17. Juli 2015

Rambo-Presse freut sich auf Radpolizeistaffel

In Berlin ist die Fahrradstaffel der Polizei schon unterwegs. In Stuttgart soll sie ab heute radeln. Und die Rambo-Presse freut sich schon.  

Endlich geht es den Radler-Rambos in der Königstraße an den Kragen. Knallharte Recherche. Die Reporterin hat 40 Radler in einer Stunde in der Fußgängerzone gezählt. Und dann auch gleich den ADFC-Vorsitzenden befragt und reingelegt.

Sein erstes Statement lautete: "Radfahrer haben in der Königstraße nichts verloren."
Aber man kann ja nachhaken, solange, bis der ADFC-Voritzende bemerkt, im Schlossgarten werde ein provisorischer Radweg ständig von Fußgängern benutzt. So als sei das tatsächlich ein Grund fürs Ramboradeln auf der Königstraße. Ist es aber nicht. Die Rambo-Presse skandalisiert halt gern. Am liebsten Minderheiten. Also Radfahrer/innen. Ohnehin mag die Presse Radler nicht. Gegen Autofahrer mag man nicht wettern (der Autoverkehr kostet 12 Menschen pro Tag in Deutschland das Leben), gegen Fußgänger was zu sagen, gehört sich nicht. Wer also bleibt?

Ach so, ja ... diese Aussage trifft natürlich nicht auf die ganze Presse zu. Es gibt Ausnahmen. (Es gibt ja auch bei Radfahrer/innen Ausnahmen, etwa 95 Prozent.) Und so ist der Berliner Zeitung aufgefallen, dass mit der Polizei-Radstaffel etwas nicht stimmt. Nämlich die Perspektive.

Radler fährt an T-Kreuzung bei Rot. Er gefährdet
weder sich noch andere
Denn in Berlin hat die Staffel von 20 Polizisten innerhalb eines Jahres über 270.000 Euro eingenommen, und zwar bei Radlern, die über rote Ampeln fuhren. Bei den Autofahrern kassierten sie dagegen nur knapp 7.000 Euro für radgefährdendes Verhalten.

3.200  Radler wurden erwischt, die rote Ampeln ignorierten. Dafür werden in der Regel 100 Euro fällig, samt einem Punkt in Flensburg. Fahren auf dem Gehweg wurde knapp 500 Mal geahndet (5.400 Euro), und andere Verstöße, wie das Fahren mit einem nicht verkehrstauglichen Rad (Beleuchtung!), brachten stattliche 54.000 Euro ein. 

Cottastraße. Täglich könnte man hier abschleppen
Ja, die Fahrradstaffel soll auch kontrollieren, ob Autos auf Radwegen parken. Die Staffel ahndete in elf Monaten knapp 1.400 Fälle, darunter auch Parken in zweiter Reihe oder auf Busspuren (Einnahmen: 25.500 Euro). Nur 31 Mal wurde ein Fahrzeug auch abgeschleppt, das auf einem Radweg stand. Die Berliner Zeitung findet: "Gemessen daran, dass viele schwere Radunfälle durch falsch abbiegende Autos verursacht werden, ist die Zahl von knapp 200 Verwarnungen und Bußgeldern gegen falsch abbiegende Autofahrer in elf Monaten übersichtlich." Dafür zahlten Autofahrer knapp 7000 Euro. 

Nur zwölf Mal entdeckte die Radstaffel Baustellen, die für Radler eine Gefahr darstellten, und meldete sie an die Landesbehörde.

Ist die Radler-Staffel blind auf dem Auto-Auge oder ist das die Wahrheit auf Berlins Straßen? Ich kann es nicht entscheiden. Der Pirat im Berliner Senat warf der Fahrradstaffel vor, mit Scheuklappen durch die Stadt zu fahren. Die Polizei antwortete, die Fahrradstaffel sei nicht dazu da, Autofahrer zu jagen, sondern auf "Augenhöhe mit Radfahrern Gefahren für und durch Radler zu bekämpfen." Für die Überwachung des Autoverkehr seien andere Dienststellen mit anderen Mitteln zu ständig.

Und ich weiß jetzt auch schon, wer vor allem in Facebook sogleich lustvoll ruft, dass ein Fahrradkennzeichen notwendig sei. Warum sie unsinnig sind und die Erwartungen nicht erfüllen, kann man hier nachlesen.

Die Lust von Autofahrern und Fußgängern auf eine "Bestrafung" von Radfahrern ist stets ungebrochen. Was aber niemanden kümmert ist, dass die Bedingungen für Radfahrer/innen schlechter sind als die für Autofahrer und Fußgänger. Denn die gesamte Organisation des Verkehrs ist nur auf diese beiden Verkehrsarten zugeschnitten. Radler sind das Dritte, für das nichts richtig passt. Und vor allem in Stuttgart ist sichtbar, dass Radler nicht einmal eigene Wege haben, sondern von der Fahrbahn auf Gehwege über Fußgängerampeln (mit teils langen Wartezeiten) und durch Parks geleitet werden, wo sie Wege benutzen, die entweder für Autos oder für Fußgänger konzipiert wurden. Ich finde es nicht gut, wenn Radler über rote Ampeln fahren, aber eigentlich sind Ampeln für Radler eine unsinnige Einrichtung. Hinzu kommt, dass die Ampelschaltungen nicht für Radler ausgelegt sind, sondern um den Autoverkehr flüssig zu halten.

Radschnellweg Göttingen
Es fehlen Radschnellwege, es fehlen Sicherheitsmaßnahmen an Kreuzungen, wo immer noch zu viele Radfahrer umgefahren und schwer verletzt werden. Radspuren laufen so dicht an geparkten Autos entlang, dass die Unfälle an blicklos aufgestoßenen Fahrertüren häufig sind. Autofahrer achten zu wenig auf Radfahrer. Weshalb vor allem in Stuttgart Radler in einem Schlängel- und Fluchtmodus unterwegs sind: Der Gefahr entgehen, ehe sie entsteht.

Kolbstraße aufwärts
Hier in der Kolbstraße (von der Tübinger Straße aufwärts in den Heusteig) ist es beispielsweise für den Radler, der keine eigene Ampel hat, sinnvoll, dann loszufahren, wenn die parallelen Fußgänger grün bekommen. Dann gerät er nicht in den Start- und Abbiegewettkampf der Autofahrer, wenn die Grün bekommen, sondern ist schon weg. Er radelt damit zwar rechtswidrig bei Rot (kostet 100 Euro!), aber gleichzeitig mit dem Radler, der herunter kommt, denn der hat eine Ampel, die entsprechend früher Grün wird.

Ich finde, dass Radler sich möglichst regelkonform verhalten sollen. Aber ich finde auch, dass wir uns ernsthaft allesamt mal überlegen müssen, nach welchen Regeln Radfahrer tatsächlich fahren (auch zum Eigenschutz) und welche Regeln des Autoverkehrs zumutbar sind und welche nicht. Und erst dann fangen wir an, Radfahrer zu jagen und zu bestrafen. Vorher nicht!
Radler fährt bei Fußgängergrün, weil die Radampel
einen ganzen Umlauf lang rot ist, während Fußgänger
grün haben. 

Vorher schauen wir, dass die Radspuren frei von geparkten oder haltenden Autos und Baustellen sind, und dass Ampelphasen für Radler nicht über eine Minute lang sind. Vorher führen wir den gelben Pfeil für Radler ein.

Auto hält regelwidrig, um zu parken, Radlerin
muss abrupt ausweichen, und das bergauf. 


Kommentare:

  1. So typisch Bildzeitung. Interviews werden verfälscht wiedergegeben, Texte reisserisch aufgebaut. Und klar, man hackt wieder auf denen rum die sich Mühe geben andere nicht zu gefährden, nur weil es ein paar Deppen gibt.

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  2. Vielleicht sollte man der Autorin mal ein Fahrrad leihen und mit ihr durch die Stadt fahren. Und den anderen Hetzern auch. So etwas hilft sicher nicht dem Verständnis füreinander.

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    1. Ich glaube, man muss sich gar nicht aufregen über solche Presseartikel. Ich mache mich ja auch eher darüber lustig. Die Frage ist ja, wo sie sich hingestellt hat. Beispielsweise darf man vom Bahnhof kommend ja mit dem Rad bis Bolzstraße auf der Königstraße fahren, weil das Schild "Fußgängerzone" fehlt und vorher eine Radfreigabe stattfand. Und es gibt ja auch längst Bestrebungen, Räder in Fußgängerzonen zu lassen, etwas in Cannstatt, wo die Marktstraße verkümmert und dringend neues Publikum bräuchte nämlich zahlungskräftige und einkaufsgewillte Radler. Es ist wie üblich ein Thema, das man nicht schwarz-weiß malen kann, sondern über das man ernsthaft und ideologiefrei diskutieren müsste. Und momentan ist es ja so, dass Radler auf die Radpolizeistaffel hoffen, damit Autofahrer auf Radwegen in die Schranken gewiesen werden, und Autofreaks und Fußgänger, damit die Radler irgendwie eingedämmt werden. Was in Stuttgart ja schwierig ist, weil es nur wenige Radrouten gibt, wo Radler nicht von Autos und Fußgängern aufgehalten und ausgebremst werden. Jetzt warten wir mal ab, was die Staffel macht. Es wird sicher viele Radler erwischen. Und erst gestern hat es an der Nürnberger Straße einen schweren Radunfall gegeben, weil ein Pedelecfahrer als Geisterradler linksseitig die Radspur runter gesaust ist und dabei von einem aus einer Nebenstraße einbiegenden Fahrzeug auf den Kühler genommen wurde. Auch mich kommt das die Idee an, dass es gut wäre, es gäbe eine Instanz, die den Radlern klar macht, dass man - egal aus welchen guten Gründen (man kann ja von diesen RAdspuren nicht links abbiegen) - nicht gegen die Fahrtrichtung auf Fahbahnen radelt, auch nicht auf Radspuren.

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  3. Der Bildartikel ist 2 Tage alt:

    http://www.bild.de/regional/stuttgart/fahrverbot/steigt-ab-ihr-rad-rambos-41788462.bild.html

    So richtig rambomässig sieht aus der dortigen Fotostrecke eigentlich keiner aus. Zudem lassen die Bilder (Ausschnittsvergrösserungen) die tatsächliche jeweilige Situation - wie eng ging es tatsächlich zu? - nicht erkennen. Und wieviele gab es, die ihr Rad eigentlich geschoben gehabt hatten? Naja, Bild eben... *gähnchen*

    Egal. Denn nach meiner persönlichen Meinung, habe ich die Verkehrsregeln, will ich als Radfahrer und Verkehrsteilnehmer ernst genommen werden, eben einfach auch zu beachten. Und dazu gehören zunächst auch dumme, hirnrissige Regeln. Als Autofahrer stehe ich ja auch brav an einer roten Ampel, obwohl (scheinbar) weit und breit kein anderes Fahrzeug oder anderer Verkehrsteilnehmer zu sehen ist.

    Aber niemand kann und wird mich daran hindern eine völlig unzureichende Infrastruktur für Radler, dumme Regeln, Respektlosigkeiten und die Missachtung meiner Rechte als radelnder Verkehrsteilnehmer anzuprangern.

    Und die Radstaffel? Schade eigentlich um die schönen Pedelcs. Ginge es nach Bild würde es völlig reichen, ihnen zu Kontrollzwecken am Schloßplatz eine Hollywoodschaukel als Kontrollpunkt hinzustellen. Damit sie dort die bösen Rambos stellen können.

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    1. Grins. Ich glaube, man muss sich nicht ernsthaft mit so einem Zeitungsartikel auseinandersetzen. Über die Königstraße rast wohl kaum einer, aber langsam durchradeln, das tun durchaus etliche. Vom Bahnhof her ja auch erlaubt, weil die Radfreigabe nicht mehr aufgehoben wird. Und es gibt noch andere Zufahrten, wo diese Schilder Fußgängerzone fehlen.

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  4. Da schau her:

    "17. Juli 2015 10:00 Stuttgart
    E-Bikes für die Fahrradstaffel

    Minister Winfried Hermann und Minister Reinhold Gall übergeben die neuen E-Bikes an die Fahrradstaffel der Polizei "

    Fundstelle: https://mvi.baden-wuerttemberg.de/de/service/termine/

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  5. ...und hier die dazugehörige Pressemitteilung:

    https://mvi.baden-wuerttemberg.de/de/ministerium/presse/pressemitteilung/pid/sicherheit-der-buergerinnen-und-buerger-durch-fahrradstaffel-des-polizeipraesidiums-stuttgart/

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    1. Und nun fühle ich mich doch gleich sicherer.
      Aber wieso kosten die Klamotten soviel?

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    2. Na ja, jeweils für Sommer, Winter und Übergangszeit, regendicht, aber atmungsaktiv, das Ganze jeweils doppelt zum Wechseln und dazu gibt es für offizielle Anlässe sicherlich noch eine Art Paradeuniform. *hehe*

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  6. Rote Ampel kostet ja "normal" nur 45 Euro für Fahrradfahrer, Um die 100 erst mit Gefährdung. Wird die tatsächlich regelmässig angenommen?

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    1. Hallo Hannes,gibts das irgendwo zum nachlesen dass das rote Ampel überfahren "nur" 45€ kostet? Ne bekannte hat kürzlich ohne Gefährdung trotzdem einen Hunni + 20€ Bearbeitungsgebühr + 1 Punkt kassiert.....

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    2. 45 Euro nur, wenn man die Ampel überfährt, wenn sie gerade auf Rot springt.

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    3. Ähm, letztes Jahr gab es doch z.T. ganz erhebliche Änderungen insbesondere auch für Radler oder?

      Rotlicht mind. 60€ + 1P
      Rotlicht nach mind. 1 Sek. Rotlicht 100€ + 1P

      Noch teurer wird es bei Gefährdung und Unfall, dazu generell jeweils noch die Gebühren.


      Und nie vergessen. Auch die nicht ordnungsgemäße oder nicht vorhandene Klingel kostet 15 Ocken! *gg*

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    4. OK, ich sehe schon, ich hatte mich geirrt: 45 EUR bei weniger als 1 Sekunde Rot der Fahrbahnampel oder Fußgängerampeln. Ansonsten scheint es jeweils die Hälfte im Vergleich zu KFZ zu kosten und weniger Punkte + kein Fahrverbot zu geben.

      45 EUR -- Sie missachteten als Radfahrer das auch für Sie geltende Rotlicht der Lichtzeichenanlage für Fußgänger.

      45 EUR -- Sie missachteten als Radfahrer das Rotlicht der Lichtzeichenanlage.

      Ab hier gibts auch Punkte:

      100 EUR -- Sie missachteten als Radfahrer das Rotlicht der Lichtzeichenanlage und gefährdeten +) dadurch Andere.

      120 EUR -- Sie missachteten als Radfahrer das Rotlicht der Lichtzeichenanlage. Es kam zum Unfall.

      100 EUR -- Sie missachteten als Radfahrer das Rotlicht der Lichtzeichenanlage. Die Rotphase dauerte bereits länger als 1 Sekunde an.

      160 EUR -- Sie missachteten als Radfahrer das Rotlicht der Lichtzeichenanlage und gefährdeten +) Andere. Die Rotphase dauerte bereits länger als
      1 Sekunde an.

      180 EUR -- Sie missachteten als Radfahrer das Rotlicht der Lichtzeichenanlage. Es kam zum Unfall. Die Rotphase dauerte bereits länger als 1 Sekunde an.

      Die Quelle ist der Bundeseinheitliche Tatbestandskatalog (ab TBNR 137606, Seite 190):

      http://www.kba.de/DE/ZentraleRegister/FAER/BT_KAT_OWI/bkat_owi_01052014_pdf.pdf?__blob=publicationFile&v=4

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  7. Kontrollieren die dann auch ob die Fußgänger am Ferdinand-Leitner-Steg auch auf der richtigen Seite laufen :-)

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  8. Das Foddo!

    https://im.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-im/intern/bilder/Sonstige_Quellen/Fahrradstaffel.jpg

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  9. absteigen. bei rot rüberlaufen. weiterfahren. ca. 20 euro. keinen Punkt.

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  10. Wann kam der Artikel, wo die Rambo-Autofahrerin mich (in der Mitte der Fahrspur fahrend) bei doppelt durchgezogener Linie 50m vor einem Ampel-Rückstau überholt hat? Na?

    Die Dame hat es bei so wenig Platz übrigens nicht mehr geschafft, wieder richtig rechts einzuscheren, sodass ich bequem rechts vorbei fahren konnte. Hihiiiiiii :-)

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