27. Juli 2016

Radfahren ist gefährlich ... Nein, stimmt nicht.

Abbiegefehler: Der Fußgänger hätte hier Vorrang
Der ADFC Berlin hat sich die Mühe gemacht mit dem Mythos aufzuräumen und die Unfallstatistiken für die Bundeshauptstadt ausgewertet. Radfahren ist nicht gefährlich. Fußgänger/innen und Autofahrende haben ein viel höheres Unfallrisiko.

In Berlin werden 15 Prozent der Fahrten mit dem Fahrrad zurückgelegt. Aber Radfahrende sind nur zu knapp 4 Prozent an Unfällen beteiligt. In Berlin wurden im Jahr 2013 mehr Fußgänger als Radler getötet. Unter den Autofahrern gab es die meisten Toten. 1,5 Millionen Wege werden täglich in Berlin mit dem Fahrrad zurückgelegt. Auf diesen Wegen verunglücken durchschnittlich an einem Tag aber nur 3 Radfahrer. In den meisten Fällen werden sie nur leicht verletzt.

Meistens geben wir, ohne groß nachzudenken, den Radfahrern Schuld an ihren Unfällen. Zumindest aber eine Mitschuld. Das ist doch lebensgefährlich, was die machen. Radler fahren ständig bei Rot über Ampeln. Radler fahren nachts ohne Licht. Und die fahren überhaupt, wo sie wollen.


Fußgängerinnen auf dem Radweg
Fahren bei Rot
Tatsächlich sind Rotlichtverstöße nur zu knapp 3 Prozent die Unfallursachen. Zugleich werden aber 20 Prozent der Radunfälle durch Autofahrer verursacht, die Fehler beim Abbiegen machen und Radlern dabei die Vorfahrt nehmen. (In Berlin werden jährlich an den neunzehn entsprechend ausgerüsteten Ampeln 38.000 Autofahrten bei Rot registriert.)

Verkehrswidrig radeln
Und das "überall radeln" also auf der falschen Straßenseite oder eine Straße verkehrswidrig benutzen, macht 14 Prozent der Unfallursachen bei Radlern aus.

Fahren ohne Licht
Die meisten Unfälle (80 %) ereignen sich tagsüber, nicht nachts. Ob nachts fehlende Beleuchtung die alleinige Unfallursache beim Radfahren ist, wurde von der Polizei nicht dokumentiert. Aber es ist nicht wahrscheinlich. Also dürften höchsten 2 Prozent der Radunfälle mit Dunkelfahrten zu tun haben.

Fußgängerin geht bei Rot
Und sind Radfahrer wirklich eine Gefahr für Fußgänger?
Der Statistik zufolge haben 17 Prozent der zu Fuß Gehenden ihrer Verkehrsunfälle mit Radfahrenden, 76 Prozent ihrer Unfälle aber mit Autos. Leider verursachen Fußgänger zu 50 Prozent ihre Unfälle selbst. Das ist auch bei Zusammenstößen mit Radfahrern so.

Radler auf Gehwegen verursachen 3 Prozent der Fußgängerunfälle. Das heißt Radfahrende verursachen nur 8 Prozent der Unfälle, die Fußgänger im Straßenverkehr erleiden. Für die restlichen 92 Prozent sind andere verantwortlich, Autofahrer und Fußgänger selbst.

Für alle, die es ganz genau wissen wollen: Hier gibt es eine sehr ausführliche Statistik für Berlin der letzten Jahre mit Grafiken und vielen schönen Zahlen. 













Kommentare:

  1. Ich bin der Ansicht, dass jeder Unfall, der zumindest eine ambulante ärztliche Behandlung erfordert, genau dokumentiert und kartografiert werden sollte. Egal, ob es sich um Radfahrer, Autofahrer, Fußgänge oder ÖPNV-Nutzer (Vollbremsungen führen immer wieder zu Knochenbrüchen und Gehirnerschütterungen) handelt. Nur so kann man kritische, schwer einsehbare Stellen erkennen und entschärfen.

    Im übrigen sinkt das (relative) Risiko von Fahrradunfällen mit steigendem Radverkehrsanteil. Die Wahrscheinlichkeit von Unfällen mit PKW sinkt dann, Unfälle zwischen Radfahrern finden meist bei niderigeren Geschwindigkeiten (und mit weniger Fahrzeugmasse) statt. Und in Städten mit hohem Radverkehrsanteil kennen mehr PKW-Fahrer die Perspektive des Radfahrers und fahren umsichtiger.

    Vor diesem Hintergrund ist es sehr schwer, in Städten mit 7% Radverkehrsanteil (Stuttgart) für die Fahrradnutzung zu werben, da das relative Unfallrisiko eben höher als in Städten mit höherem Radverkehrsanteil ist. Irgendjemand muss aber anfangen: Schwer dürfte es bis zu einem Tipping Point von 10 bis 12% sein. Erst dann sind soviele Radfahrer präsent, dass auch unbedarfte PKW-Nutzer bereit sind, das Fahrrad als Alternative in Betracht zu ziehen.

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  2. Gefährlich ist nicht das Radeln an sich, sondern das Feindbild Radfahrer, das in vielen Köpfen fest verankert ist. Radfahrer würden sich sowieso an keine Regeln halten. Radfahrer wären Kampfradler - ein wirklich ganz hervorragender Beitrag eines ehemaligen Verkehrsministers.

    Wer sind die Opfer? Der ADFC hat unlängst eine Pressemeldung zur Unfallbilanz 2015 veröffentlicht. Ungefähr jeder zweite tödlich verunglückte Radfahrer ist über 65 Jahre alt. Ungefähr jeder dritte ist Ü75.

    Es sind also die Silver-Ager, die auf ihre alten Tage zum Revoluzzer mutieren, Regeln brechen und den Verkehrs-Rowdy mimen? Wer das glaubt, glaubt auch, dass die Erde eine Scheibe ist.

    Nein, die Feindbilder müssen aus den Köpfen und die kommunalen Verwaltungen inkl. der Politik müssen endlich anfangen, sichere Radwege im Sinne der StVO, der zugehörigen VwV und der ERA2010 zu planen und auszuweisen.

    @Christine: Dein Engagement hier ist unschätzbar wertvoll. Vielen Dank für Deinen Einsatz.

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  3. Die Statistik ist zumindest dahingehend verfälscht, das viele Alleinunfälle von Radfahrern nicht in die polizeiliche Statistik eingehen. Mich hat es etwa auf dem Weg zur Arbeit bisher dreimal gelegt: beim Abbiegen das Pedal in den Asphalt getreten bei großer Schräglage, auf einer feuchten moosbewachsenen Holzbodenbrücke in Kurvenlage gebremst da ein Radfahrer unerwartet entgegen kam, und einmal unachtsam die bissige Scheibenbremse betätigt mit nur einer Hand am Lenker. In allen drei Fällen hat unsere Betriebskrankenschwester mich kurz desinfiziert und getaped, alle drei tauchen in keiner polizeilichen Statistik auf.

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  4. Es gibt allerdings auch viele kleine Autounfälle, wo nie die Polizei geholt wird (meist natürlich nur mit Belchschäden, weil das Blech die Insassen schützt), insofern sind auch die Unfallstatistiken bei Autos nicht korrekt. Und viele Fußgänger, die stürzen, werden auch nicht die Polizei dazu geholt haben. Oder bei Zusammenstößen unter Fußgängern wird selten die Polizei zur Klärung geholt. Und so weiter. Ja, klar, viele Stürze von Radlern (vor allem die, die sie selber verursachen) werden nicht von der Polizei aufgenommen. Warum auch. Genausowenig kommt die Polizei, wenn jemand beim Kirschen Ernten von der Leiter fällt oder im Haus oder in der U-Bahn eine Treppe runterfällt. Auch bei Sportunfällen kommt selten die Polizei, und die sind vor allem beim Fußball oder beim Skifahren häufig, viel, viel häufiger als Radunfälle. Diese Gefahren meinen die Leute ja aber auch nicht, die sagen, Radfahren sei gefährlich. Sie meinen die Gefahren, die sie im Verkehr um sich herum sehen, vor allem im Autoverkehr. Und da überschätzen sie die Gefahr.

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  5. Die Zeiten sind komplex und wir alt.
    Drum mögen so viele den Trump, Donald.

    Lösungen brauchen meist viel Geduld.
    Ach, geben wir einfach dem Radler die Schuld.

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  6. Die Dunkelziffer bei Radfahrerunfällen ist sicherlich hoch. Von den drei Unfällen, die ich als Autofahrer hatte, hat es auch nur einer bis zur Polizei geschafft und auch nur deshalb weil die Radfahrerin über Schmerzen klagte.
    Die übrigen zwei erschienen aber in keiner Statistik. In Heidelberg gab es einen Fall von "Selbstunfall", der durch eine Kante auf dem Radweg verursacht wurde. Der Polizei war nichts bekannt und die Stelle war auch nicht als Unfallschwerpunkt bekannt. Nach einem Aufruf in der Presse haben sich allein für das Jahr 2010 35 Leute gemeldet von denen 5 schwere Verletzungen davongetragen haben. Der Polizei war nur ein Einziger bekannt (Quelle: UPI-Bericht Nr.77).
    Also auch der Aufruf, auch bei kleinen Unfällen die Polizei informieren, weil sonst Gefahrenstellen nicht beseitigt werden.
    Viele Grüße
    Karin

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  7. Ich habe jetzt weder Zeit noch Lust mich mit der zitierten Statistik zu befassen. Statistiken und ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Aussagen sind aber fast immer eine sehr heikle Sache. Selbstverständlich teile ich eure Auffassung, dass es völlig falsch ist, das Radfahren als Lebens- und Verkehrsrisiko zu diskriminieren, denn diese Sichtweise ist Teil einer in der Regel fehlinformierten und unbewussten Masche des automobilfixierten Mainstreams. Und selbstverständlich ist es richtig und wichtig gegen dieses Vorurteil anzuschreiben. Selbstverständlich müssen wir uns wehren.

    Aber ebenso offensichtlich ist es doch, dass der Autoverkehr resp. das Verkehrsverhalten vieler Autofahrer uns Radfahrer gefährdet. Wenn dem nicht so wäre, würde doch niemand beispielsweise die Einrichtung sicherer Radverkehrswege fordern. Radfahren an sich ist völlig ungefährlich. Aber Radfahren im automobilzentrierten Umfeld ist gefährlich. Lediglich viel Erfahrung und Routine erlauben den Radfahrenden, die entstehenden Gefahren einzuschätzen und das Unfall- und Verletzungsrisiko durch eigenes Verhalten zu minimieren. Viele Bereiche der Stadt und der öffentlichen Verkehrswege sind doch eindeutig fahrradfeindlich gestaltet. Das ist doch das, was wir beklagen und einer unserer Gründe, die wir gegenüber den Automobilfetischisten vortragen, ist die Gefährdung, der Radfahrende ausgesetzt sind.

    Eine Kernaussage Deines Beitrags ist, dass Radfahrende einem geringeren Unfall- und Verletzungsrisiko als Fußgänger und Autofahrer ausgesetzt sind. Ich wünsche mir sehr, dass es so ist oder so wäre. Wir arbeiten jedenfalls alle daran, dass es so bleibt oder so wird.

    Mal wieder vielen Dank für Deinen Beitrag und beste Grüße.

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  8. Und dennoch fordert kaum jemand eine Helmpflicht für Fußgänger . . .

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