11. Juni 2015

Belohnen statt bestrafen

Wir brauchen Radfahrer/innen und wir wollen sie. Auch Autofahrer wollen mehr Radler, auch wenn ihnen das oft selbst nicht klar ist und sie den Radler hassen, hinter dem sie sich gerade befinden. (Nun gut nicht alle.) 

Denn jeder Radler ist ein Auto weniger im Stau, und noch dazu braucht er höchstens ein Fünftel des Platzes, den ein Auto auf der Straße braucht. Radfahrer kaufen mehr ein als Autofahrer und machen weniger Krach.

Wer Rad fährt, hilft der ganzen Stadt und seiner eigenen Gesundheit. Aber wir jagen und beschimpfen sie. Und wir drängen sie in die Illegalität, um uns dann darüber aufzuregen, dass Radler sich nicht an die Regeln halten.

Die Stadt hat auf der künftigen Fahrradstraße Tübingerstraße ein Stoppschild auf gestellt.  Das heißt, Radler in die Regelwidrigkeit manövrieren. Jetzt braucht man nur noch an einem Sonntag dort einen Polizisten aufzustellen, der bei jedem Radler abkassiert, der hier nicht zum Stillstand abbremst (Fuß auf den Boden), egal, ob gerade ein Auto vom Gerber in die Feinstraße abbiegen will oder nicht. Deshalb üben wir morgen, Freitagabend dort das Stoppen. Und sagen Nein zu einer Verkehrspolitik, die Radler stoppt, damit Autos nicht stoppen müssen.

Warum fahren Radfahrer/innen wohl auf dem Gehweg, fragte auch die taz bereits 2013, auch wenn der nicht für sei freigegeben wurde? Weil es so lustig ist, sich durch Fußgänger zu schlängeln und Bordsteine runter und rauf zu hoppeln? Nein. Sie fahren dort, weil sie sich auf der Straße nicht sicher fühlen. Auch wenn sie sich über die realen Gefahren täuschen. Oder weil das Kopfsteinpflaster noch schlimmer ist als ein Gehweg. Oder weil die Straßenränder wieder so zugeparkt sind (auf einer Seite illegal), dass Rad und entgegenkommendes Auto der Platz nicht reicht. (Beispiel Strohberg im Lehenviertel) Oder weil die Radwegführung umwegig oder unklar ist. 

Und warum fahren Radfahrer so oft bei Rot? Weil Ampelschaltungen für Autofahrer gemacht sind und Radfahrer überall warten lassen, oft einen gesamten Grünumlauf für die Autos. Und warum radeln Radler auf der falschen Straßenseite oder gegen den Radweg? Weil die Streckenführung so umwegig oder so  undurchsichtig ist. 

Die Konsequenz müsste deshalb sein, die Stadt fahrradfreundlicher zu machen, statt nach der Polizei zu rufen. Ich meine damit: Tatsächlich praktikabel für Radfahrer.Wäre das so, würde man kein Stoppschild dort aufstellen, wo die meisten Radler lang fahren, nämlich auf der Tübinger Straße. Das Stoppschild würden die Autofahrer bekommen. Und es gäbe auch keine Radabstellbügel in in Fußgängerzonen, wo man mit dem Rad nicht hineinfahren darf, wie am Milaneo oder am SWR.

Wenn es eine glatte und im Winter von Schnee und Granulat gesäuberte Radspur gibt, die breit genug ist, damit man von sich plötzlich öffnen Türen geparkter Autos nicht vorm Rad geholt wird, warum sollte ein Radler dann auf Fußwegen fahren? Und wenn er wüsste, dass Ampelschaltungen für ihn gemacht sind und nicht um ihn von der Fahrbahn fern zuhalten, warum sollte er sich den Stress antun und bei Rot fahren?

Einen Fall aber sehe ich, wo man wirklich kontrollieren und Bußgeld kassieren sollte: Nämlich bei allen, die ohne Licht fahren. Denn das ist gefährlich, und es gibt keinen guten Grund dafür, außer der eigenen Faulheit, sich ein Licht zu besorgen oder gegen den Dynamo zu treppeln (und wer haut heute noch einen Felgendynamo, der bremst?). 

Foto: Hier kommt uns ein Radfahrer entgegen. Ohne Licht.

Nachtrag:
Die Welt hat übrigens im Juni 2015 einen ähnlichen Artikel veröffentlicht, in dem sie argumentiert, dass Radler aufhören, im aggressiven Pfadfindermodus zu fahren, wenn die Verkehrspolitik sie endlich ernst nimmt. "Nicht mehr einzelne Radfahrer sind morgens und abends unterwegs, sondern dichte Pulks. Es wird eng auf den Radwegen. In Städten genügen geschätzte 90 Prozent von ihnen vielleicht den Anforderungen aus den 60er-Jahren, aber längst nicht den heutigen. ... Autofahrer können die Bedingungen des heutigen urbanen Radverkehrs nur nachvollziehen, wenn sie sich vorstellen, das Straßennetz im Land wäre auf dem Stand von 1960, Umgehungsstraßen, Schnellstraßen oder Autobahnen mit sechs oder acht Spuren wären nie gebaut worden."

Kommentare:

  1. Wenn dieses Stopp-Schild nicht so gnadenlos symbolträchtig wäre:

    In dieser Stadt fehlt leider immer noch die Grundsatzentscheidung auch tatsächlich und spürbar (!) relevante Anteile des Verkehrs und der Mobilität per Fahrrad als ernst zu nehmende Alternative zum Kfz-Verkehr zu organisieren. Eine entschiedene und entschlossene Förderung des Radverkehrs und seiner Infrastruktur könnte ja als angeblich "autofeindlich" ausgelegt werden.

    Da passt ein Stopp-Schild nur für Radler wie Arsch in Hose. Es ist nicht nur irgendein Stopp-Schild. Es symbolisiert das Verhältnis dieser Stadt zum Radverkehr.

    Ich bin jedenfalls morgen auch mit dabei. ;-)

    Und zum "Schandfleck Paulinenbrücke" können wir vor Ort vielleicht auch brainstormen. Die überdachte Fläche schreit doch gerade danach, am Rande der Innenstadt und der Hauptroute 1 Stuttgarts erstes bewachtes Fahrradparkhaus zu werden. Mitsamt Service-Station der Neuen Arbeit. Und akzeptablen Lademöglichkeiten für Pedelecs. Nicht dem überteuerten Pseudoangebot der EnBW-Ladesäulen ohne Überdachung und Sicherungsmöglichkeit für Rad und Ladegerät.

    mfG
    A.

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    1. Ich werde zwar leider nicht dabei sein, da wir morgen durch Ludwigsburg rollen werden, aber eine RadStation wie wir sie hier bei uns haben wäre definitiv eine Tolle Sache!
      Nicht jede/r hat die Möglichkeit/Zeit/Fähigkeiten alles am Rad selbst zu machen.

      Ride on!

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    2. Für den Bereich gibt es bereits eine Planung. Es soll ein Fahrradstation dorthin kommen, und der Jugendbeirat plant dort einen Aufenthalt. Die Autos, die dort noch parken, sollen auf jeden Fall verschwinden. Die Idee mit dem Fahrradparkhaus behalte ich mal im Hinterkopf. Finde ich gut. Ich bin mir nicht sicher, ob man das dort braucht. Wie viele Radler würden es wohl nutzen? Aber darüber müssen wir wirklich anfangen zu diskutieren!

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  2. Sicher braucht eine Stadt Radler, nur die werden doch durch die Autolobby klein gehalten. Selbst, wie in meiner Stadt, ein Verkehrsplaner Mitglied im ADFC ist, ist das noch kein Garant für bessere Fahrradwege Struktur! Auch die Arbeitgeber könnten mehr Anreize geben. Beispiel: Wer näher als 10km am Arbeitsplatz wohnt bekommt keinen Parkplatz von der Firma gestellt, statt dessen entweder Strom für ein Pedelec, oder eine Beihilfe zum kauf eines Pedelecs. Mein Arbeitgeber hat mich total verärgert. Ich muss sogar mehrere Kilometer auf einem Werksgelände fahren ( 380ha), um an meinen Arbeitsplatz zu kommen, trotzdem wurde das Pedelec aus "Sicherheitsgründen" verboten!
    Ich werde ausserdem an Bedarfsampeln aus gebremst! Autofahrer haben eine Kontaktschleife, ich bekomme einen Knopf an eine Ampel und muss drücken? Das verstehe wer will, ich nicht! An einer Ampel in meiner Stadt ist eine Kamera installiert, diese erkennt aber keine Radfahrer! Als Antwort auf meine Beschwerde wurde ich an die Bedarfampel verwiesen, leider hat die nur einen Fußweg zur überquerung der Kreuzung und ich müsste ja zweimal die Bedarfsampel nutzten, um links ab zu biegen! Ausrede der Stadt: Da wir im Haushaltsicherungsplan sind .....
    Habe ich echt kein Verständnis für Bedarfsampeln, da immer mehr Leute in meiner Gegend fahren, gerade jetzt. Bestes Radwetter!!
    Pedelecs sind längst keine Rentnerräder mehr, immer mehr meiner Kollegen kommen auf den Geschmack.

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    1. Genau. Wir werden behindert und angehalten, damit der Autoverkehr immer rollen kann. Das müssen wir umkehren. Fußgänger und Radler haben Vorrang, der Autoverkehr muss warten.

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  3. Guter Beitrag, wobei die Kritik an den "Radabstellbügeln in Fußgängerzonen" mit besagten Beispielen fast schon ein bisschen übertrieben ist, vor allem wenn es sich um breite Wege und vielleicht 20 bis 30 Meter handelt - kann man doch langsam und vorsichtig fahren oder zur Not das Stück wirklich schieben, wo ist das Problem? Das geht mir persönlich zu sehr wieder in die Richtung deutsche Überregulierung, denn wenn jeder ein bisschen Rücksicht nimmt ist sowas eigentlich kein Thema, ob jetzt legal oder illegal.

    Naja, nichtsdestoweniger denke ich, dass viele eben nicht nur auf dem Fußweg fahren weil sie sich nicht sicher fühlen, sondern weil sie keine Lust haben ständig von irgendwelchen Autofahrern in irgendeiner Form genötigt zu werden, sei es durch riskante und unnütze Überholmanöver, mutwilliges Betätigen der Scheibenwaschanlage mit der Absicht den Radfahrer zu schaden (erst heute wieder erlebt) usw. usf.

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    1. Na ja, man kann sagen, wir interpretieren halt ein bisschen, ob was ganz oder nur halb verboten ist. Auf nicht freigegebenen Gehwegen darf man nicht radeln, aber mein Rad zum Abstellbügel fünfzig Meter oder mehr schieben, sehe ich nicht ein. Mag sein, dass das pingelig erscheint, aber der Punkt ist doch der: Wenn wir Radler fortwährend interperetieren und ein klein wenig zu unseren Gunsten die Regeln beugen, dann heißt das, dass wir diesen Modus einüben, weil halt nichts wirklich für uns passt. So fahren wir bisher: pfadfindermäßig und im Modus des Interpretierens, weil manches sonst nicht lösbar ist. Wir sind Schlängler und Schnell-mal-über-den-Gehweg-Radler, und das ärgert Fußgänger und Autofahrer. Und was du über die Radler auf dem Gehweg schreibst, interpretiere ich als Nicht-sicher-fühlen, wenn man zu eng überholt oder angehupt wird.

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  4. Radfahren ist in Stuttgart nicht wirklich gern gesehen, und ich weiss noch vom Inlineskaten wie sehr das reguliert und gebremst wird. Das ThursdayNightSkating hat man auch erfolgreich "zerstört".

    Ich hoffe nur das es bei den vielen Radlern nicht klappt. Nur fehlt uns die Lobby.
    Mit diesem Blog und der vielen Arbeit von Christine habe ich aber die Hoffnung, dass es doch klappen wird einiges zu ändern.

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  5. Sagen wir mal so: Die Stadt gibt uns erstmals in Stuttgart die Gelegenheit, eine Radbewegung zu installieren. Wir üben jetzt das Stoppen. Das ist eine gute Übung für künftige Protestaktionen nach dem Motto "Aufstand der Radfahrer". Das gab es bisher in Stuttgart noch nicht. Ab jetzt gibt es uns. So gesehen ist das Stoppschild wunderbar.

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