15. Juli 2016

Die wollen nur spielen - mit uns

Link zum Video
Die beißen nicht, die Autos, die wollen nur spielen. Oder fahren. Die Radfahrer auch. Sie wollen auf ihrer Hauptradroute 1 ungestreift von Außenspiegeln nach Hause oder zur Arbeit kommen. 

So sieht in Stuttgart eine Radhauptroute 1 aus. Beherrscht von Autos. Weil Autos immer noch mehr Rechte haben, schnell durchzukommen, als Radfahrende. Sogar auf ihrer Hauptradroute. Ich habe gegen 17 Uhr meine Fahrt auf Video aufgenommen.

Es ist eng geworden in der Burgstallstraße, seit auf der Böblinger Straße eine Baustelle ist und die Autos über die Seilbahnstraße in die Burgstallstraße geleitet werden. Mitten hinein in den Feierabendverkehr der Radler. Man sieht, dass viele Autofahrer weder mit der Enge klar kommen noch mit den ihnen entgegenkommenden Radfahrenden.
Das bedeutet für Radfahrer: ausweichen, anhalten, balancieren. Die Autos werden nämlich auch durch einen verkehrsberuhigten Abschnitt am Südheimer Platz geleitet. Dort parken nicht nur jede Menge Fahrzeuge, da spielen auch Kinder. Und nur jeder 10. Autofahrer hält sich an die Schrittgeschwindigkeit, die hier für Autos aber nicht 6 km/h bedeutet, sondern nach Tacho sichtbar unter 20 km/h. (Auf meinem Rückweg bin ich in der Reihe der Autos dort mit Tempo 23 bis 25 km/h mitgeschwommen.)

Weil das schon seit Wochen so geht, habe ich eine Kamera auf meinen Lenker geklemmt und bin Richtung Kaltental hochgefahren. An der verkehrsberuhigten Stelle habe ich Halt gemacht und mich zehn Minuten hingesetzt und gefilmt. Dann bin ich mit Kamera zur Tankstelle hochgefahren und habe mir das Geschehen an der Einmündung der Radhauptroute angeschaut. So mancher Radfahrer weicht dem Strom der Autos schon auf den Gehweg aus. Hier das Video:




Da alles recht langsam fährt, kommt es hier nur zu kritischen Situationen, aber nicht zu Unfällen. Radfahrende sind es auch gewohnt, mit komplizierten Verhältnissen klarzukommen, wie man im Video sieht, deutlich besser als Autofahrende.

Hier die Karte



Und hier noch ein paar Grundsätze für einen verkehrsberuhigten Bereich: 

Das oberste Gebot in Spielstraßen ist die gegenseitige Rücksichtnahme. Autofahrer müssen so langsam fahren, dass sie bremsen können, wenn plötzlich Kinder hinter einem Auto hervorspringen. Sie müssen jederzeit damit rechnen. Kinder dürfen überall spielen, also auch auf der Fahrbahn. Autofahrer müssen darauf Rücksicht nehmen. Fußgängern steht die ganze Fahrbahn zur Verfügung, sie haben Vorrang. Autofahrer müssen warten oder langsam hinter ihnen fahren. 
Überholen ist in einem verkehrsberuhigten Bereich grundsätzlich verboten.




Kommentare:

  1. Kristina Reisinger15. Juli 2016 um 11:19

    Endlich mal jemand, der es ausspricht: Ich fahre dort jeden Tag - und werde dann auch noch von Autofahrern angebrüllt, das sei eine Einbahnstraße auf der ich gar nicht bergauf radeln dürfe...

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    1. ich empfehle, eine Gelbe Karte an die Stadt auszufüllen. (online: Gelbe Karte). Man könnte ja für Autofahrer ein entsprechendes Schild aufstellen, damit die wissen, dass sie auf einer Hauptradroute fahren.

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  2. Stuttgarter Verkehrsführung:
    unvermeidlich die Berührung.

    Und die Kinder lernen’s schon:
    "Das Auto ist der Hegemon!"

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  3. Gruselig. Hier in Leipzig wird in solchen Situationen auch mal ohne PKW-Umleitung total gesperrt und dafür gesorgt, dass Spielstraßen für den PKW-Verkehr Sackgassen werden (geschickte Einbahnstraßenführung), Busse und Radfahrer aber Ausweichrouten haben. Als PKW-Fahrer muss man dann eben gut planen, wenn ich mit dem PKW in irgendein Stadtviertel muss, in dem ich selten bin, schaue ich daher immer zuerst nach der Bautätigkeit...

    Und was soll das, eine sogenannte Hauptradroute durch eine Speilstraße zu schicken? Das würde hier nur Kopfschütteln verursachen, weil es durchaus üblich ist, dass drei oder vier konditionell ähnliche Radler sich zusammentun und Windschatten fahren. Da lässt man sich nicht durch Bereiche schicken, die ein Abbremsen auf 15 oder 10 km/h erfordern.

    Generell gilt bei derartigen Engstellen, dass man selbstbewußt mit einem Meter Abstand zum Straßenrand fahren sollte, also weit genug um plötzlich auftauchenden Kindern oder sich öffnenden Autotüren ausweichen zu können. Bei solch schmalen Straßen (unter 3,5m lichte Weite) bleibt der Radler dann innerhalb seiner Hälfte der Straße, der PKW ist über der gedachten Mittellinie. Folglich muss der PKW-Fahrer verlangsamen und dem Radler Vorrang gewähren. Dieses Recht sollte man durchaus selbstbewußt (aber nie aggressiv) einfordern, auch beim überholt werden. Nur so kann man das Unfallrisiko senken.

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    1. Du hast völlig Recht, Mattias, Leipzig ist da besser aufgestellt. Diese Straße hier ist sehr schmal, nämlich nur ein Auto breit, wie man ja im Video auch sieht, und das über ca. 2 km. Wenn ich als Radler hier mittig fahre (weg von den Autotüren), können das Auto, das mir entgegenkommt und ich nicht mehr aneinander vorbei. Die Frage ist dann: Wer hat Vorrang. Dieser Abschnitt funktioniert als Hauptradroute sonst durchaus ganz gut (auch wenn es an Kreuzungen immer wieder zu Unfällen kommt), aber eben jetzt nicht mehr. So wird übrigens auch deutlich, dass die Straße als Hauptradroute grundsätzlich zu schmal ist. Aber wir haben in Stuttgart leider etliche schmale Straßen, Stuttgart ist keine Flächenstadt, sondern liegt an Hängen und im Talkessel.

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  4. Die von Dir geschilderte Situation in der Hauptroute ist exakt so wie die Situation in meinem unmittelbaren Umfeld. Die Fahrbahnen sind links und rechts mit stehenden Autos zugeparkt und dazwischen zwängen sich auf der Restfläche die Autos im Begegnungsverkehr. Besonders schlimm wird es, wenn sie auch noch ein- oder ausparken oder wenden wollen. Totale Blockade alle 100 Meter. Preisfrage: Worin unterscheidet sich eine Stuttgarter Hauptroute von einem ganz gewöhnlichen Parcours in meinem unmittelbaren Umfeld? Antwort: Durch nichts! Beide Varianten sind häufig und faktisch unpassierbar!

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  5. Das Kinder in der Spielstraße über die Fahrbahn flüchten müssen, ist echt bitter und zeigt wie sehr die Motoristen in Stuttgart das recht des stärkeren ausnutzen.

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  6. Man sollte den Umleitungsverantwortlichen einmal erläutern, dass "verkehrsberuhigter Bereich" und "Einbahnstraße" nicht zusammen beschildert werden können. Für die Zeit der Umleitung müsste man den VBB auflösen. Aber es erschreckt mich immer wieder, dass auch die Straßenverkehrsbehörden nicht in der Lage sind, Straßen ordnungsgemäß zu beschildern.

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    1. Vielen Dank für diesen Hinweis. Ich habe die Regel, die du nennst, in der StVO nicht gefunden. Du hast sicher eine Quelle. Vielleicht könntest du sie hier nennen.

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  7. StVO, Anlage 2
    "Zeichen 220

    Einbahnstraße Ge- oder Verbot
    Wer ein Fahrzeug führt, darf die Einbahnstraße nur in Richtung des Pfeils befahren.
    Erläuterung
    Das Zeichen schreibt für den Fahrzeugverkehr auf der Fahrbahn die Fahrtrichtung vor."
    In einem verkehrsberuhigten Bereich gibt es jedoch keine Fahrbahn, auf die sich das Einbahnstraßenschild beziehen könnte. Auch wenn die Gestaltung des VBB in deinem Video wirklich schlecht ist und nicht dem entspricht, was die Verwaltungsvorschriften empfehlen.

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  8. Ich fahre die Strecke auch täglich, und bin ebenfalls der Meinung, dass die Autofahrer unangemessen schnell fahren im verkehrsberuhigten Bereich. Jedoch ist die Umleitung einfach an keiner anderen Stelle möglich. Bergauf mit dem Fahrrad finde ich es trotz der vielen Autos entspannter als sonst, da man die entgegenkommenden Autos gut im Blick hat und keine Autotüren rechts aufgehen können. Man braucht also keine 2m Abstand rechts. Und die Autofahrer von oben sehen einen ganz gut.
    Normalerweise nerven bergauf Autofahrer, die partout überholen möchten (ohne viel zu sehen) und sich wundern, dass man auf Grund aufklappender Fahrertüren parkender Autos eben nicht mit 50cm Abstand fahren möchte.
    Prinzipiell wäre eine Lösung wie für die Tübinger Straße (Fahrradstraße und nur eine Richtung für Autos) perfekt. Das ganze bitte dann auch für die Möhringer Straße im Anschluss.
    Beste Grüße, Simon

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