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12. September 2026

Unser Verkehrssystem benachteiligt Frauen

Unsere Städte sind nicht für Frauen geplant und gebaut, sondern für Männer. Was auch daran liegt, dass in den zuständigen Ämtern Männer das Sagen haben. 

Frauen haben weniger Freiheit in der Mobilität als Männer. So lautet der Titel des Landes Baden-Württemberg über den Bericht über eine Studie zum Mobilitätsverhalten. 

Der Studie zufolge haben Frauen komplexere Wegeketten und begleiten öfter andere Personen, oft Kinder oder Großeltern. Doch unser Verkehrssystem unterstützt sie dabei nicht. U-Bahnen mit Treppen und irgendwo einem Aufzug, der nicht funtkoniert, behindern Frauen mit Kindern und Kinderwagen, aber auch Rollstuhlfahrende und Menschen mit Rollatoren. Frauen müssen ihre Wege mit Kindern in Öffentlichen Verkehrsmitteln richtigehend planen: Wo funktioniert der Aufzug, wo können sie halbwegs treppenfrei umsteigen? Unsere Städte und Verkehrswege sind nicht für Frauen geplant, die Familienarbeit machen. Und sie werden von Männern geplant. Auch wenn in den Abteilungen von Planungsämtern Frauen sitzen, solange sie eine Minderheit sind und solange die Chefs alle Männer sind, werden und können sie keine Verkehrsplanung vorschlagen und durchsetzen, die die besondere Lebenswirklichkeit von Frauen berücksichtigt: Sicherheit, Barrierefreiheit und Platz und Sicherheit für Kinder auf Gehwegen und Radwegen. 

Euch regelmäßigen Leser:innen meines Blogs ist das nicht neu. Der öffentliche Raum ist nicht für Frauen konstruiert, sondern für Männer. Autostraßen dienen dem Berufsverkehr, nicht den Wegen, die Frauen machen. Frauen verursachen zugleich weniger Unfälle und begehen weniger Verkehrsdelikte, sie stellen im öffentlichen Raum eine geringere Gefahr für andere dar, fühlen sich selbst aber oftmals in Gefahr. Verkehrsminister Hermann kommentiert  die Studie so: "Es darf nicht als normal angesehen werden, dass zum Beispiel ein 16-jähriges Mädchen nur dann am Abend aus dem Haus darf, wenn ein Elternteil sie hinterher abholen kann. Unsicherheit im öffentlichen Raum können wir als Gesellschaft nicht akzeptieren." Frauen wagen sich tatsächlich nicht überall hin, bleiben zu Hause, verzichten auf Unternehmungen (was statistisch nicht erfasst wird) und trauen sich auch weniger, Fahrrad zu fahren, wenn die Infrastruktur fehlt. Für Frauen ist das Auto eine Schutzhülle. Sie haben allerdings weniger oft ein Auto zur Verfügung als Männer. Auch wenn die Angst nicht immer faktisch begründet sein mag, so haben Frauen durchaus gute Gründe, mehr Angst vor Belästigung zu haben als Männer. Und ihre Wege durch die Stadt sind hindernisreicher. Das könnte man ändern, wenn man wollte. 

Der Studie zufolge leisten in Baden-Württemberg Frauen fast doppelt so viel Care-Arbeit (Betreuung, Haushalt, Einkaufen) wie die Männer. Und während Männer im Durchschnitt wöchentlich 23,5 Stunden einer bezahlten Erwerbsarbeit nachgehen, sind es bei den Frauen nur knapp 17 Stunden. In den Haushalt (Kochen, Putzen, Waschen) investieren Frauen im Durchschnitt 13,5 Stunden in der Woche und Männer 7 Stunden.  Für die Wegezeiten im Zusammenhang mit unbezahlter Arbeit brauchen Frauen im Schnitt 2 Stunden und 40 Minuten, während Männer dafür 2 Stunden und 12 Minuten aufbringen. Wobei das Datenmaterial dafür mehr als 20 Jahre alt ist. 

Für Menschen, die keine Sorgearbeit leisten, sind die Wege einfach: Fahrt zur Arbeit, dann vielleicht noch einkaufen, Fahrt nach Hause und Fahrt zum Sport und wieder zurück. Für Menschen, die viel unbezahlte Arbeit leisten, sind sie komplizierter: Besuch eines Familienangehörigen, Fahrt zur Arbeit, danach Einkauf, Kind von der Kita abholen, Fahrt nach Hause. Oder Kind zur Schule bringen, mit der Oma zum Arzt, dann zur Apotheke, nach Hause, dann Fahrt zum Ehrenamt oder Sport oder Besuch im Altenheim. In unseren Städten sind die Wege von Wohngebieten zur Arbeit gut ausgebaut, und auch die Radstrecken decken vor allem Pendlerstrecken ab, wie man an unserer Hauptradroute 1 schön sehen kann. Die Verbindungen fürs Fahrrad zwischen den Stadtteilen sind dagegen schlechter, vor allem für den Radverkehr, wie man an der Verbindung zwischen Stuttgart Süd und West durch den Schwabtunnel sehen kann. Das gilt auch für den ÖPNV. 

Autos werden von 41 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen genutzt. Busse oder Bahnen nehmen 13 Prozent der Frauen und 11 Prozent der Männer, wenn sie zur Arbeit oder zu Freizeitaktivitäten fahren. Für die Sorgearbeit allerdings taugen die öffentlichen Verkehrsmittel nicht, weil es keine oder nur schlechte Verbindungen gibt. Das Fahrrad als Hauptverkehrsmittel wird von 12 Prozent der Männer und 10 Prozent der Frauen genutzt. Wiederum sind Frauen etwas öfter als Männer zu Fuß unterwegs, genauso wie mit der Bahn. 

Gleichzeitig fühlen sich rund 68 Prozent der Frauen nachts ohne Begleitung in der Öffentlichkeit unsicher, also auch im öffentlichen Nahverkehr. Womöglich verzichten sie auf eine Unternehmung, weil sie kein Auto oder kein Fahrrad zur Verfügung haben. Auch 40 Prozent der Männer fühlen sich nachts allein nicht sonderlich sicher. Frauen fürchten sich außerdem vor sexueller Belästigung. 

Auch beim Fahrradfahren fühlen sich Frauen unsicherer als Männer. Im Jahr 2023 fühlten sich bundesweit 49 Prozent der Frauen und 32 Prozent der Männer im Straßenverkehr unsicher. Die dominanten Argumente gegen das Radeln sind aber nach wie vor, dass man dem Wetter ausgesetzt sei, nicht so viel transportieren könne wie mit dem Auto (und dies brauche), und dass es zu anstrengend sei.

Die Schlussfolgerungen aus dieser und ähnlichen Studien sind immer dieselben: Gehwege und Zugänge zum öffentlichen Nahverkehr müssen barrierefrei sein, also für Kinderwagen und Rollstühle und Rollatoren geeignet. Die Radinfrastruktur muss kleinteilig überall ausgebaut werden, sodass Radfahrende ihre Wege stress- und angstfrei finden. An den Zielen (Arztpraxen, Apotheken, Läden, Einkaufszentren) muss es Radparkplätze geben. Dunkle Ecken müssen hell sein, Fuß- und Radwege dürfen nicht abseits belebter Straßen geführt werden. Es darf keine unausgeleuchteten Strecken für Fußgänger:innen und Radfahrende geben. Und weil Männer sich im Straßenverkehr riskanter und für andere gefährlicher verhalten als Frauen, sind systematische Kontrollen wichtig, also mehr Geschwindigkeitskontrollen, mehr Kontrollen von Gehweg- oder Eckenparkern und intensivere Sanktionen (was natürlich auch Auto nutzende Frauen betrifft). 

Städte müssen auch für Frauen geplant werden und vermutlich endlich mal auch von Frauen. Davon profitieren dann alle. Hilfreich wäre es, wenn die Verkehrsministerien nicht immer von Männern besetzt würden, sondern auch mal von einer Frau, und wenn in der Verkehrs- und Stadtplanung mehrheitlich Frauen das Sagen hätten. Die Fragen und Lösungen, die wir dann diskutieren, würden ganz anders aussehen


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