Die Schmidener Straße in Cannstatt ist für Radfahrende keine angenehme Straße. Darauf hat eine nächtliche Aktion aufmerksam gemacht
Die Schmidener Straße hat meist nur je eine schmale Richtungsfahrbahn, die uns zum Mischverkehr mit Autos zwingt. Stadtauswärts gibt es an der Oberen Ziegelei einen blitzkurzen Radfahrstreifen. Und der macht alles noch gefährlicher. Denn er endet dann im Heck geparkter Autos und man muss auf die Fahrbahn schwenken, genau dort, wo es auch noch bergauf geht.
Um auf die miserable Situation für Radfahrende aufmerksam zu machen, hat ein Blogleser in der vergangenen Mittwochnacht eine Aktion gestartet und mich und die Presse davon unterrichtet. Er hat den Radfahrsteifen mit Sprühkreide verlängert und mit einem Körperumriss auf die Gefahr aufmerksam gemacht, dass Radfahrene von Autofahrenden getötet werden könnten, wenn sie auf die Fahrbahn schwenken. Außerdem hat er Planen unter anderem mit dem Schriftzug "Vision Zero" und "Warum hört der Schutzstreifen hier auf?" über die Heckscheiben von Autos gehängt und Fragen an die Politik gestellt. (Siehe Fotos unten). Die Aktion, über die auch die
Stuttgarter Zeitung berichtet hat, scheint mir fantasievoller und mutiger Ausdruck der Verzweiflung eines Radfahrers, der hier täglich in Bedrängnis gerät. Der Zeitung scheint es wichtig zu sein, sie als illegal einzustufen, wenngleich der Eingriff in den Straßenverkehr hier nicht gefährlich ist. Ähnliche Aktionen hat auch der
Zweirat seinerzeit am Schutzstreifen der Kaltentaler Abfahrt gemacht, wo es jetzt einen Radfahrstreifen gibt. Ich bin dem Aktivisten dankbar, dass er mich und die Öffentlichkeit auf die Situation in der Schmidener Straße aufmerksam gemacht hat. Sicher Radfahren geht anders. Blogleser Elmar hat mir dann Fotos vom Tag danach geschickt und weitere Informationen über die Zustände an der Oberen Ziegelei geliefert, ich habe am Samstag fotografiert.
Die Situation:
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Radstreifen lila Linie |
Nirgendwo entlang der Schmidener Straße ist der Gehweg für Radfahrende freigegeben. Geradelt wird auf der Fahrbahn, legale Überholmöglichkeiten für den Autoverkehr gibt es kaum, deshalb wird auch sehr eng überholt. Etliche Radfahrende flüchten auf die Gehwege, die nicht freigegeben sind. Stadtauswärts nach der Bushaltestelle an der U-Bahnstation Obere Ziegelei beginnt plötzlich der schmale Radfahrstreifen an einem Gehwegabsatz. Hier ist die Fahrbahn zwei Richtungsfahrspuren breit. Den musealen Radstreifen hat man vermutlich in den Neunzigern vom Gehweg abgeknappst.
Es ging damals offenbar aber gar nicht so sehr um einen Radfahrstreifen, sondern um eine Entwässerungsfläche für die Fahrbahn, was man an dem Gulli direkt in der Ecke sieht (Siehe Foto ganz oben). Gerne wird er auch, wie man auf meinem Foto von gestern
sieht, als Kurzzeitparkplatz genutzt. Auf diesem musealen Radstreifenstück radle ich am Abzweig nach Steinhaldenfeld vorbei. Nach 50 Metern endet er an einer Fußgängerfurt mit Ampel schon wieder. Ich muss auf die Fahrbahn schwenken, die hier ansteigt, weshalb ich als Radlerin langsamer werde. Die Autofahrenden reihen sich inter mir auf. Das ist stressig bis gefährlich, je nachdem, wie die Autofahrenden so drauf sind. Deshalb hat der Aktivist den Radstreifen hier per Kreidemarkierungen verlängert (siehe zweites Foto von oben).
Am Straßenrand parken Autos. Was die Situation für Radfahrende im Konflikt mit Autofahrenden mit Überholdruck noch stressiger macht, ist die Tatsache, dass Hauseinfahrten immer wieder Lücken in der Parkplatzreihe schaffen und ich auf dem Rad in Versuchung gerate, kurz nach rechts auszuweichen, um ein Auto vorbeizulassen, dessen Fahrer allzusehr drängelt. Dann wieder in den fließenden Verkehr zurückkommen, ist schwierig, weshalb man das nicht tun sollte, wofür aber etliche Autofahrenden gar kein Verständnis haben. Einige Radfahrende weichen hier auf den Gehweg aus, der nicht freigegeben ist.
Die Schmidener Straße hat von Schmiden her abwärts zu dieser Kreuzung an der Oberen Ziegelei aber noch ein weiteres Problem für Radfahrende. Auch wenn Radelnde da auf der Fahrbahn schneller sind, geraten sie an der Ampel unweigerlich in einen Autostau. Denn diese Ampel fungiert wie eine Pförtnerampel.
Deshalb fahren, wie mir Elmar erklärte, sehr sehr viele bergab auf dem Gehweg, teils viel zu schnell. Der Gehweg endet rechtsseitig in Fahrtrichtung abrupt an der Fußgängerampel an einem Stahlbügel. Mit dem Rad muss ich an der Fugänerampel das Fahrrad auf die Fahrbahn vor die Autos bringen, sodass ich bei Grün starten kann. Rechts neben dem Stahlbügel zeigt ein Erdpfad, (Doppelfoto links), dass etliche Fußgänger:innen, die nicht über drei Ampeln wollen, und vermutlich auch einige Radfahrende gibt, die so auf die andere Seite hinüber gelangen, jenseits aller Ampelanlagen. Andere Radfahrende fahren gleich auf dem für sie linksseitigen Gehweg runter zur Oberen Ziegelei. Oft auch nicht gerade langsam (Doppelfoto rechts).
Dass an dieser Ampel einen Schutzstreifen geben müsste, der es erlaubt, an den stehenden Autos nach vorn auf einen vorgezogenen Aufstellplatz zu radeln, hat der Aktivist in seiner Aktion ebenfalls angedeutet.
Weiter unten Richtung Cannstatt gibt es dann übrigens wieder so einen musealen Radfahrstreifen mit dünner durchgezogener Linie.
Drigend gehört hier (wie an so vielen Stellen in Stuttgart) eine anständige Radinfrastruktur her. Sie muss den Radfahrenden das Bergaufradeln Richtung Schmiden erleichtern, und sie muss bergab verhindern, dass Radfahrende sich in den Autostau einreihen müssen. Radfahren und dann im Autostau mehrmals nach vorne ruckeln, ist unvereinbar mit Radfahren, das macht keine:r. Dazu müssten die Parkplätze bergauf entfallen. Die werden derzeit nicht bewirtschaftet, sind also kostenlos und werden auch vielfach von Pendler:innen genutzt, die hier mit der U2 weiter in die Stadt fahren. Und wenn die Anwohner:innen ihre Autos wieder auf privaten Grundstücken abstellen würden, die es hier reichlich gibt, dann würde man sehen, wieviele Straßenrandparkplätze hier tatsächlich gebraucht werden. Wahrscheinlich reicht es für einen Radfahrstreifen bergauf.
Wenn man bergab keinen Radfahrstreifen vor der Ampelanlage an der Oberen Ziegelei einrichten will, damit die Radfahrenden an den sich stauenden Autos vorbei nach vorn fahren können, dann muss man die Pförtnerampel weiter bergauf ans Schmidener Feld verlegen. Ohnehin ist nicht einzusehen, dass sich der Pförtnerampelstau in einem Wohngebiet aufreiht. Anders wird es nie gelingen, die Radfahrenden vom Gehweg fern und auf der Fahrbahn zu halten.
Grundsätzlich muss sich Radfahren sicher anfühlen und auch sicher sein, damit nicht nur die hartgesottenen Rad fahren. Die zum Glück auch nicht immer so hartgesotten sind, wie man an dieser Aktion gut erkennen kann. Also, liebe Politik, kommt in die Puschen!
Vielen Dank für die Aktion und Berichterstattung. Ich beobachte das Geschehen dort regelmäßig und es ist wirklich irre, was diese vollkommen vermurkste Verkehrsplanung für Folgen hat.
AntwortenLöschenAutofahrende die Menschen auf dem Rad dicht auffahren, anhupen und dann mit einer Armbreite Abstand überholen.
Einzelne auf dem Rad weichen dann auf den schmalen Gehweg aus und verursachen so Konflikte mit dem regen Fußverkehr der von/zu den weiter oben liegenden Supermärkten unterwegs ist.
Zuletzt war an dem Ampelübergang zwischen Kiosk und Stadtbahnhaltestelle ein Schild der Polizei angekettet, mit dem Hinweis auf einen kürzlich geschehenen Verkehrsunfall und Mahnung nach Vorsicht.
Kombiniert mit der Fußgängerampelschaltung, bei der man manchmal eine Minuten auf die nächste Grünphase warten darf um zur Stadtbahnhaltestelle zu gelangen, wirkt das mehr als lächerlich. Schon längst hätte man auf beiden Seiten mindestens Zebrastreifen oder unmittelbar schaltende Ampeln anbringen müssen.
schöne aktion.
AntwortenLöschenfür sowas bräuchten wir mal mehrheiten im bundestag.
gerne auch mit extremisten, fritzle.
karl g. fahr
Dieser Abschnitt an der Schmidener Straße ist in der Tat ein Witz. Bergab macht das auch keinen Spaß, Schienenquerungen, Ampeln, Rückstaus. Da fährt man nur lang, wenn man muss. Zum Glück gibt es Alternativen.
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