25. Mai 2016

Radfahrer vom Autoverkehr trennen

Foto: Regionalverband Ruhr
Das wäre natürlich schön. Wir Radfahrer bekommen eigene durchgehende Radstraßen durch die Stadt gelegt, müssen uns nicht groß mit dem Autoverkehr auseinandersetzen und auch nicht durch Fußgänger schlängeln. 

Wenn man wollte, könnte man auch in Stuttgart da viel machen, obgleich die Stadt eng ist. Allerdings nur, wenn man dem Autoverkehr auf mehrspurigen Straßen je eine Spur in eine Richtung wegnähme. Auch das würde vielerorts, etwa entlang der B14 durch die Stadt zu keinen nennenswerten Behinderungen für Autofahrer führen, da haben wir ja teils acht Spuren zu Verfügung.



Das Problem sind allerdings die vielen Kreuzungen und Ampelanlagen. Die Radwege, von denen wir träumen und über die die Welt (Ruhrschnellweg) oder  das online-Portsl Volksentscheid Berlin so gern schreiben, sind in einer Stadt gar nur schwer herzustellen. In Leipzig etwa führen Radwege vielleicht 500 Meter geradeaus, doch dann kommt die Querstraße.
In Leipzig werden dann aus den Radwegen wieder Radfahrstreifen, das heißt, sie werden auf die Fahrbahn geschenkt, damit Autofahrer die Radler sehen. Radfahrer werden dann vielerorts mit Streifen und Radierampeln auf direkte Linksabbiegespuren geleitet oder können geschützt rechts abbiegen. (Foto links)

In Leipzig sieht das dennoch alles sehr eng und in die Jahre gekommen aus.




Ob's wirklich hilft? Plochingen
Und ein  eigentlich nicht lösbares Problem gibt es mit Radwegen. Sie werden so gut wie immer in Gegenrichtung befahren. Und zwar aus einem für den Radler, der das tut, ganz triftigen Grund. Er möchte nämlich links abbiegen, kann das aber vom rechten Radweg aus nicht tun, weil viel zu viele Autospuren zwischen im und der Zielstraße liegen (Ist bei uns etwa in der Waiblingen Str. der Fall, man kann einfach nicht nach links abbiegen.) Der Radler muss vor zur nächsten Kreuzung, dort einen Überweg finden (vielleicht über drei mehrzügige Fußgängerampeln) und dann zurück, im Zweifelsfall einen halben Kilometer fahren. Das machen viele nicht. Also muss man jeden Radweg in beide Fahrtrichtungen freigeben. Dann reichen aber zwei Meter nicht mehr, dann braucht man viereinhalb Meter. Und das auf beiden Straßenseiten. Ja, wenn man den Platz hat, ist das schön.

Niederlande, man beachte den Mülleimer.
Foto: Bologneser Christian
Noch mehr Mülleimer
Ich kann mir zwar mehr Platz für Radfahrer in Stuttgart denken, aber soviel Platz finde ich in unserem Kessel nicht. Hinter den Niederländischen Lösungen mit langen Radstraßen steckt halt auch eine lange historische Entwicklung. Den vielen Radfahrern kanndeutlich mehr eigener Straßenraum zugeschlagen werden als bei uns.

Wir stehen in Stuttgart am Anfang dieser Entwicklung. Wir müssen mit einer durchgehenden Radinfrastruktur anfangen, mit guten Radstreifen, ordentlich geregelten Kreuzungen für Radler, die von Radwegen kommen, Eindämmung des Autoverkehrs und des Parkplatzsuchverkehrs, Werbekampagnen fürs Radfahren, um so überhaupt erst einmal mehr Menschen vom Auto weg aufs Fahrrad zu bekommen. Dann wird diese Infrastruktur zu klein und zu eng und jedem leuchtet ein, dass Räder breitere Bahnen bekommen müssen. Aber dafür brauchen wir noch ein paar Jahre und viele aufgeregte Diskussionen.

Kommentare:

  1. Also die Idee mit Mülleimer ist der Hammer...........

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    1. Noch mehr Mülleimer http://hamburgize.blogspot.de/2016/05/hamburg-stadtreinigung-will.html?m=0

      Zweirichtungsradwege sollen innerorts nur in Ausnahmefällen angeordnet werden. Das Linksabbiegen sollte man dann durch Radfahrerampeln oder Verkehrsinseln sichern.

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  2. Ich kann bisher keine Bereitschaft erkennen, Verkehrsraum in Stuttgart umzuverteilen. Wir werden noch mehr Menschen mobilisieren müssen um dieses Ziel zu erreichen.

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  3. In Stuttgart schickt man Radfahrer immer noch über Bordsteine, um Ecken und über Ampeln, an denen man garantiert lange warten muss. Man kann fast nirgends kontinuierlich >20 km/h fahren. Schlimmes Beispiel ist Sonnenberg-Fernsehrurm. Die neue Fußgängerampel in Degesloch (Höhe Busbahnhof) hat zwar Radsymbole, ist aber so geschalten, dass man (a) lange warten muss und (b) niemals ohne Warten rüber kommt. Meistens muss man zwei mal Warten, um eine einzige Straße zu überqueren. Während der Zeit kann man zuschauen, wie der Autoverkehr hofiert wird...

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  4. Getrennte Fahrbahn- und Fahrstreifennetze für Autofahrer und Radfahrer sind wichtig und richtig, vor allem außerorts und entlang viel befahrener Hauptverkehrsrouten. Auch innerorts macht es teilweise Sinn, beispielsweise Dein Vorschlag entlang dem Stuttgarter Mini-City-Ring einen schnellen Radweg zu ermöglichen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass auf bestimmten Straßen und Wegen auch ein Mischverkehr große Akzeptanz findet. Beispielsweise habe ich mich heute Vormittag auf den ersten drei Kilometer Strecke drei Mal bei sehr rücksichtsvollen und kooperativen Autofahrern für ihre Freundlichkeit bedankt, und zwar per Handzeichen und mit frühlingshaftem Lächeln. Nicht alle Autofahrer sind blöd und aggressiv! Voraussetzung für eine Kooperation im Verkehrsgeschehen ist immer eine gewisse Einsicht. Feindbilder und Paragraphenreiterei bringen uns nicht weiter. Dies gilt auch für Radfahrer, obwohl diese nach meinem betrüblichen Eindruck ganz besonders zu einer kleinbürgerlichen Blockwartmentalität neigen.

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    1. Lieber Stefan, wir Fahrradfahrer sind im Straßenverkehr die schwächeren. Gerade heute noch wurde ich von einem überholenden PKW mit dem Außenspiegel am Arm gestreift. Wäre ich gestürzt, hätte der PKW fahrer maximal einen Kratzer im Lack während für mich die Situation möglicherweise lebensbedrohlich werden kann sofern der Autofahrer dahinter nicht rechtzeitig bremst. Zudem sind wir Fahrradfahrer im Straßenverkehr benachteiligt, wie in diesem Blog häufig aufgezeigt wird und wurde. Wir haben weniger Verkehrsraum, ungünstige Ampelschaltungen, schlechtes Wegenetz. Unsere Wege werden regelwidrig zugeparkt, die PKW Fahrer nutzen ein ums andere Mal das Recht des Stärkeren. Ich finde es nur natürlich, das wir Fahrradfahrer uns daher klare und gerechte Regeln im Straßenverkehr wünschen, sowie deren Durchsetzung einfordern. Wenn das für Dich kleinbürgerliche Blockwartmentalität ist, dann habe ich sie und stehe dazu.

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    2. Lieber Stefan, lieber Carsten, ich habe beiderlei Erfahrungen gemacht. Und es ist immer die Mehrheit der Verkersteilnehmer (Rafahrer, Autofahrer und Fußgänger), die überhaupt keine Probleme macht, nett und vorausschauend und rücksichtsvoll ist. Autos sind aber halt doch gefährlicher als Räder oder gar Fußgänger. Wobei Radfahrer immer diejenigen sind, die stürzen, wenn sie von Autos oder Fußgängern touchiert werden. Auch ich beobachte aggressives Revierverahlten bei Radfahrern (ich ertappe auch mich dabei, dass ich Fußgänger anpampe, die auf dem Radweg gehen (und schäme ich dann dafür)), was aber durchaus auch mit dem Gefühl zu tun hat, dass für uns Radler nichts passt und wir zwischen Autos und Fußgängern hin und her geschoben werden, vor allem aber in die Fußgänger hinein, weil der Autoverkehr uns nicht haben will. Vielleicht sollten wir uns Mühe geben, andere Radler, Autofahrer oder Fußgänger nicht mit entwertenden Begriffen zu belegen oder ihr Verhalten mit Begriffen zu entwerten wie etwa Blockwartmentalität. Das schafft denn doch nur eine Gegnerschaft, die wir hier gar nicht haben. Wir diskutieren hier doch alle mit dem Ziel, unsere Situation zu verbessern, was ja überhaupt nicht einfach ist und wofür es auch gar keine einfachen Lösungen (schon gar nicht die eine Lösung) gibt. Und diese Diskussion ist vor allem mir sehr wichtig, weil ich ja sonst ganz alleine wäre. Und alleine kann man nicht alles richtig denken. Da bauche ich Widerspruch.

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    3. Lieber Stefan,

      vielen Dank für die kleinbürgerliche Blockwartmentalität, zu der diese Radfahrer ganz besonders neigen. Wie war das doch gleich mit den Feindbildern, die wir nicht brauchen?

      Ich hatte gestern das Erlebnis, einen Autofahrer auf sein Verhalten anzusprechen, mit dem er mich in echte Verlegenheit gebracht hatte. Die aggressive Art, mit der er mir gegenüber aufgetreten ist, gebe ich jetzt hier nicht wieder, nur die Wertschätzung: Selbstverständlich wurde ich von ihm mit "Du" angesprochen.

      Aber so ist das, wenn einem die sachlichen Argumente ausgehen: Entweder diffamiert man das Gegenüber (so wie Du) oder man macht das Gegenüber kleiner (so wie der zitierte Autofahrer).

      Viele Grüße
      Matthias

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    4. Ich schlage vor, streiten wir uns nicht über ein Wort. Es ist doch wahr, dass auch wir Radler uns gelegentlich im Ton vergreifen, uns selbst und anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber. Und beim Posten oder Kommentieren sowieso. Das ist jedem und jeder von uns schon mal passiert. Wir haben zu viel vor, als dass wir Radler/innen uns untereinander streiten müssten.

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    5. Liebe Kollegen, ich möchte mich für das B-Wort entschuldigen. Ich habe es benutzt, um zu überspitzen, keinesfalls um zu beleidigen. Zukünftig werde ich auf derart drastisches und potenziell beleidigendes Vokabular verzichten. Zwei Dinge möchte ich noch sagen:
      Erstens, wenn wir in der Radfahrpolitik weiterkommen wollen, dürfen wir Autos und Autofahrer nicht als Feinde betrachten oder sie als solche behandeln. Ich sehe sie eher als „manchmal nervtötende Störenfriede“ und selbstverständlich auch als „Gefahrenquelle“. Wir werden die Liebe vieler Menschen zum Auto aber nicht abschaffen können.
      Zweitens: Innerstädtische Mischverkehrsstrecken sind aus meiner Sicht bereits schon deshalb sinnvoll, damit sich Autofahrer an Radfahrer als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer gewöhnen können. Denn die meisten Straßen sind für alle da, nicht nur für Autofahrer. Eine vollständige Trennung der Verkehrswege ermutigt das Revierverhalten mancher/vieler Autofahrer. Innerstädtisch und innerörtlich halte ich diese Strategie für falsch.

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    6. Vielen Dank, Stefan. Ich sehe das auch so, dass wir keine Gegnerschaft aufbauen sollten, sondern schauen müssen, wie wir miteinander zurecht kommen. Autofahrer müssen sich unbedingt daran gewöhnen, dass auf den Straßen auch Radler unterwegs sind. Stuttgarts Straßen gehören nicht nur den Autos, sondern allen, auch Radfahrenden und Fußgängern.

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  5. Du verweist mehrfach auf Leipzig. Tatsächlich haben wir es hier (Leipzig) als Radfahrer viel besser als in meiner Geburtsstadt (Stuttgart). Das hat aber nicht seine Ursache in den gezeigten Beispielen, sondern es gilt eher "trotzdem".

    Ein großer Vorteil für Leipzig ist, dass es dieses Grüne Band gibt, das sich von Süden nach Nordwesten durchzieht. Dieses ist auf einer Breite von 500 bis 1500 Metern für Autos tabu, motorisierter Verkehr kann nur an vier Stellen kreuzen, der Radverkehr an deutlich mehr Stellen.

    Und es gibt viele Nebenstrecken und Abkürzungen, die für Radfahrer attraktiv sind, aber für den motorisierten Verkehr teils nicht befahrbar. So gibt es viele Straßenbahnlinien die mit PKW oft nur alle 300m gequert werden können und dann auch teilweise ohne Linksabbiegemöglichkeit. Radfahrer haben die Möglichkeit, alle 100m zu queren.

    Dort, wo sich Radfahrer und Autofahrer die Straße teilen, läuft es meist ganz gut, aber nicht weil die Infrastruktur überall toll wäre, sondern weil mehr als die Hälfte der Leipziger regelmäßig Rad fährt und deshalb tendenziell aufmerksamer fährt. Das hilft leider nicht immer - ich wurde letztens einmal von einem rechts abbiegenden Teilauto-Kangoo vom Rad geholt (natürlich mit anschließender Fahrerflucht).

    Wo Radwege neu geführt werden, läuft es tatsächlich ganz gut, aber es gibt immer noch so unverschämte Beispiele, wo der motorisierte Verkehr geradeaus und nach rechts grün bekommt - während Radfahrer warten müssen. Bspw. hier: https://www.google.ie/maps/@51.3333166,12.3517855,3a,75y,62.59h,65.75t/data=!3m6!1e1!3m4!1sO5wZ0XYdVUe6C1duzSfgeQ!2e0!7i13312!8i6656

    An solchen Stellen gehört der Fahradverkehr rechtzeitig auf die Fahrbahn einsortiert, zumal der Radweg in der Kollwitz-Str. eh aufhört und man sich in die (dann ausreichend breite Fahrbahn einfädeln muss). Allerdings dürfte die Mehrzahl der ortskundigen Radfahrer diese Route gar nicht nehmen, da man links und rechts parallel die Möglichkeit hat, ampelfrei im Grünen zu fahren...

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