17. Oktober 2015

Was macht die Radlerin jetzt?

Schön, dass so viele in Stuttgart inzwischen mit dem Rad fahren. 

Bei meiner Rückkehr aus dem Urlaub (auf dem Beifahrersitz eines Autos) habe ich mich gefreut auf der Böheimstraße gleich zwei Radler zu sehen.

Die Böheimstraße im Stuttgarter Süden ist eine Tempo-50-Straße ohne irgendwelche Vorkehrungen für Radfahrer. Der Hauptverkehr Richtung Vaihingen wird durch den Heslacher Tunnel abgeleitet, aber es sind immer noch recht viele Autos unterwegs. Wir haben von der Radlerin ordentlich Abstand gehalten, um sie nicht zu stressen. Das überholende Fahrzeug (ziemlich knapp im Abstand) stresst sie dann zum ersten Mal.


Noch mal stressig wird es für sie dann durch das halb auf der Fahrbahn (Halteverbot) und halb auf dem Gehweg abgestellte Fahrzeug. Gut, dass wir Abstand halten.

Dann rollen wir auf die Ampelanlage am Marienplatz zu.


Hier wurde die Spurführung ja so verändert, dass man, wenn man geradeaus will, auf die mittlere Spur fahren muss. Die Radlerin kann nicht am rechten Bordsteinrand bleiben.

Zuerst fährt sie auf der weißen Trennlinie entlang, fühlt sich dann aber von uns (unserem Auto) so verunsichert, dass sie nach einem kurzen Schulterblick über die rechte Spur auf den Gehweg flüchtet.

Und was macht sie jetzt? Sie hält an der Fußgängerampel zur Filderstraße, sieht dann aber, dass die Fußgängerampel quer zu uns grün hat und fährt hinüber. Sie will, wie sich herausstellt, rüber zum neuen Rewe. Eigentlich hätte sie sich auf der Böheimstraße also auf der mittleren Spur zum Linksabbiegen aufstellen müssen.

Diese Radlerin hatte nicht die Nerven, sich zwischen die an der roten Ampel wartenden Autos aufzustellen und im Massenstart der Autos die Kreuzung zu überqueren. Sie flüchtet auf einen Gehweg, der für Radler nicht freigegeben ist.

An dieser Radlerin sieht man sehr schön, wie die Mehrheit der Radfahrer/innen tickt und wo für sie das Unsicherheitsgefühlt unerträglich wird. Nämlich, wenn die Autos zu nahe kommen (an solchen Spuren praktisch in Tuchfühlung). Man sieht aber auch, dass das lange Warten an roten Ampeln unbedingt vermieden werden will. Die Radlerin probiert es an der nächsten, die grün wird, auch wenn sie gleich darauf wieder warten muss.

Der Umbau der Kreuzung mit Rechtsabbiegespur in den Tunnel hat die Lage für Radler zudem stressiger gemacht. Hier fehlt eine Radspur für Radler mit vorgezogenem Aufstellplatz zum Linksabbiegen in die Hauptstätter Straße und fürs Geradeausfahren in die Filderstraße. 

Kommentare:

  1. Da biege ich gerne auf der mittleren Spur nach links ab, um dann über die Kolbstr. in die Heusteigstr. zu wechseln. Mit Autos hatte ich dabei noch nie Probleme, obwohl ich ein bischen darauf warte mal richtig weggehupt zu werden.

    AntwortenLöschen
  2. Ich fahre auch auf den Fahrbahnen. Das Weghupen macht mir nichts, weil man mich ja nicht weghupen kann, aber wenn dann ein Autofahrer besonders knapp überholt, wird mir manchmal ganz anders. Deshalb radle ich inzwischen auch immer mittiger auf der Fahrbahn.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Mittig machts nur noch gefährlicher!!

      Neulich in der Nätherstraße: Ich fahre mit 31...32 (nach meinem Tacho) Richtung Gaisburg. Die Straße ist da 1,5 Autos breit, und ich fuhr in der Mitte, weil es eine 30er-Zone ist und man mich dann eh nicht überholt. Dachte ich - bis der hinter mir Schwung nahm und mit Karacho (45...50 km/h) und 5 cm Abstand an mir vorbei schoss...

      Löschen
    2. Und wieviele Überholer hast du an der Stelle ohne mittig fahren? Und wieviele davon zu dicht?

      Mittig fahren minimiert das Risiko, es kann nicht jeden Idioten abhalten.

      Löschen
    3. @Anonym: Gar nicht so wild. Meistens wird nicht ünerholt, wenn ich Streckenhöchstgeschwindigkeit fahre. Und die meisten Autofahrer überholen tatsächlich mit anständigem Abstand.

      Löschen
  3. Also ich kenn die Nähterstraße so, dass dort eher nicht T30 eingehalten wird. Daher lieber mittig. Das Stück "Anlieger frei" wird auch ignoriert.
    Fahr da ja auch jeden Tag.

    AntwortenLöschen
  4. Das Mittigfahren Überholabstände vergrößert ist eine Fakestory. Das Gegenteil ist der Fall. Das ist wissenschaftlich durch Studien abgesichert, siehe z.B. Dr Ian Walker Overtaking ....

    Mittig Radeln macht an Engstellen Sinn, wenn man ansonsten nur knapp mögliches Überholen gänzlich verhindern kann.

    Alles andere ist Vehicular-Cycling Sektenpropaganda.

    Alle Fahrbahnpropagamndisten behaupten, dass bei ihnen Mittigradeln funktioniert - wissenschaftliche Untertsuchungen ergeben das Gegenteil. Hier hat man es nicht mehr mit immer mal möglichen statistischen Ausreißern zu tun, sondern hier lügt jemand. Und zwar entweder die Wissensachaft oder die Propagandisten.

    Warum es nicht funktioniert.
    Es gibt nicht nur die Sichtweise und Bedürfnisse des Radlers - es gibt auch die Sichtweiswe und die Bedürfnisse des Kfz-Lenkers. Deshalb kommt es zu einem Zielkonflikt.

    Zum Einen gilt auch beim Überholen das Gesetz der Trägheit. Je mehr Abstand das Kfz hält, je mehr muss das Trägheitsgesetz verletzt werden und desto mehr Energie muss aufgewendet werden - sowohl psychische bzw soziale Energie (Empathie und Rücksicht) als auch materielle (die "Ideallinie" verlassen). Damit hat aber nur die faule bzw rücksichtslose kleine Minderheit der Autofahrer Probleme.

    Der eigentliche Zielkonflikt betrifft die Sicherheit. Je mehr Sicherheit der Kfz-Fahrer dem Radler durch größeren Überholabstand zugesteht, desto weniger sicher ist er selbst. Denn er muss sich dafür in Feindesland, auf die Gegenspur begeben. Je mittiger der radler fährt, umso mehr und umso länger führt der Überholvorgang den Kfz-Führer auf die Gegenspur und umso eher entscheidet er sich für seine eigene Sicherheit und überholt knapper.

    Dies ist statistisch bei allen Kfz erwiesen (Siehe Ian Walker Overtaking study). Besonders fatal für den Radler ist, dass Lang-Kfz Führer, also Lkw und Busse sich wegen ihrer relativen Behäbigkeit besonders ungern auf der Gegenspur aufhalten. Von ihnen werden mittig fahrende Radler besonders eng überholt und sie schewren besonders früh wieder ein, es kommt zum "schneiden".

    Je mittiger einer radelt, desto enger wird er überholt. Trotzdem sollte man zum rechten Rand genügend Abstand halten, wegen des Dooring. Um dieser Gefahr zu entgehen, sollte man engeres Überholtwerden in Kauf nehmen.

    Fahrbahnradeln bedeutet gefangen zu sein zwischen Baum und Borke. Aus der Nummer kommt man nicht raus.

    Es ist besonders für Männer schwer, mit dieser Opfersituation, mit dem Ausgeliefertsein umzugehen. Einigen hilft es anscheinend, sich die Situation schön zu reden. Man ist dann der Held und hat alle Kfz unter Kontrolle. Wem's nützt, bitte.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sehr interessant. Vielen Dank. Ich werde der Sache nachgehen. Wobei hier an der Kreuzung die Situation etwas anders ist. Pkw oder Lkw können gar nicht überholen, und wenn der Radler vor ihnen an der Haltelinie steht, ist es für den Radler besser, weil er gesehen wird, als wenn er am Bordstein oder auf der Fahrbahnteilerlinie rechts vom Lkw oder Pkw steht. Oder gibt es da auch eine andreslautende Untersuchung.

      Löschen
    2. Klar, alles Fake, alle lügen. Echt, mir gehen die Leute immer mehr auf den Geist, die solche wilde Behauptungen wie du aufstellen, G, um die Radfahrer schön an den Rand zu drängen.

      Löschen
    3. Ich finde, die Überlegungen und Argumentation von G interessant und beachtenswert. Und ich erkenne auch kein Bedürfnis, Radler an den Rand zu drängen. Wir denken hier auf dieser Seite nach und geben uns auch Raum für differenzierte Überlegungen. Auch ich schreibe gern über psychologische Aspekte des Verhaltens von Radlern und anderen Verkehrsteilnehmern.

      Löschen
  5. Danke für die Antwort. Ich finde Sichtbeziehungen als bidirektionale Kommunikation im Verkehr sehr wichtig. Vom bloßen Gesehenwerden ("für den Radler besser, weil er gesehen wird,"), von monodirektionaler "Kommunikation" halte ich nichts, da müsste ich schon derjenige sein, der sieht. Andersrum ist mir das zu sehr Rotkäppchen ("Damit ich dich besser sehen kann!").

    Deine Einstellung zu Lkw finde ich nachgerade hochgefährlich. Ich für mein Teil stelle mich nie vor Lkw auf. Ich bin nicht Siegfried. Ich bleibe immer dahinter, außer wenn ich sicher bin, vor dem Lkw, und sei's bei Rot, wegzukommen und zwar mit einem gehörigen zeitlichen Abstand (Wofür ich aber zunehmend nicht mehr jung genug bin.). Denn ansonsten überholen sie dich auf sicher, gerne auch sehr knapp und biegen obendrein bei nächster Gelegenheit womöglich über einen hinweg rechts ab. Nein Danke.

    Untersuchung der BASt (Bundesanstalt für Straßenwesen) 2004
    “Gefährdung von Fußgängern und Radfahrern an Kreuzungen durch rechts abbiegende Lkw”
    Kap. 4.2.3.:
    “Die in die untersuchten Unfälle verwickelten ungeschützten Verkehrsteilnehmer waren zum großen Teil Radfahrer (78 von 90, Bild 42) und stammen aus allen Altersklassen, Bild 43. Das weibliche Geschlecht ist bei den Fußgängern/Radfahrern deutlich häufiger (> 60 %) als das männliche vertreten, Bild 44. Diese Verteilung von etwa 1 : 2 (Männer : Frauen) entspricht nicht der in der amtlichen Statistik ausgewiesenen Verteilung für Radfahrer (etwa 2 : 1).”

    Frauen auf dem Rad haben demnach ein 4-fach höheres Risiko mit einem LKW zu kollidieren als Männer.
    Das ist umso auffälliger, als dass Frauen ansonsten in den Unfallstatistiken stark unterrepräsentiert sind.

    Auch in GB, wo die Radfahrerinnen mangels Radwegen besonders gut gesehen werden sollten (kleiner Scherz), fahren nur wenige Frauen Rad. Der Tod durch abbiegende LKW trifft trotzdem besonders sie.

    Der Gurardian schreibt am 21.5.2010:

    ” Women cyclists ‘at greater risk from lorry deaths’
    Ten of the 13 people who died in cycling accidents in London last year were women.”
    Transport for London (TfL) hat zu diesem Problem eine Studie gemacht.

    “Women cyclists are far more likely to be killed by a lorry because, unlike men, they tend to obey red lights and wait at junctions in the driver’s blind spot, according to a study. The TfL study has not been published – a move that has angered many campaigners.

    The report by Transport for London’s road safety unit was completed last July but has been kept secret. It suggests that some cyclists who break the law by jumping red lights may be safer and that cycle feeder lanes may make the problem worse."

    Ich halte dies für ein strukturelles Zivilisationsproblem. Frauen sind aufgrund ihrer körperlichen Unterlegenheit zusammen mit ihrer Anziehung auf Männer auf zivilisiertes Verhalten angewiesen.
    Zivilisation ist die Geltung des Rechts. Frauen sind daran gewöhnt, dass im öffentlichen Raum auf sie Rücksicht genommen wird, zumindest muss das Recht gelten.

    Lkw-Fahrer denken oft anders. Für sie ist Anhalten, gucken usw alles umständlicher und sie gehen oft davon aus, dass andere Verkehrsteilnehmer das wissen. Zudem verfügen sie mittels des Lkw über sehr viel Power und sie sind nicht immer die höflichsten Leute.

    Männer können leichter mit Power umgehen, weil sie selbst mehr davon haben. Sie wissen, auch aus eigener Erfahrung, dass der Power eine gewisse Rücksichtslosigkeit zwangsläufig zu eigen ist. Ihnen ist klar, dass bei viel Power nur viel Abstand hilft.

    Frauen sind zwangsläufig darauf sozialisiert, auf "gesehen werden" zu vertrauen (Rotkäppchenprinzip). Das kann sich unter Umständen, besonders in Räumen mit geringer Zivilisationsdichte wie dem Strassenverkehr zusammen mit übermäßiger Power und nicht übermässig zivilisierten Zeitgenossen, wie es manche Lkw-Fahrer sind, als ein fataler und tödlicher Fehler erweisen.

    AntwortenLöschen