Ich rege mich über sie nicht auf, denn ich weiß, dass sie uns unter grenzwertigen Arbeitsbedingungen zu Diensten sind. Sie bringen uns Essen, wenn wir nicht kochen wollen. Sie fahren mit riesigen Rucksäcken und Packtaschen auf Fahrbahnen, wechseln an Ampeln auf Gehwege, halten an, düsen einen Fußweg hinunter, biegen plötzlich ab und rollen gelegentlich ohne Licht durch die hereinbrechende Nacht. Sie telefonieren oft während des Fahrens auf Arabisch oder Indisch oder einer mir unbekannten Sprache. Sie kommunizieren aber nicht mit uns. Sie lassen sich bei konflikthaften Begegnungen auf keinerlei Wortwechsel mit uns ein. Meistens nehmen wir sie nicht wahr, aber wenn wir sie sehen, dann ärgern sich viele über sie, weil sie so regellos fahren. Sie sind die Menschen, die vielen von uns den Alltag erleichtern, doch mit ihnen zu tun haben wollen wir lieber nicht. Nicht einmal an unserer Haustür müssen wir sie empfangen, Lieferdienste bieten ausdrücklich eine kontaktlose Lieferung an.
Eine Anfang Juli veröffentlichte Studie der Technischen Universität Dresden, über die der DVR berichtet, zeigt, dass sie vergleichsweise oft in Verkehrsunfälle verwickelt sind. Innerhalb eines Jahres erlitt jeder im Durchschnitt einen Unfall. Die Studie hat Arbeitsunfälle in anderen Branchen mit denen von Lieferdienst-Radlern verglichen. Von tausend Vollzeitbeschäftigten erleiden im Jahresdurchschnitt 34 einen meldepflichtigen Arbeitsunfall, bei den Lieferandos sind es knapp 400. Im ersten Jahr hatten die Rad-Lieferdienstler im Durchschnitt fünf Unfälle, je länger sie fahren, desto weniger werden es. Besonders oft geschehen sie zwischen 18 und 21 Uhr, wenn am meisten ausgeliefert wird. Dann herrscht Zeitdruck und es wird bereits dunkel oder ist schon dunkel. 71 Prozent dieser Unfälle sind sogenannte Alleinunfälle auf rutschigen Oberflächen wie Laub, Nässe oder Eis, aber auch auf unebenen Untergründen mit Schlaglöchern, Baumwurzeln, Straßenbahnschienen und Bordsteinkanten. Dabei stürzen die, die Pedelecs fahren, häufiger als die auf Normalrädern. An Kollisionen mit anderen Verkehrsteilnehmenden waren am häufigsten Pkw-Fahrende (23 Prozent) und Fußgänger:innen (19 Prozent) beteiligt. Dooring-Unfälle machen 11 Prozent aus. Bei jedem zweiten Unfall erlitten sie Verletzungen, meist an Beinen, Füßen und Schultern, Armen und Händen. Und die meisten meldeten diese Unfälle ihrem Arbeitgeber nicht und ließen sich auch nicht krankschreiben, es sei denn sie konnten nicht mehr fahren. Von den befragten Lieferdienstfahrern (es sind nur 7 Prozent Fahrerinnen darunter) sind 75 Prozent im Ausland aufgewachsen und kommen aus Indien, Bangladesh, Pakistan, der Türkei und aus Syrien. 70 Prozent von ihnen haben studiert und einen Bachalor-Abschluss oder eine noch höhere akademische Qualifikation. Sie fahren zu 63 Prozent Pedelecs und zu 34 Prozent Standardräder.
Es ist völlig klar, dass es arbeitsrechtliche Regelungen zum Schutz dieser Fahrer braucht. Die EU ist da dran. Aber es ist auch an den Städten, eine Radinfrastruktur herzustellen, die Fehler toleriert und Unfallrisiken minimiert und sie dann auch von Laub, Eis und Schnee und Hindernissen frei zu halten. Und davon sind wir in Stuttgart (wie in vielen anderen Städten auch) noch weit entfernt.




Wozu haben wir denn den Zoll als Finanzpolizei. Die können diese ganzen Lieferdienste gerne auf Einhaltung der Regeln kontrollieren. Am besten nehmen sie noch die Rentenversicherung (nennt sich Sozialversicherungsprüfung) mit dazu, wegen Scheinselbstständigkeit, etc. Dann könnten sie diesen ganzen Ausbeutungssumpf trockenlegen.
AntwortenLöschenKarin
Ja, aber hier geht es primär um erbärmliche Radinfrastruktur, die man zudem verwahrlosen lässt.
LöschenBei mir in der Nähe gibt es knapp 100m Radweg, der nie geräumt wird, sehr selten gereinigt (hab es jedenfalls noch nie bemerkt) und in den Pflanzentriebe die Breite einengen.
Da könnte man auch mal durch „Eigenverschulden“ zu Fall kommen.
christo.
Es gibt halt als Ausfluss des autogerechten Separationsprinzips das Projekt 'Radverkehrsnetz', das zwar je nach Bundesland ein wenig unterschiedlich ausfallen kann, das aber insgesamt recht ähnliche Bedingungen schafft.
LöschenExemplarisch mal ein Zitat aus NRW ( https://www.radverkehrsnetz.nrw.de/downloads/HBR-NRW_Dez2024.pdf ):
" Da die Schilder lediglich eine Wegweisung beinhalten, hat der Verkehrsteilnehmer auch nur die Erwartung, bei der Befolgung der Wegweisung sein Fahrtziel zu erreichen. Eine Erwartung an den Sicherheitszustand der Straße verknüpft der Verkehrsteilnehmer mit einer Route nicht, da die Qualität der Wege im Verlauf eines Streckenabschnittes sehr unterschiedlich und ein bestimmter Standard an die Wege des Radverkehrsnetzes bisher nicht festgeschrieben ist. "
´... wenn das mit den Agenturen stimmt, sollte man die wie die Organisatoren von Zwangsprostitution und anderen Drückerkollonnenjobs behandeln.
AntwortenLöschenDas ist in meinen Augen auch eine Art Menschenhandel.
Ja, aber das Ausbeutungsprinzip ermöglicht einträgliche und gesetzlich statthafte Kapitalrenditen, weswegen eine konsequente Verfolgung dieses seit längerem praktizierten Menschenhandels außerhalb der enger werdenden Grenzen unserer 'Marktkonformen Demokratie' liegt.
LöschenZudem ist der Sektor attraktiv für US-Investoren, was das Trockenlegen dieses menschenverachtenden Sumpfes zusätzlich erschwert, bzw. politisch unmöglich macht.
Siehe das Engagement von Uber n diesem Sektor (Investoren? Unter anderem: Benchmark Capital, Goldman Sachs, GV, ...)
Alfons Krückmann
Warum nur arbeitsrechtliche Regelungen zum Schutz der Fahrer? Besser gleich eine neue Behörde gründen. Die EU ist da dran. Dann könnte es wirklich was werden mit einer neuen EU-Behörde.
AntwortenLöschenMal ernsthaft: Wir haben Mindestlohn, Arbeitszeitgesetz. Schleusertum Menschenhandel gelten auch als sehr böse. Man muss die Regeln auch mal durchsetzen und nicht nur für jeden Spezialfall neue Regeln schaffen.
Sorry für den Sarkasmus, aber ich kann dieses Geschwätz, dass man für alles neue Regelungen braucht ohne Bestehende anzuwenden, einfach nicht mehr ernst nehmen.
... für diese Fahrer wäre eine bessere Radinfrastruktur zwar auch wichtig, aber die haben noch ganz andere Probleme. Zeitdruck und Zielorte die nicht dort liegen wo die anderen Alltagsradler hin wollen. (bei uns in München: Parks und an der Isar)
AntwortenLöschen--> So was als neue, innovative Jobs zu verkaufen ist halt einfach falsch. Das Geschäftsmodell beruht auf Ausbeutung und schafft den Bedarf an der Dienstleistung nur dadurch, dass diese nicht mit einem ordentlichen Preis bezahlt werden muss. --> das Geschäftsmodell kann weg.
Radkuriere für wichtige Dokumente sind ein anderes Thema,, denn da ist es dem Auftraggeber oft wert für die Lieferung einen entsprechenden Preis zu zahlen.
Die Menschen, die zu faul sind ihr Essen selbst zu kochen oder selbst abzuholen, sollen den Service ordentlich bezahlen müssen und die Servicefahrer entsprechend anständig bezahlt werden. Das gleiche gilt für die vielen Paketfahrer, auch hier müsste die Bezahlung höher sein. Schlussendlich würde sich diese Bestellmanie dann von selbst erledigen, weil es den Kunden zu teuer würde.
AntwortenLöschenIch gebe den Fahrern immer 2€ Trinkgeld bar auf dir Hand, das kommt wenigstens an. Abseits davon finde ich die Bikes interessant. Einmal habe ich beobachtet, wie ein Fahrer seine Akkus gewechselt hat. Ein Bosch Intube Akku war standardmäßig im Unterrohr, der andere in einer offensichtlich selbstgebauten Box auf das Oberrohr geschnallt. Er hat zwei volle aus seiner Satteltasche gezogen und beide kurz gewechselt. Man stelle sich vor, man braucht 4x600Wh Bosch Intube Akkus am Tag, was das für eine Fahrleistung ist. Diese Ebikes müssen 100.000km oder mehr auf dem Tacho haben. Das nenne ich auf jeden Fall gelungene und effiziente Mobilität.
AntwortenLöschenNa, dann ist das Gewissen ja beruhigt
LöschenJeder, der Essen mit dieser kostenlosen Lieferung bestellt, ist Teil des Problems.
AntwortenLöschenRestaurants, die dieses Modell mitmachen, Versuche ich zu meiden. Denn dann würde ich die kostenlose Lieferung mitfinanzieren.
Die Ausbeutung der Fahrer durch unsere Mitmenschen, die einfach zu bequem sind, ist widerlich.
Dem ist nichts hinzuzufügen
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