25. Januar 2015

Wie man's macht, ist es falsch

An vielen Stellen in Stuttgart gibt es ein unlösbares Problem für Radfahrer, die nicht regelwidrig fahren wollen.

 Zum Beispiel hier, wo die Alexanderstraße die Neue Weinsteige (zur Etzelstraße) kreuzt. Die Alexanderstraße ist, wenn man aus dem Süden kommt, Sackgasse für Autos, hat aber eine Radfreigabe für den Gehwegabschnitt. Auf dem Bild sehen wir die Anfahrt mit Teeraufschüttung am Bordstein. Wir sehen das Freigabeschild, ein Auto, das dort (verboten) parkt, und im Hintergrund eine Fußgängerampel. Da fahren wir jetzt hin.

Und nun taucht das Problem auf.

Ich will nämlich nicht hinüber zum anderern Fußweg, sondern nach links auf die Neue Weinsteige abbiegen. Ich will also vom Gehweg auf die Fahrbahn.

Jetzt gibt es drei Möglichkeiten, zwei nicht geregelte und eine abwegige.


1. Ich fühle mich als Fußgänger und drücke die Fußgängerampel. Wenn die Grün bekommt, fahre ich los und biege nach links auf die Fahrbahn ab.




Das ist ein jäher Übergang vom Fußgänger- in den Automodus. Denn so sieht mein weiterer Weg auf der Fahrbahn aus.  Von rechts kommen welche aus der Etzelstraße, die hier nicht Vorfahrt haben.

Ein Autofahrer, der an der roten Ampel warten musste, blökte mich dabei unlängst an: "Bei Rot über die Ampel, Führerschein weg!"

Tatsächlich kann so was auch gefährlich werden. Nehmen wir an, die Etzelstraße hätte eine Ampelanlage. Dann hätten die Grün, während ich als Radler aus der Fußgängerfurt auf die Fahrbahn einschwenke. (Kommt durchaus an anderen Stellen vor.)


2. Ich verhalte mich wie Autofahrer, die hier auf dem Gehweg parken und runter fahren wollen. Die drücken nicht auf die Fußgängerampel. Sie schauen und fahren (egal, ob die Fußgängerampel rot oder grün zeigt), wenn die Straße frei ist, auf die Fahrbahn.

Dabei hat mir alledings unlängst ein Radler hinterhergeschrien und dann hier im Bolg kommentiert, er habe da eine verrückte Frau gesehen, die bei Rot gefahren ist.

3. Was also dann? Rad rüber schieben, dann um neunzig Grad drehen, am Bordstein aufstellen und auf der Fahrbahn anrollen?

Während dieser Prozedur haben die Autofahrer noch rot. Deshalb könnte mein Umsetzen des Rads auf die Fahrbahn einen Polizisten auf den Plan rufen, der mir Rotlich-Umgehung vorwirft. Ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, kann aber vorkommen.

Diese Variante ist nicht lebensnah. Die Forderung, sich so zu verhalten gehört eher ins Grusekabinett zynischer Radler-Feinde.(Der Mann auf dem Foto schiebt übrigens, weil er sich drüben mit jemandem hinstellen und unterhalten möchte.) 

Bleibt die Frage: Was ist eigentlich richtig an so einem Übergag vom Gehweg über so eine Ampelfurt auf die Fahrbahn? Wie lautet hier die Regel? Bin ich Fußgänger und warte auf Fußgängergrün? Bin ich Fahrzeug und benutze den Weg der Autos auf die Fahrbahn? Was ist richtig?

Das ist keine banale Frage. Und es ist eine ganz typische Frage für Radler in Stuttgart. Bei uns gibt es sehr viele Übergänge vom Fußgängermodus in den Autofahrermodus. Jeder beantwortet die Frage für sich anders. Ich habe auch  die Theorie gehört, dass für Radfahrer wie für Autofahrer Fußgänger-Lichtzeichen nicht gelten. Hat eine gewisse Logik.

Es bleibt also hier uns Radlern überlassen, das Rätsel widersprüchlicher Regelbereiche (Fußgänger versus Autofahrer) zu lösen. Wir legen uns unsere eigene Verfahrensregel zurecht. Und leider tun wir das dann auch an vielen Stellen, wo die Regeln eindeutig sind. Hier wird uns nicht geholfen, woanders helfen wir uns dann auch selber.

Solche ungeklärte Übergänge fördern die Neigung von Radlern zu fantasievoller Auslegung der Verkehrsregeln, was ein netter Ausdruck für regelwidriges Verhalten ist. Und genau das wollen wir doch nicht unterstützen. Die Radpolitik sollte es auch nicht fördern, tut es aber.

Kommentare:

  1. Ist es nicht so, dass die Fußgängerampel ohnehin nicht für Fahrräder gilt, weil das Licht nur ein Fußgänger zeigt und nicht auch noch ein Fahrrad? (ist eine ernst gemeinte Frage)

    Es gibt übrigens noch eine Variante vier, die natürlich auch nicht optimal ist: Man fährt bei Fußgängergrün nach rechts auf die Fahrbahn und wartet, bis die Autos grün bekommen. Im Prinzip so, wie auf der Waiblinger Straße. Dadurch umgeht man bei Kreuzungen, bei denen auch die einbiegenden Straßen eine Ampel haben, dass man mit den einbiegenden Autos ins Gehege kommt.

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    1. Lieber Steffen, habe ich als Variante 3 beschrieben. Ist aber deshalb nicht realistisch, weil man mit dem Rad Richtung Autoampel vom der Furt runter fahren und dann das Rad um 90 (oder mehr als 90) Grad drehen muss. Womöglich stehen da schon Autos, vor die man sich stellen müsste. Stimmt auch, die Streuscheibe zeigt hier noch kein Radsymbol. Die müssen bis Ende 2016 überall auf Ampeln, die von Radlern benutzt werden. Und dann wird es noch schwieriger zu entscheiden, was ich an dieser Stelle machen darf.

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    2. Variante 3 hatte ich so verstanden, dass man ganz rüber schiebt und dann hinter der Ampel weiterfährt (sich also nicht um das Autofahrergrün scheren muss).

      Ja, man müsste sich zwischen weißem Balken und gestrichelter Überweg-Linie aufstellen. Dass das kein guter Vorschlag ist hatte ich ja angedeutet, aber in die Reihe der "nicht so guten Möglichkeiten" passt er.

      Aber immerhin lässt einem die Stuttgarter Flickschusterei nochj gewisse Freiräume und Grauzonen, wie man fahren darf. Positiv denken :-)))

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  2. Christine schreibt: „Ich habe auch die Theorie gehört, dass für Radfahrer wie für Autofahrer Fußgänger-Lichtzeichen nicht gelten.“

    Die Straßenverkehrsordnung spricht da in § 37 (2) 6 eine eindeutige Sprache: „Wer ein Rad fährt, hat die Lichtzeichen für den Fahrverkehr zu beachten. Davon abweichend sind auf Radverkehrsführungen die besonderen Lichtzeichen für den Radverkehr zu beachten. An Lichtzeichenanlagen mit Radverkehrsführungen ohne besondere Lichtzeichen für Rad Fahrende müssen Rad Fahrende bis zum 31. Dezember 2016 weiterhin die Lichtzeichen für zu Fuß Gehende beachten, soweit eine Radfahrerfurt an eine Fußgängerfurt grenzt.“

    Angewendet auf die von Christine beschriebene Stelle:

    Hier gibt es keine Radverkehrsführung. Es sind keine besonderen Lichtzeichen für Radfahrer vorhanden. Und es gibt auch keine Radfahrerfurt, die an die Fußgängerfurt grenzt.

    Die Fußgängerampel hat demnach für Radfahrer keine Bedeutung.

    Helmut Waitzmann

    E‐Mail‐Adresse (täglich neu zum Schutz vor Spam): <JJJJMMTT.throttle@xoxy.net>, dabei für JJJJ, MM und TT bitte das Jahr, den Monat und den Tag des augenblicklichen Datums einsetzen.

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  3. Lieber Friedhelm, allerdings kommt man an der Stelle genau am Drücker für die Fußgänbgerampel raus. Ich vermute auch, dass das demnächst Streuscheiben mit Radzeichen angebracht werden, spätestens dann, wenn die Radspur die Neue Weinssteige hinau bis zu dieser Ampel an der Etzelstraße gelegt wird. Selbst wenn wir uns gut auskennen in der StVO sind solche Situationen immer noch interpretationsbedürftig, und es ist nie sicher, ob die Ordrungskräfte unser jeweilige Interpretation teilen.

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  4. Grün: Gehweg

    Grün im Kreis: Aufstellfläche für FußgängerInnen an der Fußgängerampel

    Ampel ohne Gehäuse: Fußgängerampel

    Ampel mit Gehäuse: Linksabbiegerampel für FahrradfahrerInnen (mit Induktionsschleife)

    Rot: Weg für FahrradfahrerInnen (nicht zwangsläufig so auf der Fahrbahn markiert, aber irgendwie muss ich die Wege ja kennlich machen)

    Schwarze Striche über Rot: Zebrastreifen (FußgängerInnen haben Vorrang)

    Dicke schwarze Striche: Haltelinien für PKW

    http://fs1.directupload.net/images/150127/bhamay93.png


    FahrradfahrerInnen die geradeaus wollen werden werden kurz von der Fahrbahn weggeschickt. So können sie auch bei einer roten Fußgängerampel problemlos weiterfahren. Auch mit den Linksabbiegern (auf die Fahrbahn) kommen sie sich vielleicht weniger in die Quere. Bei Kreuzung Rad mit Rad gilt rechts vor links. Sollte das nicht praktikabel sein kann man es noch anpassen.

    Wenn die Radwege wieder in der Fahrbahn münden muss AutofahrerInnen klargemacht werden, dass sie aufpassen müssen und Platz zu machen haben. Vielleicht so wie auf diesem Photo: http://4.bp.blogspot.com/-p94exImvQcY/VL5Y0CH6F9I/AAAAAAAAQcQ/gEDCjgwyouY/s1600/Radweg%2BMu%CC%88nster.JPG

    Und ja, das ganze ist nur eine theoretische Spielerei. Aber ich will mir lieber überlegen wie ich die Kreuzung gerne hätte als an der jetzigen Situation zu verzweifeln.

    Michael

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    1. 1. Die Lage für Radfahrer ist vor allem deshalb so desolat, weil es vergleichsweise so wenige Radfahrer gibt. Radfahrer sind in einer bemitleidenswerten Minderheit.
      2. Verkehrsplaner sind Ingenieure und um Ingenieur zu werden braucht man noch nicht mal Abitur, geschweige denn eine Universität von innen gesehen zu haben.
      3. Die Stadt Stuttgart interessiert sich nach wie vor nicht für Radfahrer sonst wäre dieser Verwaltungsbeamte schon längst gefeuert.

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