9. November 2015

Ist Radfahren eine Ideologie?

Warum sind Menschen, die den Radverkehr gut finden und meinen, es dürfte ruhig mehr sein, Ideologen? Ist Radfahren eine Ideologie? Und ist Autofahren keine?

Eine Ideologie ist, sagen wir mal, eine Meinung, von der man meint, dass noch viele andere sie für richtig halten sollten. Sie kann sowohl in die Zukunft weisen, als auch sich auf die Vergangenheit beziehen. "Das haben wir schon immer so gemacht" oder "Das müssen wir jetzt anders machen."

Solche Meinungen gab es früher auch schon: Niemand wird ein Auto kaufen, solange es Pferde gibt. Computer werden niemals Allgemeingut werden. Wer braucht schon ein transportables Telefon?

In Leipzig wehrt sich die CDU in der Stadt gegen die "absurde" Forderung der Grünen, dass Radfahrer auf den Fahrbahnen fahren sollen.
(Was übrigens dafür spricht, dass es in Leipzig reichlich Radwege und Radspuren gibt). Der Stadtrat erklärt: „Gesundheit und Leben der Verkehrsteilnehmer dürfen keinesfalls zum Spielball ideologischer Selbstverwirklichung werden." Insbesondere ärgert ihn, dass Radler schnell vorankommen wollen. Das dürften Autofahrer doch auch nicht!

Unkenntnis? Oder Ideologie?

Fahre ich eigentlich Fahrrad aus ideologischen Gründen? Und welche Ideologie wäre das?

Ich habe angefangen im Alltag mit dem Rad zu fahren, weil ich mich mehr bewegen wollte, weil ich keine Lust mehr hatte auf das Gestehe im Stau, auf das Suchen nach Parkplätzen, auf das Gefummel an Parkautomaten und Ein- und Auslassschranken von Parkhäusern, auf die Märsche durch funzelig beleuchtete Parkhäuser, auf das Warten an Stradtbahnhaltestellen und Gezuckel in übervollen Bahnen. Und weil ich ein Pedelec testgefahren habe und wusste: Das isses.

Dann habe ich gemerkt, dass ich schneller und pünktlicher ankomme, wenn ich mit dem Rad fahre. Es hat mir immer mehr Spaß gemacht, mich zu bewegen und draußen zu sein. Die Stadt kommt mir näher, ich treffe Menschen, die ich kenne. Dass ich dabei den Stadtverkehr vom Stau entlaste, weniger Feinstaub und Lärm produziere und etwas für die Umwelt tue, ist ein Nebeneffekt, den ich mir unverdient zugute halten kann.

Ich tue es nicht für die Umwelt, sondern für mich. Ist das Ideologie? Oder nicht eigentlich Bequemlichkeit und Egoismus? Sollte man uns nicht lieber als Egoisten schimpfen:  als Stau-Kneifer, Parkhaus-Flüchtlinge, Bewegungs-Lüstlinge, Pünktlichkeitsfanatiker ...

Ich schätze mal, die meisten fahren Auto, weil sei ein Auto haben. Es steht da, drinnen ist es warm, man kann Radio hören, man hat die Handtasche oder Aktentasche neben sich, man kann Getränkekisten tagelang im Kofferraum spazieren fahren. Und wenn man im Stau steht, kann man am Radio drehen oder mit der Freisprechanlage telefonieren. Ist auch bequem. Dass Autofahrer dabei der Umwelt schaden, ist ein blöder Nebeneffekt, den die meisten bedauern. Und ein bisschen doof ist auch, dass es für die Autofahrer ungesünder ist (sie atmen mehr Feinstaub in der Kabine ein, sie sitzen und bewegen sich nicht).

Obgleich beide Typen - Radler und Autofahrer - nur das tun, was ihnen Spaß macht und was sie bequem finden, gibt es zwei Unterschiede: Die einen leben gesünder und belasten die Umwelt nicht mit Lärm, Feinstaub und giftigen Abgasen, die anderen leben ungesünder und produzieren Lärm, Abgase und Feinstaub. Ist diese Feststellung schon Ideologie? Dann müsste es die Unwahrheit sein, und eigentlich ist Autofahren gesund und gut für die Umwelt?

Ja, gut, Gesundheit und Umwelt, alles nett, aber ... sagen die Autofans dann, aber die Wirtschaft. Die braucht Autos und, was Radwege so alles kosten. Tatsächlich aber muss man nur ein paar Millionen für Radinfrastruktur ausgeben, und so ein Stadthaushalt umfasst über vier Milliarden Euro. Wenig Geld für einen großen Effekt. Und tatsächlich kommen doch auch Lieferwagen und Handwerker mit ihren Autos nicht mehr durch die Stadt, wenn immer mehr Autos sich im Kessel stauen. Radfahrer entlasten doch den Innenstadtverkehr, sie nehmen ihr Auto aus dem Stau heraus und schlängeln sich auf Rädern durch oder ganz woanders lang.

Oder steckt die Ideologie darin, dass ich das so sehe und sage? Wäre es keine Ideologie, wenn ich sagen würde, Stuttgart ist halt eine Autostadt. Und wir werden ja eh alle immer älter. Also kann das mit dem Lärm und den Abgasen nicht so schlimm sein.

Ja, stimmt, wir werden immer älter, aber wir sind dabei nicht sonderlich gesund. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Fogleerkrankungen von Übergewicht und und Bewegungsmangel kosten die Krankenkassen, die Arbeitgeber und unsere Sozialsystem einen Haufen Geld. Radfahrerstädte wie Kopenhagen oder Amsterdam haben eine gesündere Bevölkerung. Das spart nicht nur viel Geld. Letztlich verdient eine Stadt sogar an ihren Radfahrern. 

Taxifahrer gegen Radfahren
Warum wüten dann trotzdem so viele Autofahrer gegen Radler, so wie jetzt gerade wieder die Taxifahrer? Sie beschweren sich: "Rote Rückleuchten statt grüner Welle. Nicht nur zu den Stoßzeiten kollabiert der Verkehr." Sie glauben immer noch, dass die Stadt topographisch nicht fürs Rad geeignet sei. "Bis auf das Stuttgarter Zentrum und die Strecke am Neckar entlang ist das Anforderungsprofil an den Faher aufgrund der zahlreichen Steigungen und der damit zurückgelegten Höhenmeter so hoch, dass der Hobby-Fahrradfahrer dem nicht gewachsen ist." Ach ja? Noch nie auf einem Pedelec gesessen und noch nicht mitgekriegt, dass die Hobbyradler derzeit die Radläden stürmen, um sich Pedelecs zu kaufen.

Könnte es sein, dass das bei denen Ideologie ist? So eine absichtliche Ignoranz den Fakten gegenüber. Wirkt ein bisschen wie aus dem 20. Jahrhundert. Ideologie? Nein? Wirklich nicht?

Kommentare:

  1. Radfahren ist die Lebenseinstellung eines Privatanarchisten - Autofahren ist der Zwang zur konsumorientierten Bequemlichkeit.

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  2. Es grenzt an Idiotie mit Ideologie zu argumentieren während man selbst in einem Sumpf davon versinkt. Ich erkläre dann mal: "Lobbyismus und Korruption dürfen keinesfalls zum Spielball politischer Selbstverwirklichung werden." Ähm... ja.

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  3. Komisch, dass der Ideologie-Vorwurf immer so laut und dabei auch so unhöflich und polternd vorgetragen wird. Davon handelte dieser Artikel. Interessant, dass solche Artikel keineswegs dazu anregen, über das eigene Denken und Verhalten mal kurz nachzudenken, sondern nur dazu, die Vorwürfe zu wiederholen. Oder habe ich dich da missverstanden, FS?

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  4. Ich habe gestern versucht, einen Kommentar zu schreiben, aber mein Handy hat ihn einfach unterschlagen. Ich denke, eine Ideologie ist an sich nichts verkehrtes, wenn man nicht gerade extremist wird. Wenn ich jeden Morgen zur Arbeit radle, dann weil es sehr geschickt für mich ist. Wenn ich aber Eingaben bei der Stadt zur Rad(wegs)verbesserung oder bei der Critical Mass (was ist hier die korrekte Mehrzahl?) mitfahre, dann würde ich schon eher von ideologischem Denken ausgehen.

    Im Facebook kritisierte einer der Antworter die Radfahrer, die in mitten der Fahrspur fahren. Dazu möchte ich doch noch mal meine Schwester zitieren, die das so durchführt: ... ich fahre auch nicht mehr am Rand, sondern inmitten der Spur, damit die Autofahrer mich richtig überholen und sich nicht halb an mir mit zu wenig Abstand vorbeiquetschen" was ich sehr gut verstehen kann. Das ist Selbstschutz.

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  5. Danke, Christine, schoener Text!
    Lilly

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  6. Ich bin Ideologe. Meine Ideologie besteht aus Spaß haben, aus Kant und vielem anderen mehr.

    Zugegebenermaßen etwas verbohrt habe ich mich in die vielleicht verschrobene Idee, dass unsere Städte an Lebensqualität, an Spaß und Vernunft gewinnen, wenn sie nicht in allererster Linie als Halden für die Produkte der Kfz-Industrie dienen.

    Aber ich bin ein liberaler Ideologe. Ich lasse auch andere Meinungen gelten.

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  7. Ideologie ist ein uneindeutiger und damit schwieriger Begriff, denn er hat zwei Bedeutungen. Einmal, wertfrei, meint er Weltanschaung oder Lebenseinstellung.
    Daneben oder inzwischen in der Hauptbedeutung hat sich eine Begriffsverschiebung hin zu Ideologie als eifernde oder missionarische Weltanschauung mit Letztbegründungsanspruch im Sinner von letztgültiger Wahrheit entwickelt.

    Der Fall Leipzig ist interessant. Die CDU dort scheint nicht grundsätzlich, also "ideologisch", gegen Radverkehr zu sein. Das könnte sich eine aufstrebende, hart konkurrierende Stadt im Osten Deutschlands kaum leisten. Das weiß anscheinend auch die Leipziger CDU. Insofern, nimmt man den verlinkten Artikel, trifft die Kritik, dass die Leipziger CDU ideologisch gegen Radverkehr sei, daneben.
    Sie ist, wie übrigens die übergroße Mehrheit aller Radfahrenden, gegen Mischverkehr.

    Meiner Meinung nach liegt die Leipziger CDU in diesem Punkt nicht falsch. Wir im Westen kennen diese Spirale zur Genüge. Erst wird die Aufhebung der Benutzungspflicht gefordert (ADFC, Grüne), dann wird Mischverkehr per Gesetz als obligatorisch erklärt (jetziger oberster Autolobbyist Wissmann), dann folgt der Rückbau der Radwege (ADFC & Grüne u.a. aktuell in Hamburg), als vorläufige Krönung folgt die Forderung nach Aufstellung von Polizeisondereinheiten, um die immer noch unwilligen Radler in den Mischverkehr zu treiben (ADFC Berlin, https://radverkehrhamburg.wordpress.com/2015/11/03/berliner-adfc-setzt-neuen-trend-in-der-radverkehrspolitik-return-of-the-pickelhaube/ ).

    Unter klassisch ideologischen Gesichtspunkten ist das eine reaktionäre Politik.

    Alles unter der im verbiesterten Sinne "ideologischen" Prämisse, dass Mischverkehr das letztgültige Nirwana jedes Radfahrers zu sein habe und man zum Erreichen desselben vor Zwang nicht zurückschrecken dürfe.

    copenhagenize dazu: Vehicular Cyclists - Cycling's Secret Sect

    "I explained this Vehicular Cycling theory to my colleagues in brief. ...
    The first colleague, upon hearing this explanation, merely said, "Do these people hit their children, too?" ["We don't know, whether they hit their children or not. But we know, if the children are riding a bike they'll chase them by Special Police Units. They're Germans, you know?"]

    "After talking with so many bicycle advocates at Velo-City from around the world, I can understand that these Vehicular Cyclists are regarded in many areas as a frustrating deterrent [Abschreckung] to mainstreaming cycling. "A cold-sore [Herpes] that just won't go away", in the words of a German colleague. "Kinda like those vuvuzela horns at the World Cup", said his colleague....
    It is a small, yet vocal, group that is male-dominated, testosterone-driven and that lacks basic understanding of human nature."

    Böse Worte von Mikael Colville-Andersen, copenhagenize. http://www.copenhagenize.com/2010/07/vehicular-cyclists-secret-sect.html

    Was er nicht erwähnt, weil er das aus Dänemark nicht kennt:

    Erfolg haben diese Ideologen nur, weil ihr Streben den Bemühungen der deutschen Kfz-Industrie nach Marginalisierung des Radverkehrs in die Karten spielt und sie gesetzgeberisch und mit "Forschungen" aus der Kfz-Lobby und dem BMVI massiv unterstützt werden.

    Siehe z.B. Die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) analysiert Mischverkehr/Schutzstreifen. Sicherheit und Respekt. Auf:
    https://radverkehrhamburg.wordpress.com/
    "

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