15. September 2016

Wer Rad fährt, ist im Hier und Jetzt

Und das ist ein Vorteil. Denn so wird die Radfahrt zur Arbeit und nach Hause zu einem Kurzurlaub. 

Wer öfter im Auto fährt, kennt das vielleicht: Man denkt über alles Mögliche nach, Hände und Füße bewegen das Auto, an irgendeiner Ampel wacht man auf und wundert sich, dass man schon hier ist.

Zum Autofahren braucht der Mensch nur wenig Gehirn, es ist ist keine Konzentrationssache, wir können es nebenher machen. (Was nicht ganz ungefährlich ist!) Deshalb eignet es sich zum Grübeln. Grübeln ist ungesund und vergiftet das Leben.

Radfahren geht so nicht. Man muss treppeln und die Umgebung genauer beobachten. Man riecht die Brauerei Dinkelacker und die Blumen am Wegrand. Man hört Menschen, man sieht Freunde und kann kurz anhalten und schwätzen.
Radfahren ist eine aktive Fortbewegung, die Sinne sind wacher. Die meisten Menschen nehmen auf dem Rad Gerüche intensiver wahr, die blühende Hecke, den Geruch vom Bäcker, den man passiert und so weiter. Ein Mensch der Rad fährt, kommt nich dazu, über den Streit mit Kolleg/innen oder den Chef oder die Chefin zu grübeln, er muss aufpassen, Balance halten, viele kleine Entscheidungen treffen (Schlaglöchern ausweichen, auf das Kind achten, Fußgänger entweder links oder rechts umrunden, eine Abkürzung ansteuern, auf den Bordstein aufpassen und so weiter). Der Kopf ist mit dem Hier und Jetzt beschäftigt.

Und das sind wir ja ziemlich selten. Meistens denken wir an etwas, was war oder an ein Problem, das vor uns liegt, wir machen uns Sorgen und ärgern uns, wir sind im Kopf überall, nur nicht dort, wo wir mit unserem Körper gerade sind. Radfahren hilft uns aus der Falle. Wir sind mit unseren Sinnen dort, wo wir gerade sind. Zwei Mal am Tag für zwanzig Minuten, für eine halbe Stunde vielleicht. Wir klinken uns mental von dort aus, wo wir herkommen und sind mental noch nicht dort angekommen, wo wir hinwollen. Man nennt so etwas heutzutage Achtsamkeit. Wir sind bei uns und nehmen unsere Umgebung war. Wir grübeln nicht.

Radfahren hilft, sich aus Gedankenkreiseln zu befreien. Es verschafft unseren Sorgen und unserem Ärger Pausen. Es erfrischt die Muskeln, die Sinne und das Gehirn. Aufsteigen, Urlaub vom Alltag machen!


Kommentare:

  1. stimmt ganz genau liebe Christine....
    in diesen Genuss sollten alle Leute kommen..... nur wie den inneren Schweinehund überwinden....
    Ich fahre jeden Tag, ausser bei Glatteis oder wenn es heftig regnet.... und geniesse es jedes Mal.
    Frohes Radeln
    Uschi

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  2. Wie die Meisten sitze ich den ganzen Tag im Büro. Da tut es extrem gut die Heimfahrt in Bewegung zu verbringen. Noch dazu ist mein Heimweg echt fies, es geht nämlich fast komplett Berg auf!
    Es ist genau wie Du sagst, ich kann es mir gar nicht erlauben über irgendwas nachzugrübeln oder mit dem Kopf immer noch im Büro zu sein. Der Verkehr fordert meine komplette Aufmerksamkeit.
    Und dann ist da noch das steile Stück abseits von Verkehr und Fußgängern, da kann ich so richtig meinen Bürofrust wegstrampeln. Oben angekommen bin ich außer Atem aber glücklich.
    Seit ich das ganze Jahr und bei jedem Wetter fahre, bin ich nicht nur fitter und ausgeglichener, die ganzen Erkältungsvieren scheinen auch an mir abzuprallen. An das letzte Mal krank, kann ich mich
    gar nicht mehr erinnern.

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  3. Radfahren macht glücklich und Radfahren macht frei. Jedenfalls bin ich persönlich nicht nur Radfahrer aus diversen alltagspraktischen Erwägungen, sondern auch aus purer Freude und Faszination am Leben und Erleben. Bei Deiner Titelzeile fällt mir ein Tagebucheintrag ein, den ich vor ein paar Jahren bei meiner ersten Fahrt durch die Alpen am Gotthardpass notiert habe:

    Die Welt schrumpft auf „ … ein winziges Hier und Jetzt. Ich halte an und halte inne, setze mich auf einen Felsen, koste die reinste Luft, sauge die tiefste Stille, fühle die schönste Ruhe und erlebe eine kaum vorstellbare Glückseligkeit.“

    Keep on rolling!

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  4. Komisch, ich kann beim Radeln die Gedanken sehr leicht schweifen lassen. Manchmal sogar so, dass ich plötzlich durch eine heftige Bodenwelle (Wurzel unter Asphalt) jäh aus meinen Träumen gerissen werde. Ich kenne auch niemanden, der sich aufs Gleichgewichthalten beim Radeln konzentrieren muss. Das läuft doch so wie das Atmen. Daher darf ich nicht zu lahm herumkriechen, das ist viel gefährlicher als den Hahn aufzudrehen.

    Daher ein LOB AN DAS "K A M P F" - Radeln:
    Wer am Anschlag fährt und jeden mm nutzt, um schneller zu sein, der muss sich definitiv konzentrieren und voll aufs Radeln focussieren. Denn (-ich weiß, manche haben abartige Definionen, aber wer von "Kampf" spricht, soll bitte sagen, gegen wen hier gekämpft wird - ich lege das anders aus einschlägige Presseorgane und Interessenvertreter) wer den "Kampf" gegen die Uhr führt und dabei trotzdem regelkonform und rücksichtsvoll (z B auch mal Bremsen, wenn man "im Recht" ist.) unterwegs sein will, hat einiges zu tun.

    Schon klar, "das geht ja gar nicht, jeden mm nutzen und dabei noch ohne objektiv angebrachte Beanstandung bleiben", mag es poltern. Klar, man braucht nicht nur die Ausstattung unterherum, sondern auch zwischen den Ohren. Dann geht das schon. [Erst recht, wenn man als Maßstab das anlegt, was gemeinhin bzgl. motorisiertem Verkehr (inkl. Behörden) in der subjektiven Wahrnehmung als "objektiv" beanstandungsfrei empfunden wird.]

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  5. Für mich ist Fahrradfahren ebenfalls ein Kurzurlaub. Zwar wird mein Geist auf einsamen Waldwegen wenig gefordert, aber ich erlebe die Fahrt dennoch intensiv. Geht es bergauf, fühle ich mich auch aufgrund der elektrischen Unterstützung stark. Geht es begab oder ist es eben, dann rauscht der Wind in den Ohren und ich fühle mich schnell. Ich freue mich über die kühlen Täler im Sommer, und über die wärmende aufgehende Sonne auf den Anstiegen aus den Tälern heraus im Winter. Ich genieße es im Herbst durch die Blätter zu rauschen die auf dem Weg liegen, und den Duft des Waldes im Frühling oder nach einem Regen. Mein Highlight ist immer der Schnee im Winter, wenn die Sonne ungehindert durch die kahlen Wipfel scheint und der Boden unter mir glitzert.
    Autofahren dagegen langweilt mich, und bei vielen anderen Motoristen muss ich an den Kindergarten denken.

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