5. Februar 2016

Von der Schwierigkeit, dem Radverkehr Vorrang zu geben

Fahrradstraße Tübinger Str. (Fotomontage)
Kaum rückt der Termin näher, wo die Tübinger Straße in eine Fahrradstraße umgewandelt wird, tauchen alte Ängste auf. 

Werden die Radler zu Ungeheuern, sobald man ihnen eine Straße gibt? Dürfen wir ihnen Vorfahrt geben, oder gibt es dann reihenweise Unfälle mit Radlern und Fußgängern?

Der FDP-Vertreter war ganz dagegen, dass Radler auf der Fahrradstraße Vorfahrt vor den Nebenstraßen bekommen. CDU, SPD und Freie Wähler wollten höchstens einem zweijährigen Versuch zustimmen, der sofort abgebrochen werden dürfe, wenn die Polizei meint, es sei zu gefährlich. Beschlossen wurde also auf der Bezirksbreiratssitzung Süd am Dienstag, dass man es zunächst nur versucht mit der Vorfahrt für Radfahrer/innen.

WGV möchte neue Zufahrt über die Fahrradstraße
Die Diskussion im Bezirksbeirat war auch deshalb gespenstisch,  weil SPD, CDU, FDP, AFD und FW zugleich der WGV eine neue Zufahrt in die Fangelsbachstraße zum hauseigenen Parkhaus gewähren wollten. Diese Fangelsbachstraße ist Einbahn in Richtung Tübinger Straße. Eine Gehwegnase sichert den Schulweg.

An dieser Ecke sind früher immer wieder Schulkinder angefahren worden. Deshalb hat man daraus eine Einahnstraße gemacht und auch die illegale Einfahrt mit einer Gehwegnase verstellt.

Gehwegnase Fangelsbachstraße. 
Grüne, Linke und Piraten haben sich dagegen ausgesprochen, das wieder rückgängig zu machen. Der Vorschlag wurde mit 8 zu 8 abgelehnt (Nach der Gemeindeordnung ist ein Vorstoß bei Patt abgelehnt). Das heißt aber nicht, dass das so gilt, denn der Bezirksbeirat hat nur beratende Funktion.

Wenn man die Fangelsbachstraße aber wieder Richtung Hauptstätterstraße öffnen würde, heiße das, einen Zufahrtsverkehr von Autos erzeugen, der die Tübinger Straße und den Silberburgstraße entlang kommt. Das konterkariert die Idee der Fahrradstraße und die Idee, dass man Innenstädte für Fahrräder, nicht aber für Autofahrer attraktiv macht.

Da müssen wir doch noch sehr umdenken lernen: Denn wenn es um Autos geht, scheint das Argument der Gefahr für Radler und Fußgänger auf einmal wieder hinfällig.

Und so sieht der Umbau der Tübinger nach den Plänen des Ordnungs- und des Tiefbauamts konkret aus: Vor den Sommerferien soll die Fahrradstraße fertig sein.

An jeder Kreuzung werden Vorfahrtsschilder aufgestellt.
Eine Einbahnstraße für Autos zwischen Römerstraße und Cottastraße Richtung Gerber wird eingerichtet, damit der Schleichverkehr bei Stau auf der Hauptstätter Straße nicht mehr durchfahren kann. Es werden Hinternisse aufgestellt, damit Autos nicht illegal durchfahren. Die schmalen Radschleusen an der Feinstraße sollen bleiben. Auf der Schleusen-Seite Marienplatz kommt ein Wendehammer hin.

Die Fahrradstraße wird für Anlieger freigegeben. 
Anlieger sind Bewohner der Häuser,  Lieferanten, Besucher der Bewohner, Hotelgäste, Inhaber und Mitarbeiter von Geschäften, Büros, Praxen oder Kanzleien und deren Kunden, Patienten oder Mandanten. Keine Anlieger sind Autofahrer, die einfach nur durchfahren um irgendeinen Weg abzukürzen. (Auch die Durchfahrer zum WGV-Parkhaus wären keine Anlieger, würden aber trotzdem fahren.)


Die Straße befindet sich in einer Tempo-30-Zone. (Die Gefahr, dass Radler die Geschwindigkeitsbegrenzung überschreiten, besteht nicht. Das Tempo vorn Radlern wird von Fußgängern meist grandios überschätzt. Die meisten fahren zwischen 14 und 23 km/h. Und auch schnelle Radler sind auf ebenen Strecken in der Stadt nicht schneller als 30 km/h.

Die Zebrastreifen belieben erhalten. Fußgänger beschweren sich jetzt schon immer wieder, sie würden von Radlern missachtet und gefährdet. Sie sind es aber tatsächlich nicht. Sie schätzen die Gefahr nur falsch ein.

Ein Fußgänger hat auf dem Zebrastreifen Vorrang, nur dass der Radler meistens nicht zum Stillstand stoppen muss, so wie die breiten Autos, um den Fußgänger durchzulassen, sondern nur abbremst und sich dann hinter dem Fußgänger vorbei schlängelt. Auch mal vor ihm, falls der Fußgänger arg zögert oder stehen bleibt. Dann glaubt sich der Fußgänger behindert. 

Fußgänger müssen lernen, Radlern nicht mit Angst zu begegnen. Sie müssen nicht am Straßenrand warten, wenn ein Radler kommt, sie können einfach über den Zebtrastreifen marschieren,  vor allem, wenn es einen Blickkontakt gab. Der Radler sieht sie und umfährt sie. Es sind übrigens meist die Radfahrer, die einen Zusammenprall mit dem Fußgänger vermeiden, vor allem mit denen, die diagonal über die Fahrbahn gehen und dabei blind und taub für die Umwelt aufs Handy blicken. 

Radfahrer sehen Fußgänger, auch wenn Fußgänger oft Radfahrer nicht sehen. 

Und wir sollten nicht ausgerechnet auf der Hauptradroute 1 Fußgänger gegen Radfahrer ausspielen, jetzt da Radler gerade mal das Ausspielen des Autoverkehrs gegen sie zu ihren Gunsten entschieden haben (wenn auch nur halb).

Die Tübinger Straße ist längst Fahrradstraße. Auf ihr fahren jetzt schon über 2.000 Radfahrer/innen jeden Tag und damit mehr als Autos. Und es werden mehr werden. Es sollen ja auch mehr werden. 





Kommentare:

  1. Wie haben sich denn die Stadtisten dazu positioniert?

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  2. "Fußgänger beschweren sich jetzt schon immer wieder, sie würden von Radlern missachtet und gefährdet. Sie sind es aber tatsächlich nicht. Sie schätzen die Gefahr nur falsch ein."
    "Fußgänger müssen lernen, Radlern nicht mit Angst zu begegnen." usw.

    Das finde ich völlig inakzeptabel.
    So wie es für Radler eine Infrastruktur mit hoher Aufenthaltsqualität geben muss - und echte Fahrradstraßen sind ein guter Schritt dahin - muss auch die Aufenthaltsqualität für Fußgänger hoch sein. Dafür ist Respekt, nämlich das Einhalten eines gebotenen Abstandes, unabdingbar. Besonders wichtig ist der Respekt des Stärkeren vor den Rechten des Schwächeren.
    Übersetzt auf den Straßenverkehr: Der Respekt des Autofahrers gegenüber Radler/Fußgänger sowie der Respekt des Radlers gegenüber dem Fußgänger.
    Das nennt sich Zivilisation.

    "Es sind übrigens meist die Radfahrer, die einen Zusammenprall mit dem Fußgänger vermeiden, vor allem mit denen, die diagonal über die Fahrbahn gehen und dabei blind und taub für die Umwelt aufs Handy blicken."
    Oft auch umgekehrt.
    Erinnert im Übrigen stark an die unselige Jaywalking-Kampagne, mit der den Opfern des Kfz-Verkehrs, den Fußgängern und Radlern, die Schuld zugeschoben wurde.

    Jaywalking: How the car industry outlawed crossing the road
    http://www.bbc.com/news/magazine-26073797

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    1. Ja, so ist es. Aber die Schwaben und die Deutschen brauchen immer Recht, Gesetz, Vorschriften und Schuldige. Bloß keine Verantwortung übernehmen im Sinne von §1 StVO. Verantwortung ersetzen wir durch Gesetzgebung, Politik durch das EuGH. Zum Ausgleich fahren dann manche ohne Rad nach Neapel oder Bangkok und erfreuen sich an der ... ?.

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    2. Günther, wenn du mein Blog kennst, dann weißt du, dass ich vertrete: Radfahrer haben unter Fußgängern nicht zu suchen, sie gehören auf die Fahrbahn. (Leider schickt Stuttgart sie viel zu oft auf Gehwege, das kritisiere ich immer wieder vehement.) Ich meine aber auch: Eine Fahrradstraße ist für Fahrräder. DA haben die Vorrang. Wenn man jetzt kommt und sagt; diese Straße soll aber auch eine Fußgängerstraße sein, dann spielt man Fußgänger gegen Radfahrer aus und sagt: Radfahrer sollen eigentlich nirgends sein, und wenn, dann nur als solche, die allen nachrangig geordnet sind. Die Tübinger Straße ist überdies eine Fahrbahn, eine Auotstraße. An Autos haben wir uns gewöhnt, an Radfahrer offenbar noch nicht. Ich meine aber, wir sollten uns, auch die Fußgänger, an Radfahrer gewöhnen und uns damit auseinandersetzen, wie Radfahrer unterwegs sind. Nämlich sehr wachsam und keineswegs auf Unfälle aus, sondern Spezialisten im Vermeiden von Zusammenstößen jeder Art, denn sie haben anders als Autofahrer keinen Panzer um sich herum. Ein Radfahrer ist keineswegs wirklich stärker als ein Fußgänger (er ist nur schneller), denn bei einem auch nur leichten Zusammenprall, nur einem Hängenbleiben an einer Handtasche, stürzt der Radfahrer und verletzt sich meist schwerer als der Fußgänger. Deshalb ist er wesentlich wachsamer und vorausschauender unterwegs als viele Fußgänger. Wenn du selber Rad fährst, weißt du das. Und du weißt auch, dass Fußgänger, die Radfahrern ausweichen, bei dir eine Vollbremsung verursachen. Gehen sie einfach ihres Weges, dann weißt du, auf welcher Seite du an ihnen vorbeifährst. Es ist gut - und dafür plädiere ich hier - wenn Fußgänger ihres Wegs gehen, also über ihre Zebrastreifen. Der Radfahrer richtet sich nach ihnen. Fußgänger brauchen sich nie nach dem Radler zu richten. Dann funktioniert das Zusammenspiel. Im Schlossgarten funktioniert das zum Beispiel meistes sehr gut. Auf der Fahrradstraße Tübinger Straße haben Fußgänger (wie im Autoverkehr auch) Vorrang nur auf den Zebrastreifen. Und das halte ich für richtig. Ich halte es auch für richtig, dass man Radwege nicht in Fußgängerbereichen einrichtet, denn das checken Fußgänger in Stuttgart nicht. Auf der Fahrbahn aber, auf die Radfahrer gehören, haben sie auch jedes Recht in ihrer GEschwindigkeit zu fahren (das sind ja nur zwischen 14 und ca. 25 km/h und immer viel langsamer als Autos.) Wenn du mal am Marktplatz auf der Fahrradstraße fährst, siehst du, dass Fußgänger sich um Radler nicht kümmern und blicklos rüber gehen (auf Autos aber achten sie). Da sind es wir Radler, die sie sehen und umfahren.

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    3. Nein, Stefan, so ist es nicht. Jahrzehntelang hat sich niemand darüber aufgeregt, dass Autos auf der Fahrbahn immer Vorfahrt vor allen anderen haben. Der Autoverkehr wird nur kurz angehalten, damit Fußgänger queren können. Seit zehn Jahren entdeckt man den Fußgänger und will ihm - was ich richtig finde - mehr Verkehrsraum zurückgeben. Seit einigen Jahren weiß man aber auch, dass Fahrradfahrer den Innenstadtverkehr entscheidend von Autos entlasten und ruhiger machen. Aber dafür muss man Radfahrern auch den Platz geben, wo sie gut vorankommen können. Eine Fahrradstraße zum Beispiel, und auf der dürfen nun nicht plötzlich Fußgänger Vorrang bekommen. Sie müssen sich dort nicht anders verhalten, als auf einer Autostraße, dann ist alles gut. Radfahrer sind bestimmt die wachsamsten und vorausschauendsten aller Verkehrsteilnehmer, denn, egal, ob sie mit einem Auto oder mit einem Fußgänger zusammenstoßen, es sind immer sie, die stürzen und sich verletzen. Sie haben keinen Panzer wie Autofahrer, und sie haben keine Verkehrsfläche, die nur ihnen gehört, wie Fußgänger die Gehwege, wo sie auch mal auf gar nichts aufpassen müssen. Radfahrer werden in Stuttgart zwischen Autoverkehr und Fußgängerverkehr hin und her geschubst. Alle ärgern sich über sie. Ich finde, wir Radler haben durchaus das Recht, Verkehrsräume für uns zu fordern, auf denen wir wenigstens Vorrang haben. Wir dürfen nicht länger die letzten in der Hackordnung der Verkehrsteilnehmer sein, nicht mehr das Dritte, das keiner haben will.

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    4. Ja, es ist so einfach: Rad fahrende stellen eine marginale Gefahr für zu Fuß gehende dar. Und wenn die Einrichtung von Fahrradstraßen dazu führt, dass dort weniger KFZ-Verkehr fließt, dann dient das immer auch Fußgängern. Das macht diese Straßen jedoch nicht zu Fußgängerzonen.

      Auch wenn achtlose Fußgänger ein Ärgernis und besonders auf schmalen Radwegen auch eine Gefahr für Rad fahrende sein können, so sind diese Begegnungen immer wesentlich ungefährlicher als solche mit Stadtpanzern.

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    5. Hallo Christine, generell sehe ich das ähnlich wie Du. Meine abweichende Einschätzung lautet lediglich: In Innenstadtbereichen von größeren Städten ist das Prinzip der räumlichen Trennung der Verkehrswege zwischen Autos, Radfahrern und Fußgängern besonders schwierig, weil der notwendige Verkehrsraum zur Separierung i.d.R. nicht vorhanden ist, jedenfalls nicht durchgängig. Deshalb bin ich (bislang) der Auffassung, dass die Netze in Innenstadtbereichen nicht getrennt werden sollten, sondern im Grunde so etwas wie ein shared space praktiziert werden sollte. Dies hat dann natürlich auch Auswirkungen auf die „freie Fahrt für freie Radfahrer“. Ja, ok, aber es betrifft ja nur die paar hundert Meter Streckenlänge in der Citylage. In keiner City der Welt lässt sich mit dem Auto oder mit dem Fahrrad einfach so durchbrausen, wobei richtige Großstädte viel mehr als nur eine City haben.

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