15. Mai 2016

Wir sind weder Autofahrer noch Radfahrer - wir bewegen uns nur so

Wir alle sind Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer, fast alle zumindest. Mit anderen Worten, wir sind es nicht, wir sind Menschen und als solche nur in verschiedenen Modi unterwegs. Mal im Radfahrmodus, mal im Automodus, mal im Fußgängermodus. Oder in noch mal einem anderen. 


Wenn ich im Radfahrmodus unterwegs bin, schimpfe ich auf diejenigen, die im Automodus an mir vorbeistreifen und mich nach zwanzig Metern an der nächsten Querstraße mit breitem Heck ausbremsen. Menschen im Autofahrmodus scheinen, aus Sicht des Radlermodus betrachtet, unnatürlich gehetzt und Raum beanspruchend. 

Manchmal bin ich aber auch im Automodus unterwegs.
Ich gehöre zu denen, die sich daran freuen, wenn vor ihnen in Mensch im Radlermodus die Immenhofer hochstrampelt oder die Hofener Straße entlang radelt. Da kann ich ihn meist nicht überholen, was mich nicht stört, ohnehin bin ich ja - wie ich weiß - in der Stadt mit einem Durchschnittstempo von 30 km/h (bei Parkplatzsuche von 17 km/h) unterwegs. Also wozu an dieser Stelle  eine Sekunde rausschlagen, die ich an der nächsten Ampel verliere. Allerdings finden das andere im Automodus zuweilen gar nicht gut und überholen mich, nur im dann ebenfalls hinter dem Menschen im Radfahrmodus festzuhängen. Menschen im Automodus schütteln auch sehr gern über andere m Automodus den Kopf. Das Auto macht mich auf geheimnisvolle Weise zu einem, der alles besser weiß, besser kann und nie Fehler macht. 

Menschen im Fußgängermodus sind - wenn ich mich selbst beobachte - die Gelassensten. Sie bewegen sich von den Leuten im Automodus getrennt auf Gehwegen, was Ruhe reinbringt. Bestenfalls den Typen im Radiermodus kann man mal kurz anpflaumen: Nicht auf dem Gehweg, bitte! Ich tue das nie, mich regt es nicht auf. Im Fußgängermodus geht man einander aus dem Weg, lässt andere vorbei, wartet auch mal ... auch an roten Ampeln. Oder man wartet da nicht und geht auch mal bei Rot, ohne dass einem der Gedanke an Rotlichtverstoß und Punkte in Flensburg kommt. Im Fußgängermodus lasse ich auch mal einen Verpeilten im Automodus über den Zebrastreifen oder um die Ecke biegen, ohne auf mein Recht zu pochen. Fußgängermodus ist ein beruhigender Modus. Er ist der, den wir alle kennen. 

Obwohl die meisten von uns in wenigstens zwei Modi unterwegs sind (Auto/Fußgänger, Radler/Fußgänger), verhalten sich viele von uns so, als wäre der Modus, in dem sie gerade unterwegs sind, der einzig Wahre und Gültige. Das Fahrzeug verwandelt uns. Der Blechpanzer isoliert uns von allen anderen und verändert unsere Wahrnehmung. Menschen im Automodus sind fast immer aggressiver, drängelnder, haben es eiliger, nutzen jede Gelegenheit aus, um voranzukommen, biegen zu schnell ab, sehen das Kind nicht, dass über den Zebrastreifen am Kreisverkehr geht. Viele von uns fahren Auto in einem Modus, der es zu schnell macht für unsere Wahrnehmung und Reaktionszeit. Wir sitzen gemütlich in einer Waffe, mit der wir leicht andere Menschen töten können. 

Menschen im Radfahrmodus sind zum einen mit Bewegung beschäftigt, zum anderen beobachten sie beständig Fahrbahn und Fahrbahnränder. Sie sind vermutlich die aufmerksamsten aller Verkehrsteilnehmer/innen, weil sie kein Blech um sich herum haben und wissen, dass sie die Fehler anderer unbedingt vorhersehen und ausgleichen müssen, wenn sie unverletzt durchkommen wollen. Die Bewegung macht auch geistig aktiv. Sie steigert gleichzeitig die Bereitschaft, auch mal die Faust zu schütteln, wenn ein Mensch im Automodus aggressiv wird. Offenbar geht die Pflicht, Geschwindigkeit zu erzeugen, mit einer Erhöhung der Aggressivität einher. 

Wenn ich mich im Radfahrmodus befinde, ist es gut, wenn ich mich erinnere, wie ich mich im Fußgängermodus bewege. Kürzlich bin doch auch ich auf einem Radweg herumgelatscht, ohne es zu checken. Und wenn wir im Auto sitzen, denken wir daran, wie wir uns auf dem Fahrrad fühlen, wenn wir eine steile Straße hochstrampeln müssen, ohne Radstreifen. Wir halten Autos ungern auf, aber hier geht es halt nicht anders. Vielleicht - so könnten wir uns im Automodus überlegen - sollten wir  mal eine anständige Radinfrastruktur mit Radstreifen und für Radler und Autofahrer eindeutig geregelten Ampelanlagen an Kreuzungen fordern. Das nützt doch allen! 

Und auf dem Gehweg sollte ich jetzt auch nicht parken, an einer Straße auf dem Weg zum Kindergarten will ich doch die Kinder nicht auf die Fahrbahn schicken, nur weil ich auf dem Gehweg parke. So jedenfalls würde ich das sehen, wenn ich im Eltern-Modus mit Kindern zu Fuß unterwegs bin. 


Kommentare:

  1. Sonst schreibst du doch davon, daß man nicht alle Radfahrer über einen Kamm scheren soll, aber hier machst du doch das gleiche? Ich persönlich nehme schlicht und einfach am Verkehr teil, egal wie ich unterwegs bin.

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  2. Die Rechtschreibkorrektur ist aber auch einfallsreich: "Radiermodus" statt "Radfahrermodus" (du hast wohl "Radlermodus" beabsichtigt?). Keine Zeit zum Korrekturlesen?

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  3. Vielen Dank für diesen sehr klugen Beitrag. Es ist sehr erhellend, unsere unbewussten Verhaltensweisen zu reflektieren und die Perspektiven mal zu wechseln. Ich persönlich strebe an, die Gelassenheit des Fußgängers mit der Reichweite und Freiheit des Fahrrads zu verbinden. Zum Autismus vieler Autofahrer sage ich jetzt besser mal nichts 

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  4. Ich finde den Beitrag sehr gut! Regt zum nachdenken an, und ich habe ihn schon einigen empfohlen. Genau das Thema was ich schon oft in Beiträgen meinte. Mal sehen was das in den Köpfen bewegt. Danke nochmals!

    An all die, welche sich eher um die Rechtschreibung kümmern. Ja, es sind immer mal wieder Vertipper drin, das tut aber der Qualität des Inhaltes keinen Abbruch, und der sollte im Vordergrund stehen.

    Grüße

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    1. Danke, Sven. Ich habe die Autokorrektur inzwischen ausgeschaltet. Dennoch werden mir immer, auch beim Durchlesen, Tippfehler entgehen. Ich bin da nicht die Spezialistin im Sehen von Orthographie-Fehlern.

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    2. Gut daß du die Autokorrektur endlich ausgeschaltet hast. Denn manche Beiträge und Kommentare wurden schlicht unlesbar. Gerade wegen Stilblüten wie "Bologneser", "Rollatom", "Wasserstraße" (vermutlich Wasenstraße"), usw.

      Tippfehler lassen sich nicht immer vermeiden, natürlich. Aber wenn ein gewisses Maß überstiegen wird zeigt das dem Leser an wie wichtig er vom Schreibenden genommen wird.

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