27. März 2016

Gefangene der Angst

Die Vor hundert Jahren hatten Kinder einen Aktionsradius von sechs Kilometern. In meiner Kindheit waren es anderthalb, heute beträgt der Aktionsradius von Kindern Null. 

Vor hundert Jahren sind Kinder oft kilometerweit zur Schule gelaufen, sie haben die Wälder und Felder durchstreift. Sechs Kilometer war ein Radius, der dafür sorgte, dass Kinder abends zum Abendbrot wieder zu Hause waren.

In meiner Kindheit (Ende 60er, Anfang 70er Jahre) haben wir einen Umkreis von einem knappen Kilometer um unser Haus bespielt. Das war schon weit entfernt vom Paradies und den Freiheit der "Kinder von Bullerbü".

Bruckenäcker, meine Kindheitsstraße.
Heute zugeparkt

Immerhin konnten wir auf der Straße noch Völkerball spielen. Wenn ein Auto in unserem Feld parken wollte, konnten wir den Fahrer bitten, zehn Meter weiter hinten oder vorn zu parken. Wir konnten auch noch die Straßenbahnschienen überqueren und kamen auf eine Wiese mit Bach und aufregenden Abwasserkanälen. Im Wesentlichen befanden wir uns allerdings bereits in Rufweite der Eltern.

Heute haben Kinder einen Aktionsradius von Null. Sie sind praktisch immer mit ihren Eltern zusammen. Zu den Spielplätzen werden sie gebracht. Mutter fährt sie im Auto zum Sport oder Musikunterricht. Kinder sind praktisch Gefangene der elterlichen Angst, ihnen könnte etwas passieren. Eltern erscheint es heute oft schon riskant, wenn ihre Kinder nur an Straßen oder Stadtbahnlinien entlang gehen.

Selbst auf den sogenannten Spielstraßen können Kinder nicht mehr spielen. Der Ball auf dem Schild ist purer Spott. Denn die verkehrsberuhigten Straßen gehören genauso dem Auto wie alle anderen auch. Ein Ball könnte ein parkendes Auto beschädigen. Platz für Völkerballfelder gibt es nicht. Niemand weiß mehr, wie das Spiel überhaupt geht.  Jungs bekommen Bolzplätze angeboten. Mädchen gar nichts.

Kinder heute leiden unter extremem Bewegungsmangel. Aber ihnen fehlt nicht nur das Training von Muskulatur, Körperbeherrschung und Gleichgewicht, sie können sich auch psychisch nicht mehr ausprobieren: Dazu gehört nämlich, sich vorwagen, Angst bekommen, sich zurückziehen, die gesamte Palette der Auseinandersetzung der sozialen und physischen Umwelt. Heute kriegen Kinder "Vorsicht" zugerufen, bevor sie selber merken, was sie riskieren wollen. Sie können sofort bei Eltern Schutz suchen, wenn ein Spielgefährte "gemein" war. So entwickeln sich weder Selbsteinschätzung, Gefahrenabschätzung noch Selbstbewusstsein.  Und das mindert auch die schulischen Leistungen. Radelnde Kinder sind besser in Mathe.

Ich sehe durchaus das Dilemma für Eltern. Sie werden sich ewig Vorwürfe machen, wenn dem Kind auf dem Schulweg was passiert, den es alleine gemacht hat. Andererseits tragen sie selbst dazu bei, dass die Welt für Kinder gefährlich wird. Vor den Schulen rangieren die Mütter mit SUVs, sie karren die Kinder durch unsere Straßen zum Sport und Musikunterricht. Sie erzeugen den Autoverkehr, den sie so sehr fürchten, dass sie die Kinder nur noch mit dem Auto fahren.

Das erzeugt unselbständige Kinder, die auf Chauffeursdienste pochen. Fällt die Mutter aus, können 14-Jährige heute nicht einmal mehr alleine auf den Zug gesetzt werden, um zum Training zu kommen.

Die Mutter hier auf dem Foto riskiert an einem Wochenende einen Radausflug mit ihren Kindern (andere auch). Das ist stressig für die Mütter und Väter, aber immerhin schon mal was. Die Frage ist nur, üben diese Kinder das Radfahren nur so oder auch bei sich daheim auf dem Hof oder in einer Wohnstraße? Werden sie von den Eltern am Sonntag mit dem Rad oder zu Fuß auch mal zum Bäcker geschickt, die Sonntagsbrötchen holen?

In den USA geht der Trend dahin, in den besonders friedlichen Mittelstands-Siedlungen, Kinder keine Sekunde mehr aus den Augen zu lassen; aus Angst vor Entführungen. Ein für das einzelne Kind zu 99,99 Prozent unwahrscheinliches Schicksal macht eine ganze Generation von Kindern zu Gefangenen. Buchstäblich: Sie spielen nicht im Garten, sie sitzen im Haus und spielen mit Computern. Denn das Jugendamt kommt, sobald ein Kind hundert Meter vom Haus entfernt ohne Elternteil gesichtet wird. Keinen Schulweg dürfen sie alleine machen.

An den Händen von Müttern gehen dauergeehmütigte Kinder, die sich danach sehen, einmal etwas alleine zu tun, einmal alleine U-Bahn fahren, einmal stolz auf sich selbst sein können.

Kommentare:

  1. Sehr gut geschrieben. Ich frage mich aber auch nach den Hintergründen. Meine Drei Kinder wurden nie mit dem Auto zur schule gebracht, sie wurden nie eingeschränkt, alleine in die nächstgelegenen Parks zu gehen oder mit dem Rad zu fahren, und sie haben alle gute funktionierende Fahrräder.
    Aber ohne Motivation der Eltern haben sie absolut kein Interesse alleine in den Wald los zu ziehen oder mit dem Fahrrad zum Spielplatz zu fahren. Warum? Ich habe da schon die viele Unterhaltung, die im Haus zur Verfügung steht in Verdacht. Ihr Abenteuer ist auf den Spielkonsolen so attraktiv aufgemacht, da kann ein Bach oder auch ein Fahrrad nicht mithalten. Ich habe keine Lösung dafür, als ständig zu nörgeln oder eben alles was außerhalb des Hauses stattfindet mit den Kindern gemeinsam machen zu müssen.
    Ich bin nur froh, dass hier die öffentlichen Verkehrsmittel so gut sind, dass sie zumindest Alltagswege (schule, Kino, Sport) alleine machen können.

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    1. Vielleicht fiel es uns früher leichter, rauszugehen, weil draußen eine Horde von Freundinnen und Freunde wartete oder zusammengeholt werden konnte, mit denen wir gespielt haben. Alleine rausgehen war für meine Schwester und mich auch nicht so attraktiv. Kinder müssen Kinder treffen und mit ihnen losziehen. In vielen Straßen wohnen aber heute gar nicht mehr genug Kinder als dass sie sich finden können. Ich kenne deine Situation nicht, Gerhard, aber vielleicht ist das mit ein Grund, warum deine Kinder lieber daheim am Computer spielen. Wenn ich mir Bolzplätze heute so angucke, dann ist nicht nur ärgerlich, dass Mädchen auf ihnen keinen Raum haben, sie verhindern auch das echte Spielen von Kindern, nämlich das Abtauchen in eine Fantasiewelt, die aus Wald, Bach, Baum und Hütte einen Räuberwald oder das "Kriegsgebiet" von Indiander und Cowboy etc. macht. Eigentlich denken sich Kinder ununterbrochen soziale Konflikte aus, die sie dann spielend bearbeiten ("du wärst jetzt der böse König, und ich täte die Ritter anführen ..." Ein Bolzplatz lässt ja leider nur Ballspielen zu, ein Spielplatz nur Geräte abarbeiten. (Nur ganz kleine Kinder haben dort noch Spaß beim Sandeln.)

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  2. Soviel zum Trend in Amerika:
    http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/videos/weltspiegel-reportage-amerikas-eltern-im-kontrollwahn-104.html

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  3. Ja, das ist krass. Ich erinnere mich an den Beitrag im Weltspiegel. Eine Mutter wird vom Jugendamt aufgesucht, weil ihr Junge hundert Meter entfernt vom Haus in einem Park alleine war, wo er von einer Nachbarin aufgespürt wurde. Eine Journalistin ist öffentlich zur Rabenmutter erklärt worden, weil sie postete, dass sie dem Betteln ihres zehnjährigen Sohnes (oder war er acht?) nachgab, der unbedingt mal alleine U-Bahn fahren wollte und das auch durfte. Sie hat es aber durchgefochten. Das wollen wir bitte hier nicht: Immer diese Leute, die Kindern und Eltern Angst machen, ihr Kind könnte entführt oder ermordet werden, wenn es zum Bäcker geht. Es kann zwar vorkommen, aber die Wahrscheinlichkeit ist kleiner als sechs Richtige im Lotto zu haben.

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  4. Generell neige ich bestimmt nicht zu Kulturpessimismus,

    der Trend ist aber leider auch in der Statistik nachzuweisen. Ist in den Bundesländern im Osten besonders deutlich, da sich sort das Mobilitätsmuster in kurzer Zeit komplett verändert hat.

    Es gibt dafür nicht die einzig passende Lösung. Man kann es anderen Eltern nur vorleben, dass die Kinder "ihren" Raum brauchen und bekommen sollen, bei dem wir Erwachsene einfach mal nix zu melden haben.

    https://bikephreak.wordpress.com/2015/11/05/familie-hat-man/

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    1. Sehr detailliert und interessant. Ich vermute, die Angst der Eltern, ihre Kinder dem Straßenverkehr auszusetzen, hängt auch damit zu zusammen, dass der Autovekehr wirklich überall drastisch zunimmt, und riesige Autos die schmalen Straßen verstopfen, gelenkt von gestressten Fahrer/innen, die immer wieder den Überblick über die Situation verlieren, Autos gegen Einbahnstraßen fahren, auf Gehwegen abstellen und jede Lücke nützen, wo kein Poller steht. Wir haben schon sehr viel Autoverkehr verglichen mit meiner Jugend, zumindest in Städten. Auf dem Land gibt es dagegen hier und dort noch die stillen Spielstraßen, wo Kinder Radfahren üben und herumtollen.

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  5. Ein Thema, dass mich seit ich Kinder habe umtreibt!
    Ich kann es nicht verstehen, warum so viele ihre Kinder bringen, begleiten, hinfahren. Und ich spreche das auch anderen Eltern gegenüber an, nur leider mit mäßigem Erfolg. Aus meiner Erfahrung
    heraus wird die Sicherheit ganz oft nur vorgeschoben. Eigentlich geht es um die Bequemlichkeit der Eltern.

    Im Kindergarten wurde ich zunächst belächelt, weil ich die Kleinen morgens mit dem Radanhänger gebracht habe. Später dann, als sie selber Radeln konnten, bin ich mit ihnen zusammen zum "Kindi" gefahren. Jetzt wurde nicht mehr belächelt, sondern mir fehlendes Verantwortungsbewusstsein vorgeworfen. Nicht nur das die armen auch bei Regen und im Winter fahren müssten, mir wurde allen ernstes Vorgeworfen die Kinder einer unnötigen Gefahr auszusetzen.

    Mittlerweile sind wir dem Kindergarten entwachsen und an einer Stuttgarter Grundschule. Dahin gehen meine Kinder zu Fuß. Wie übrigens die meisten Kinder (das muss man fairerweise auch sagen). Aber gerade in der "Freizeit" werden sehr viele immer noch gefahren. Gerade bei Terminen, die sich im Stadtbezirk abspielen kann ich das nicht nachvollziehen. Statt die 20 Min. zu Fuß zur Bücherei zu gehen, wird gefahren und das Auto lieber gebührenpflichtig
    geparkt. Oft höre ich das die Zeit einfach nicht ausreicht zu laufen oder per Rad zu fahren. Ich kenne einige Familien, die ihre Kinder dann doch noch schnell ins Auto setzten und zur Schule fahren, weil man halt mal wieder ein bisschen zu spät dran ist.

    Obwohl unsere Schule viel versucht die "Elterntaxis" einzugrenzen, so ist es aber gleichzeitig verboten die Kinder mit dem Rad zu Schule fahren zu lassen! Wenn es aber Sinn macht, setzte ich mich schon mal über dieses Verbot hinweg. Alleine fahren lasse ich sie nicht, aber mit dem Rad bringen, das habe ich schon einige Male gemacht. Und wieder bin ich den unverständlichen Blicken der Eltern ausgesetzt. Wie kann ich meine Kinder bewusst so einer Gefahr aussetzten. Gefährlich ist es nicht, nur unentspannt. Die An- und Abfahrenden Eltern sind schon eine ziemliche Herausforderung
    für mich als Aufpasser. Eben jene sind übrigens auch der Grund dafür, das ich die Kinder nicht alleine fahren lassen (kann).
    Nur mal dazu.

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    1. Als Anmerkung: die Schule kann es nicht verbieten. Den Kindern können nur die Erziehungsberechtigten verbieten mit dem Rad zur Schule zu fahren.

      Ich seh's übrigens ähnlich. Meine Kinder sind gerade im Kindergartenalter. Ich bin wohl der Einzige, der mit dem Radanhänger vor fährt. Liegt bei unserem aber eventuell auch an der Entfernung, ist alles zu Fuß zu erreichen. Beim vorherigen Kindergarten ist mir noch eine Mutter bekannt, die ihr Kind mit dem Kindersitz brachte.

      Martin

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  6. Ein Punkt ist sicherlich auch der, dass vor zwanzig, dreißig Jahren die Medienlandschaft und die Verfügbarkeit von Unterhaltungselektronik bei Weitem nicht so ausgeprägt war wie heute. Und es war weniger Verkehr auf den Straßen unterwegs als heute. Die Kinder hatten noch mehr Möglichkeiten draußen zu spielen, auch weil es drinnen nicht so viele Alternativen gab. Die Zeiten haben sich in dieser Hinsicht fast schon radikal verändert, wobei das Problem in den meisten Fällen auch die Eltern sind, indem sie den Kind in jungen Jahren schon erlauben, stundenlang vor der Glotze zu sitzen, Videospiele zu machen etc. Das alles müsste nicht sein, ist aber geprägt durch unsere gnadenlose wie unbewusste Ausrichtung auf ständigen Konsum, Bedingt durch die ständige Verfügbarkeit von Dingen, die wir eigentlich nicht brauchen, Dinge die, wenn man mal genauer hinsieht, meistens nur Ersatz dafür sind, was wir wirklich bräuchten. Die meisten Kinder werden regelrecht auf diese Weise erzogen, oft auch unbemerkt und unreflektiert. Das fängt schon damit an, dass man ihnen statt Bauklötze ein Spielzeughandy, Spielzeugpistolen und Schönheitsideale in Puppenform in die Hand gibt - ohne mal darüber nachzudenken, welche Werte und Vorstellungen von der Welt auf subtile Weise damit in den Köpfen verankert werden. Und die Wirtschaft freut es ohnehin, denn Kinder, die draußen noch auf Wiesen, an Bächen und in Wäldern Abenteuer spielen, werden eben nicht ganz so zu den Idealkonsumenten von morgen erzogen wie es gewollt und gewünscht ist.

    U.a. deshalb ein Grund für mich persönlich, keiner Kinder zu haben. Dieses Land, diese Welt und Gesellschaft im Allgemeinen, ist nur bedingt kinderfreundlich. Und wenn man mal etwas extrapoliert wohin die Reise derzeit geht - zu noch mehr Konsum, noch mehr Umweltzerstörung, noch deutlicher in Richtung Zwei-Klassen-Gesellschaft - das möchte ich keinem Kind antun, genausowenig wie ein alternatives Leben ständig am Rand der Gesellschaft.

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