17. März 2015

Warum muss ich deinen Parkplatz bezahlen?


Es erschien mir als Maßnahme der Kunden-Bestechung selbstverständlich, dass Autofahrer die Parkkosten an der Kasse zurückerstattet bekommen.  

Aber verdammt, warum kriege ich nichts ersetzt, wenn ich mit dem Rad komme? Oder der Fußgänger? Klar,  wir müssen ja auch keine Parkgebühren zahlen. Aber, hoppla! Ist nicht das Abstellen gegen Gebühr von Autos einfach Teil der Kosten, die ein Auto dem Halter verursacht. Wenn der unbedingt mit dem Auto einkaufen fahren will, dann soll er halt die Parkgebühren dafür in Kauf nehmen. Wenn ein Kunde mit der Stadtbahn kommt, erstattet man ihm in den seltensten Fällen den Fahrschein. Die Fahrt ist Teil seiner Lebenshaltungskosten.

Ich habe an anderer Stelle schon mal darüber geschrieben, wie wir Radfahrer/innen und Fußgänger/innen den Autoverkehr subventionieren. Holen sich die Ladenketten die Kosten für diese Parkgebühren nicht von allen Kunden über die Preise der Waren zurück, also auch von mir, die ich mit dem Fahrrad gekommen bin?

Okay. Man muss sich nicht über alles aufregen. Doch etwas verblüfft war ich dann schon, als ich im Biomarkt Alnatura an der Tübinger Straße an der Kasse dieses Schild las.

Erst habe ich den armen Kassierer mit meiner Frage wuschig gemacht: "Und was kriege ich als Fahrradfahrerin?" Dann habe ich an Alnatura einen Brief geschrieben.

Die Antwort lautete zusammengefasst (Briefe stehen unten), man lege Wert auf ausreichend bequeme Fahrradparkplätze beim Laden. Aber man denke auch an Familien mit Kindern, die weite Wege auf sich nähmen, um bei Alnatura einzukaufen.

Als Argument nicht ganz schlüssig, bei den vielen Alnatura-Filialen in Stuttgart. Ich habe noch mal nachgefragt. Ich wollte wissen, ob sich Rückerstattung der Parkgebühren sich auf die Preise im Laden schlägt. Die Antwort lautete: Nein. Denn es bleibe den Filialen überlassen, ob sie die Parkgebühren zurückerstatten oder nicht. Außerdem würden auch die Fahrradständer vorm Laden von der Filiale finanziert. (Was in der Tübinger Straße eher wohl nicht so ist, denn die gibt es erst überall in dem Bereich, seitdem das Gerber fertig ist.)

Im  Übrigen wolle man auch die Autofahrer nicht dafür bestrafen, dass sie mit dem Auto kommen, deshalb die Rückerstattung. Die Argumentation lautet genau: "Wir sind sicher, dass unsere Kunden selbstverantwortlich ihre Einkäufe auf möglichst umweltschonende Weise tätigen. Direkt verkehrserzieherisch auf Kunden einzuwirken und die Parkgebühr quasi als kleine Strafgebühr zu verstehen, kann nicht zu den Aufgaben eines Unternehmens gehören."

Ups! Ein sehr interessantes Argument. Empfindet der Autofahrer, der bei Alnatura einkauft, die Kosten für die den Parkplatz als Strafgebühr? Ist das Stadtbahn-Ticket also auch eine Strafgebühr für Leute, die nicht Auto fahren?

Liststraße. Wer hier einkaufen will, stellt das Fahrzeug
kurz in der zweiten Reihe ab.  Und besser auf der Fahrbahn
als auf dem Gehweg, finde ich.  
Ojeoje! Es gibt sicherlich viele Autofahrer, die die Parkgebühren in der Innenstadt als Strafgebühr verstehen. Das sind aber auch diejenigen, die es als Grundrecht betrachten, ihr Auto überall abstellen zu können, gern auch vor dem Haus. Das bezahlt übrigens die Gemeinschaft, also wir alle, und die Summe ist hoch! Ein öffentlicher Parkplatz kostet 10.000 Euro im Jahr, auch jeder dieser Parkplätze entlang der Liststraße.

Ich meine, wer ein Auto hat und damit überallhin will, muss die Kosten fürs Abstellen in die Haltungskosten für ein Auto mit einrechnen. Autos sind halt teuer. Und andere Menschen kommen ja auch nicht kostenlos in die Innenstadt, nicht einmal ich als Radfahrerin, denn auch mein Rad kostet Geld (Kauf, Wartung, Reparatur, Wertverlust durch Alter, Strom für den Akku).

Ich verstehe das Dilemma von solchen Läden durchaus. Autofahrer suchen sich die Läden, wo sie kostenlos parken können. Und der Alnatura in der Tübinger Straße, muss sich gegen die Konkurrenz der Lebensmittelanbieter im Gerber behaupten, also um Autofahrer/innen buhlen. Aber könnte er nicht auch ein bisschen um mich als Radfahrerin buhlen? Ich könnte ja auch woanders einkaufen.

Ich halte die Rückerstattung von Parkgebühren an Autofahrer/innen für eine verkehrte Denke. Es ist nicht zeitgemäß und passt nicht zum Image eines Biomarkts.

Ein Blogleser hat mir erzählt, dass der Biomarkt Erdi in der Neckarstraße einmal Kunden 10 Prozent Ermäßigung gegeben hat, die mit dem Rad kamen. Sie mussten eine Anzeige vorlegen, die in Zeitschriften der Naturfreunde-Radsportgruppe erschien.  Ein guter Ansatz. Aber derzeit kenne ich keinen Laden, wo Radler einen Bonus kriegen. Wer einen kennt, schreibe mir bitte.

Erdi hat übrigens auch nur einen verbogenen Radständer, der hier fürs Anbinden eines Hundes benutzt wird. Und sehr gern parken die einkaufenden Kunden mit ihren Wagen mitten im Eingang. Merke: Der Biokunde kommt auch gern mit dem Auto und will gratis parken, am besten unmittelbar vor der Tür.







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Die beiden Antwortbriefe:

Erste Antwort:

Liebe Frau Lehmann,
vielen Dank für Ihre Nachricht und Ihr Interesse an Alnatura. Gerne darf ich Ihnen auf Ihre Frage zur Parkkostenerstattung antworten. Natürlich schätzen wir es sehr, wenn unsere Kunden mit dem Fahrrad oder zu Fuß in unsere Filialen kommen und legen unter anderem großen Wert darauf, bei all unseren Filialen ausreichend bequeme Fahrradparkplätze zur Verfügung zu stellen. Nicht alle unsere Kunden wohnen allerdings in der Nähe einer unserer Filialen, viele nehmen auch weite Anfahrtswege auf sich oder nutzen die Gelegenheit zum Großeinkauf, wenn sie ohnehin unterwegs sind. Hier denke ich auch gerade an Familien mit kleinen Kindern. Und natürlich sollen auch diese Kunden, die beispielsweise im Großraum Stuttgart wohnen, gerne bei uns einkaufen. Während Radfahrer und Fußgänger natürlich grundsätzlich keine Gebühren zahlen, müssen Autofahrer dann allerdings – gerade in den Innenstädten -  zusätzlich die oft sehr teuren Parkplätze bezahlen. Daher geben wir hierzu in verschiedenen unserer Alnatura Super Natur Markt Filialen einen kleinen Zuschuss. In einigen Städten gibt es bereits Systeme, in denen sich Gutscheine auch zum Kauf von Tickets für den öffentlichen Nahverkehr verwenden lassen. Dies ist allerdings leider nicht überall möglich. Wir sind im Übrigen sicher, dass viele unserer Kunden ohnehin sehr umweltbewusst handeln und ihre Einkaufswege nachhaltig und CO2-schonend gestalten. Und natürlich denken auch wir bei Alnatura immer über diese Themen nach:  Wir haben zum Beispiel ein Pilotprojekt in einer unserer Filialen, bei dem wir Kunden, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gekommen sind und für einen bestimmten Wert einkaufen, bei Vorlage des Fahrscheins die Rückfahrt erstatten.
Wir freuen uns über Ihr Verständnis.
Mit vielen Grüßen von der Bergstraße,
Constanze Klengel
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Alnatura Produktions- und Handels GmbH
Darmstädter Str. 63, D-64404 Bickenbach
Telefon: +49-62 57-93 22-693
Telefax: +49-62 57-93 22-8693
E-Mail: constanze.klengel@alnatura.de


Zweite Antwort: 

Liebe Frau Dr. Lehmann,
danke für Ihre erneute Nachricht. Gerne werde ich Ihnen noch einmal unsere Sichtweise hinsichtlich der Parkgebühren darlegen:  
Als Unternehmen möchten wir alle unsere Kundinnen und Kunden gut bedienen, ob er oder sie nun Rad fährt, zu Fuß geht oder von weiter her mit dem Auto kommt. Wir ersetzen den Kunden, die – aus welchen Gründen auch immer -  ein Auto für ihren Einkauf nutzen, den tatsächlichen finanziellen Aufwand (Parkschein), den sie für die Parkgebühren hatten. Dies ist kein Bonus, sondern eine Kostenerstattung für eine Auslage, die im Zusammenhang mit dem Einkauf in unserer Filiale entsteht. Wir finanzieren auch kein beliebig langes Parken im Parkhaus, sondern nur das Parken während der Dauer des Einkaufs, meist ist das höchstens eine Stunde. Wir sind sicher, dass unsere Kunden selbstverantwortlich ihre Einkäufe auf möglichst umweltschonende Weise tätigen. Direkt verkehrserzieherisch auf Kunden einzuwirken und die Parkgebühr quasi als kleine Strafgebühr zu verstehen, kann nicht zu den Aufgaben eines Unternehmens gehören.
 Auf welche Weise ein Kunde in unseren Markt gekommen ist, können und wollen wir im Übrigen nicht kontrollieren, und wir können auch keine Belohnungssysteme mit Staffel-Boni einführen.
Sie vermuten, dass die Kosten für die Parkgebührenerstattung auf die Produktpreise bei Alnatura umgelegt werden: Dazu darf ich Ihnen folgendes sagen: Da von Filiale zu Filiale individuell entschieden wird, ob hier eine Gebührenrückerstattung von Parkhauskosten stattfindet, ist dies ein Service, der sich nicht auf die Preise der Alnatura Produkte niederschlägt, sondern von der Filiale getragen wird. Dies auch vor dem Hintergrund, dass es nicht für alle Alnatura Märkte überhaupt Parkplätze (gebührenpflichtige oder kostenlose) gibt.
Ebenso sind übrigens die Fahrradständer, die wir fast überall anbieten, ein Service der jeweiligen Filiale. Die Kosten hierfür werden ebenfalls nicht in den  Alnatura Produkten widergespiegelt.
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Wir schätzen Ihr Engagement sehr, bitten aber auch um Verständnis für unseren Standpunkt.
 Mit freundlichen Grüßen
Constanze Klengel
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Alnatura Produktions- und Handels GmbH
Darmstädter Str. 63, D-64404 Bickenbach
Telefon: +49-62 57-93 22-693
Telefax: +49-62 57-93 22-8693


Kommentare:

  1. Ich finde die Ansicht von Alnatura nachvollziehbar. Mich interessiert als Radfahrer auch weniger, was Läden bzw. Gewerbetreibende für Autofahrer tun, sondern was sie für mich als Radfahrer tun.

    Dazu gehört zumindest eine anständige Radabstellmöglichkeit.

    Etwaige weitere Extras würden bei mir dann schon Entzücken auslösen:

    Schließschränkchen für das typische Radlergeraffel wie Helm und Rucksack?
    1€ Rabatt für Radler bei Mindesteinkauf?

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  2. Ich glaube, wir alle können die Ansicht von Alnatura und anderen Läden nachvollziehen, Autofahrern die Parkgebühren zu erstatten. Es ist ein Kampf um Kunden. Klar. Aber man stelle sich mal vor, da hinge ein Schild an der Kasse, auf der stünde: "Radfahrer bekommen 1 Euro bei Mindesteinkauf von xy." Der Nachweis ist schwieriger zu führen, und Fußgänger kriegen dann immer noch nichts. Also sollte man diese Belohnung für Autofahrer einfach ganz weglassen und keine Verkehrsmittel subventionieren.

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  3. Finde den Ansatz des ersten Kommentars gut. Es geht nicht um die Frage, was für die Autofahrer getan wird, sondern vielmehr darum, ob man nicht auch etwas für Radfahrer tun kann, gerade als Biomarkt.
    Da sind gute und ausreichende Abstellmöglichkeiten und Schließfächer schon ein Anfang.

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  4. Ich noch mal, der erste Anonyme ;-)

    Der kleine Rabatt für Radler ist ja nur ne Idee gewesen. Nachweis? Per Helm? Aber das gibt dann auch wieder Bashing. *g*

    Gar nicht so einfach mit einer Förderung FÜR Radler. :-)

    Grundsätzlich dienen Rabatte, egal ob für den parkenden Pkw, Radler oder auch Stadtbahnfahrschein dazu, auch für diejenigen Kunden attraktiv zu sein, die nicht nur über die Straße laufen müssen. Der Kundeneinzugsbereich soll also etwas erweitert werden. Das finde ich ok. Von einem besser frequentierten Bioladen profitieren letztlich dann auch die Kunden, die tatsächlich in Laufweite in der Nachbarschaft wohnen.

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  5. Christine, danke, dass Du denen geschrieben hast. Das musste mal gesagt werden. Dass sich die Erstattung nicht auf die Preise auswirkt, ist natürlich gelogen. There is no such thing as a free lunch. Das ist eine der Subventionen fürs Auto allgemein. Von Kostenwahrheit sind wir weit entfernt. Das Einkaufen mit dem Auto soll hier doch gar nicht verboten werden, sondern es geht darum, wer den mickrig kleinen Kostenanteil Parkgebühren bezahlt.
    Es werden Familien mit Kindern vorgeschoben. Kriegen die kinderlosen Einkäufer das etwa nicht erstattet? Man kann übrigens auch für eine Familie mit Kindern ohne Auto einkaufen. Bioprodukte kann man sich liefern lassen, was der lokale Laden nicht hat.

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  6. Es scheint die von Alnatura aber nicht sonderlich beeindruckt. Ich habe gesagt, ich würde darüber schreiben. Ich glaube, die fürchten nicht, uns Radler als Kunden zu verlieren. Fußgänger und Radler sind ja ein geduldiges und genügsames Volk und denken an den lokalen Handel, ohne dass man sie extra bestechen müsste. Und natürlich zahlen wir das alle mit.
    Wie ich ja auch schon in meinem äußerst beliebten Post beschreiben habe: http://dasfahrradblog.blogspot.de/2014/12/wie-wir-radfahrer-den-autoverkehr.html

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  7. Radschwarzfahrer18. März 2015 um 13:23

    Der Alnatura bei uns in der Nachbarschaft erstattet zwar keine Parkgebühren, weigeret sich aber trotz mehrfacher Nachfrage standhaft über Fahrradständer auch nur nachzudenken. Inzwischen ist die Straße vor dem Laden einen Fahrradstraße. logischerweise steht der Lieferwagen jetzt morgends, wenn die Berufstätigen zur Arbeit fahren wollen nicht mehr hinten am Laden, sondern versperrt die Fahrradstraße.
    Ich habe den Fahrer und die Geschäftsführung mehrfach darauf angesprochen, und mich von ersterem dafür beschimpfen lasssen.
    Ich fürchte, die paar hundert Euro Umsatz die ich jetzt jeden Monat wo anders ausgebe merkt Alnatura kaum, trotzdem werde ich den Laden nicht wieder betreten.

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  9. Alnatura will Geld verdienen wie jeder andere Laden auch. Radfahrer, eure Lebensphilosophie oder Produktqualität und Nachhaltigkeit sind denen so wichtig wie jedem anderen - günstigeren - Discounter auch. Die Tests der Stiftung Warentest haben doch nun wirklich oft genug gezeigt, was von der beworbenen Alnatura-Qualität am Ende übrig bleibt. Wer dort einkauft, tut dies, weil er glaubt - aber nichts weiß.

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    1. Schon klar. Meine Überlegungen beziehen sich natürlich auch auf alle anderen Läden, die Autofahrern die Gebühren erstatten, Radlern und Fußgängern aber nicht. Es wäre ja auch ein Kurzschluss, anzunehmen, dass Bioläden besonders radfreundlich sein müssten, denn Bio hat zunächst ja nur was mit Nahrungsmitteln zu tun. Die Komemntare hier zeigen mir aber auch, dass die Sache mit den Radständern keineswegs eingelöst wird.

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