21. Januar 2016

Keine Angst vor Radfahrern!

Am Dienstag war die geplante Fahrradstraße Tübinger Straße wieder Thema im Bezirksbeirat Süd. 

Schöne Pläne haben wir gesehen. Eigenartig nur die Angst der städtischen Vertreter vor dem, was Radfahrer tun könnten, wenn sie eine Fahrradstraße haben.

Der Versuch mit der Vorfahrtstraße werde abgebrochen, hörten wir, wenn es zu Unfällen kommt. Dahinter war die Sorge spürbar, Radler könnten plötzlich sehr viel schneller unterwegs sein als bisher, in sich öffnende Autotüren von Parkern krachen oder Fußgänger umnieten. Als ob die Radfahrer, die heute in der Tübinger unterwegs sind, nicht jetzt schon genau so schnell radeln würden, wie sie jeweils persönlich können. Das tun Radfahrer immer. Auf Fahrbahnen sind sie, je nach Fitness mit zwischen 25 und 30 km/h unterwegs, auf jeden Fall also langsamer als die Autos.


Dennoch behaupten Fußgänger oft, die Radler würden irrsinnig rasen. Und eine Fahrradstraße mit Vorfahrtsregelungen an den Kreuzungen, so anscheinend die Befürchtung, würde sie zu Tempo-Bestien machen. Fußgänger beschweren sich jetzt schon, hörten wir, über Radler, die an Zebrastreifen nicht anhalten, sondern hinter den Fußgängern oder auch mal vor ihnen vorbeifahren.

Ich habe an anderer Stelle schon darüber geschrieben, warum Radler an Zebrastreifen dem Fußgänger Vorrang gewähren können, ohne anhalten zu müssen und ohne den Fußgänger dabei in Gefahr zu bringen. Auch meine Beobachtung habe ich beschrieben, dass in den Augen von Fußgängern Radler zu gesichtslosen Krokodilen werden, deren Verhalten man nicht einschätzen kann. 

Das ist mangelnde Übung der Fußgänger im Umgang mit Radfahrern. Es ist völlig klar, dass wir Radler Fußgänger nicht gefährden wollen und dürfen, aber Fußgänger sollten uns da auch mit etwas mehr Gelassenheit begegnen. Auch Radfahrer haben Augen und sehen den Fußgänger, und zwar selbst dann, wenn der Fußgänger den Radfahrer nicht gesehen hat (und dann erschrickt). Und es liegt daran, dass wir Autos gut einschätzen können, obwohl wir die Fahrer kaum sehen, aber Radfahrer nicht, obwohl wir ihnen sogar in die Augen schauen können. Radler werden oft nicht als Menschen wahrgenommen, wozu auch die immer wieder laut geforderte Behelmung und Ausrüstung mit Schutzkleidung gehört. Das macht Radler zu etwas Eingerüstetem. Das Fahrrad ist außerdem leise wie ein Raubtier, oft hören Fußgänger es nicht, und sie sehen es auch nicht, weil sie in ihre Handys oder Gedanken vertieft sind. Radfahrer werden wahrgenommen wie Raubtiere: Plötzlich sind sie da. Und schneller sind sie auch noch.

Auch als an der Oper die Querung für Schüler eingerichtet wurde, herrschte diese drohende Besorgnis. Als ob Radler gewohnheitsmäßig Fußgänger umnieten würden. Sie haben es nicht getan, und sie werden es auch in der Tübinger Straße nicht tun.

Diese Angst vor den Radfahrern ist zwar offensichtlich verbreitet und wird auch gern mit lauter Stimme deklariert. Aber wir sind doch vernünftige Menschen und können uns fragen, woher die Angst kommt und ob sie begründet ist. Und sie ist unbegründet.

In den vergangenen Jahren ist von Radfahrern in Stuttgart kein Mensch totgefahren worden. Durch den Autoverkehr starben im vergangenen Jahr drei Menschen. Ja, es gibt auch Unfälle zwischen Radfahrern und Fußgängern, und es kann auch Verletzte dabei geben (wobei sich meist der Radfahrer schwerer verletzt, weil er stürzt). Aber das Auto ist für den Fußgänger wesentlich gefährlicher. 

Es stimmt auch der Eindruck nicht, dass Radfahrer rasen. Mein Nebensitzer bei der Diskussion war felsenfest überzeugt, dass Radler in der Tübinger (eine Tempo 30-Zone) viel schneller als die Autos unterwegs seien. Und erst recht, wenn das ganze Fahrradstraße wird. Erst als ich ihn daran erinnerte, dass auch Pedelecs nicht schneller sind als andere Räder, weil sie bei 25 km/h den Saft abgedreht bekommen, erinnerte er sich, dass er sich bei den DB-Leih-Pedelecs auch schon geärgert hat, dass er nicht schneller fahren konnte als das übliche Straßentempo von um die 25 km/h.

Also bitte keine Angst vor Radfahrern. Es ist kein Wagnis, aus der Tübinger Straße ein Fahrradstraße zu machen, sondern eine Notwendigkeit. Denn es sind dort mehr Radler als Autos unterwegs, die vor dem ungeduldigen Autoverkehr dort auch mal geschützt werden müssen. 

Es ändert sich für Radfahrer auch kaum etwas, wenn die Tübinger zur Fahrradstraße wird. Es werden immer noch viele Autos unterwegs sein (auch wenn die Durchfahrt stadtauswärts durch eine Einbahnstraße in Gegenrichtung unterbrochen wird), es werden nach wie vor Autos parken, und es werden Autos in zweiter Reihe halten. Immer noch werden breite Autos an Zebrastreifen halten und damit auch den Radfahrer zum Halten zwingen. Und es wird auch genügend Autofahrer geben, die Radler auf der Fahrradstraße sogar mehr oder weniger waghalsig überholen.

Die Einzelheiten über die Pläne für die Tübinger Straße kommen später.



Kommentare:

  1. Es wird gerne versäumt, darüber zu reden, wie Fußgänger auch Radfahrer gefährden, wenn sie ohne zu schauen auf die Straße laufen. Mir passiert das regelmäßig und im Regelfall achte ich auch immer darauf, um eine Kollission zu vermeiden. Das hilft aber auch nicht immer, wie ich im Dezember erst schmerzlich erfahren musste, als eine Frau einfach ohne zu schauen auf die Straße lief - vorher noch schön verdeckt durch ein parkendes Auto. Ich hatte keinerlei Chance zu bremsen oder auszuweichen, obwohl ich fast mittig auf der Fahrspur fuhr und definitiv deutlich innerhalb des Tempolimits von 30 km/h. Mit ein paar Prellungen bin ich da noch gut gefahren - das hätte auch übler ausgehen können.

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    1. Hallo Thomas! Genau das ist mir auch passiert. Fußgängerin kommt zwischen parkenden Autos raus und überquert ohne zu schauen die Straße. Ich konnte nicht mehr reagieren und wir sind beide gestürzt. Nur war meine Unfallgegnerin nicht so verständnisvoll. Die Polizei wurde gerufen und schnell hatten sich zwei Zeugen gefunden, die bestätigten, dass ich viel zu schnell war. Auf der Straße waren 50 km/h erlaubt! Für Fußgänger sind wir immer zu schnell. Ich könnte hier Geschichten erzählen von unaufmerksamen Fußgängern mit Stöpsel im Ohr, starrer Blick aufs Handy. Seltsamerweise ist mir auf kombinierten Fuß-/ Radwegen noch nie was passiert. Die wirklich gefährlichen Situationen hatte ich auf der Straße mit Autos und querenden Fußgängern. Leider merken sie es nicht, dass nur deshalb nichts passiert, weil ich aufpasse!

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    2. Genau, viele Fußgänger merken gar nicht, dass ihnen nichts passiert, weil wir aufpassen. Wie ist das mit der Polizei ausgegangen? Denn dass du zu schnell warst kann ja nicht gegolten haben auf einer 59 km/h-Straße. Gilt übrigens auch auf 30-km/h-Straßen. Radler sind nur äußerst selten schneller als mit 30 km/h unterwegs. Den Fußgängern kommt das immer zu schnell vor, das stimmt. Ich habe da schon mit Leuten diskutiert und ihnen gesagt: Schauen Sie, dieser Radler fährt nicht schneller als das Auto hinter ihm. Und das Auto fährt langsam.

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    3. Da ich keinen Tacho habe, konnte ich nicht beweisen, nicht zu schnell gewesen zu sein. Am Ende wurde mir von der Polizei unangepasste Geschwindigkeit unterstellt. Der Beamte, bei dem ich meine Aussage machte, meint auch gleich das in einem solchen Fall immer der "stärkere" Verkehrsteilnehmer in der Schuld steht. Die Dame hat mich dann am Ende noch angezeigt und gegen die Zahlung eines dreistelligen Betrages wurde das Verfahren gegen mich eingestellt.

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    4. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, weiß ich, dass ich ein erhöhtes Gefährdungspotential für andere Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Radler mitbringe. Damit muss ich auch bei einem nicht verschuldeten Unfall mit einer Teilschuld rechnen. Den Radfahrer als stärkeren Verkehrsteilnehmer gegenüber Fußgängern zu sehen, geht an der Realität vorbei. Das würde mich mal interessieren, wie das grundsätzlich in der Rechtsprechung tatsächlich gehandhabt wird.
      Tut mir jedenfalls leid zu hören, wie das für dich ausgegangen ist. Da muss ich mich jetzt schon glücklich schätzen!

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  2. Ja. Ich halte mich damit zurück, weil die Fußgänger ja schon von den Autos gescheucht werden. Es gab ja auch, als das Auto eingeführt wurde, Probleme mit Fußgängern, die blind über die Straßen gelaufen sind, so wie sie das gewohnt waren, und dann setzte ein kampagnenartiger Erziehungsprozess ein. Ich sehe schon auch, dass unsere Stuttgarter Fußgänger ein bisschen dazulernen sollten, was den Umgang mit Radfahrern betrifft. Andrerseits sehe ich auch das Bedürfnis der Fußgänger, vor allem in Parks und auf Gehwegen, auch ein bisschen schusselig zu sein und sich sicher zu fühlen. Aber ich vermute, das siehst du ähnlich.

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  3. Ganz bestimmt! Gerade in Zonen mit gemischtem Verkehr geht es nicht anders. Du hast darüber ja auch vor kurzem was geschrieben, wenn ich mich nicht irre. Ich habe in Karlsruhe ein perfektes Beispiel, wo das problemlos funktioniert. Da geht es um eine etwas unglückliche Führung von Fußgängern und Radfahrern wegen einer der vielen großen Baustellen. Am Anfang haben sie das stark reglementiert und auch mal kontrolliert. Inzwischen ist es in beide Richtungen auch für Radler freigegeben und ich habe nicht den Eindruck, dass es dort richtige Konflikte gäbe.
    Meine Kollission war aber mitten auf der Straße! Dabei muss ich aber zugeben, dass ich vermutlich selbst nur deshalb so aufmerksam bin, wenn ich zu Fuß bin, weil ich die andere Seite kenne. Ich habe der Frau auch keine Vorwürfe gemacht. Ihr hat es extrem leid getan und immerhin haben wir es beide halbwegs unbeschadet überlebt! ;)

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  4. Die Leute, die Radfahrer als Gefahr für Fußgänger darstellen, leiden unter Realitätsverlust. Jeder, der einen Blick in die Unfallstatistiken wirft, sieht sofort, das es sehr viel wahrscheinlicher ist, als Fußgänger von einem Autofahrer ins Krankenhaus oder ins Grab gebracht zu werden, als von einem Radfahrer.

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  5. Das gute alte Ausspielen von Gruppen gegeneinander,

    gut getarnt als "Besorgnis", funktioniert immer noch. Solange das so geht, sind die Probleme nicht wirklich groß.

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