Seiten

29. Dezember 2025

Unser Verkehrssystem benachteiligt Frauen

Frauen haben weniger Freiheit in der Mobilität als Männer. So lautet der Titel des Landes Baden-Württemberg über den Bericht über eine Studie zum Mobilitätsverhalten. 

Der Studie zufolge haben Frauen komplexere Wegeketten und begleiten öfter andere Personen, oft Kinder oder Großeltern. Doch unser Verkehrssystem unterstützt sie dabei nicht. Euch regelmäßigen Leser:innen meines Blogs ist das nicht neu. Der öffentliche Raum ist nicht für Frauen konstruiert, sondern für Männer. Autostraßen dienen dem Berufsverkehr, nicht den Wegen, die Frauen machen. Frauen verursachen zugleich weniger Unfälle und begehen weniger Verkehrsdelikte, sie stellen im öffentlichen Raum eine geringere Gefahr für andere dar, fühlen sich selbst aber oftmals in Gefahr. Verkehrsminister Hermann kommentiert  die Studie so: "Es darf nicht als normal angesehen werden, dass zum Beispiel ein 16-jähriges Mädchen nur dann am Abend aus dem Haus darf, wenn ein Elternteil sie hinterher abholen kann. Unsicherheit im öffentlichen Raum können wir als Gesellschaft nicht akzeptieren." Frauen wagen sich tatsächlich nicht überall hin, bleiben zu Hause, verzichten auf Unternehmungen (was statistisch nicht erfasst wird) und trauen sich auch weniger, Fahrrad zu fahren, wenn die Infrastruktur fehlt. Für Frauen ist das Auto eine Schutzhülle. Sie haben allerdings weniger oft ein Auto zur Verfügung als Männer. Auch wenn die Angst nicht immer faktisch begründet sein mag, so haben Frauen durchaus gute Gründe, mehr Angst vor Belästigung zu haben als Männer. Und ihre Wege durch die Stadt sind hindernisreicher. Das könnte man ändern, wenn man wollte. 

Der Studie zufolge leisten in Baden-Württemberg Frauen fast doppelt so viel Care-Arbeit (Betreuung, Haushalt, Einkaufen) wie die Männer. Und während Männer im Durchschnitt wöchentlich 23,5 Stunden einer bezahlten Erwerbsarbeit nachgehen, sind es bei den Frauen nur knapp 17 Stunden. In den Haushalt (Kochen, Putzen, Waschen) investieren Frauen im Durchschnitt 13,5 Stunden in der Woche und Männer 7 Stunden.  Für die Wegezeiten im Zusammenhang mit unbezahlter Arbeit brauchen Frauen im Schnitt 2 Stunden und 40 Minuten, während Männer dafür 2 Stunden und 12 Minuten aufbringen. Wobei das Datenmaterial dafür mehr als 20 Jahre alt ist. 

Für Menschen, die keine Sorgearbeit leisten, sind die Wege einfach: Fahrt zur Arbeit, dann vielleicht noch einkaufen, Fahrt nach Hause und Fahrt zum Sport und wieder zurück. Für Menschen, die viel unbezahlte Arbeit leisten, sind sie komplizierter: Besuch eines Familienangehörigen, Fahrt zur Arbeit, danach Einkauf, Kind von der Kita abholen, Fahrt nach Hause. Oder Kind zur Schule bringen, mit der Oma zum Arzt, dann zur Apotheke, nach Hause, dann Fahrt zum Ehrenamt oder Sport oder Besuch im Altenheim. In unseren Städten sind die Wege von Wohngebieten zur Arbeit gut ausgebaut, und auch die Radstrecken decken vor allem Pendlerstrecken ab, wie man an unserer Hauptradroute 1 schön sehen kann. Die Verbindungen fürs Fahrrad zwischen den Stadtteilen sind dagegen schlechter, vor allem für den Radverkehr, wie man an der Verbindung zwischen Stuttgart Süd und West durch den Schwabtunnel sehen kann. Das gilt auch für den ÖPNV. 

Autos werden von 41 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen genutzt. Busse oder Bahnen nehmen 13 Prozent der Frauen und 11 Prozent der Männer, wenn sie zur Arbeit oder zu Freizeitaktivitäten fahren. Für die Sorgearbeit allerdings taugen die öffentlichen Verkehrsmittel nicht, weil es keine oder nur schlechte Verbindungen gibt. Das Fahrrad als Hauptverkehrsmittel wird von 12 Prozent der Männer und 10 Prozent der Frauen genutzt. Wiederum sind Frauen etwas öfter als Männer zu Fuß unterwegs, genauso wie mit der Bahn. 

Gleichzeitig fühlen sich rund 68 Prozent der Frauen nachts ohne Begleitung in der Öffentlichkeit unsicher, also auch im öffentlichen Nahverkehr. Womöglich verzichten sie auf eine Unternehmung, weil sie kein Auto oder kein Fahrrad zur Verfügung haben. Auch 40 Prozent der Männer fühlen sich nachts allein nicht sonderlich sicher. Frauen fürchten sich außerdem vor sexueller Belästigung. 

Auch beim Fahrradfahren fühlen sich Frauen unsicherer als Männer. Im Jahr 2023 fühlten sich bundesweit 49 Prozent der Frauen und 32 Prozent der Männer im Straßenverkehr unsicher. Die dominanten Argumente gegen das Radeln sind aber nach wie vor, dass man dem Wetter ausgesetzt sei, nicht so viel transportieren könne wie mit dem Auto (und dies brauche), und dass es zu anstrengend sei.

Die Schlussfolgerungen aus dieser und ähnlichen Studien sind immer dieselben: Gehwege und Zugänge zum öffentlichen Nahverkehr müssen barrierefrei sein, also für Kinderwagen und Rollstühle und Rollatoren geeignet. Die Radinfrastruktur muss kleinteilig überall ausgebaut werden, sodass Radfahrende ihre Wege stress- und angstfrei finden. An den Zielen (Arztpraxen, Apotheken, Läden, Einkaufszentren) muss es Radparkplätze geben. Dunkle Ecken müssen hell sein, Fuß- und Radwege dürfen nicht abseits belebter Straßen geführt werden. Es darf keine unausgeleuchteten Strecken für Fußgänger:innen und Radfahrende geben. Und weil Männer sich im Straßenverkehr riskanter und für andere gefährlicher verhalten als Frauen, sind systematische Kontrollen wichtig, also mehr Geschwindigkeitskontrollen, mehr Kontrollen von Gehweg- oder Eckenparkern und intensivere Sanktionen (was natürlich auch Auto nutzende Frauen betrifft). 

Städte müssen auch für Frauen geplant werden und vermutlich endlich mal auch von Frauen. Davon profitieren dann alle. Hilfreich wäre es, wenn die Verkehrsministerien nicht immer von Männern besetzt würden, sondern auch mal von einer Frau, und wenn in der Verkehrs- und Stadtplanung mehrheitlich Frauen das Sagen hätten. Die Fragen und Lösungen, die wir dann diskutieren, würden ganz anders aussehen



16 Kommentare:

  1. Bei den kommenden 5 Landtagswahlen liegt die AfD in zwei Bundesländern an erster Stelle in den Umfragen. In den drei anderen, darunter auch Baden Württemberg, ist es die Union.
    Wie die Haltung dieser Parteien zu Rolle und Stellung von Frauen ist, brauche ich hier, glaube ich, nicht auszuführen. Genauso wenig wie die zu der von Unterprivilegierten im Allgemeinen (zu denen auch Radfahrer gehören). Auch nicht diejenige zu öffentlichen Diensten, von denen Frauen (aus all den von dir genannten Gründen) besonders abhängig sind, bzw. unter deren Abbau (der Kanzleramtsminister von der Union verkündet gerade dieser Tage wieder kommene Kürzungen im Gesundheitswesen...) sie besonders leiden.

    Wir haben als Gesellschaft schon vor längerer Zeit das Steuer in die falsche Richtung geschwenkt. Wann wir es schaffen, es zumindest ansatzweise wieder zurückzudrehen, ist offen. Die Chancen, dass dies 2026 stattfindet stehen schlecht.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, genau so ist es. Die Blauzis werden so viel gesellschaftlichen Fortschritt einreißen, wie sie können, um möglichst viel Spaltung zwischen die Leute zu bekommen.

      Dazu werden ganz besonders Gemeinheiten wie Wiedereinführung der Radwegsbenutzungspflicht, Helmpflicht und Fahrradkennzeichen gehören.

      Für uns heißt es deshalb auch, jetzt ein Jahr in den sauren Apfel zu beißen und politisch aktiv zu werden, z.B. regelmäßig auf die zahlreichen Demos zu gehen.
      -Tim

      Löschen
    2. ist eben die frage ob die frauen u maedchen angst vor "werner, helmut, maximilian" haben oder eben anderen personen mit anderen vornamen. (ich weiss, wird nicht veroeffentlicht der kommentar :D)

      Löschen
    3. Hä, was soll denn das heißen?
      Wenn dieser Kommentar rassistisch sein soll, dann kommt es nicht richtig heraus, wenn nicht, auch nicht.

      Es geht um strukturelle Benachteiligungen. Von Frauen und Mädchen - dabei ist direkte Gewalt von Männern gegen Frauen nur ein, wenn auch gravierender, Teil eines größeren Problems des vielfach als patriarchalisch bezeichneten Gesellschaftssystems - aber auch von Unterprivilegierten, von Radfahrern, von Immigranten etc.
      Das heißt, um die Ausübung eines wie auch immer begründeten "Recht des Stärkeren", gefördert von Parteien, die dieses Recht des Stärkeren als Grundlage des Lebens ansehen (denn nichts anderes sagen rechte Ideologien, von FDP bis zu, in logischer Konsequenz, der AfD - und leider dringen diese Ideen immer mehr auch in ehemals linke Parteien ein...).

      Rassismus ist also ein Teil desselben Problems, geschürt von Leuten, vielleicht auch dir, die es nötig haben, sich selbst in irgendeiner Form zu den Starken gehörig zu fühlen. Also Deutsche mit Abstiegsängsten, Männer mit Selbstwertproblemen, Autofahrer mit Minderwertigkeitskomplexen usw.
      Ein gutes Drittel der Wähler, regional auch noch wesentlich mehr, befindet sich mittlerweile in diesem Lager.

      Löschen
    4. "Gemeinheiten wie Wiedereinführung der Radwegsbenutzungspflicht"
      Huch - hab ich was verpasst?? Benutzungspflicht bei blau-Beschilderung exitstiert doch nach wie vor...
      Das ist diejenige, welche der ADFC einstmals abschaffen wollte.

      Löschen
    5. Da geht es um die Wiedereinführung der Möglichkeit, Benutzungspflichten für jeden Dreckspfad anzuordnen, nur um Fahrradfahrer von der Straße zu verbannen. So wie es vor 1997 der Fall war.

      Löschen
    6. Es ist eine große Selbsttäuschung dass Frauen von Linken besser politisch wahrgenommen wird. Das ensteht aus der Tendenz dort politische "Anspruchsgruppen" zu bilden und zu alimentieren.

      Aber wenn man es einmal von der substantiellen Perspektive im Politikbetrieb, dem Machtzugang, betrachtet sieht man dass Frauen in den wesentlichen Industrienationen (G7) bisher ausschließlich über die "rechte" Seite der Parlamante in die jeweils mächtigste Position im Staat (Premierministerin, Kanzlerin) gekommen sind. Bisher gab es in 5 der 7 G7 Staten weibliche Regierungschefs (2x in UK also 6 insgesamt), alle ausschließlich "rechts". Das ist Fakt und völlig unbhängig von der Betrachtung der von diesen Frauen verfolgten Politik und der Dauer im Amt.

      Sobald es um echte Macht und nicht Anscheinsalimentation geht ist das Patriarchat links.

      In Deutschland hatte die SPD noch nicht mal eine Frau als "echte" Parteivorsitzende, bisher waren (und sind) Frauen da nur die kosmetische "Nummer Zwei" in einer "Doppelspitze" (und in der de facto Machthierarchie der SPD noch viel weiter hinten).

      Löschen
  2. Ich empfinde die Aussage, Frauen hätten auch seltener ein Auto, zu stark vereinfacht. Vor 30+ Jahren war es normal, dass der junge Mann das Auto haben musste, während die junge Frau chauffiert wurde. Unterhalt selbstredend auf Kosten des Mannes. Junge Frauen mit Auto waren selten.
    Nun sehe ich Gleiches bei der jungen Generation, die jetzt Auto gerade fahren darf. Denn um jene geht es doch, wo explizit auf das Abholen eingegangen wurde, nicht wahr? Die Tochter, die Nichten, keine hat ein Auto. Und jene davon, die im ländlichen Raum leben beschweren sich regelmäßig, wie schlecht doch die nächste Stadt zu erreichen sei.
    "Mein Freund hat doch ein Auto, da brauche ich mir doch keins kaufen..." höre ich stets, wenn ich frage, warum sie sich dann kein Auto zulegen. Dabei sind sie durchaus emanzipiert und verteidigen die Frauenrechte aufs Schärfste.
    Ich kann mir das ehrlich gesagt nicht erklären.

    AntwortenLöschen
  3. Der Post beschreibt reale Defizite der Verkehrsplanung, insbesondere für komplexe Wegeketten und Sorgearbeit. Diese betreffen jedoch nicht Frauen als Frauen, sondern alle Personen mit entsprechenden Mobilitätsanforderungen. Dass Frauen diese Rollen häufiger übernehmen, begründet keine geschlechtsspezifische Benachteiligung durch das Verkehrssystem. Auch das höhere Unsicherheitsgefühl von Frauen im öffentlichen Raum weist auf ein allgemeines Sicherheits- und Gestaltungsproblem hin, nicht auf eine unterschiedliche Behandlung nach Geschlecht. Die Überschrift ist daher begrifflich zu weit gefasst.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hä?
      Frauen werden als Frauen diskriminiert. Und daher auch im Verkehr.
      Diskriminierung wegdefinieren? Schöner Versuch...

      Löschen
    2. Dass Frauen Diskriminierung erfahren, ist unbestritten. Der Post zeigt aber keine unterschiedliche Behandlung von Frauen gegenüber Männern oder diversen Personen im Verkehrssystem, sondern strukturelle Nachteile bestimmter Mobilitätsrollen. Dass Frauen davon häufiger betroffen sind, macht die Benachteiligung nicht automatisch geschlechtsspezifisch.

      Löschen
    3. Das ist mir zu haarspalterisch. Im Verkehrsraum kommt die "Recht des Stärkeren"- Grundlage unserer Gesellschaft besonders klar zum Ausdruck, er ist daher besonders diskriminierend für Frauen.
      Dass insgesamt die patriarchalische Struktur unserer Gesellschaft zur Benachteiligung und Unterdrückung aller Schwächeren führt, haben die Feministen mit als erste erkannt und die Intersektionalität zum Grundprinzip jeden Kampfes gegen Diskriminierung gemacht.

      Löschen
    4. Wir reden hier auf unterschiedlichen Ebenen. Sie argumentieren mit einer gesellschaftstheoretischen Gesamtdeutung (Patriarchat, Machtverhältnisse, Intersektionalität). Meine Kritik bezieht sich auf den konkreten Text und seine Überschrift.

      Der Beitrag zeigt Defizite der Verkehrsplanung auf. Er zeigt jedoch nicht, dass das Verkehrssystem selbst geschlechtsspezifisch regelt oder organisiert ist. Die Überschrift macht aus einer strukturellen Schieflage eine geschlechtliche Zuschreibung. Das ist eine politische Interpretation – keine zwingende Folgerung aus dem Text.

      Löschen
    5. Schlagen Sie mal einen alternativen Titel für den Post vor, der dem Text besser entspräche.

      Löschen
    6. Danke, das sehe ich auch so. Katja Diehl und Christine Lehmann haben hier einen Konfundierungsfehler. Es besteht keine direkte kausale Verkettung sondern eine dritte Variable ist gemeinsam und kausal.

      Eine Frau im übergroßen SUV ist mindestens genauso problematisch wie ein Mann im gleichen SUV.

      Die Lesung des Buches in Düsseldorf war gut und vom Podium wurde die Diskussion hier gut neutralisiert und es wurde sich weg von der Genderdiskussion hin zur Problemorientierten Diskussion für gute Mobilität für ALLE Menschen hingewand.

      "Mann am Steuer – Wie das Patriarchat die Verkehrswende blockiert"
      https://www.duesseldorf.de/medienportal/pressedienst-einzelansicht/pld/lesung-und-podiumsdiskussion-mann-am-steuer-wie-das-patriarchat-die-verkehrswende-blockiert

      Natürlich sind Männer und Frauen anders, aber die Behauptung: Wenn Frauen die entscheidgungen im Verkehr/Amt treffen, sind alle Probleme gelöst, die ist schlicht falsch.

      PS.: Da alle anonym und ohne Pseudonym posten, ist den Antworten/Konversationen kaum zu folgen, schade.

      Löschen
    7. Lieber JP: Es gibt immerhin Untersuchungen, dass Frauen weniger schwere Unfälle und auch weniger mit tödlichem Ausgang verursachen als Männer. Und die Frage, ob unsere Verkehrspolitik menschenfreundlicher wäre, wenn sie von Frauen gemacht würde, die dafür allerdings auch auf viele weibliche Mitarbeiterinnen zählen können müssten, kann nicht nicht pauschal beantwortet werden, weil es zu wenige Beispiele gibt. Allerdings sehen wir eine phänomenal menschenfreundliche Verkehrspolitik in Paris, vertreten von Bürgermeisterin Hidalgo als ein Indiz dafür. Von Staaten, die eine wenigstens paritätisch weiblich besetzte Regierung mit einer Frau an der Spitze der Regierung haben, weiß man, dass sie nennenswert weniger Kriege führen. Damit ist nicht gesagt, dass Frauen die besseren Menschen sind, vor allem nicht, wenn man auf Einzelfälle schaut.

      Löschen