15. Dezember 2014

Radler tun es - Autofahrer auch

Radler sind keine Engel. Sie sind auch nicht die besseren Menschen. Sie verletzen Regeln so wie alle anderen Menschen auch. 

Auf dem Foto sieht man einen Fußgänger, einen Skater und ein Auto auf dem Radweg. Der Radler fährt auf dem Gehweg.

Schwer zu messen, wer wie oft welche Regeln verletzt. Wir sind allgemein großzügig mit uns selbst, wenn wir Regeln verletzen, aber böse mit anderen, die das auch tun.

Es gibt eine britische Studie, in der sechs von zehn Radler zugeben, schon mal rote Ampeln zu missachten. Nehmen wir an, auch in Deutschland ist das so.

Aber Hand aufs Herz, liebe Autofahrer: Wie ist das bei euch? Wie viele haben schon mal in tiefer Nacht ein Rotlicht missachtet, wenn die Kreuzung absolut frei war? Wie viele haben schon bei Gelb Gas gegeben und sind bei Rot über die Kreuzung gedüst? Dass Autofahrer das tun, sehe ich von meinem Rad aus.

Doch, mal abgesehen vom Rotlichtverstoß, es gibt ja noch jede Menge anderer Regeln, mit denen wir im Straßenverkehr ziemlich lasch umgehen. Ich habe das mal aufgelistet, wobei die Verstöße, die nur ein Radler oder nur ein Autofahrer begehen kann, fett gesetzt sind.

RADLER
  • fahren auf Gehwegen, die nicht freigegeben sind
  • geben beim Abbiegen kein Handzeichen.
  • telefonieren mit dem Handy am Ohr. 
  • halten nicht an Zebrastreifen.
  • halten nicht an Stoppschildern. 
  • fahren gelegentlich verkehrt herum durch eine Einbahnstraße, obwohl sie nicht freigegeben ist.
  • nehmen Autofahrern die Vorfahrt.
  • bringen beim Abbiegen Fußgänger in Gefahr. 
  • fahren durch eine Fußgängerzone.
  • fahren verkehrtherum auf dem linksseitigen Radweg.
  • fahren nachts ohne Licht.

Nicht gut.

AUTOFAHRER
  • parken auf Gehwegen.
  • blinken nicht, wenn sie abbiegen wollen. 
  • telefonieren mit dem Handy am Ohr.
  • halten nicht an Zebrastreifen.
  • halten nicht an Stoppschildern. 
  • fahren gelegentlich verkehrt herum durch Einbahnstraßen.
  • nehmen Radfahrern die Vorfahrt.
  • bringen beim Abbiegen Fußgänger in Gefahr, die Vorrang haben.
  • bringen beim Abbiegen Radfahrer in Gefahr, die Vorfahrt haben. 
  • fahren durch eine Fußgängerzone.
  • fahren durch einen Fahrradstraße, die nicht für den Autoverkehr freigegeben ist.
  • hupen ungeduldig hinter einem Radfahrer. 
  • halten / parken auf Radstreifen.
  • halten / parken in zweiter Reihe.
  • parken und blockieren dabei Fußgänger, Mütter mit Kinderwagen, Alte mit Rollatoren und Rollstuhlfahrer. 
  • fahren zu schnell (schneller als erlaubt).
  • fahren nur aus Versehen mal nachts ohne Licht, aber bewusst mit defekter Beleuchtung.

Auch nicht gut.

Also entspannen wir uns mal bei dieser Diskussion.

Grundsätzlich merken wir uns nur die Regelverstöße der anderen und sagen schnell "immer".

Und grundsätzlich sind wir selbst schnell bereit, eine Regel zu brechen, wenn wir das für richtig halten. Für jeden Regelverstoß haben wir einen guten Grund. Und gern regen wir uns furchtbar auf, wenn wir ertappt und zur Ordnung gerufen werden. Weder Autofahrer noch Radfahrer brechen Regeln, weil sie böse sind. Wir tun es, weil wir Menschen sind.


Ein Autofahrer kümmert sich nicht um das Verbot, geradeaus weiterzufahren, und umrundet sogar die Baken. Zwei andere parken im Halteverbot zur Radspur hin. (Tübinger Straße)










Ein Radfahrer will nicht bei Radlerrot warten, umrundet die Ampel und fährt auf dem parallelen Fußgängerüberweg rüber, wo schon grün ist. (Neckartor)








Ein Radfahrer weicht der roten Ampel über den Gehweg aus, weil er ohnehin abbiegen will.














Kommentare:

  1. Nur der Vollständigkeit halber: Auch Autofahrer fahren, zumindest in meiner Nachbarschaft, regelmäßig auf Fußwegen, die nicht dafür freigegeben sind. Einfach weil sie Sonst Ihr Auto ja nicht dort abstellen könnten. Rund 150 PKW stehen hier jeden Abend auf den Fußwegen, und die meisten müssen ungefähr 50m Fußweg Fahren um ihren Stellplatz zu erreichen oder zu verlassen.

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  2. Lieber Anonymus, darüber habe ich auch nachgedacht. Obwohl es Autofahrer gibt, die auch mal auf dem Gehweg langfahren (sehr selten), ist das doch was anderes, wenn Radler eine längere Strecke auf dem Gehweg fahren (der nicht für sie freigegeben sit), als wenn Autofahrer auf den Fußweg hochfahren, um dort zu parken. Und ich wollte in der Liste auch nicht kleinlich sein. Aber, die Situation, die du schilderst, klingt interessant. Hast du Fotos für mich? Oder eine genaue Ortsangabe. (kannst du mir auch mailen.)

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  3. Hallo Christine, danke für den guten Beitrag. Ich finde es sehr wichtig auch immer wieder über sein eigenes Verhalten im Straßenverkehr nachzudenken und nicht immer gleich mit dem erhobenen Zeigefinger anderen zu begegnen. Leider fällt das mit "von der körperlichen Betätigung gehobenem Puls" oft gar nicht so leicht...

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    1. Danke für das Danke. Ja, ich finde es auch wichtig, dass wir füreinander Verständnis entwickeln. Straßenverkehr macht ja viele ziemlich aggressiv, Autofahrer und Radler, und da muss man immer mal wieder an sich selbst den Pegel runterschrauben. Muss ich übrigens auch selber tun. :-)

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  4. Hallo Christine, natürlich setzt sich so ziemlich jeder mehr oder weniger häufig über Regeln hinweg. Aber kommt wirklich jemand auf die Idee, Bosheit zu unterstellen? Vielmehr ist es doch Rücksichtslosigkeit die einen aufregt, sobald man selbst davon betroffen ist. Und da spielt meiner Meinung die eigene Gruppenzugehörigkeit auch kaum eine Rolle, man fahre nur mal bei jemandem im Auto mit und höre zu (oder fahre halt selbst).

    Ganz ehrlich, es ist mir herzlich egal, wenn jemand über eine rote Ampel geht oder fährt, wenn dabei jegliche Gefährdung oder ggf. Behinderung anderer ausgeschlossen wird.

    Außerdem wirkt sich natürlich Rücksichtslosigkeit von verschiedenen Verkehrsarten ausgehend unterschiedlich aus. Bei Unfällen ohne KFZ ist die Wahrscheinlichkeit von schweren Verletzungen doch sehr viel geringer als mit. Es sind eben höhere Anforderungen an Rücksicht und Aufmerksamtkeit nötig um die Eintrittswahrscheinlichkeit von Unfällen entsprechend zu verringern. Es ist nicht umsonst so, dass die Betriebsgefahr von KFZ wesentlich höher eingestuft ist. Ich finde daher die Überschrift deines Beitrags zynisch, ebenso wie den ständigen Aufruf der Polizeipresse nach mehr gegenseitiger Rücksichtnahme, wenn jemand von KFZ getötet wurde.

    Du hattest mal einen Beitrag, dass Menschen feindseliger reagieren,wenn sie auf Fehlverhalten hingewiesen (zB. durch klingeln) werden als sonst. Wenn wir bewusst oder sogar unbewusst Regeln übertreten,rechnen wir nicht damit, dass es jemand anders auch tut. Wer als Autofahrer tatsächlich aufmerksam fährt, also mit Fehlverhalten rechnet, wird sich vermutlich weniger über solches aufregen, als wenn er/sie diese Pflicht vernachlässigt. Das gleiche gilt natürlich auch für alle anderen.

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  5. Das ist ein interessanter Gedanke. In der Tat ist Aufmerksamkeit wichtig, denn manchmal hat ein anderer Verkehrsteilnehmer einen schlechten Tag oder eine Situation nicht verstanden. Vorhin bin ich hinter einer Radlerin hergefahren, die an der roten Autoampel auf den Gehwegwechselte und bei rot über die Fußgängerampe fuhr, im zweiten Abschnitt aber halten musste, weil Autos kamen. Als sie startete, startete ich auch, und wir waren letztlich gleich schnell. Dabei ist mir bewusst geworden, dass ich mich über ihren Regelverstoß aufrege, weil sie sich was erlaubt, was ich mir nicht erlaube, und weil es ihr nicht mal einen Vorteil gebracht hat. Ich glaube, wir mögen es nicht, wenn Menschen sich was herausnehmen, was wir uns selber verbieten. Andererseits hat sie niemanden gefährdert. Radler begehen - denke ich auch - eher solche Regelverstöße, bei denen sich niemanden gefährden, weil sie extrem wachsam und auf die Verkehrssituation konzentriert fahren. Wenn Autofahrer Regelverstöße begehen, dann solche wie nicht blinken, zu schnell fahren, sich ins Halteverbot stellen, bewusst verboten abbiegen, und damit gefährden sie, habe ich den Eindruck, doch schon eher andere, weil sie tatsächlich eben keine Rücksicht nehmen. Mein Titel richtet sich übrigens an die Autofahrer, die vor allem auf meiner Facebookseite mächtig zu Felde ziehen gegen Radler, die ihrer Meinung nach "immer" die Regeln brechen. Ich wollte ihnen zeigen, dass sie - die Autofahrer - viel mehr Regeln verletzen und dass diese gefährlicher ist. Wenn es für dich zynisch klingt, sorry. Ich hoffe, ich mache nicht auch sonst einen zynischen Eindruck, das wäre mir arg. Ich mag Zynismus nämlich nicht.

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