13. Januar 2015

Der Verkehrs-Druide von London

Er nennt sich Traffic Droid*, er radelt durch London. Sein Helm ist bestückt mit Kameras. Und er verteilt rote Karten an Autofahrer, die ihn beim Überholen schneiden, die rote Ampeln missachten und Radfahrer ins Gefahr bringen.

Zwei Stunden radelt er mindestens pro Tag.Rund 25 Verkehrverstöße registriert er dabei. Drei bis vier meldet er der Polizei. So mancher hat dann einen Bußgeldbescheid bekommen, manche haben sogar ihren Führerschein verloren.

Die einen fürchten und hassen ihn, die andern lächeln über ihn. Er heißt Lewis Dediare. Viedos seiner Fahrten postet er in Twitter und Facebook. In diesem Video kann man gut sehen, wie der Traffic Droid vorgeht. Ein Auto schneidet ihn wirklich knapp - er hupt sogar noch dabei - um vor einer Verkehrsinsel noch an ihm vorbeizukommen. Delaire holt es ein, bittet den Fahrer, das Fenster runter zu lassen und fragt ihn, ob das ein gutes Überholmanöver war. Der Fahrer bellt: Ja.

Nach eigenen Angaben hat ein Fahrradunfall ihn zu diesem Legalismus-Feldzug animiert. Natürlich reagieren Autofaher sauer und verweisen - wie immer in solchen Fällen - auf die Regelvertöße durch Fahrradfahrer. In London werden jährlich im Durchschnitt 15 Radfahrer getötet, ob stets durch Autos, kann ich nicht nachprüfen. Allerdings werden rabiate Verkehrsverstöße von Autofahrern - schneiden überholen, Rotlicht missachten, ohne zu schauen abbiegen - für Radler zur tödlichen Gefahr, während die Regelverstöße der Radler bei Autofahrern meist nicht einmal zu Verletzungen führen.

Übrigens soll es in England mittlerweileschon einige weiter Traffic Droids geben.

Ich finden das allerdings keine gute Idee. Ich bin nicht dafür, dass wir anfangen, Sheriff zu spielen. Dafür haben wir die Polize. Ich finde übrigens weder die schnell fällige Drohung der Autofraktion, die Polizei müsse endlich Radler kontrollieren und für Regelverstöße bestrafen, hilfreich, noch finde ich es gut, wenn Radler konfrotantiv zu einer Eskalation des "Kriegs auf den Straßen" beitragen. Ich zeige hier in meinem Blog auch oft Fotos von Autofahrern die Radwege blockieren oder Gehwege zuparken. (Ich kritisiere hier im Blog übrigens fast genauso oft Radler und ihr Verhalten.) Aber mir  geht es nicht ums Anprangern Einzelner, sondern darum, ein symptomatisches Verhalten zu zeigen.

Und noch mal: Ich kritisiere immer wieder auch das Radler-Verhalten Also kein Grund, uns Radler jetzt gleich wieder mit Schmutz zu bewerfen. Freuen wir uns lieber, dass es Traffic Droids in Stuttgart nicht gibt. Brauchen wir auch gar nicht.

Übrigens sind Kameras, die das Verkehrsgeschehen aufnehmen (Dashcams) in Deutschland nicht zulässig. Zumindest dann nicht, wenn Aufnahmen gemacht werden, um sie zu veröffentlichen oder jemanden damit bei der Polizei anzuzeigen. Es handelt sich aber um eine Grauzone. Schön nachzulesen in diesem Spiegel-Artikel. Da heißt es unter anderem: "Das Amtsgericht München (Az.: 343 C 4445/13) hatte zum Beispiel im vergangenen Jahr in einem Unfallprozess die Verwertung einer Videoaufzeichnung für zulässig erachtet, die durch einen Radfahrer selbst aufgenommen wurde."

*Droid ist hier die Kurzform von Android. (Lässt sich leider gar nicht eindeutschen.)

Kommentare:

  1. Ich sehe in letzter Zeit viele verschiedene Radfahrer aus England bzw. Vielleicht auch London, die ihr Rad fahren aufzeichnen und die schlimmsten und "schlimmsten" Verfehlungen dokumentieren. Einige zeigen nur Autofahrer, andere zeigen auch Vefhlverhalten von Radfahrern. Ich habe das Gefühl, der Verkehr auf der Insel ist sehr radikal. Die Verkehrsteilnehmer sind sehr grob. Das Aufzeichnen und Anprangern macht es da nicht besser. Persönlich halte ich das Verhalten für albern, die übertriebenen Reaktionen oft extrem und konfrontationsfördernd. Ein wenig Entspannung tut Not. Vielleicht würde ich das als Londoner anders sehen. ;)

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  2. Ich sehe das so wie du, lieber Anonymus, Konfrontation ist unnötig, Verständnis für einander nötig. Allerdings geht es bei Radlern um Leben und Tod, wenn ein Lastwagenfahrer oder Pkw-Fahrer einen Fehler macht. Umgekehrt ist das nicht der Fall. Also verstehe ich auch die aus einem Todeschreck oder einem Unfall geborene Angst und die daraus entstehende Wut.

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    1. Naja, Verständnis kann es meiner Meinung nur dann geben, wenn der Andere sein Fehlverhalten auch erkennt und einsieht. Und dazu bedarf es der Kritik, der sachlichen Konfrontation. Wie soll sich sonst etwas zum Positiven verändern?

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  3. Auch wenn es zwacken mag, der Einsatz von Dashcams bzw. Helmkameras ist bei uns in Deutschland rechtlich noch ziemlich unklar bzw. umstritten.

    http://www.adac.de/infotestrat/ratgeber-verkehr/verkehrsrecht/Dashcam/Situation%20in%20Deutschland.aspx?ComponentId=219667&SourcePageId=202144

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  4. Droid ist übrigens eine Kurzform von "Android" und wird z.B. in Star Wars verwendet. Mit dem antiken "Druiden" hat das rein gar nichts zu tun.

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    1. Grins. Stimmt natürlich. Wusste ich auch, aber im Moment, als ich den Titel schrieb, wusste ich es nicht mehr. Fehler, Fehler, Fehler. Danke für den Hineweis.

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  5. Die Konfrontation auf der Strasse bringt sicher nix bis wenig, aber solche Filmchen im Internet haben dann doch dich Chance eine Message zu verbreiten. Über die Art und Weise lässt sich sicher streiten, aber ich denke schon, dass diese Filmchen eine gewisse Reichweite haben. Natürlich sehen das hauptsächlich Radler die dort Bestätigung für das finden, was sie eh denken - aber das ist in einem Radl-Blog ja auch nicht anders. Dennoch besteht immer die Hoffnung, dass der eine oder andere Autofahrer sich auf so eine "Seite" verirrt und vielleicht was dabei lernt. Leider gibt es heute ja nicht mehr so was wie den "Siebten Sinn" und somit ist es einfach sehr schwer bestimmte Bevölkerungsschichten zu erreichen, die gewisse Dinge wie die Folgen von geringem Sicherheitsabstand oder Radwegparken einfach nicht kapieren.

    Mit der Art wie er sich aufführt muss man nicht unbedingt einverstanden sein - aber er nutzt die heutigen technischen Möglichkeiten um eindrucksvoll zu zeigen, wie es auf den Strassen zugeht.

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  6. Also ich hätte in der ein oder anderen Situation doch schon gern so eine Kamera bei mir, vor allem wenn manche meinen, sie müssten mir den Finger zeigen oder mich im Vorbeifahren beschimpfen, weil ich sie bei ihrer radikalen Fahrweise auf der Straße vielleicht eingeschränkt habe. Ich denke, es geht dabei auch nicht darum, dass wir jetzt alle Polizei spielen, sondern um ein Zeichen zu setzen und Unrecht bzw. grobe Fahrlässigkeit zu dokumentieren. Natürlich befinden wir uns da in Deutschland rechtlich in einer Grauzone, nur macht eine Anzeige wegen Nötigung so ganz ohne Zeugen nicht viel Sinn. Ich kann mir auch vorstellen, dass solche Extremfälle wie der Traffic Droid dazu führen, dass die Autofahrer den Radfahrern allmählich mit mehr Respekt begegnen - allein schon aufgrund der Tatsache, dass es sich rumspricht, dass da so einer unterwegs ist der dann etwas in der Hand für eine Anzeige hat. Dann überdenkt man vielleicht das ein oder andere riskante Manöver. Aber ehrlich gesagt würde ich mir hier für den Job als Traffic Droids Beamte in Zivil auf dem Rad wünschen, die Auto- wie auch Radfahrer im Auge behalten.

    Man kann allerdings auch subtileren "Widerstand" leisten. Autofahrer, die meinen, auf dem Radweg parken zu müssen, bekommen von mir beispielsweise immer einen hübschen Zettel an die Heckscheibe "ich kann nur blöd parken", mit Hinweis auf die geltenden Verkehrsregeln.

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