27. Februar 2015

Der Doppeldecker-Radweg

Es tut sich was. Vom Rotebühlplatz aus kann man jetzt - mit einigen Hindernissen natürlich, die aber wohl noch verschwinden - auf der Fritz-Elsas-Straße fast bis zum Berliner Platz auf einer Radspur radeln. 

Aber eines ist komisch. Warum hat er zwei blaue Radweg-Verpflichtungs-Schilder? Anfangs dachte ich, man habe nur vergessen, das provisorische Schild wegzunehmen. Aber wie die Fotos zeigen, steht an jeder Querstraße ein doppeltes Schild, an der letzten sogar an einem einzigen Masten übereinander geschraubt.
Mögliche Gründe:
  • doppelt genäht hält besser.
  • Man hatte alte Schilder stehen und hat jetzt neue aufgestellt, beim letzten hat man halt das neue über das alte an den Masten geschraubt. Nein, kann nicht sein, denn hier war ja nie eine Radspur. 
  • Man will, dass auch Autofahrer sehen, dass hier eine Radspur verläuft, und Autofahrer haben Extraaugen und sehen sonst Radschilder nicht. 
  • Man ist so stolz auf diese Radspur, dass man sie mit Schilderpaaren verkündet. 
Radspuren lösen bei uns Radfahrern keine Begeisterung aus, denn sie zwingen uns, darauf zu fahren. Das ist, solange sie dort liegen, wo wir sowieso fahren, kein Problem. 

Hier steht alledings ein Radwegschild, ohne dass wir irgendetwas dieser Art sähen, weder Radweg noch Radspur. Das Gebot läuft ins Leere.

Wir sehen nur Baustelle, um die wir herumfahren müssen. Aber das wird vermutlich noch. Das Schild ist schon mal da. Nur einfach, weil ja auch noch gar kein Radweg da ist. 




Der nächste Abschnitt beeindruckt. Hier wird ein ordentlicher Abstand zu geparkten Autos geschaffen. Gut so.


Aber da kommt auch schon ein Problem. Kein vernünftiger Radfahrer wird sich erst hier entscheiden, über die Autospur hinüber zum Linksabbiegeschnipsel zu fahren, wenn er in die Jobststraße will. Wenn hier Autos langbrausen, würder er womöglich stoppen müssen. Das ist für nachfolgende Radler schlecht und für ihn selber auch. 

Er wird also die Radspur sehr viel früher verlassen und sich so links einordnen, dass kein Autofahrer ihm den Weg zu diesem Radwegschnipsel durch Überholen abschneiden kann. 

Dann geht es ordentlich weiter (Foto rechts). Allerdings ist das Ende schon absehbar, auch wenn die doppelten Radweg-Gebotsschilder mich hoffnungsvoll gestimmt haben.



Denn wie üblich verlassen sie uns, wenn wir uns der komplizierten Kreuzung Berliner Platz nähern. Die Spur wird erst beängstigend schmal (Lastwagen und Bus kicken uns gegen den Bordstein) und hört dann ganz auf. Radfahrer sollen nun zwischen den Autos über die Ampel ruckeln. 

Das ist ein Widerspruch in sich.
Radspuren dieser Art sind für unsichere Radfahrer/innen. Und die haben Angst, wenn diese Spuren enden, wo es richtig kompliziert wird, nämlich an der Kreuzung. Für die hätte man die Radspur vorziehen und mit einer Radlerampel versehen müssen. Für die anderen aber hätte ein sogenannter Mischverkehrsstreifen oder auch Sicherheitsstreifen gereicht. Hier wird der eine oder andere Radler, der die Regeln kennt, ins Schlingern kommen, wenn er links abbiegen will. Darf er die Spur vorher verlassen oder nicht? 

Er darf. 

Und natürlich ist mir auf dieser Radspur auch gleich eine Radlerin entgegen gekommen. Und zwar hier( Foto rechts). Sie wollte halt schnell nach links (von mir aus gesehen rechts) in die Hohe Straße. (Leider hatte ich meine Kamera nicht in der Hand.)

Radspuren und Radwege sind deswegen kritisch, weil sie immer - wirklich immer ! - auch in Gegenrichtung befahren werden. 

Vorher war die Fritz-Elsas-Straße hier zweispurig, ich bin auf der rechen Spur geradelt. War auch nicht besonders angenehm (Foto unten). Die Radspur hat schon was.

Aber irgendwie fehlt ihr auch was. Nämlich das gute Ende am Berliner Platz und eine vernünftige Linksabbiegeregelung zur Jobststraße. Und muss sie wirklich mit der doppelten Schildermenge protzen? 

Na ja, schauen wir mal, wie es sich entwickelt. Ich schätze den Mut, hier dem Autoverkehr eine Fahrbahn wegzunehmen und den Radfahrern zu geben. Wenn auch leider nicht so ganz konsequent bis zur Kreuzung vor.  Ein bisschen schnipselig halt. Aber immerhin.

Gut.


Kommentare:

  1. Die doppelten Schilder sind den Eisenbahnsignalen nachgeahmt:
    *Kleines Schild = Demnächst fängt mal ein Radweg an (siehe Dein zweites Foto)
    *Großes Schild: Ab jetzt beginnt ein Radweg
    *Großes und kleines Schild an einem Mast: Hier ist ein Radweg und er geht auch nach der Kreuzung weiter

    Gibt jetzt also auch einen Eisenbahnmodus für Radfahrer ;)


    P.S.: Dass der Weg an der Berliner-Platz-Kreuzung endet würde ich mal optimistisch als Interrimslösung sehen: Man wollte die Straße vom Rotebühlplatz zum Berliner Platz fahrradfreundlich gestalten, was ja auch positiv ist. Die Kreuzung selber ist dann eine eigene Baustelle. Da man nicht die gesamte Stadt gleichzeitig umbauen kann, wird es immer Übergänge zwischen den verschiedenen Bauabschnitten geben müssen.

    Und dass sich was tut, wenn auch nicht immer ganz ideal, finde ich auf jeden Fall sehr positiv!

    AntwortenLöschen
  2. Hihi. Also nehmen wir mal an, die Kreuzung kommt noch. Der Radstreifen ist immerhin ein sehr guter Weg in die Nebenstraßen des Hospitalviertels. Vermutlich wollen gar nicht so viele über den Berliner Platz. Und wer Richtung Westen will, findet einen stressfreieren Weg durchs Hospitalviertel, wo alle Einbahnstraßen in Gegenrichtung freigegeben sind.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Für mich ist z.B. Schlosspark => Eberhardstraße => Rotebühlplatz => Berliner Platz => dahinter links in die Breitscheidstraße abbiegen ein super Weg in den Westen. D.h. bis auf den Berliner Platz ist das ja jetzt schon durchgängig radtauglich. Durch das verwinkelte Hospitalviertel möchte ich dabei nicht durchfahren müssen.

      Löschen
    2. Ich fahre auch so. Ich dachte jetzt mehr an die nicht ganz so routinierten Radfahrer, die sich nicht gern zwischen Autos aufstellen. :-)

      Löschen
    3. Die nicht ganz so routinierten können bei einem umgebauten Berliner Platz dann auch den geschickteren Weg fahren :-)

      Löschen
  3. Am dritten, vierten und sechsten Bild sieht man wieder mal einen Fehler, der bei vielen Radstreifen gemacht wird: Er wird so breit wie die Regelbreite nach Regelwerk gemacht, der Rest ist für den Kraftverkehr. Und der Rest ist üppig, viel mehr als die Regelbreite für einen Fahrstreifen. Dabei reicht der Radstreifen bei weitem nicht, um die überholenden Autos auf Abstand zu halten, wenn sie nicht zufällig in der Mitte ihres breiten Streifens fahren. Folgen sie dem Rechtsfahrgebot, wird es eng. Warum macht man nicht den Autofahrstreifen so groß wie nötig, und den Radstreifen größer, wenn man schon mal Platz hat? Hat das irgendeinen Nachteil, den ich nicht kenne?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das ist genau die Frage, dich ich mir auch immer wieder stelle: Warum gibt man Radlern nicht einfach die ganze rechte Spur? Ich denke, es liegt daran, dass man dazu die Radförderung neu denken müsste. Bisher zielt sie darauf ab, schmalen Fahrzeugen eine schmale Spur zu geben, weil man sie irgendwie aus dem Verkehr fernhalten möchte. Wenn man sie als gleichrangige Fahrzeuge denkt, würde man ihnen mehr Platz geben. Damit das in Stuttgart passiert und man sowas überhaupt denken kann, müssen vermutlich sehr viel mehr Radler unterwegs sein. So viele, dass solche Streifen nicht mehr reichen, weil Radler einander überholen. Übrigens müssen Fahrzeuge immer genügend Abstand lassen, egal, wie breit ihre Fahrspur ist.

      Löschen
  4. Das ist mir auch schon oft aufgefallen. Aber: Inzwischen denke ich, dass der Sinn dahinter ist, dass Kfz. mit dem nötigen Sicherheitsabstand an Radfahrern vorbeifahren können. Wäre die Radspur so breit wie eine normale Spur, dann ginge dies nicht, wenn Radfahrer die gesamte Breite der Radspur ausnutzten.

    Gruß
    Tim

    AntwortenLöschen
  5. Friedhelm Waitzmann2. April 2015 um 15:23

    »Die Spur wird erst beängstigend schmal (Lastwagen und Bus kicken uns gegen den Bordstein) und hört dann ganz auf.«

    Welches Verhalten wird gemäß der Straßenverkehrsordnung von den Verkehrsteilnehmern bei Schutzstreifen erwartet?

    Anlage 3 (zu § 42 Absatz 2), Abschnitt 8 Markierungen, laufende Nummer 22:

    »2. Wer ein Fahrzeug führt, darf auf der Fahrbahn durch Leitlinien markierte Schutzstreifen für den Radverkehr nur bei Bedarf überfahren. Der Radverkehr darf dabei nicht gefährdet werden. 3. Wer ein Fahrzeug führt, darf auf durch Leitlinien markierten Schutzstreifen für den Radverkehr nicht parken.«

    Also: Von Führern von Fahrzeugen, die keine Fahrräder sind: Nur bei Bedarf auf Schutzstreifen fahren, nicht auf Schutzstreifen parken.

    Von Radfahrern: Nicht auf Schutzstreifen parken.

    Mithin bedeutet eine Verjüngung eines Schutzstreifens: Die Straßenverkehrsbehörde verkleinert den Bereich, der von Nichtradfahrern nur bei Bedarf befahren werden darf.

    Schaut man in den Bußgeldkatalog, sieht die Sache ganz anders aus: Zu Schutzstreifen wird man dort fündig unter den laufenden Nummern

    (3) Gegen das Rechtsfahrgebot verstoßen durch Nichtbenutzen (3.4) eines markierten Schutzstreifens als Radfahrer. Verletzte Verkehrsregeln: § 2 Absatz 2, § 49 Absatz 1 Nummer 2

    (54a) Unzulässig auf Schutzstreifen für den Radverkehr geparkt. Verletzte Verkehrsregeln: § 42 Absatz 2 i. V. m. Anlage 3 lfd. Nr. 22 (Zeichen 340) Spalte 3 Nummer 3, § 49 Absatz 3 Nummer 5

    Das Befahren als Nichtradfahrer eines Schutzstreifens, ohne dass Bedarf ist, wird also überhaupt nicht geahndet.

    Das Nichtbefahren als Radfahrer eines Schutzstreifens wird geahndet, mit der Begründung, das sei ein Verstoß gegen § 2 Absatz 2 (Rechtsfahrgebot), obwohl dieser Paragraph gar keine Sonderregel zu Schutzstreifen enthält. Also: Positioniert sich ein Radfahrer so, dass, von § 2 Absatz 2 her gesehen, dagegen nichts einzuwenden ist, müsste die Positionierung auch bei Vorhandensein eines Schutzstreifens in Ordnung sein.

    Das Raffinierte daran: Wenn Polizisten einen Verkehrsteilnehmer zur Ordnung rufen oder etwas ahnden wollen, haben sie nur den Bußgeldkatalog zur Hand. Wenn ein Radfahrer ihnen dann darlegt, dass sein Verhalten in Ordnung war, weil es auch ohne Schutzstreifen in Ordnung gewesen wäre, z. B. Fahren in 80 cm Abstand vom Gehweg oder in ausreichendem Abstand von geparkten Fahrzeugen, wird er sie allenfalls mit Mühe überzeugen können; denn wozu soll ein Tatbestand im Bußgeldkatalog extra aufgeführt sein, wenn er überhaupt nichts bedeutet?

    Radfahrer, die es nicht auf eine Gerichtsverhandlung ankommen lassen wollen (und vor Gericht ist es nicht sicher, dass sich der Richter nicht vom Bußgeldkatalog blenden lässt), werden also von einem sich verjüngenden Schutzstreifen an den rechten Rand gezwungen, auch wenn sie dadurch gefährdet werden.

    Somit entpuppt sich etwas, was als Schutz gedacht war, als Zwangsmaßnahme gegen Radfahrer, und die Verjüngung eines Schutzstreifens als Steigerung des Zwangs und der Gefährdung.

    Friedhelm Waitzmann, Stuttgart, <publicJJJJMM.fwnsp@spamgourmet.com>

    Bitte (jeden Monat neu) JJJJ durch das Jahr und MM durch den Monat ersetzen.

    AntwortenLöschen