicht missachtet haben, sehr oft aber, weil Autofahrer rechts abbiegen und dabei einen Radfahrer über den Haufen fahren, der geradeaus will und Vorfahrt hat. Es sind die Kreuzungen gefährlich, wo Autofahrer parallel zu Radlern auf einem Radweg parallel zu Fußgängern grün bekommen und gemeinsam starten. Die Chance unverletzt zu bleiben ist für den Radler größer, wenn er genau dann fährt, wenn er sieht, dass die Straße frei ist, nicht erst, wenn er Grün bekommt.

Sind Radfahrer unter sich, selbst wenn es sehr viele sind, brauchen sie keine Ampeln. Wie gut das funktioniert, sieht man an der berühmten Kreuzung in Groningen, wo der Autoverkehr an allen vier Seiten angehalten und der Radverkehr für alle vier Seiten gleichzeitig grün bekommt. Sehr schön zu sehen auf diesem Video. 

Damit keine Missverständnisse aufkommen, laut Straßenverkehrsordnung gelten für uns Auotampeln und gegebenfalls auch Fußgängerampeln. Dass ihre Schaltung für Radler eigentlich nicht gedacht ist und nicht passt, ist ein Grund, warum Radfahrer so oft das Rotlicht missachten.

Und in diesem Sinne: Lasst euch von den vielen bunten Lichtern am Weihnachtsbaum nicht ausbremsen. Feiert schön, bleibt gesund und radelt weiter durch Stuttgart. Die Stadt braucht euch. Und eines Tages dankt sie es euch auch.
Christine Lehmann





Kommentare:

  1. Dass man mit einem Fahrradblog mal Fragen aufwirft, liegt ja in der Natur der Sache.
    Aber diese Frage hier: "Gelten denn für Radler tatsächlich die Zeichen, die für Fußgänger oder für Autofahrer gedacht sind?" kann ja nur rhetorisch gemeint sein, weil die Antwort dazu in der StVO eindeutig (wenn auch nicht besonders einfach und übersichtlich) geregelt ist.
    Also: Ja. Verkehrszeichen (dazu gehören auch Lichtzeichenanlagen) gelten auch für Radfahrer. Manchmal die der Fahrbahn, manchmal eigene für Radfahrer und - leider Gottes ja - manchmal die für Fußgänger.
    Dass die Lösung nicht der Weisheit letzter Schluss ist, bestreitet wohl niemand.
    Aber es gibt Regeln. Die kann man auch verstehen, wenn man es wenigstens versucht. Sie einfach nur in Frage zu stellen, hilft der Sache nicht weiter.

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    1. In der Tat habe ich mal einen Viel-Radler die These vertreten hören, dass Fußgängerampeln nicht für Radler gelten könnten, weil Radler keine Fußgänger sind. "Richten sich etwa Autofahrer nach Fußgängerampeln?" Weil das eine legitime Frage ist, müssen ja in diesem Jahr alle Fußgängerampeln, wo auch Radler fahren in der Streusscheibe das Radlersymbol bekommen, in Stuttgart so ungefähr alle. Ich vertrete ja hier nicht die These, dass Radler sich ab jetzt nach keinen Amepln mehr richten, wir wissen ja, dass die Polizei das ahndet. Aber die Überlegung möchte ich schon anstellen, dass unsere Ampeln auf die Fortbewegungsart der Radfahrer keine Rücksicht nehmen und sie unangemessen oft und lang ausbremsen. Eine Politik, die das Radfahren wirklich fördern will (als echte Alternative für jetzt-noch-Autofahrer) muss das Radeln durch Stuttgart bequemer und flüssiger machen. Warum radeln denn so viele durch den Schlossgarten, trotzt Fußgängermassen im Sommer? Weil die Strecke über 5 km ampelfrei ist und der Radler zwar bremsen muss, aber immer noch am Rollen bleibt. Das will er, denn Start kosten ihn am meisten Kraft und Energie. Und das Nachdenken ist ja frei. Und freies Denken ist wichtig, damit man aus eingefahrenen Denkschemata herausfindet.

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    2. Es bleibt eine These. Die Frage ist legitim, aber de facto bereits beantwortet. Jedenfalls im Geltungsbereich der StVO.

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  2. Gruppengrün für alle, also Radler jetzt, im gesamten Kreuzungsbereich?

    Spannend. Aber gerade das Video will mich nicht so richtig überzeugen. Da kann man auch einige Fastzusammenstöße und (Not-)Bremsungen beobachten,

    Ich finde das irgendwie stressig. Aber vielleicht ist vom langen Autofahrerdasein einfach mein Hirn inzwischen zu verknöchert. ;-)

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    1. Wenn bei uns so viele Radler unterwegs wären wie in Groningen, würden all unsere Ampelanlagen versagen. Sie würden nämlich von 20 immer nur 5 Radler durchlassen, wenn sie im Umlauf parallel zu Autoampeln geschaltet sind. Ich glaube, ich werde es nicht mehr erleben, dass in Stuttgart so eine Ampelschaltung gemacht wird, und vielleicht ist das auch nicht ideal, aber dass unsere Mischung aus Fußgänger-, Auto- und Radlerampeln nicht gut ist und zu kreativen Lösungen (Missachtung von Rot) führt, ist doch wohl offensichtlich. Ich denke immer wieder darüber nach, wie man Radler durch den Verkehr leiten könnte, ohne sie zu den unzähligen Regelverstößen zu provozieren, zu denen sie sich ganz offensichtlich derzeit provoziert fühlen, weil die Regelungen für Autos passen und für Fußgänger, aber eben nicht für Radler. Und ich werde weiter suchen. Das Denken ist frei, also nutzen wir es.

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  3. Absolut richtig, Frau Lehmann!! Auch ich bin für eine Neuordnung der Ampelschaltungen und zwar vom Rad- und Fußverkehr her gedacht. Die vielen Rotlichtverstöße durch Radfahrende sind eben einzig dem sie benachteiligenden System geschuldet. Bei geübten Alltagsradlern, die mit Umsicht in eine Kreuzung radeln, ist das auch in den seltesten Fällen gefährlich. Wer sich traut, mit voller Absicht nur nach jeweiliger Verkehrssituation zu fahren und dabei ggf. auch rote Ampeln zu misachten lernt (wie z.B. manche Radkuriere es praktizieren), wird erleben, wie schnell und effizient das Fahrrad in einer Großstadt sein könnte... Ich nenne diesen (bislang noch illegalen) Fahrstil "freifahren" - ein traumhaftes Gefühl!

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