26. Januar 2018

So sieht's aus - Stutttgarter Radinfrastruktur in Zahlen

In Stuttgart haben wir gerade mal 8 km echte Radwege (baulich von der Fahrbahn und von Fußgängern getrennt), dafür aber 133 km Gehwege, die für Radler freigegeben sind.

Das hat Blogleser Habicht (Name redaktionell geändert) herausgefunden, indem er im Januar dieses Jahres mithilfe von OpenStreetMap alle Straßen untersucht hat. Die Strecke von gemeinsamen Fuß- und Radwegen beläuft sich seinen Recherchen zufolge auf 133 km, was vor allem der riesigen Fläche des Schlossgartens geschuldet ist. Radwege, die getrennt vom Gehbereich auf Gehwegen verlaufen, gibt es immerhin noch 15 km. Die Radstreifen erstrecken sich über 36 km, Schutzstreifen über 14 km. Insgesamt haben wir also 207,1 km Wege, die fürs Fahrrad angelegt wurden. Die freigegebenen Gehwege rechne ich nicht dazu, denn das sind wie die Fußgängerzonen oder Busspuren keine Wege, die für Radler angelegt wurden. Die Karte zeigt zudem, wie unglaublich löchrig unser Radinfrastrukturnetz ist.
OpenStreetMaps

















Schön für Stuttgarter Radfahrende sind die ausgedehnten Tempo-30-Zonen (gelb auf der Karte). Das finden viele Radfahrende gut, die gern auf Fahrbahnen fahren. Aber auch dort ist das Radeln nicht konfliktfrei und macht zu vielen Menschen wieder Angst. Für Radfahrende ausgelegt sind diese Straßen nicht. Von den vielen dort geparkten Autos geht eine erhebliche Dooring-Gefahr aus.

OSM ist eine freie Datenbank. Deshalb können Daten auch fehlerhaft oder unverständlich sein. Habicht hat für die einzelnen Verkehrsschilder und Strecken jeweils Suchanfragen gestartet und die Wege markiert. Damit ist übrigens auch sichergestellt, dass die Hin- und Rückstrecken oder eben die Radwege oder Radstreifen beiderseits der Fahrbahnen eingerechnet sind. die 207 km sind damit die realen Radinfrastrukturstrecken.

Die Stadt gibt bisher rund 180 km Radwege und Streifen aller Art an. Auf der OpenMaps Stuttgart Karte erscheinen die so genannten Radfahrempfehlungen als durchgehendes und engmaschiges Netz von roten Radwegen.  Hauptradrouten gibt es derzeit StuttgartMaps zufolge nur zwei, die 1 und die 10. Die andren roten Routen sind Routen außerhalb des Haupradroutennetzes. Radwege und Radstreifen, Fahrbahn oder freigegebene Fußwege können gar nicht unterschieden wärden.

Insofern ist die Arbeit, die sich Blogleser Habicht hier gemacht hat, sehr verdienstvoll und verschafft uns einen genauen und ziemlich realistischen Überblick. Vielen Dank dafür.

Habicht schätzt, dass in  seinen Daten eine Fehlerquote von vielleicht 5 Prozent steckt, also mal hier ein Meter fehlt oder dort ein Übergang eingerechnet wurde, der keiner ist. Ich habe mir seine Karte angeschaut, mit meinen Kenntnissen verglichen und selber hier und dort Fehler entdeckt, finde sie aber recht wirklichkeitsgetreu. (Link zur Karte.) Fehler, die wir finden und Habicht mailen, werden nach einer Prüfung so korrigiert. Jeder und jede möge auf den Strecken schauen, die er oder sie gut kennt. Hier die E-Mail-Adresse für Bemerkungen: 100kiloohm@gmail.com

Und so viele Kilometer stehen den Autofahrenden laut Stuttgarter Verkehrsdaten 2015 in und um Stuttgart zur Verfügung? Bundesautobahnen 31 km, Bundesstraßen 112 km, Landesstraßen 120 km, Kreisstraßen 42 km, Gemeindestraßen 1071 km, Verbindungsstraßen 65 km, Private Straßen 9 km.

Da steht übrigens zu Radwegen: 171 km Radwege, 100 km kombinierte Geh- und Radwege und 700 km Forstwege, die Radfahrende benutzen dürfen. Na ja. Wie die wohl auf diese Zahlen kommen?

Kommentare:

  1. Wow, welch eine Arbeit! Eine klasse Übersicht, danke an den Habicht :)
    Wenngleich die Anzahl der Fahrradwege auf der Karte noch ernüchternder wirken als unterwegs auf dem Rad, hihi ;)

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  2. Danke an den Habicht, nette Statistik! Ich bevorzuge getrennte Rad/Gehwege, Radwege, und fahre gern auf Busspuren. Die Pinselei der Schutzstreifen und Radfahrstreifen könnte man sich sparen, außer in Einbahnstraßen in Gegenrichtung. Ich wäre sicherer ohne die Gemälde

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  3. Respekt, da steckt viel Zeit und Energie drin.

    Weiß jemand, wie viele Kilometer Straße (teilweise mehrspurig) dem KFZ-Verkehr zur Verfügung gestellt wird? Und zwar in Form eines Netzes? Bestimmt ein Vielfaches des Radwege-Stückwerks.

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    1. Das rechne ich demnächst auch noch aus, dann kann man das mal ins Verhältnis setzen.

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    2. Lieber Habicht, wenn du dir die Mühe machen willst ... Allerdings ist das ja gar nicht so sehr die Frage. Entscheidend ist, dass ich hier zum ersten Mal genaue Daten zur Art der Radinfrastruktur gesehen habe, die sogar eine Aussage trifft. Wir radeln über 250 km in Stuttgart auf Gehwegen. Punkt. Der Rest ist marginal. Das heißt, in Stuttgart stressen Radler die Fußgänger, weil sie auf der Fahrbahn keinen Platz bekommen. Da ist es fast unerheblich, wie viele Straßenkilometer Autos zur Verfügung haben. In den Stuttgarter Verkehrsdaten (https://service.stuttgart.de/lhs-services/komunis/documents/7711_1_Faltblatt_Stuttgarter_Verkehrsdaten_Ausgabe_2015.PDF) lesen wir: Bundesautobahnen 31 km, Bundesstraßen 112 km, Landesstraßen 120 km, Kreisstraßen 42, km, Gemeindestraßen 1071 kmVerbindungsstraßen 65, Private Straßen 9 km.

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    3. Matthias, die Zahlen stehen in meiner Antwort an Habicht, und ich habe sie auch im Artikel noch ergänzt. Kannst du auch nachgucken in: https://service.stuttgart.de/lhs-services/komunis/documents/7711_1_Faltblatt_Stuttgarter_Verkehrsdaten_Ausgabe_2015.PDF

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  4. Sehr interessant - und ebenfalls Danke für die Mühen! Zahlenmaterial dieser Art gibt noch viel zu selten; dabei kann man da sehr viel Interessantes herauslesen. Ich hab dbzgl. vor einer Weile auch mal meine Heimatregion untersucht und das Radverkehrs- darüber hinaus noch ins Verhältnis zum Straßennetz gesetzt.

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    1. Siehe hier: https://service.stuttgart.de/lhs-services/komunis/documents/7711_1_Faltblatt_Stuttgarter_Verkehrsdaten_Ausgabe_2015.PDF
      Habe es in meinen Artikel jetzt auch noch ergänzt.

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    2. Lieber Kollege Habicht. Phantastisch. Herzlichen Dank. Super. Ich wage nicht zu erwähnen, ob unsere Verwaltung diese Daten kennt oder kennen solte oder ... :-)

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  5. Liebe Christine, das ist ja entsetzlich. Ihr (Gemeinderat von Stuttgart) macht ahrzehntelang Verkehrspolitik auf Basis einer völlig falschen und unvollständigen Datengrundlage?! Mir schwante das schon, als meine Frage an die Verwaltung nach der Anzahl der Gefahrenstellen für Radfahrer nicht beantwortet wurde (d.h. seit Monaten vertröstet und weitergeleitet).

    Als Planungsgrundlage, welche Routen mit hoher Priorität angelegt bzw. verbessert werden müssen, wäre noch wichtig zu wissen, wie viele linksseitige Gehweg-Radfahrer-frei-Kilometer angelegt sind.

    Riesen Dank und Respekt an Habicht, jetzt ist aber dringend die Verwaltung gefragt, amtliche Zahlen zu liefern, die halbwegs stimmen (bzw. Habichts Zahlen offiziell zu bestätigen).

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    1. Bei diesen Zahlen ist ja auch noch wichtig zu wissen, in welchem Zustand die Radwege und Radstreifen, etc. tatsächlich sind. Der privaten Forschung sind hier ja keine Grenzen gesetzt. Eigentlich lässt sich alles, was jeder und jede von uns herausfindet, der OSM-Karte ja noch hinzufügen. So könnten wir selber uns einen Überblick verschaffen, den wir gerne anderen zur Verfügung stellen. 😊

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    2. Ich weiß, ich habe schließlich schon einige Strecken in OSM erfasst. Daher kenne ich auch das Problem mit den zwei Sichtweisen, ob man etwas gemäß Ausbauzustand und "praktischer" Befahrbarkeit erfasst oder entsprechend den Verkehrsregeln, Beschilderung und Verboten. Gelegentlich habe ich auch falsch getaggt, z.B. eine "Schiebestrecke" als befahrbar dargestellt, da sonst das Routing riesige Umwege generiert. Zustand und Wegebreiten zu erfassen, da habe ich persönlich aufgegeben. Stundenlange Frickelarbeit...

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  6. "Lustig" ist ja auch, dass auf insgesamt 259 Kilometern Radfahrer im Mischverkehr mit Fußgängern fahren müssen oder dürfen! Den 123 km auf (tendenziell schmalen und gefährlichen) Gehwegen stehen aber grade mal 3 km freigegebene FuZo gegenüber. Logisch - schließlich "behindert" der Radfahrer dort keinen motorisierten Verkehr. Also muss er dort dann auch draußen bleiben.

    Alleine die 133 km Z-240-Wege zeigen, dass es dort in erster Linie nur darum geht, den Radfahrer von der Fahrbahn zu verbannen, damit der motorisierte Verkehr ungehindert fließen kann.

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    1. Ist nicht nett interpretiert, aber nicht von der Hand zu weisen. In der Tat ist der Fußgänger dem Verkehrsplaner egal, wenn es darum geht, dass Autos nicht behindert werden. In Fußgängerzonen werden dann wieder die Fußgänger gegen die Radler ausgespielt. Sieht man auch schön an meinem Post von heute über die Radabstellanlagen. Nicht einmal dorthin lässt man Radler fahren, weil es Fußgängerzone ist. Eigentlich ziemlich traurig. Aber wir arbeiten gemeinsam, dass es besser wird.

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    2. Lieber Habicht, liebe Christine,
      es tut mir leid - das Ganze ist sicher mit sehr viel Mühe erstellt worden - aber leider fehlerhaft. Schon die Stichprobe (mehr habe ich noch nicht betrachtet) in meinem direkten Wohnumfeld zeigt dies. In der Plininger Straße gibt es gerade mal ca. 100 Meter Radstreifen, eingezeichnet sind jedoch ca. 800 Meter. Andere Radstreifen/Schutztreifen in Möhringen fehlen. Die Fehlerquote ist also deutlich höher als 5%.
      Die Arbeit ist sicher für uns sehr wichtig, trotzdem sollten wir vorsichtig damit umgehen und gemeinsam verifizieren. Manchmal funktioniert das leider nur mit der Hand am Lenker ;-).

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    3. Danke Cornelius, ich habe ebenfalls etliche Strecken überprüft, die ich gut kenne und keinen so eklatanten Fehler gefunden. Selbstverständlich muss man diese wie alle Zahlen mit Vorsicht betrachten, worauf ich im Artikel ja auch hingewiesen habe, allerdings sind 5 Prozent Fehlerquote ja schon einiges, und es müssen ja nicht überall Irrtümer von ein paar hundert Metern drinstecken.

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    4. Ich habe ebenfalls meine Strecken geprüft, die passen in etwa. Die Qualität der OSM Karten variiert, da sie von Freiwilligen erstellt werden. Dort wo jemand akribisch war stimmen sie, andernorts weniger. Trotzdem sind diese Daten besser als keine Daten, egal ob wir 5 oder 10% Fehler drin haben.

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    5. Im Artikel steht jetzt eine E-Mail-Adresse, an die man eigene Beobachtungen und Fehler schicken kann, damit die Karte nach und nach nahezu perfekt wird.

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