Seiten

▼

28. September 2026

Es ist fast immer der falsche Sattel

Pedelecs werden gerne fürs Radeln in aufrechter Sitzposition verkauft. Aber dann lastet das gesamte Körpergewicht auf dem Sattel und damit auf einer Fläche so groß wie die eine Handfläche. Und leider werden Pedelecs meist mit einem Billigsattel verkauft.

Der Rahmen, Motor und Elektronik beim Pedelec sind Hightech, der Sattel aber meistens nicht. Und das merken wir nicht beim Probefahren, sondern erst bei der ersten längeren Tour. Der Hintern oder Rücken tun weh, Nerven und Blutgefäße werden abgeklemmt, die Genitalien werden taub. Abgesehen davon, dass die Hersteller am Sattel sparen, kommt noch hinzu, dass Radbauer selten was von Sätteln verstehen. Das zumindest behauptet ein anonymer Fahrraddesigner der Seite Kaufvergleich.

Auf einem Rennrad verteilt sich das Gewicht auf Lenker, Pedale und Sattel. Je aufrechter die Sitzposition auf dem Rad, desto bedeutender wird die Beschaffenheit und Form des Sattels. Wenn auf einem Sattel - also auf unseren Sitzknochen - ein Gewicht von 70 bis 90 Kilo lasten, dann muss der passen. Die im Laden mitgekauften Sättel passen so gut wie nie.

Und es ist nicht unbedingt die richtige Entscheidung, dann einen noch weicheren oder breiteren Sattel zu kaufen. Entscheidend ist nach meiner Erfahrung, dass der Sattel dem Hüftgelenk Spielraum gibt, also eben gerade nicht zu breit ist, und dass er in der Mitte eine ausreichend breite Vertiefung hat, um die Weichteile zu entlasten. Im Artikel empfiehlt der Designer einen Sattel, der das Gewicht verteilt, und zwar über einen mehrschichtigen Schaum. Man erkennt ihn daran, dass er sich nur langsam in die ursprüngliche Form zurückbewegt, nachdem man kräftig mit dem Daumen reingedrückt hat. Es heißt, Memory-Schaum gebe nur dort nach, wo die Sitzknochen aufliegen, während ein einfacher weicher Sattel auf gesamter Fläche zusammenknautsche, sodass man instabil säße. Außerdem quelle das weiche Material um die Sitzknochen herum hoch und könne dann auf den Dammbereich (also da, wo die Aussparung im Sattel sein sollte) drücken. Mit einem nicht zu weichen Sattel mit Vertiefung oder Lücke im mittleren Bereich sollte man das Problem umgehen können. 

Außerdem empfiehlt er eine zusätzliche Federung des Sattel. Das entspricht auch meiner Erfahrung. Pedelecs haben oft keine Federung in der Sattelstütze. Jeder Bordstein schlägt ungebremst auf unsere Hüftknochen und in unseren Rücken durch, unter Umständen sogar ins Hüftgelenk, was sich auf Dauer zu Verletzungen summieren kann. Nach meiner eigenen Erfahrung (ich radle allerdings mit Pedelec nicht in aufrechter Position), gewöhnen sich die Sitzhöcker, mit denen das Becken auf dem Sattel aufliegt, an den Druck. Sie schmerzen vielleicht die erste Tour, später aber nicht mehr. Hingegen gewöhnt sich der Dammbereich (bei Männern die Prostata) nicht an Druck. 

Keine Erfahrung habe ich mit Sattelbezügen, die nicht nur wasserdicht sind, sondern zusätzliche Polsterung bieten. Sie sind meist billiger als gleich ein neuer Sattel und mögen auch Abhilfe schaffen. Aber ohne Herumprobieren wird auch das nicht zur Lösung der Sitzprobleme führen. Im Artikel wird zum Schluss ein bestimmter Sattel empfohlen, der eine Federung und mehrlagigen Schaum und die Aussparung in der Mitte hat. Ich schließe mich dieser Empfehlung nicht an. Denn was für den einen  gut ist, muss für die andere nicht auch gut sein. Eines aber rate ich: Falls das Radfahren mit dem Pedelec keinen richtigen Spaß macht, weil Hintern oder Rücken wehtun oder irgendwas taub wird, dann lohnt es sich solange nach dem richtigen Sattel zu suchen, bis die Beschwerden weg sind. Und nach meiner Erfahrung ist nicht ein immer noch breiterer Sattel die Lösung, auch für Frauen nicht. Denn die Becken von Frauen sind auch nicht immer breiter als die von Männern. Und härtere Sättel sind berechenbarer als weiche. Auf keinen Fall sollte der Sattel eine nach außen stehende Naht (oder einen Grat) haben, wo sich Hosenbeine dran aufscheuern. 

Und nicht alles, was sich ergonomisch nennt, ist es auch. Ich kann beispielsweise mit diesen ergonomischen Fahrradgriffen, wo auch die Handwurzelfläche aufliegt, nicht längere Strecken fahren, ohne dass mir die Hände und Arme taub werden. Ich radle beschwerdefreier mit den klassischen runden Lenkergriffen. Für andere wiederum sind die flächigeren Lenkergriffe besser. In aufrechter Sitzposition werden allerdings die Hände kaum belastet. Deshalb muss man sich beim Kauf über die Lenkergriffe nicht so viele Gedanken machen. Wer aber - wie ich - ein Pedelec bevorzugt, auf dem man noch vorgebeugt sitzt, kann auch gleich beim Kauf über andere Lenkergriffe nachdenken, als sie mit dem Rad angeboten werden. 

Ausführlich über Sättel für Frauen und Männer geschrieben habe ich auch schon mal 2020. Und mit der Frage, ob Frauen wirklich andere Räder brauchen als Männer, habe ich mich 2024 beschäftigt

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen