19. Februar 2015

Der unsichtbare Radfahrer

Der Radfahrer in der Presse: gerne übersehen, oft touchiert, ohne Helm längst tot und gegen Verkehrsregeln verstoßend, die niemand korrekt erklären kann.

So beginnt der Blog Presserad, der sich mit der Darstellung von Radunfällen in Polizeianzeigen und Presseberichten beschäftigt. In der Tat neigen Polizei und Journalismus dazu, Radlern eine Mitschuld an Unfällen zu geben, an denen sie keinerlei Schuld haben. Gern wird erwähnt, ob sie dunkel gekleidet waren, und der Verdacht aufgebracht, sie seien womöglich ohne Licht unterwegs gewesen.

Radfahrer werden in Polizeiberichten und Pressemeldungen außerdem fast immer "übersehen".
Kurios bei einer Meldung wie dieser: "Der ... Fahrer des eines VW hatte ... einen vorausfahrenden 25-Jährigen (Radler) übersehen und war diesem gegen das Hinterrad gefahren." Wäre ein Auto vorneweg gefahren, hätte die Formulierung eher gelautet: "Zu geringer Sicherheitsabstand", "die Autofahrerin konnte nicht mehr rechtszeitig bremsen und ist dem Auto hinten reingefahren."

Oder klassisch: "Beim Abbiegen ... übersah eine ... Mitsubishi-Fahrerin einen ordnungsgemäß auf dem Radweg befindlichen Radfahrer ..." Richtig: Die Autofahrerin nahm den Radfahrer die Vorfahrt. Und der Zusatz "ordnungsgemäß" bei Radweg ist auch unnötig. So als ob Radler unter Generalverdacht stünden, nicht ordnungsgemäß unterwegs zu sein. (Unter diesem Generalverdacht stehen sie ja tatsächlich.)

Es ist das Schicksal des Radlers: Die Vorfahrt wird ihm nur in den seltensten Fällen genommen. Das wäre nämlich ein eindeutiger Fahrfehler des Autofahrers. Und den mag man irgendwie nicht so gern benennen. Nicht mal bei einem tödlichen Unfall, so wie in dieser Bildzeitungsmeldung.  Vielmehr war ein "Moment der Unaufmerksamkeit der Radlerin" der Grund für ihren Tod. Tatsächlich wurde sie von einem einbiegenden Laster auf der Rad/-Fußgängerfuhrt überfahren, wo sie geradeaus fuhr. Grund für den Unfall war also die Unaufmerksamkeit des Lastwagenfahrers.

"Ein 56-jähriger Radfahrer kam zu Fall als er ... die August-Schneider-Straße befuhr", so beginnt eine Polizeimeldung. Erst im zweiten Satz erfahren wir, warum: "An seinem geparkten Auto öffnete der ... Autofahrer unachtsam die Tür, als der Radfahrer gerade vorbeifahren wollte.  Er wurde von der Tür berührt und stürzte, blieb bis auf ein paar Prellungen jedoch glücklicherweise unverletzt." (Na ja, Prellungen sind schon ziemlich schmerzhafte Verletzungen, Herr Polizist.)

Schon klar, Polizisten sind keine Sprachkünstler, aber "unachtsam" klingt dann doch sehr nach einem kleinen Versehen. "Lebensgefährlich" wäre bei dem Verhalten des Autofahrers das angemessene  Attribut gewesen.

Gern heben Polizei und Presse auch hervor, ob der Radler einen Helm trug, "der ihm das Leben rettete", oder eben keinen, weshalb er dann ins Krankenhaus kam. Tatsächlich kam er aber ins Krankenhaus, weil ein Autofahrer ihn an- oder umgefahren hat. Bei einem Fußgänger kümmert sich schließlich auch niemand um die Frage, ob er Helm getragen hat, als ein Auto ihn auf dem Zebrastreifen auf den Kühler nahm.

Wie das Wort "übersehen" nahelegt, sucht man gern nach Argumenten dafür, warum der Autofahrer nichts sehen konnte. Beispielsweise, weil der Radler dunkle Kledigung trug oder geparkte Autos die Sicht verstellten. Und vielleicht war die Radlerin ja auch gar nicht weit genug rechts auf der Straße unterwegs. (z.B diese Meldung). Warum hat der Autofahrer aber nun wirklich den Radler nicht gesehen? Weil er nicht gebremst und geschaut hat, bevor er abbog. Weil er es wieder mal sehr eilig hatte.

Die Berliner Polizei ist laut Presse sogar der Meinung, dass mehr als jeder zweite Fahrradunfall vom Radler selbst verursacht, beziehungsweise "mitverursacht" wird. " Die höchste Unfallursache: Das Nutzen der falschen Fahrspur und falsches Einfahren in den Verkehr", zitiert von der Berliner Zeitung, die ein spektakuläres Video zeigt, auf dem ein Radler einem Auto beim Queren der Fahrbahn vor den Kühler fährt.



Die Hälfte der Radunfälle sind in der Tat Eigenunfälle ohne Beteiligung anderer - aber das meint die Berliner Polizei hier sicher nicht. Danach kommen die Abbiegeunfälle (Radweg geradeaus, Autofahrer biegt ein und nimmt dem Radler die Vorfahrt), und daran trägt der Radler keine Mitschuld. Polizei und Medien skandalisieren offenbar lieber den Radverkehr und das Verhalten von Radfahren als das von Autofahrern.

Dabei ist dieser Radler eigentlich gut sichtbar.
Sofort fordern Politiker und Autofahrer auch gern eine Auf- und Einrüstung der Radler: Sicherheitswesten, Reflektoren und Strahler. Der Radfahrer soll sich gefälligst sichtbar machen. So als ob er eigentlich unsichtbar wäre und deshalb die Verantwortung für seinen Unfall trägt. Aber täuscht euch mal nicht, liebe Autofahrer: Ein Radfahrer mit Warnweste, der rechts neben euch fährt, ist für euch, wenn ihr rechts abbiegt auch mit Warnweste nicht sichtbar, wenn ihr euch nicht umguckt, bevor ihr abbiegt. (Und dann könnt ihr die Schuld am Unfall auch nicht mehr den Radfahrern geben.)
Und dass Warnwesten vor klassischen Unfällen nicht schützen, schildert der Spiegel hier. 

Ich fahre auch Auto und ich finde, man kann Radfahrer ganz gut sehen. Die üblichen Blindstellen sind der tote Winkel im Rückspiegel (Gefahr beim Zurückstoßen und Auto Wenden, aber dabei fährt man auch gern Fußgänger an). Und eben beim Einbiegen. Das Autofahrerauge ist bislang nur auf langsame Fußgänger getrimmt, die dann auch schon mal am Bordstein stehen bleiben, wenn  ein Auto zu schwungvoll einbiegt. Der Bremsweg von Radfahrern ist aber etwas länger als der von Fußgänger, weshalb sie in derselben Situation mit dem Auto kollidieren. Doch das Wiedererkennungs-Profil von Radlern ist ein anderes als das von Fußgängern. Sie sind höher und bewegen sich schneller.

Und es ist noch nicht erwiesen, dass eine Alarm-Ausrüstung (high-Vis-Ausrüstung) Radler vor gefährlichen Situationen wirklich schützt. Erwiesen ist aber, dass sie knapper und schneller überholt werden, wenn sie einen Helm tragen als wenn sie keinen tragen. Sie werden dann nicht mehr als verletzliche Menschen gesehen, auf die man achten muss, sondern als Gegner im Geschwindigkeitswettkampf auf der Straße.

Auch die Diskussion über meinen Beitrag "Bei Dunkelheit durch den Schlossgarten" zeigt, dass wir dazu neigen, verunglückten Radlern zu unterstellen, sie seien ohne Licht unterwegs gewesen, auch wenn die Polizei nichts dazu sagt. Wenn die Polizei nicht mutmaßt, einer sei ohne Licht ungerwegs gewesen, dann besteht der Verdacht auch nicht. Denn auch die Polizei kommt üblicherweise sehr schnell mit solchen Verdächtigungen.



 

Kommentare:

  1. Was der Spiegel-Artikel übrigens auch zeigt: selbst bei den kleinsten Unfällen Daten der Beteiligten austauschen. Man weiß nie wofür man sie noch braucht. Der Fahrer des schwarzen Wagens hat (möglicherweise) Fahrerflucht begangen.

    Michael

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  2. A propos Spiegel, Radfahrer, Stuttgart:
    Mal eine andere Interpretaion vom "unsichtbare(re)n Radfahrer", naeml. bzgl. des CO2-Footprints, was gerade für Stuttgart interessant sein dürfte:
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/feinstaub-prognose-die-schmutzigsten-staedte-europas-a-1019510.html
    David

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  3. Warum wohl skandalisieren Polizei und Medien offenbar lieber den Radverkehr und das Verhalten von Radfahren als das von Autofahrern ?
    Einfachste Erklärung: Polizisten und Journalisten sind weit häufiger als der Durchschnitt Autofahrer.

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