5. November 2016

Radeln wie ein Auto

Blogleser Friedhelm hat in seinen Kommentaren den Begriff Vehicular Cycling eingeführt. 

Also Radeln wie ein Fahrzeug. Das tun viele von uns, die meisten jedoch nicht. Friedhelm erklärt: Der Begriff meint, Radfahren wie ein Fahrzeug, der StVO gemäß:
  • kein Geisterfahren, nicht auf nicht freigegebenen Gehwegen fahren, 
  • Fahrstreifenwechsel und Abbiegevorgänge anzeigen, 
  • Fahrstreifenwechsel nicht scheuen, also, auf dem Fahrstreifen fahren, der für die Richtung vorgesehen ist, in die man abbiegen will.
  • zum Geradeausfahren nicht auf einem Fahrstreifen nur für Rechtsabbieger fahren
  • zum Linksabbiegen auf dem Linksabbiegefahrstreifen bzw. nahe zum Gegenverkehr eingeordnet, falls kein solcher Fahrstreifen vorhanden ist.
Er sagt, er habe das im Verkehrsunterricht in der Schule noch so gelernt. Ich hatte keinen Verkehrsunterricht in der Schule, der sich mit dem Radfahren beschäftigt hat, wobei ich und viele andere Schülerinnen und Schüler tatsächlich mit dem Fahrrad in die Schule gefahren sind. Über Felder und über Nebenstraßen. 
Wir haben uns da immer so verhalten wie Autofahrer: Arm rausstrecken vor dem Abbiegen, einordnen, an rote Ampeln halten. An Aggressionen von Autofahrern (das waren die 70er Jahre) kann ich mich nicht erinnern. Aber in den Siebzigern herrschte ja auch, verglichen mit heute, gar kein Verkehr auf den Straßen. 

Die Fotos habe ich an einem Sonntag vom Beifahrersitz eines Autos aus gemacht. 

Die beiden Radfahrenden kamen aus der Feinstraße und wollten ins Heusteigviertel. Offenbar haben sie keine Beschilderung gefunden, die sie als Radler geleitet hätte, und sind gefahren, wie sie als Autofahrer die Strecke gefahren wären. 

Sie haben vehicular den Österreichischen Platz halb umrundet und sind in die Immenhofer Str. abgebogen. 

Dort allerdings war es dann so steil und sie wurden für ihr eigenes Gefühl so langsam, dass sie bei erster Gelegenheit auf den Gehweg geflüchtet sind. Schade. Es sah nämlich für den Anfang schon mal ganz schön aus. 

Nur das Handzeichen Geben haben sie, vermutlich vor lauter Stress und Aufregung, vergessen. Ist ja auch nicht ganz einfach, wenn man eigentlich mit beiden Händen den Lenker festhalten will und muss, weil man auf unbekanntem Gelände fährt. 
Und sie hätten sie auf dem Platz nicht ganz so sehr am Rand an der roten Ampel stehen müssen. Das verführt ja viele Autofahrer, bei grün einen Schnellstart hinzulegen und an ihnen vorbei zu schleudern. 

Vehicular Cycling ist eine Methode, sich als Radfahrende im Straßenverkehr unübersehbar zu machen, die Stuttgart eigentlich dringend bräuchte. Wir schleichen uns oft für den Pendler- und Hauptverkehr unsichtbar durch Nebenstraßen, über Gehwege und Fußgängerampeln. Das erzeugt bei vielen Autofahrenden den Eindruck, Radler müssten dem Autoverkehr Platz machen und sollten überhaupt woanders fahren. Schon zum Selbstschutz. 

Dabei ist Vehiclar Cycling viel ungefährlicher als beispielsweise das Radeln auf Radwegen. Denn man fährt immer im Blickfeld der Autofahrenden. Wenn das sehr viele Radler tun, dann erzeugt allein die Anzahl der Radfahrenden mehr Sicherheit. Autofahrer lernen, überall mit Radfahrenden zu rechnen und "übersehen" sie nicht ständig. 


Kommentare:

  1. Sehr überzeugender Ansatz. Und ich erinnere mich auch, es so in der Verkehrsschule gelernt zu haben (Was sicher daran lag, dass dort die Autos durch Fahrräder und Go-Karts ersetzt wurden und es gar keine Fahrradwege gab ;) )

    Nur in einem Punkt stimme ich nicht zu: Warum soll ich zu meinem und Autofahrers Verdruss auf einer Hauptstraße fahren, wenn es auf der Nebenstraße viel angenehmer ist. Radfahrer, die sich die Bebelstraße hinaufquälen und eine Autoschlange verursachen, obwohl sie weit angenehmer in der parallel verlaufenden Forst- oder Vogelsangstraße fahren können, erzeugen nicht die Art von "Aufmerksamkeit", die unserer Sache dient.

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  2. Es ist sehr traurig, dass man einen Begriff für etwas einführen muss, das eigentlich selbstverständlich sein sollte.
    Die oben beschriebene Fahrweise habe auch ich Mitte der 90er im Fahrradunterricht der Schule gelernt und praktiziere sie seitdem.
    Bis ich nach Stuttgart zog, würde ich nur ein einziges Mal von einem Autofahrer beschimpft. Gehupt oder gedrängelt hat nie einer und ich war schon in vielen deutschen Städten unterwegs.
    Erst hier in Stuttgart musste ich lernen, das es auch eine andere Verkerskultur in Deutschland gibt. Seitdem habe ich die STVO sehr genau studiert, um zu überprüfen, ob meine Fahrweise tatsächlich legal ist.
    Ich halte mich möglichst genau an die Regeln, was einem hier aber häufig äußerst schwer gemacht wird, insbesondere wenn man sich nicht auskennt. Bestes Beispiel ist die Kreuzung an Rotebühlpatz: Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen wie Fahrradfahrer geführt werden, wenn sie von der Rotebühlstraße Richtung VHS wollen. Inzwischen weiß ich es, ignoriere aber in diesem Fall die Regeln und biege auf der Linksabbiegerspur ab...

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    1. Wie sehr ich dir zustimmen kann als einer mit provinziell pfälzisch-hessischem Migrationshintergrund. Aber: Stuttgart ist historisch weder Messe-, noch Handels-, noch Universitätsstadt. Entsprechend rückständig sind hier die Horizonte der Bewohner. Zudem leidet Stuttgart wie viele andere Provinzen an dem brain drain nach Berlin und anderen Metropolen. Aber andererseits entwickelt sich die Stadt positiv und in die richtige Richtung. Stuttgart ist liebenswert in seiner Widersprüchlichkeit und das mit den kleinbürgerlich-besserwisserischen-Auto-und-Kehrwochen-Wahnsinnigen kriegen wir auch noch hin, jedenfalls dann, wenn es auch weiterhin viele Immigranten aus den vielen deutschen und anderen Landen nach Stuttgart zieht. Diese Stadt lohnt sich. Diese Stadt und ihr Umland sind ein wunderbares Fleckchen Erde. Ich liebe diese große kleine stolze schwäbische Stadt und ihre Leute.

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  3. Guten Morgen,
    sehe ich genauso. Auf Wege ausweichen, die parallel zu Strasse laufen, dad mache ich schon aus reinem Selbstschutz. Ich sehe jeden Morgen mit dem Auto einen Rennradfahrer auf einer Landstraße, oft im Dunkeln. Parallel dazu läuft der Radweg. Ich respektiere den Rennradfahrer und mache beim Überholen viel Platz. Aber es gibt auch andere Autofahrer, die das anders sehen. Mehr Respekt vor dem Leib und Liebe anderer... und die Welt wäre nicht so rücksichtslos.

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    1. Ich fahre meistens mit dem Fahrad Landstraße oder Bundesstaße ich sehe darin keine große Gefahr.Da die Land und Bundesstaße gerade verlaufen und keine unübersichtliche Kurven oder Steile Anstiege bieten.Nur ein Problem sehe das auf der Bundes oder Landstraße zur Kraftfahrstaße oder zur Autobahn werden ohne eine Ausweichstrecke gleich wertige Ersatzstrecke anbieten die in gleiche Richtung führen.Auch wenn gelegentlich durch Unachtsamkeit und im Eifer das man die Abzweigung verpasst und in die Autobahn,Kraftfahrstraße gerät.Sehe ich auch keine große Gefahr da meisten dort in der Rushour meisten Staulage gemäsigte Geschindigkeiten gefahren werden bei der Radfahrer locker mit fahren könnte leider ist das Verboten.Warum?Autobahnen und Kraftstaßen gelten als einer sicherste Straßen,Da man dort kein Gegenverkehr gibt.Ich fahre ein Fahrrad das alle Verausetzung hat um auf der Straße zu fahren.Auch die Grüne Kretschmann,Oberbürgermeister Fritz Kuhn fahren mit ihre Dienstwagen auf Land-Bundesstraße die bei weitem nicht so umwelt schoned unterwegs sind wie ich mit dem Fahrad.Ich sehe es nicht ein das ich minderwertige Wege benutze soll die meisten nicht einmal durchgehnd sind!Nur damit die Autofahrer ungestört fahren,Luft verpesten und Ressource verbrauchen können!Auf Bundes-und Landstraßen zu fahren ist die beste Werbung fürs Radfahren.Dort kann man den Autofahrer zeigen wie man Stau entgehen kann.Nur dort kann eingermassen entspannt,schnell radfahren. Die Veraussetzung dafür ist aus den Einschüchterungen der Autofahrer sich nich beeindrucken lassen!

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  4. Hallo Frau Lehmann, am Konzept des Vehicular Cycling gibt es mittlerweile sehr viel Kritik, ich finde das sollten sie in dem Artikel auch noch beleuchten. Die Gefahr besteht vor allem darin, dass dadurch dedizierte Infrastruktur in Frage gestellt wird.

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    1. Hoffentlich wird dadurch die dedizierte Infrastruktur in Frage gestellt! Denn erst dann wird ja darüber nachgedacht, ob sie auch sinnvoll für den Radfahrer ist oder nur dem Autoverkehr mehr Freiheit verschaffen soll.

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    2. Hallo Bernd, ich gebe dir Recht - eine wirkliche fahrradstadt würde das nicht benötigen, auch keine Ampeln und Stoppschild er. Aber: um einen breiten Schnitt der Gesellschaft inklv. Kindern, Muttern und Väter mit Kids oder Senioren vermehrt aufs Rad zu bringen braucht es lückenlose Radwegenetze. die Ansage rein in den Verkehr ist nur für einen Teil der Radfahrenden eine Lösung.

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    3. Dieses Argument "die Kinder!!11! Die Senioren!!!11!!“ taucht leider immer wieder von Seiten der Infra-Rufer auf, lässt aber völlig außer Acht das die beschworene gefühlte Sicherheit nichts mit wirklicher Sicherheit zu tun hat.

      Martin

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  5. Durch Fahren wie ein Fahrzeug wird an der Infrastruktur nichts in Frage gestellt.
    Im Gegenteil. Durch das berüchtigte Blauschild wird Radfahrern die Wahlmöglichkeit genommen. Mit den bekannten Folgen.

    Martin

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  6. Bravo, bravo und nochmals bravo für diesen Beitrag und Friedhelms terminologische Anregung.

    Aufgrund der unheilvollen ideologischen Allianz aus ADAC (Straßen sind für Autos da, weil wir es so wollen und es die Nazis so vorgegeben haben) und ADFC (Straßen sind für Autos da und das ist OK und deshalb wollen wir für Radfahrer auch gar keine keine Straßen und keine Fahrbahnen, sondern „Radwege“ und „Radverkehrsanlagen“) ist es leider in Vergessenheit geraten, dass auch Fahrräder eindeutig Fahrzeuge sind, die selbstverständlich das Recht und die Pflicht haben, Straßen und Fahrbahnen zu benutzen.

    Diese ideologiegetriebene historische Entwicklung ist aber erstens Tempi passati und zweitens auf absehbare Zeit soziologisch irreversibel. Und deshalb brauchen wir heute und in Zukunft das Sowohl-als-auch: Einerseits möglichst viel Radfahren auf der Straße UND andererseits möglichst viele gute und FÜR ALLE akzeptable Radrouten und Radwege.

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  7. Selbstschutz, dingscycling:
    Die gegenwaertigen radgenerations werden durch ihren contribute fuer die execution einer umwaelzung voryesterdaylicher mobilitaetsunkonzepte gerade durch das nichtzurueckweichen auf vermeintlich savere seitenwege im directen wie im overcarryten sense teuer bezahlen muessen. Und da playd der verlust der sprache noch die kleinste rolle. Es braucht gerade in unserem nicen benztown erst den unfall, dann die erkenntnis. Ich nenne das "first accident but then, after a little while of some tiny decades maybe, goes it-cycling".

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  8. Hallo, ich glaube mich dahingehend erinnern zu können, wenn ich auf einer Abbiegespur bin die eindeutig nur in eine Reichtung führt, so ist das Blinken und somit auch das Handzeichen beim Radfahren nicht zwingend notwendig. Wenn ich schon auf einer Spur bin wo ich nur rechts abbiegen kann, dann muss ich auch kein Handzeichen geben weil ich ja sonst nirgendwo hinfahren kann. So glaube ich mich erinnern zu können.

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  9. Autos müssen blinken. An eine solche Radlerregel erinnere ich mich nicht. Habe es such nirgendwo gelesen.

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  10. Ein paar Aspekte von VC fehlen leider. Ein ganz wichtiger ist, eine ganze Spur auf der Fahrbahn einzunehmen, um riskante Überholmanöver durch Autofahrer zu reduzieren. Ein paar weitere Techniken sind im englischen Wikipediaartikel bei VC unter Lane Control beschrieben: https://en.wikipedia.org/wiki/Vehicular_cycling#Lane_control

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