16. Februar 2025

Wer kennt Fahrräder als Alltagsverkehrmittel?

In einer Woche, am 23. Februar, wählen wir einen neuen Bundestag. Wahlen sind eine Möglichkeit, Parteien eine Stimme zu geben, die im Großen und Ganzen, aber auch in Einzelaspekten das wollen, was wir auch wollen. 

Wollen heißt nicht, dass es auch gleich Wirklichkeit wird. Politik ist ein komplizierter und langsamer Prozess, in dem - weil keine Partei die absolute Mehrheit hat - verschiedene Interessen gegeneinander abgewogen und Kompromisse gesucht werden müssen. Ministerien können Gesetzesvorlagen anstoßen oder auch nicht, tun sie es, müssen sie auch in der Koalition eine Mehrheit finden. Das ist kompliziert. Wäre es nicht kompliziert, hieße es nicht Politik. Eine Partei, die in allen Punkten die eigenen Auffassungen über die Welt und die Lösungen der Probleme vertritt, gibt es nicht. Auch wir Wählenden müssen Kompromisse eingehen. 

Uns hier auf dieser Seite interessiert der Radverkehr. Und um nichts anderes soll es hier gehen.

Gegen das Radfahren als Sport oder Freizeitbeschäftigung hat niemand etwas. Auch CDU-Politiker:innen sind Fans von Radsport-Events oder Wochenendradtouren. Der Knackpunkt ist das Alltagsradeln als Möglichkeit, nicht mehr alle Strecken mit dem Auto zurücklegen zu müssen, sondern sehr viele Strecken zur Arbeit oder zum Einkaufen oder zu Terminen mit dem Fahrrad fahren zu können. Damit die Leute das als bequem und sicher empfinden, braucht es eine weitgehend lückenlose und das Radfahren unterstützende Infrastruktur. Und dagegen haben alle Parteien was, die davon träumen, dass die Welt  wieder so wird wie im vorigen Jahrhundert.  

Die Seite Utiopia hat sich die Wahlprogramme unserer Parteien mit halbwegs Chancen auf Einzug in den Bundestag angeschaut und es verwundert uns nicht, dass nur die Grünen und die Linke das Radfahren als wichtiges Element zur Änderung der Autodominanz auf unseren Straßen ansehen und ausführlichere Ideen dazu entwickelt haben. Die SPD will immerhin eine Gleichberechtigung der Verkehrsarten, bei der das Auto nicht bevorzugt wird und dem Radverkehr eine bessere Infrastruktur bereitgestellt wird. Gleichberechtigung im Straßenverkehr heißt, dass die bisher Benachteiligten den bisher Bevorzugten - den Autofahrenden - Raum wegnehmen müssen. Ein bundesweites Netz von Radschnellwegen nennen alle drei erwähnten Parteien. 

Wenn eine Partei von "freier Mobilität" spricht, also das Wort Freiheit mit dem Verkehr verbindet, denkt sie an die ungehinderte Wahl des Autos als Hauptverkehrsmittel, nicht ans Fahrrad. Das gilt für die CDU.  Sie will bestenfalls, dass sich Radverkehr und ÖPNV sinnvoll ergänzen. In Berlin, wo die CDU die Koalition anführt, werden Radstreifen sogar wieder rückgebaut. Wenn von einem "fairen Miteinander die Rede ist", dann heißt der Autor FDP und meint, es solle keine Verbote geben, sondern ausgewogene Regeln und Respekt. Zum fairen Miteinander gehört aber auch eine faire Platzverteilung auf den Straßen, und die haben wir bisher nicht. Der Rad- und Fußverkehr bleibt an den Rand gedrängt und muss immer wieder lange stehen und warten, weil der Autoverkehr auf breiten Straßen fließen soll. Taucht das Wort "Autofeindlichkeit" in einem Wahlprogramm auf, dann ist es das des BSW, das das Auto als Hauptverkehrsmittel an erster Stelle sieht. Der Radverkehr kommt da nicht vor. Die andere ultrarechte Partei erwähne ich hier nicht. 



6 Kommentare:

  1. Eine schöne Zusammenfassung!
    Persönlich brauche ich nicht unbedingt überall eine dedizierte Radfahrinfrastruktur. Mir würde es vollkommen langen, Kraftfahrer hielten sich an die StVO. Aber ausgerechnet diejenigen Parteien, welche gern Recht und Ordnung fordern, schützen die Gefährder und Gefährderinnen in Kfz.
    Thomas

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. "Recht und Ordnung" heißt in Wirklichkeit "Macht".
      Bzw. "Recht und Ordnung" für die einen, Unterprivilegierten (im Verkehr klingt das so: "Radfahrer halten sich an keine Regeln!"), "Freiheit" für die Privilegierten ("Freie Fahrt für freie Bürger!" o.Ä.).

      Löschen
  2. Für mich ist es eine große Freiheit, alle Wege hier in Stuttgart mit dem Rad zurückzulegen. Ohne Stau, an der frischen Luft, meist so schnell wie mit dem Auto und ohne Parkplatzprobleme. Zugegeben, bei der Infrastruktur hat Stuttgart noch zu tun.Mit dem Auto lege ich auf Langstrecken trotzdem noch genug Kilometer zurück, aber in der Stadt habe ich da keinen Bock drauf.

    AntwortenLöschen
  3. Ich hatte bisher immer den Eindruck die SPD sei noch autofreundlicher als die CDU. Denn die SPD denkt an ihr IG-Metall Klientel, dem es um so besser geht desto mehr Gewinne die Autoindustrie macht. Aber das Argument mit der CDU in Berlin hat auch was...

    AntwortenLöschen
  4. ... die Zusammenfassung ist leider erschreckend zutreffend. Ich frag mich immer ob CDU ler die Alltagswege mit dem Rad fahren einfach inexistent sind (oder wie in Berlin die Partei verlassen) oder ob die sich zum Thema nicht äußern weil das gegen die Parteilinie ist.
    Egal auf welcher politischen Ebene, von Gemeinde bis Bund: die Parteilinie wird konsequent verfolgt. Wenn die Anordnung von 30 km/h auf einer unübersichtlichen Straße ohne Radwege als unzulässige Gängelung bezeichet wird, dann kommt das mit ziemlicher Sicherheit von einenm CD(S)U ler.

    Wenn einige Millionen für Fahrradinfrastruktur als zu teuer bezeichnet werden obwohl nebenan das hundertfache für KFZ infrastruktur verbaut wird, ist das auch ein CxUler.
    Und das sind dann die Menschen, die es als Ideologie bezeichnen wenn Radwege gebaut werden, die tatsächlich als Hauptroute deutlich Nutzer haben als die Fahrbahn daneben. Die geneigten Leser innen dürfen gerne raten welche Fraktion (Münchner Stadtrat) folgenden Vorschlag eingebracht hat:
    "Laut der Studie Zweiradsicherheit im Überblick der Allianz Deutschland AG finden sich hohe
    Anteile von Kollisionen zwischen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmern dort, wo
    Radstreifen nutzende Radfahrerinnen und -fahrer die Fahrbahn mit wartepflichtigen Pkws
    queren. Deshalb wird die Stadtverwaltung beauftragt, in diesen Bereichen
    aufmerksamkeitssteigernde und geschwindigkeitsssenkende Maßnahmen für Radfahrerinnen
    und -fahrer zu installieren"
    Ich wette, dass niemand der diesen Blog liest, flasch liegt. (Lösung: CSU)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Und so sieht das dann in der Praxis aus:
      https://maps.app.goo.gl/B2oWMwJqhv9ctvjf7

      Löschen