5. März 2017

Wo ist eigentlich das Problem?

Üblicherweise regen wir uns fürchterlich auf, wenn wir Radfahrer in Fußgängerzonen sehen. Die Presse erweckt dann gern den Eindruck, als würden Kampfradler kleine Kinder über den Haufen fahren. 

Es wird  Zeit, dass wir mal neugierig hinschauen und gucken, was tatsächlich los ist. Wie viele so radeln (wieviele Autos da wieder mal herumstehen, also reingefahren sind) und wie die Fußgänger reagieren. Ich habe da eine Stunde herumgestanden, und ich fand, dass es total friedlich zugeht, sowohl auf der Königstraße wie auch auf dem Marktplatz, auch wenn hin und wieder mal ein Radler auf seinem Fahrrad sitzt, statt zu schieben. Es fuhren sogar zwei Radler (einen habe ich fotografiert) die Schulstraße hinunter. Übrigens waren alle Fahrradfahrer sehr langsam unterwegs. Einer ist dann abgestiegen, als es eng wurde.



Die Frau auf dem Foto schiebt ihr Fahrrad. So gehört sich das. Und  dieser Radler macht etwas, was seit einigen Gerichtsurteilen über das Fahren auf Zebrastreifen üblich geworden ist. Er steht mit dem linken Fuß auf dem Pedal (leider habe ich ihn im falschen Moment erwischt) und stößt sich auf derselben Seite mit dem rechten Fuß ab. Er benutzt das Fahrrad also wie einen Tretroller. Damit gilt er als Fußgänger. Wobei ich mir denke, dass das Sitzen auf dem Fahrrad weniger riskant ist als so ein Manöver. Der Radler kann besser bremsen und ausweichen, weil er das Rad so benutzt wie vorgesehen. Übrigens ist auch das Schieben in einer Menschenmenge gar nicht so geschickt. Man ist nämlich breiter als ein Fußgänger, und die Gefahr besteht, dass ein Fußgänger das Außenpedal streift oder man selber einen Fußgänger damit streift. Wer gut Rad fahren kann, kommt in echter Schrittgeschwindigkeit berührungsfreier durch eine  Menschenmenge als schiebend.

Wir haben in Stuttgart nur drei Fußgängerzonen, die für Radler nicht freigegeben sind. Das sind die Königstaße samt Marienstraße, in Cannstatt die Marktstraße und in Untertürkheim die Wallmerstraße. In der Marktstraße hat es wohl einen Unfall mit Radler und Fußgängerin gegeben. Die Marktstraße ist eng und zudem nicht schnurgerade wie die Königstraße, die nicht einsehbaren Kurven sind Gefahrenstellen.

Die Königstraße ist jedoch breit und gerade und eine wichtige Einkaufsmeile. Natürlich wird sie auch von Radfahrenden angesteuert, wie man an den abgestellten Fahrrädern sehen kann. Leider gibt keine Fahrradbügel auf der Königstraße, weshalb die Räder halt irgendwo angebunden werden. Sogar in der Schulstraße werden Fahrräder mal kurz abgestellt, um einzukaufen.
Die Königstraße könnte übrigens noch mehr Kundinnen und Kunden unter den Radfahrenden haben, wenn sie für Radler freigegeben wäre. Es ist nämlich eine wichtige Eigenschaft der Radler, dass sie Schaufenster sehen, wenn sie vorbei radeln, und gerne spontan anhalten und in einen Laden gehen.


Nicht nur auf der Königstraße sieht man, dass eigentlich genügend Platz da ist. (An einem Samstag natürlich nicht, aber an einem Wochentag abends schon.) Und der Marktplatz ist so groß, dass die Leute auf dem Fahrrad, die ihn auf dem Heimweg überqueren, nicht einmal ansatzweise irgendwelche Fußgänger gefährden oder auch nur stören. (Durch den Markt radelt natürlich niemand, wenngleich zahlreiche Autos auf den Marktplatz fahren, übrigens auch Paketlieferanten.) Auch dieses Auto (rechts unten) ist ja mit seinen vier Rädern in die Fußgängerzone gefahren und steht da nun. Und geschoben hat sein sein Fahrer gewiss nicht. Übrigens kommt da auch gerade ein Auto die Fahrradstraße herauf (und es ist kein Taxi).

Warum also nicht mal ganz gelassen die Möglichkeit andenken, dass man die Fußgängerzone in der City wenigstens morgens bis 10 Uhr und abends ab 17 Uhr (also nicht erst nach Ladenschluss) für Radfahrende freigibt. Eine Radfreigabe bedeutet ja nicht, dass die da durchrasen, das tun die auch heute schon nicht in der Zufahrt zur Kronprinzenstraße, die schon ewig freigegeben ist, sondern, dass die da langsam fahren dürfen, wie immer, wenn ein Fußgängerbereich nur freigeben ist.


Beim Milaneo funktioniert das schon sehr gut. Hier ist der ganze Bereich an der Stadtbibliothek und an den Milaneohäusern bis in die Unterführung zur Stadtbahn für Radfahrer freigegeben. Und alle arrangieren sich ohne Schrecksekunden und ohne Konflikte. Autos fahren übrigens auch hinein, obgleich sie das nicht dürfen.




Kommentare:

  1. Zitat: "Übrigens ist auch das Schieben in einer Menschenmenge gar nicht so geschickt. Man ist nämlich breiter als ein Fußgänger, und die Gefahr besteht, dass ein Fußgänger das Außenpedal streift oder man selber einen Fußgänger damit streift."

    Das versuche ich den Senioren, die mich in Bad Cannstatt in der Marktstraße anknurren auch hin und wieder freundlich zu vermitteln. Die Erfolgsquote ist überschaubar. Ich verstehe ja den Unmut gegenüber den Radrüpeln (die es ohne Frage gibt). Wenn ich aber langsam, der Situation angemessen und mit genügend Abstand da durchfahre, braucht sich doch eigentlich niemand daran zu stören. Zumal dann auch regelmäßig hier und da zum Einkaufen oder für ein Kaffee mit Freunden gestoppt wird.

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  2. "Üblicherweise regen wir uns fürchterlich auf, wenn wir Radfahrer in Fußgängerzonen sehen. "

    Echt? Tut ihr das? Dann arbeitet an euch, die Mehrzahl der Menschen im Alltag schaffen es doch auch und quittieren sowas mit einem Schulterzucken. Leben und Leben lassen kann doch nur die Devise sein, wenn viele Menschen auf begrenztem Platz unterwegs sind. Das trifft außerdem nicht nur auf radfahrende Mitverkehrende zu, sondern auch auf umsichtige Autofahrerinnen, wenn sie zum Beispiel Pakete ausliefern und am unteren Ende der Lieferkette stehen.

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    1. Na ja, ich nicht, aber die Presse und andere Medien. Ich stelle fest, dass viele Autofahrende das Verhalten von Radfahrenden lebensgefährlich finden und meinen, Radler vor Einbahnstraßen in Gegenrichtung und Fahrbahnradeln schützen zu müssen. Sie glauben, Radler hätten keine Augen und sähen nicht, was vor ihnen ist. Und und ungefähr so sehen auch Fußgänger Radler. Sie glauben immer, die würden sie - die Fußgänger - nicht sehen und fühlen sich bedroht. Was übrigens daher rührt, dass Radler sich leise (wie Raubtiere) nähern und sie, die Fußgänger, sie nicht kommen gehört oder gesehen haben. Deshalb meinen sie, auch der Radfahrer hätte sie nicht gesehen. Dies Psychologie des Zusammenlebens ist halt nicht so einfach.

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    2. Wer sich als Radler outet, steht schnell in einer Unrechtsecke, Stichwort "Kampfradler", die sich ja grundsätzlich an keine Regeln halten. Radler werden als Hindernisse und Störfaktoren mit hohem Gefährdungspotential gesehen.

      Radfahrer in Fußgängerzonen? In den Augen vieler (der Mehrheit?) viel zu gefährlich. Autos in Spielstraßen? Allgemein akzeptiert. Und an das dort herrschende Tempo-Limit von Schrittgeschwindigkeit hält sich kaum ein Autofahrer.


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