25. Februar 2016

Ein Auto braucht viel Platz

Für Radler gibt es in unseren Städten zu wenig Platz, gemessen an ihrem Anteil am Verkehr. Deshalb weichen sie auf Bürgersteige und Fahrbahnen aus. 

Das schafft Ärger, einerseits bei den Fußgängern, andererseits bei den Autofahrern. Die Initiative Clevere Städte in ihrem Flächengereichtigkeitsreport hat für Berlin eine genaue Studie dazu vorgelegt, welche Verkehrsart wie viel Platz für sich beansprucht.

Demnach können nur 3 % der Berliner Straßen Radfahrer auf eigens für sie vorgesehenem Platz (Radspuren etc.) fahren. Dabei liegt der Radverkehrsanteil bei allen Wegen in Berlin heute schon bei 15%.
Für den fahrenden Autoverkehr sind 39% der Fläche reserviert und für parkende Autos 19%. Damit entfallen 58% der Berliner Verkehrsfläche auf den Autoverkehr, obwohl nur noch 33% der Wege (im Durchschnitt aller Stadtteile) mit dem Auto zurückgelegt werden.

Quelle: clevere-städte

600 Prozent mehr Radverkehrsflächen wären nötig

Die Initiative hat ausgerechnet, dass der Autoverkehr 19 mal mehr Fläche zur Verfügung hat als der Radverkehr. Demnach müssten in Berlin die Radverkehrsflächen um 600 % ausgebaut werden, damit sich der Anspruch des Berliner Senats, 20 % Radverkehrsanteil zu bekommen, auch in der Flächengerechtigkeit widerspiegelt.

In 95 % aller Berliner Straßen wäre genügend Platz für eine Radspur oder Radwege, vor allem, wenn man die Höchstgeschwindigkeit drastisch senken würde (20-30 km/h), was Radlern den Fahrbahnraum zurückgibt. Dann braucht man nicht einmal Radspuren. Da Radler sehr wenig Platz brauchen im Vergleich zum Straßenpanzer für vier Personen, den meist nur eine Person fährt, wird das Ganze auch ziemlich billig für die Stadt.


Parkende Autos brauchen 19 Prozent der Verkehrsfläche

Ein besonderes Augenmerk legt die Studie, die nach und nach in anderen Städten durchgeführt werden soll, auf die parkenden Autos. Autos werden in der Stadt nur durchschnittlich eine halbe Stunde am Tag genutzt. Mit anderen Worten sie stehen 23 1/2 Stunden herum. Und zwar meistens im öffentlichen Raum, nämlich am Straßenrand.

Der Straßenrand ist auch in Stuttgart zugeparkt. 

Auf dem Foto (zweites von oben) sieht man einen roten Wagen auf dem Radstreifen stehen. Der Fahrer saß drin und spielte ein Handyspiel. Er war so wenig willens wegzufahren, dass ich diesmal das Autokennzeichen nicht unkenntlich gemacht habe. Sein Verhalten ist frech. Zumal der Radler hier in den Gegenverkehr einer Einbahnstraße radelt, wenn die Autos gegenüber aus der Kolbstraße Grün bekommen.  In Stuttgart sind so gut wie alle Straßenränder parkenden Autos vorbehalten, es sei denn, es handelt sich um viel befahrene Autostraßen.

Parkende Autos, also Parkplätze am Straßenrand sind eine Gefahr für Radfahrer. Die Stadt Stuttgart ist nämlich deshalb so in Sorge angesichts der Fahrradstraße Tübinger Straße, die im Sommer kommen soll, weil es offenbar viele Dooring-Unfälle auf der Tübinger Straße gibt. (Autofahrer parkt, stößt die Fahrertür auf und erwischt einen Radfahrer.) Die Stadt befürchtet, dass die Radler schneller unterwegs sein könnten und die Dooring-Unfälle deshalb zunehmen.

Verkehrte Welt. Denn der Gedanke, der dahinter steht ist: Weil Autos für Radfahrer gefährlich werden (weil Fahrer nicht schauen, bevor sie die Tür aufmachen), dürfen Radfahrer keine Fahrradstraße mit Vorrang für Radfahrer bekommen.

Und wie wäre es, wenn man entlang der Tübinger Straße die Parkpätze abschafft? Weg mit dieser finster beengten Situation (Foto rechts)! Niemand darf dort mehr am Straßenrand parken, auch nicht halten. Parkhäuser gibt es ja wirklich reichlich. Und wenn die Autofahrer die Straße nicht mehr zuparken (etwa so wie die Königstraße nicht zugeparkt ist), entsteht öffentliches Leben: Cafés, Aufenthaltsflächen, Shopping-Flanier-Publikum und neue Läden können aufmachen.

Wer es genauer nachlesen wir, hier der LINK zum PDF zum Flächentrechttigkeitsreoport der Initiative Clevere Städte.

Kommentare:

  1. Ich finde in Stuttgart besonders bedauerlich, das Schutzstreifen für Fahrradfahrer häufig in der Dooring-Zone liegen. Das kann eine fatale Kettenreaktion zur Folge haben, der ich mehrmals nur knapp entronnen bin: Der Autofahrer parkt, schaut nicht und reißt die Tür auf, der Radfahrer weicht nach links aus, wo ein anderer Autofahrer ihn gerade von hinten überholt - ohne die gesetzlich vorgeschriebenen 1.5m Sicherheitsabstand im Irrglauben das der Schutzstreifen eine eigene Fahrspur ist und der Radfahrer beim "Spurwechsel" ihm Vorfahrt gewähren muß.
    Wenn wir Stuttgart fahrradfreundlicher gestalten wollen, bleibt nur das niederländische Modell: Entflechtung von Rad- und Autoverkehr auf getrennten Verkehrswegen. Und da bei uns kein Platz für zusätzliche Verkehrswege vorhanden ist, müssen Verkehrswege die bisher für Autoverkehr genutzt wurden für selbigen gesperrt werden.

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  2. Stimmt. Leider ist Stuttgart im Gegensatz zu Berlin sehr eng, zumindest im Kessel. Ich halte es auch für unabdingbar, dass man dem Autoverkehr ganze Spuren wegnimmt, was übrigens, wie Baustellen zeigen, viel unproblematischer ist als die Autofraktion immer denkt. Ich bin für Radspuren in Fahrbahnbreite etwa entlang der Theo und entlang der Konrad-Adenauer-Straße. Und das wird auch kommen ... irgendwann.

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  3. Der Kessel ist zwar eng, es ist aber trotzdem Platz da. Im Bereich der Hauptstätter Strasse zwischen Österreichischem Platz und Charlottenplatz kann man 8 bis 11 Fahrspuren für Autos zählen.
    Dass ein Radweg keinen Platz hat, hat andere Gründe als "enger Kessel", es ist ein Verteilungsproblem.

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  4. Die Zahlenspielerei in dem Flächengerechtigkeitsreport ist Quatsch, weil Radfahrer auch auf Fahrbahnen fahren. Das ist der Normalfall laut StvO: "Fahrzeuge müssen die Fahrbahnen benutzen". Das Problem ist, dass sie dort nicht in Ruhe fahren gelassen werden und bei Stau nicht vorwärtskommen. Das muss man ändern, und nicht auf 95% der (Berliner) Straßen noch ein Streifchen an den Rand malen, wo kein Platz ist, einen Radfahrer gefahrlos zu überholen. Das einzig Richtige, was man malen kann, ist sowas hier
    http://imgur.com/gallery/hXJreBs

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    1. Nur weil der Verkehrsminister per ordre de mufti FAHRräder zu FAHRzeugen erklärt, die die FAHRbahn benutzen müssen, mutieren Fahrbahnen nicht zu Radverkehrsinfrastruktur.
      Das ist doch Zitronenfalter-Logik.

      Nach diesewr Logik wäre auch das Stuttgarter Atemluft Problem längst gelöst:: Manipuliere die Abgaswerte bei einem Dieselstinker und nenne ihn "Clean Diesel" (ehem. Verkehrsminister Wissmann, der mit der FAHRbahn) schon ist das Abgasproblem gelöst.

      Umetikettierung verdorbener Ware reicht nicht. Echte Radinfrastruktur muss her.

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    2. Ohne Radinfrastruktur, also sichtbare Radrouten auf den Fahrbahnen, wird es keine Zunahme des Radverkehrs geben (Ohne anständige PR übrigens auch nicht). Nur ganz hargesottene radeln im fließenden Autoverkehr mit. Die finden das gut. Die anderen, vor allem die deutlich langsameren nicht, die haben Angst. Die Radnationen wie Holland oder Dänemark zeigen auch, dass erst der Umbau der Fahrbahnen zu Radwegen (samt Einzug von Parkplätzen) den Radverkehr wirklich ankurbelt. In Stuttgart radelt man auch gut in Nebenstraßen, das braucht man keine Radspuren, wenn Tempo 30 herrscht, aber entlang der Tempo-50-Strecken braucht man massive Radinfrastruktur samt angemessenen Ampelschaltungen.

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    3. Ich finde gut wenn es KEINE Radwege gibt. Denn ich fahre dort wo es eigentlich für mich nicht erlaubt ist. Wenn Radinfrastruktur gebaut wird ist es immer gleich wieder ein "verpflichtender" Radweg, d.h. ich muss dort fahren. Deshalb denke ich es ist besser eher weniger "richtige" Radwege zu bauen.

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  5. Ich sehe es auch wie Michael.

    Und, @Günther: Fahrräder sind nun mal Fahrzeuge. Das hat nicht der Verkehrsminister so bestimmt, das ergibt sich aus logischen und sprachlichen Gründen. Ich fahre übrigens auf Fahrbahnen hervorragend mit meinen Fahrzeugen.

    @Christine: das mit PR statt Separation wurde nun oft genug in den Kommentaren zu deinen Beiträgen erörtert. Einfach schade.

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  6. »Ich finde in Stuttgart besonders bedauerlich, das Schutzstreifen für Fahrradfahrer häufig in der Dooring-Zone liegen« ( Carsten Otte am 25. Februar 2016 um 09:03 )

    Man müsste sie nur 3,6 m breit machen, so dass 1,5 m für den Abstand des Radfahrers zu geparkten Fahrzeugen, 0,6 m für den Radfahrer und 1,5 m für den Seitenabstand der Überholenden zu Radfahrern hineinpassten; dann ging's.

    Friedhelm Waitzmann, Stuttgart, <publicJJJJMM.fwnsp@spamgourmet.com>

    Bitte JJJJ durch das Jahr und MM durch den Monat des Datums von heute ersetzen.

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