9. Juli 2016

Auto, Auto, Auto, Fahrrad

Worüber reden und schreiben unsere Medien? Übers Auto. In deutschen Tageszeitungen steht es bei Berichten übers Auto und Fahrrad 97:3 Prozent. 

Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Initiative clevere Städte. Die hat zu Beginn der Fahrradsaison des vergangenen Jahres zehn Wochen lang die Mobil-Teile großer Tageszeitungen ausgewertet, ausgemessen und ausgezählt. Das bedeutet, dass die Verkehrswirklichkeit von Millionen Menschen nicht vorkommt (die von Fußgängern übrigens auch nicht).


Nach Angaben der Initiative werden etwa in Berlin nur noch ein Drittel aller Wege mit dem Auto zurückgelegt, im Durchschnitt großer Städte, sind es knapp 40 Prozent. Rund 13 Prozent fahren im Städtedurchschnitt mit dem Fahrrad. Aber die Medien gönnen dem Fahrrad nur rund 3 Prozent Berichterstattungsplatz. Dabei wünschen sich über 80 Prozent der Städter/innen deutlich weniger Autos in den Städten. Familiengerechte Radwege rücken damit in den Fokus der Wünsche.

2013 gab die Autoindustrie dem Artikel zufolge 400 Millionen Euro für Werbeanzeigen in den Zeitungen aus. Einen Zusammenhang mit der Berichterstattung übers Auto wird selbstverständlich von den Verlegern verneint. So direkt besteht er auch nicht. Aber immer noch schauen die Medien offenbar lieber auf große glänzende Autos. Ist ja auch schöner, einen coolen Boliden testzufahren als ein Pedelec, bei dem man selber ins Schwitzen kommt.

Stuttgart hat immerhin mit "Radfahren in Stuttgart" eine online-Zeitung, die sich der Mobilität auf zwei Rädern und mit Muskelkraft widmet. Sie wird allerdings nur von einer einzigen Person betrieben, von mir, was Themen, Recherche und Berichterstattung etwas einschränkt. Ich kann nicht überall sein, ich kenne viele Ecken von Stuttgart weniger gut.
Man stelle sich mal vor, wir wären ein Team, die Fahrradindustrie würde bei uns werben, wir hätten echte Einnahmen und könnten als Radjournalist/innen davon leben und Familien unterhalten.

Hach ja ....

Blogleser Carsten hat mich im Kommentar auf einen weiteren Gedanken aufmerksam gemacht. Zitat: "Die Berichterstattung über das Auto ist nicht nur zahlenmäßig erdrückend, der Inhalt der Artikel unterscheidet sich stark von denen über das Fahrrad. Bei Berichten über das Auto werden häufig Beschleunigungen, Kurvenfahrverhalten, und ein günstiger Kraftstoffverbrauch thematisiert. In der Realität jedoch stehen Autos im Stau und stinken. Beim Fahrrad werden häufig Gefahren thematisiert, in der Realität jedoch bietet das Fahrrad oft Fahrspaß. Hier ist definitiv ebenfalls ein Ungleichgewicht."



Kommentare:

  1. Die Berichterstattung über das Auto ist nicht nur zahlenmäßig erdrückend, der Inhalt der Artikel unterscheidet sich stark von denen über das Fahrrad. Bei Berichten über das Auto werden häufig Beschleunigungen, Kurvenfahrverhalten, und ein günstiger Kraftstoffverbrauch thematisiert. In der Realität jedoch stehen Autos im Stau und stinken. Beim Fahrrad werden häufig Gefahren thematisiert, in der Realität jedoch bietet das Fahrrad oft Fahrspaß. Hier ist definitiv ebenfalls ein Ungleichgewicht.

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  2. Stimmt absolut. Ich lese nie Berichte übers Auto. Aber dieser Gedanke hätte unbedingt in den Artikel gehört.

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  3. Ich verfolge die Berichterstattung über Autos intensiv, obwohl ich so selten damit fahre das eine Spinne schon seit geraumer Zeit an meinem Außenspiegel ihr Netz aufgespannt hat. Vielleicht ein Echo vergangener Tage, als ich Autos toll fand und ein schnelles Auto fuhr.

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  4. Das liegt auch daran, dass es viel billiges oder kostenloses Agenturmaterial gibt. Gerade zu Allerweltsthemen wie Beladung für die Urlaubsfahrt, Herbst-Checks etc., aber auch zu Neuerungen bei Assistenz- und Sicherheitssystemen kann viel Material 1:1 oder nach nur geringer Bearbeitung abgedruckt werden. Stellenweise gibt es Gratismaterial aus Industrie-nahen Agenturen (eher gut kaschierte PR-Buden). Gerade kleinere Zeitungen greifen gerne auf derartiges Material zurück. Bei größeren Zeitungen lassen sich Journalisten gerne umgarnen und zu Fahrpräsentationen ein ordentliche Hotels einladen. Fahrpräsentation eines neuen Roadsters auf Mallorca, dafür drei Tage in einem schönen Hotel - oder ADFC-Treffen und Stadtratssitzungen? Was erscheint Euch als bequemer?

    Natürlich sieht es anders aus, wenn ernsthaft über Verkehrspolitik berichtet werden soll. Der typische Tageszeitung lesende Berlinder dürfte eher daran interessiert sein, ob gerade zufällig S-Bahnen fahren als daran, wie sich ein bestimmter Roadster auf Malle fährt, also wird auch bewußter die gesamte Verkehrssituation in der Hauptstadt selbst recherchiert und dokumentiert.

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  5. Ich habe vor zehn Jahren mal eine Zeit als Journalist gearbeitet. Die Ursache für die Dominanz des Autos in den Medien ist schlicht die Größe der Zielgruppe. Nichts anderes. Braucht euch keine Verschwörungstheorien auszudenken. Die Macht des Autos besteht in der großen Zahl der Autofahrer. Die Ohnmacht des Radlers besteht in seiner Nischenrolle. Gott sei Dank ist Radfahren gegenwärtig hipp, sonst gäbe es überhaupt keine mediale Resonanz.

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    1. Keine Verschwörungstheorie: Lies einfach mal den verlinkten Artikel. Man sollte schlicht davon ausgehen können, dass die Themengewichtung der "Mobilitätsteile" der Tageszeitungen dem Verkehrsmix entsprechen. Das ist eben nicht der Fall.

      Ich arbeite (neben der Softwareentwicklung) in der IT-Journaille und schreibe dort auch für Agenturen und Corporate Publishing. Das ist gut bezahlt und man kann durchaus neutral zu Themen schreiben. Das ist ebenso der Fall bei Kollegen, die analog Themen für Automobilindustrie schreiben: Diese liefern oft fachlich und sachlich nicht zu beanstandende Artikel bspw. zu Plugin-Hybriden - allerdings kann man für den Kundenkreis eben keine Artikel zu Verkehrspolitik allgemein liefern.

      Redakteure greifen solche Agenturbeiträge gerne auf, weil die Artikel meist fundiert geschrieben und ausreichend neutral ein bestimmtes Thema behandeln. Das ist keine Verschrörung, sondern Personalmangel oder Faulheit (meist ersteres, weil gerade Tageszeitungen derzeit arg knabbern).

      Warung: Wer mich googelt, findet von mir auch Artikel aus dem Automobilbereich, alle sehr technisch, nichts zu Verkehrspolitik.

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    2. Ich stimme dem verlinkten Artikel selbstverständlich zu. Ich gebe lediglich (ständig) die Trivialität zu bedenken, dass halt das Auto nach wie vor in den Köpfen, und auch in den Köpfen der Redaktionen und der Politiker dominiert. Blogs wie dieser oder Initiativen wie die verlinkte arbeiten beständig an einer Gegenöffentlichkeit. Das ist wunderbar. Meine These, die auch eine Befürchtung ist, lautet lediglich: Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis sich in den Köpfen etwas bewegt. Zuvor muss Rad fahren erst mal massenhaft und dauerhaft von möglichst vielen Menschen praktiziert werden. Wir sind noch am Anfang und vor uns liegt noch jede Menge Arbeit. Politisch unterstützen ausschließlich die Grünen unser Anliegen, und zwar seit vielen Jahren. Christine berichtet doch ständig von den Widerständen der gesellschaftlichen Mehrheit. Als Rad fahrender Großstädter stoße ich jedenfalls nach wie vor auf viel Unverständnis und Begründungsbedarf beim überwiegenden Teil der Bevölkerung. In meinem persönlichen Mikrokosmos habe ich demzufolge ständig Gelegenheit, für das Fahrrad zu argumentieren und zu werben. Ich erlebe beinahe täglich, dass ich leider immer noch als mehr oder weniger verrückter Exot wahrgenommen werde. Lediglich der Sympathie- und Akzeptanzfaktor erhöht sich im Alltag kontinuierlich, aber langsam. Weitere These, die mediale Öffentlichkeit betreffend und grob gesagt: Was nicht in der Bild-Zeitung steht, ist gesellschaftlich nicht relevant. Eine (quantitative und qualitative) Analyse der Berichterstattung der Bild-Zeitung über Radfahrer und Radverkehr hätte jedenfalls genügt, um eine präzise Aussage über die gegenwärtige Wahrnehmung und Bedeutung des Radverkehrs in Deutschland – und in den Redaktionen - zu treffen. Wenn man die Reichweite betrachtet, publizieren FAZ und Co jedenfalls praktisch und faktisch unter „Ausschluss der Öffentlichkeit“. Dieses Bonmot stammt nicht von mir, sondern wurde mir mal von einem Berliner Politikjournalisten entgegnet.

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    3. Vielen Dank Stefan, die Wahrnehmung für Radfahrer besert sich. Aber nur langsam. Gestern habe ich zufällig im Mittagsmagazin (ARD) einen Bericht gesehen über den Pedelec-Boom, Mit der Aussages dass die deutschen Städte dem Fahrradboom nicht mehr hinterherkommen und die Infrastruktur zu klein ist. Aber natürlich auch mit "Sicherheit"-Aspekten, also "Wie gefährlich sind Pedelecs für Senior/innen." Also sehr typisch. Das wird sich aber shcon noch ändern. Wenn auch langsam. Und die Öffentlichkeit ist sicherlich nicht nur die Bild-Zeitung, sondern auch Facebook, Fernsehen, kleine und große Zeitungen und Szenezeitungen, Fachblätter etc.. Eben eine gemischte. Ich glaube, es ist leicher übers Auto positiv zu breichten und übers Fahrrad unter "Gefahren"-Aspekten, weil es halt so üblich ist und man in bekannten Denkmustern bleibt. Journalisten bleiben gern in vertrauten Denkmustern und suchen innerhalb dieser den Skandal.

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  6. Der Radverkehr wird gern vergessen,
    vom Journalist (oft sexbesessen)

    Doch nur Ersatz sind Sportautos,
    das Radeln bringt den Priapos!

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    1. Lieber Anonymus, offenbare dich, damit ich über den dichtenden Kommentator mal was schreiben kann. :-)

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