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10. April 2026

Herzrasen auf der K1911

Die Kreisstraße 1911 verbindet unter anderem Winnenden mit Schwaikheim. Sie hat seit 2016 links und rechts sogenannte Schutzstreifen. Derzeit darf dort nur 50 km/h gefahren werden. 

"Warum Radfahrende bei Schwaikheim und Winnenden beim Überholen Herzrasen kriegen" titelte der ZVW, wobei nicht überholende Radfahrende gemeint sind, sondern die, die von Autofahrenden überholt werden. Und zwar knapp. 

Die Straße sieht aus wie eine normale Überlandrasestrecke mit Mittelstreifen, wo nur Hartgesottene mit dem Rad fahren. Doch sie hat eben die gestrichelten Linien des sogenannten Schutzstreifens oder auch Mischverkehrsstreifens. Man will hier also offenbar Radfahrende haben. 

Wer im Auto sitzt und einen Menschen auf dem Rad überholen will, muss den Mittelstreifen überfahren, um den gebotenen Überholabstand von zwei Metern einzuhalten. Der ZVW berichtet (Bezahlschranke), dass der ADFC mit Open Bike-Sensoren in der Gegend die Überholabstände gemessen hat, 400 Überholvorgänge allein auf dieser Kreisstraße. Demnach wurde bei 87 Prozent der gesetzlich vorgeschriebene Abstand außerorts von zwei Metern unterschritten, bei mehr als der Hälfte sei es eng bis sehr eng zugegangen. In einigen Fällen habe es sich nur um wenige Zentimeter gehandelt. 

Die K1911 scheint beim Test die übelste Straße im Rems-Murr-Kreis gewesen zu sein. Mit Schuld daran sind die markierten Schutzstreifen. Offenbar die Hälfte aller Autofahrenden scheint zu glauben, der Radfahrer hätte seine Spur und sie zwischen Mittelstreifen und der rechten gestrichelte Linie ihre eigene, sie müssten also ihre Richtungsspur zum Überholen nicht nach links verlassen, sondern könnten in gerader Linie am Fahrrad vorbei heizen. 

Und das macht Radfahrenden richtig Angst, vor allem, wenn es sich um Lastwagen handelt. Es ist zudem gefährlich, sobald einer der Fahrenden, Autolenker:in oder Radler:in, einen winzigen Fahrfehler macht und das Auto den Radfahrer berührt. Die Folgen für Radfahrende sind sehr viel gravierender als die für die Autofahrenden.  

Die Strecke scheint von Radfahrenden durchaus genutzt zu werden. Auf den Open-Street-Versionen von Google und Apple Maps sind Radfahrende zu sehen. (Meine Fotos stammen von diesen Plattformen.) Auf Google-Maps-Foto sieht man einen Lkw-Fahrer richtig überholen. Dabei mag ihm helfen, dass die Lastenradfahrerin ziemlich weit links auf dem Schutzstreifen radelt. Und genau das muss man tun, wenn man Autofahrenden signalisieren will, dass sie nicht in ihrer Fahrspur bleiben können, wenn sie überholen wollen. 

Damit es weniger enge Überholvorgänge gibt, will man jetzt unter anderem dort von April bis September Schilder aufstellen, mit denen Autofahrende auf den erforderlichen Abstand beim Überholen von Fahrrädern hingewiesen werden. Die gestaltet die Stadtverwaltung selbst, was 5000 Euro für sieben Schilder kostet. Der ADFC befährt die Strecken mit dem Open Bike Sensor weiter und testet, ob diese Schilder bei den Autofahrenden wirken. 

Die Polizei hat 2025 in der Gegend auch gelegentlich Verstöße wegen Nichteinhaltung von Mindestüberholabständen festgestellt, meint aber, der rechtssichere Nachweis von Unterschreitungen des Mindestabstands sei schwierig, dazu brauche es Messfahrzeuge. Es gelingt aber natürlich doch und auch ohne Messfahrzeuge, wenn man die Straßenbreite und Breite der Fahrzeuge misst und zueinander ins Verhältnis setzt. Wer auf so einer Straße mit dem Auto in seiner Fahrspur bleibt, hat den Überholabstand deutlichst unterschritten. Ein Foto würde reichen, um das nachzuweisen. Schließlich kommt es nicht so sehr darauf an, ob ein Auto im Abstand von 1,80  am Lenkerende vorbeifährt, sondern ob es nur ein Meter oder weniger ist. 

Der Zeitungsartikel zeigt Verständnis für die Schwierigkeit von Autofahrenden, den genauen Überholabstand zu erkennen (also zu sehen), offenbart aber darüber hinaus auch viel Verständnis für Radfahrende und kommt ganz ohne Skandalisierungen aus. 

Ergänzung: Blogleser Daniel aus Winnenden hat mir geschrieben, er habe als Grüner im Kreisrat noch versucht, den Mittelstreifen entfernen zu lassen, was die Verkehrsbehörden aber abgelehnt haben. Zu diesem Straßenabschnitt gebe es praktisch keine echte Alternative und der sei deshalb auch Teil von RadNETZ Baden-Württemberg. Es soll auch vor dreißig Jahren mal ein Rückbau der alten B14 angekündigt worden sein, doch wurde die Straße in der Zwischenzeit sogar ausgebaut. Im Herbst, so schreibt Daniel, wurde entlang der 1911 großflächig abgeholzt. Jetzt ist der Hang relativ baumfrei, und man fürchtete, dass die Autofahrer, wenn sie rasen, von der Straße anbkommen und den Hang runterrutschen könnten. Also hat man flugs auf der gesamten Strecke Leitplanken angebracht (zur Sicherheit der Autofahrenden). Dazu und für diese Geldausgabe genügte eine Anordnung der Behörden. Die kleinen Schilder zur Sicherheit der Radfahrenden erforderten dagegen ein den Einbau eines Open-Bike-Sensors, unzählige Gespräche, knapp 10.000 Messungen, Guerilla-Aktionen mit Banner und ein eigener Antrag der Grünen. Und das für läppische 5.500 Euro, die die Schilder kosten. Tja. 


12 Kommentare:

  1. Überraschend ist das nicht. Jeder Radfahrer der Strecken fährt, die vorher ohne Streifen waren, egal ob gestrichelt oder ganz durchgezogen, hat das schon selbst bemerkt. In Zonen mit 30 ist es für den Radfahrer noch nicht so schlimm. Für mich persönlich sind das Todesstreifen da viele Autofahrer ian die Linie heranfahren. Manche machen das sogar ohne Gegenverkehr.

    Eigentlich gehört an den Anfang solcher Stellen ein Schild das auf den Überholabstand hinweist. Die Streifen ohne Schild sind nicht im Sinne der Sicherheit für die Radfahrer. Viele Autofahrer wissen auch nicht, dass Sie den gestrichelten Streifen nur überfahren dürfen wenn der zur Verfügung stehende Platz z.B. wegen Gegenverkehr nicht ausreicht.

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    1. Stimmt der Streifen in Esslingen Mitte vor der Hochschule wird eigentlich immer von Autos befahren.

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  2. Diese Schutzstreifen sind die Pest. Sie haben keinerlei sinnvollen Nutzen, außer für die Hersteller der Farbe und die Maler, die sie auftragen. Es gibt keinen verkehrsrechtlichen Unterschied, ob ein Schutzstreifen da ist oder nicht. Wenn einer da ist, wird man allerdings besonders eng überholt, weil "man ja auf dem Radweg fährt". Dass das kein Radweg ist, lässt sich Ottonormalautofahrer leider nicht vermitteln. Dann doch lieber ohne Streifen und sogar noch Geld und Arbeitszeit gespart.
    Übrigens, Natenom hat auch immer wieder bemängelt, dass auf Landstrassen, zum Teil sogar mit Absicht, eng überholt wird. Der fehlende Abstand hat ihn dann das Leben gekostet. Der Autofahrer blieb unverletzt und hat sogar noch seinen Führerschein behalten, obwohl er einen Menschen todgefahren hat.
    Karin

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    1. Nutzen hat es schon, aber nicht wirklich für die Radfharer. Die Gemeinden können für sich verbuchen, dass sie was für Radfahrer / Mobilitätswende getan haben.

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    2. Alibi-Tätigkeit. Bloss nichts richtiges machen.
      Auch so ein gesellschaftliches Problem.
      Arbeit für die Optik.
      Karin

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  3. Diese Kernfahrbahnen sind der größte Bockmist.

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  4. Das Herzrasen hat man da schon hinter sich. Das schlimmste Stück ist am Ortsausgang von Winnenden. Ab McDonalds hört der Schutzstreifen, was man auch immer von ihm halten mag, auf, es geht bergauf und man befindet sich quasi auf einem Zubringer zur B14 und muss sich über zwei Fahrspuren links einfädeln, um auf die K1911 zu kommen. Die einzige Alternative wäre ein ziemlicher Umweg über die Linsenhalde. Vor allem ist das die einzige asphaltierte Verbindung Winnenden - Waiblingen, wenn man von Korb/Hanweiler mit ordentlich Steigungsprozenten absieht.
    Was die Schutzstreifen selbst angeht, werde ich lieber zu eng überholt als von jemandem abgeräumt, der gerade den passenden Song auf seiner Playlist sucht. Ich habe eine gewisse Hoffnung, dass moderne Spurhalteassistenten diese Markierungen zumindest erkennen.

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  5. In der Komoot App gibt es ja seit neuestem eine globale Heatmap zum einblenden. Damit sieht man die öfters genutzten Wegstrecken von Komoot Nutzern. Dort wird die K1911 deutlich als öfter genutzt angezeigt

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  6. Langfassung Schutzstreifen ausserorts downloaden. In der PDF nach Winnenden suchen. Die Strasse war Teil der Untersuchung durch Bernard und VIA https://www.agfk-bw.de/angebote/details/modellprojekt-schutzstreifen-4715

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  7. Lr Sigel geriert sich seit Jahren als 'der große Radfahrerversteher'- liefern tut er nicht. Er nutzt dabei auch gern die ADFC-Sternfahrt als Greenwashing-Plattform gegenüber der Presse. Sein Fachbereichsleiter Straßenverkehr Dilli hat die STVG2024 noch nicht verinnerlicht: Er ist immer noch auf 'Leichtigkeit des Verkehrs' + #Autofirst geeicht - was jetzt nachrangiger ist. Auffallend seine Muster: Er holzt gerne massiv ab entlang den Straßen und verkauft es Verkehrssicherungsmaßnahme. Verkehrspsychologisch passiert aber dann das Gegenteil: Es wird noch mehr gerast. Tipp für K1911 und weiteres Muster im ganzen RMK: Die RAL 2012-Überholverbot (Überholsichtweite; auch bei Tempo 70 km/h) wird systematisch nicht angewandt. Viel Spaß bei Anfordern der Verkehrsschau-Protokolle;-)

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  8. Ich meine Mittelmarkierungen wären bei Schutzstreifen gar nicht zulässig. Auf meinem Täglichen Weg zur Firma fahre ich eine Strecke, auf der es keine gesonderte Radinfra gibt und es läuft relativ gut. Nur auf einem kurzen Stück gibt es Schutzstreifen und das ist das Stück, welches ich am Meisten hasse.

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