29. August 2016

Autofahrer nötigt Radler im Fasanenhof

Blogleserin Beate und und ein Freund von ihr hatten Ende voriger Woche eine Begegnung der Dritten Art. 

Und zwar im Fasanenhof-Ost im Industriepark in der Schelmenwasenstraße. Die beiden - Personen mittleren Alters - waren nachts von Leinfelden auf dem Heimweg Richtung Degerloch. Die Straße ist hier Einbahnstraße.

Beide fuhren zunächst nebeneinander, hörten dann aber ein Auto und reihten sich hintereinander auf. Das war auf Höhe der EnBW-City. Hier verengt sich die Fahrbahn zu einem Fußgängerüberweg mit Gehwegnase. Der Autofahrer hupte. Aber erst in der Engstelle überholte er die Radler - ziemlich knapp natürlich, denn Platz gibt es hier nicht - und zog sofort nach rechts und stellte sich quer. Eine Aktion von nicht mal einer Sekunde. Beate musste eine Vollbremsung machen und rief: "Spinnt der?" Der nachfolgende Radler muss ebenfalls eine Vollbremsung machen.

Ihrem Bericht zufolge sprang der Autofahrer aus dem Auto und schrie, sie müssten auf dem Radweg fahren. Beate erklärte, sie werde ihn wegen Verkehrsgefährdung anzeigen. Er erwiderte, er zeige sie dann wegen Beleidigung an.

Auf der Polizeiwache in Möhringen wurden die beiden Radfahrer dann schon erwartet. Der Autofahrer hatte dort angerufen und eine Anzeige gemacht. Nach Darstellung Beates erklärte der Polizist den beiden Radlern zunächst, eine Anzeige ihrerseits würde nichts bringen, da seiner Erfahrung nach die Staatsanwaltschaft Verfahren wegen Beleidigung versus Gefährdung in der Regel einstelle. Aber beide bestanden auf der Anzeige wegen Nötigung und Verkehrsgefährdung. Daraufhin wurden sie getrennt vernommen.

Sie wurden vom Polizisten gefragt, ob sie etwas getrunken hätten. Ihre Fahrräder wurden eingehend auf Mängel und Verkehrstauglichkeit überprüft. (Dasselbe hat man bei dem Autofahrer nicht gemacht (er könnte alkoholisiert gewesen sein), denn der hat ja nur angerufen, sich aber nicht präsentiert. Er wird erst nach dem Wochenende befragt.)


Beide rätselten dann, wo sie denn den Radweg verpasst haben. Da gab es eine Baustelle, die sie auf die Fahrbahn geleitet hat.

Am Tag danach bei Tageslicht besehen, konnten sie am Beginn der Straße bei der Baustelle kein Rad-/Gehweg-Schild sehen. Aus Leinfelden kommend kamen sie zwar von einem Geh-/Radweg, doch an der Ecke, wo es auf die Schelmenwasenstr. geht, steht kein Radwegschild.

Es gibt keinen Radweg. Der Gehweg ist auch nicht freigegebn. Man muss auf der Fahrbahn radeln.



Suchbild: Wer findet das Geh-/Radwegschild?






Der Radweg beginnt erst nach der Querung Eichwiesenring. Das Rad-/Gewegschild hängt sehr weit rechts an einem Masten auf dem Gehweg unter dem Einbahstraßenschild, also schätzungsweise vier Meter von der Fahrbahnkante entfernt, an der beide entlang radelten. Im Dunkeln kaum zu erkennen. Den Radweg sieht nur, wer weiß, dass er dort ist. Ein Ortsunkundiger bei Nacht nicht.

Es war also tatsächlich so, dass sie, als der Autofahrer kam, auf der Fahrbahn neben einem Radweg fuhren, den sie nicht als solchen erkannt hatten. Das (Foto links) ist die Stelle, an der der Autofahrer sie überholte (in der Engstelle), um sich dahinter quer auf die Fahrbahn zu stellen, beide zur Vollbremsung zu zwingen und lautstark auf ihren Irrtum aufmerksam zu machen.
Das erfüllt übrigens nicht nur den Tatbestand der Verkehrsgefährdung (nehmen wir an, die Radler wären ihm in die Seitentür gedonnert, nehmen wir an, sie hätten sich bei einem Sturz ernste Verletzungen zugezogen), sondern auch Nötigung. 

Stuttgart Maps, Fasanenhof. Das Viereeck bezeichnet
die Stelle der Konfrontation. Grün: Radweg. 
Ich finde übrigens, es geht nicht, dass so eine massive Nötigung mit Gefährdung (von der Situation gibt es Fotos, Kennzeichen und beteiligte Personen sind mir bekannt) damit abgetan werden kann, dass eine möglichlicherweise anschließend gefallene Beleidigung (die nach Aussagen der Radler aber nicht fiel) ein Patt herstellt und der Staatsanwalt das nicht mehr verfolgt (immerhin sind die beiden Radler zweie, das heißt, Beate hat einen Zeugen). Nehmen wir an, dass es auch gar nicht so ist  und der Staatsanwalt die Situation anders einschätzt als der Polizist und dem Autofahrer durchaus klarmachen möchte, das so was nicht geht. Egal, ob man im Recht ist oder nicht. 

So beginnt der Radweg im Norden Richtung Leinfelden
linksseitig gegen die Einbahnstr. 


Eine kleine Bemerkung noch zu diesem lustigen Radweg vor der EnBW-City. Er ist ein in beide Richtungen befahrbarer, zu befahrender Radweg ohne Anfang und Ende. Das heißt, er beginn urplötzlich an den Straßenecken, hat aber keine Ausleitung für den, der hier gegen die Einbahnrichtung des Schelmenwasesens bis zur Querstraße radelt. Er muss dann über den Eichwiesenring und einer extra Linksabbiegerspur für Autos in die gegenläufige Einbahnstraße wechseln. Dort, also in Gegenrichtung, Richtung Leinfelden- gibt es nicht die kleinste Andeutung eines Radwegs oder auch nur freigegebene Gehwegs, hier muss auf der Fahrbahn geradelt werden. 

Das ist doch alles ziemlich schelmenhaft gemacht. 







Kommentare:

  1. Ich möchte das Verhalten aller Beteiligten nicht kommentieren, aber ich möchte bestätigen: Ja, genau so ist das Radfahren. Ähnliche Situationen sind mir auch schon oft passiert, übrigens überdurchschnittlich häufig auf den Filder-Vororten. Es ist sehr schwer, in solchen Fällen die Ruhe zu bewahren.

    Fakt ist: Es gibt die Erwartung der Autofahrer, dass Radfahrende nicht auf die Straße gehören, sondern gefälligst den Radweg zu benutzen haben. Ortskundige Autofahrer kennen den „Radweg“ sehr genau, ortsunkundige Radfahrer erkennen ihn nicht oder der Radweg beginnt und endet unvorhersehbar, ist mehrmals unterbrochen oder aus anderen Gründen weder fahrbar noch erkennbar noch zumutbar. Und exakt in diesen Fällen entsteht die Belehrungsaktion durch manche Autofahrer, manchmal auch extrem aggressiv. Und exakt gegen dieses aggressive, gefährdende und belehrende Verhalten hilft uns niemand, auch nicht die Polizei. Und die Verkehrsplaner schon garnicht.

    Mein Fazit: Radwege sind nur dann akzeptabel, wenn es „richtige“ Radfahrbahnen sind. Alle anderen „Radwege“, „Fragmente“ und „Installationen“ der verantwortungslosen Verkehrsplaner sind sowohl kontraproduktiv als auch extrem konfliktreich und häufig sogar lebensgefährlich für die Radfahrenden.

    Keep on rolling!

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  2. Selbst ein vorhandener Radweg rechtfertigt nicht eine Straßenverkehrsgefährdung.

    Und ja, leider ist es so daß bei einer Anzeige wegen (nicht erfolgter) Beleidigung ein Verfahren wegen §315c eingestellt wird. Auch schon passiert. Obwohl mein Kinderanhänger gerammt wurde, zum Glück war er leer. Sonst hätte auch ich anders reagiert.

    Mittlerweile läuft meist meine Actioncam mit, die auch Gespräche aufzeichnet.

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    1. Dashcam fürs bike!!ey damit müssen sie in serie gehen. Iwas kleines im steuerrohr oder so!
      Keine blöde idee!!!

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  3. Ein Grund mehr, vielleicht endlich mal die Radwege farblich zu markieren. Andauernd wird davon geredet, wie wichtig die Sicherheit sei aber bei den Radwegen werden die hohen Kosten dann wohl doch als wichtiger erachtet.

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  4. Kristina Reisinger29. August 2016 um 09:31

    Liebe Radkollegen, diese Geschichten kenne ich aus Stuttgart ebenfalls gut, habe aber lange aufgehöhrt, über Anzeigen auch nur nachzudenken - keine Chance, nur noch mehr Ärger. Erklärungen den Autofahrern gegenüber - selbst wenn diese klar im Unrecht sind - sind leider bei den etwas verbohrten Stuttgartern ebenso erfolglos. Ich komme aus Norddeutschland: Dort können Rad- und Autofahrer noch ganz gut miteinander, ohne sich die Augen auszukratzen...da macht das Radfahren Spaß! Was aber auch daran liegt, dass da oben fast jeder Autofahrer auch ein Radfahrer ist. Hier sind viele mit zwei Rädern überfordert - und leider ganz offensichtlich oft auch mit vier...

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    1. Kristinas Worten kann ich (ebenfalls Nordlicht) nur zustimmen. Wobei man für positive Gegenpole eigentlich nur ins nahe Karlsruhe blicken muss. Solange meine Kinder nicht gefährdet sind, nehme ich die (Verbal-)Attacken nur zur Kenntnis. Die Stuttgarter Polizei ist jedenfalls keine große Hilfe.

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    2. Stimmt. War gerade zwei Tage wieder in meiner Heimat Köln. Schlimm ist, hier in Stuttgart, die unsägliche Aggression. Egal, ob Rad fahren,Auto fahren, Fußgänger. Es ist egal. Möchtegern Oberlehrer und körperliche Aggression. Das fällt auf! Auch Gästen, die Geld in die Stadt bringen sollen.

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    3. Ja, das mit der kulturellen Rückständigkeit und Borniertheit der Stuttgarter kann ich als Zugezogener auch nur bestätigen. Innerhalb der inneren Stadtgrenzen geht es noch, aber sobald man Vororte besucht oder mit Bewohnern der Vororte redet, wird es sehr, sehr fünfziger Jahre. Die Innenstadtbezirke entwickeln sich aber trotzdem eher positiv, wenn auch langsam. Diese kulturelle und intellektuelle Misere hat halt historische Gründe. Aber trotzdem bleibe ich dabei: Ich liebe diese Stadt - trotz oder auch aufgrund ihrer Widersprüche. Als ich vor 15 Jahren aus Frankfurt - wohlgemerkt nicht aus London oder gar Ludwigshafen - hierher gezogen bin, habe ich es kaum fassen können, dass es diese Rückständigkeit in einer deutschen Stadt größer 50.000 Einwohner überhaupt noch gibt. Aber ich bin es gewohnt, weil ich in einem sehr, sehr kleinen Dorf in der rheinland-pfälzischen Diaspora aufgewachsen bin bzw. aufwachsen musste. Dort war und ist alles noch viel schlimmer :-))

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  5. Wenn man tagsüber auf diesem offiziellen Radweg unterwegs ist, dann trifft man dort immer wieder auf Fußgänger und parkende Fahrzeuge, die den Weg blockieren.

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    1. ... wenn jeder Parksünder, der ein befahrbaren Radweg zuparkt (Handwerker, "Notfall", "nur mal kurz", ...) dafür 50 € berappen müsste, wäre eine zweite Radstaffel der Polizei wohl ausreichend finanziert ...

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    2. Die Polizei veranlasst ja nicht mal die Strafen die es gibt. In Stuttgart kann man als Autofahrer wie als Fahrradfahrer ungestraft, Falsch parken, über Rote Ampeln fahren, im absoluten Halteverbot parken, durchgezogene Linien überfahren, auf Wegen fahren die komplett verboten sind für das jeweilige Fahrzeug, uvm. Und die Polizei interessiert es nicht, nichtmal wenn der Streifenwagen daran vorbeifährt. Das ist Stuttgart,

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    3. @Anonym 12.28 Uhr:

      Wenn man jeden Radfahrer, welcher mal "nur eben kurz" eine rote Ampel über- oder umfährt mit 50 Euro Bußgeld belegen würde, dann wäre eine zweite Radstaffel der Polizei wohl ausreichend finanziert.

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    4. Aber wehe es kommt ein "downhiller" dann schauen sie gaaanz genau hin. So hab ich dasgefühl. Als kleiner mal über ne motorhaube, seither nur noch mit fullface, der sicherheit halber, sonst auch nur mtb'ler. Aber durch den helm fühlt man sich absolut schuldig für alles mit den blicken die man abbekommt...

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    5. @Günther: oder jeden Autofahrer, der das macht. Schau dir mal die Ampel am Finanzgericht in der Schloßstraße an. Oder morgens, Charlottenplatz.

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    6. @Günther

      Na dann hätten wir ausreichend Polizei im Sattel. Hoffentlich bleibt dann noch genug Personal für die Terrorbekämpfung. Aber im Ernst: Seit wann gibt es denn Recht im Unrecht? Oder für wen ist ein Fehlverhalten an einer roten Ampel gefährlicher - für den Autofahrer oder für den Radler? Mit etwas Abstand betrachtet will mir Ihr Beispiel also schon aus mehrerlei Sicht nicht recht einleuchten. Und selbstverständlich muss auch ein Radfahrer, wie jeder andere Verkehrsteilnehmer, für Fehlverhalten gerade stehen.

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    7. Anonym 09.52 Uhr schrieb:
      "Oder für wen ist ein Fehlverhalten an einer roten Ampel gefährlicher - für den Autofahrer oder für den Radler?"

      Das spielt überhaupt keine Rolle aus meiner Sicht.
      Ein Vergehen ist und bleibt ein Vergehen.


      Anonym 09.52 Uhr schrieb:
      "Und selbstverständlich muss auch ein Radfahrer, wie jeder andere Verkehrsteilnehmer, für Fehlverhalten gerade stehen."

      Vollkommen richtig!

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  6. Ich bin da öfters mit dem Fahrrad und FunTrailer unterwegs, weil mein Großer die Tunnelbauarbeiten am Ende der Schelmenwasenstraße für den Fildertunnel anschauen will - besonders als die Tunnelbohrmaschine aufgebaut wurde. Mir ist dieser Radweg nicht aufgefallen - ist der neu?

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    1. Neu ist er nicht. Es ist halt nur ein kleines Stück auf stadteinwärtiger Seite im Abschnitt vor der EnBW.

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  7. Das passiert JEDEN TAG so!

    Man bekommt den Eindruck (=> dies ist kein Aufruf zu irgendeinem bestimmten Verhalten, ich würde so frei nach Polt sagen: "Ich verhalte mich doch gar nicht!"), man müsse grundsätzlich HOCH EINSTEIGEN als Opfer, sonst habe man keine Chance und so seien die "Spielregeln", wie o. g. Fall zeigen könnte:

    - der Andere hat grundsätzlich wüste Beleidungen von sich gegeben
    - man hatte den Eindruck, der Andere sei alkoholisiert
    - der Andere hatte kein Licht an

    Dann hätte man erst mal ein Patt.
    Klar würde gelogen, wer aber bei diesem Absurden Spiel des Aufwiegens von massiven Gefährdungen mit andererseits (teilweise) erfundenen Beleidigungen meint, es ginge darum, den Friedensnobelpreis zu bekommen, der kommt nicht weit! Das ist LEIDER so! Schlimm, wenn man soetwas annehmen müsste!

    Im Fasanenhof hat mich an so einer Engstelle auch ein LKW (!!!) mit 30cm Absatnd überholt, nur um 5m später links zu parken. Auf so eine Idee muss man mal kommen.
    Auf SO eine Idee muss man wie ich dann im Gegenzug auch kommen: Warten, bis der Kollege aussteigt und dann in Behandlung nehmen.

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  8. Braunschweig-Radler30. August 2016 um 23:57

    Oha, so eine unschöne Sache. Leider wird von Radelnden stets erwartet, dass sie den Bereich rechts der Fahrbahn regelrecht "scannen", wenn sie auf der Fahrbahn fahren. Für Auswärtige im Dunkeln ist das kaum zu bewerkstelligen, wenn sie nicht gerade 5-7kmh fahren wollen. Hoffentlich vergrault diese Erfahrung Deine Bekannten nicht vom Radfahren.

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  9. Heute morgen auf dem dortigen "Radweg": https://twitter.com/ha75/status/772694369505869824

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  10. Dieser Radweg an der EnBW wird im Norden auf den Gehweg um den Kreisverkehr geführt. Beim Kreuzen der Straßen gibt es dann allerdings nur Zebrastreifen. Dort wird man von Autofahrern oft seltsam angesehen, wenn man mit dem Fahrrad drüberfährt. Durchdacht ist das nicht.
    Noch schlimmer wird es von der anderen Richtung (von der B27) kommend. Dort ist der Radweg auf linken Seite der Straße. Kommt man am Kreisverkehr an ist man auf der falschen Straßenseite und hat keine vernünftige Möglichkeit, ins Industriegebiet abzubiegen. Verkehrsplanerisch ist diese Stelle aus Radfahrersicht eine Bankrotterklärung.

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    1. @Anonym: solche Stellen, an denen Radwege ab Zebrastreifen enden gibt es mehrere. Ich bin da immer unsicher, wie ich mich verhalten soll, den Vorfahrt habe ich als Fahrradfahrer nicht, und jedes mal absteigen ist mir zu blöd. Meistens ist dann Blickkontakt und Handzeichen angesagt.

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