8. März 2018

Das größte Risiko für Radfahrer ist die Luftverschmutzung, aber ...

... Radfahren ist gesund. Es verlängert das Leben und verringert Lebensrisiken wie Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes. Wissen wir. Aber es ist noch gesünder, als wir dachten. 

Das wird immer deutlicher und durch immer mehr Studien und Berechnungen belegt. Der Oberarzt im Bereich Kardiologie und Sportmedizin, Dr. Peter Seidel, hat dazu bei Fahrradzukunft einen langen und gut lesbaren Artikel verfasst. Darin beschreibt er genau die Vorteile, aber auch Risiken des Radfahrens und kommt zu dem Schluss, dass Radfahren den zweiten Herzinfarkt besser verhindert als ein chirurgischer Eingriff (Stents) und dass das Unfallrisiko im Vergleich mit gewissen Sportarten oder dem Fliegen überraschend gering ist.

Junge Menschen machen sich über ihre Gesundheit keine Gedanken und profitieren auch weniger vom Radfahren als Menschen ab 40, denn sie sind generell gesünder und widerstandsfähiger. Es sei denn der junge Mensch gehört der Generation bewegungslos an, deren Lebenserwartung nicht mehr an die herankommt, die wir noch haben. Menschen ab 40 profitieren dagegen enorm vom regelmäßigen Radfahren, aber nur, wenn sie auch im Winter radeln.


Das größte Risiko geht für den Radfahrenden von der Luftverschmutzung aus.
Doch dem steht ein deutlich größerer Gewinn an Lebenszeit durch Bewegung und Fitness gegenüber. Seidel hat sich verschiedene Studien angeschaut: Wer im Auto sitzt, ist einer rund 1,6-fachen Menge an Luftgiften ausgesetzt, als draußen vorliegen. Verschiedene Studien kommen auf verschiedene Belastungen für Radler, die von "gar kein Unterschied" bis zu 2,3-fach höhere Belastung wegen des tieferen Einatmens an entsprechenden Straßen reichen. Luftgifte verkürzen die durchschnittliche Lebenszeit von Radlern um 40 Tage, Unfälle um 9 Tage. Dem steht ein Gewinn an Lebenszeit durch Bewegung und Zufriedenheit von 3 bis 14 Monaten gegenüber. Nicht Fahrrad fahren ist lebensgefährlicher als Fahrrad fahren (womit das beinahe tägliche Radeln bei beinahe jedem Wetter gemeint ist). Wer die Rechnungen genau nachvollziehen will, dem sei der Artikel ans Herz gelegt.

Übrigens sorgen Radfahrer ja auch für einer Verringerung des Ausstoßes von CO2 und anderer Luftgifte, insofern helfen sie sich gegenseitig, wenn sie alles daran setzen, immer mehr zu werden. 

Dem Kardiologen hat auch die Zivilisationskrankheit Herzinfarkt und Herz-Kreislaufprobleme interessiert. Er ist überzeugt, dass bei einer hochgradige Einengung eines Herzkranzgefäßes der Herzinfarkt durch regelmäßige körperliche Betätigung nicht nur gleich gut, sondern besser zu verhindern ist als mit einem Stent, der die Ader weitet.  Für den Arzt ist "Untätigkeit der Superkiller".

Radler haben häufiger kleine Verletzungen aber seltener schwere Unfälle.
Genau hat er sich auch mit dem Unfallrisiko von Radfahrern beschäftigt. Bei Radlern sind zwar kleinere Verletzungen häufiger als bei Autofahrern, schwere aber seltener. Krankenhäuser behandeln 9 Prozent von Autofahrern mit ziemlich schweren Verletzungen, aber nur 3 Prozent der Radler (und 5 Prozent der Fußgänger). Fußgänger sind der Studie zufolge durchschnittlich 3,5 Tage mit einer Verkehrsunfallverletzung im Krankenhaus, Autofahrer ein Tag und Radfahrer einen halben Tag. Der Vergleich der Verkehrstoten unter Radfahrern, Fußgängern und Autofahrern ist komplizierter, weil beispielsweise auf einer kreuzungsfreien Autobahn keine Radler oder Fußgänger unterwegs sind und auf Landstraßen auch kaum, wo sich eher die tödlichen Autounfälle ereignen, hingegen in der Stadt mehr Gelegenheiten haben, von einem Auto getötet zu werden, was für den Autofahrer hingegen meist verletzungsfrei ausgeht. Auf eine Million zurückgelegter Kilometer kommen bei Fußgängern ungefähr 63, bei Radlern ca. 25 und bei Autofahrern etwa 5 Tote. Rechnet man dagegen die Todesfälle auf die draußen im Straßenverkehr verbrachte Zeit um, dann hält sich die Gefährlichkeit ungefähr die Waage. Wobei Vielradler seltener (schwere) Unfälle haben, als Gelegenheits- und Wochenendradler, und Jüngere weniger als Ältere.

Es gibt aber das subjektive Gefühl, Radfahren sei gefährlich
Dagegen ist schwer anzukommen, weil wir Wahrscheinlichkeitsidioten sind. Seltene krasse Vorkommnisse halten wir für wahrscheinlicher als Alltagsgefahren. Viele Sportarten sind gefährlicher als Radfahren. Auch hier hat Seidel eine Studie gefunden. Demnach gehen Fallschirmspringer, Drachenflieger etc. ein 450-fach höheres Verketzungs-Risiko ein als Radfahrer, Schwimmer ein 7-faches und Fußballer ein knapp 5-faches. Wanderer haben ein Unfallrisiko von 0,06 im Vergleich zum Radfahren. Das Verkehrsmittel Flugzeug ist mit 0,15 sicherer als Radfahren, allerdings sind die Verletzungen bei Flugzeugabstürzen sehr viel schwerer (wenn nicht sowieso tödlich) als beim Radfahren. Und wir erinnern uns, die Luftgifte sind für Radler medizinisch gefährlicher als das Unfallrisiko.

Diesen Risiken stehen, auch daran erinnern wir uns, enorme Gesundheitsgewinne gegenüber.
Nicht Fahrrad fahren, also sich nicht regelmäßig ordentlich an der frischen Luft bewegen, das ist wirklich gefährlich. Radfahren macht glücklich, kräftigt Muskeln, kurbelt den Stoffwechsel und die Selbstheilungskräfte an, hilft gegen Depressionen, macht Kinder besser in Mathe, hilft gegen Entzündungen, ist gut für die Gelenke und so weiter.

Und die empfundene Gefahr können Städte leicht reduzieren, indem sie schöne Radwege oder Radstreifen anbieten, die an Kreuzungen das Gefühl von Sicherheit vermitteln und auch sicher sind. Dann steigen noch mehr Menschen aufs Fahrrad, was die Gesundheit von noch mehr Menschen fördert, die Krankenkosten und die wirtschaftlichen Kosten von Krankheitstagen mindert und die Städte von Lärm und Luftschadstoffen entlastet. Dann wird Radfahren noch gesünder.







Kommentare:

  1. Und demnach wurde der Radweg entlang der Waiblinger Straße in Bad Cannstatt ohne dieses Wissen um die Risiken der Luftverschmutzung für Radfahrer angelegt bzw. wird daher so rege von uns Radlern genutzt.
    Wieder mal passend für den Stellenwert und den Sachverstand bei der Stuttgarter Radwegeplanung :) *Ute

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    1. Lieber Anonymus, da erkläre ich jetzt aufwändig, dass auch Radler der Luftverschmutzung nicht entgehen, aber besser gewappnet sind als Fußgänger oder Autofahrer, und schon kommt es wieder nur darauf an, dieser einen Gefahr zu entgehen. Es ist nicht möglich, Radwege und Radstreifen abseits des Verkehrs zu legen. Es ist aber möglich, den Autoverkehr zu reduzieren. Und nur weil ich in diesem Artikel über Risiken spreche, heißt das eben nicht, dass Radfahren auf einmal ungesund oder gefährlich ist. Ein kleines Kind, das mit dem Auto zum Kindergarten gefahren wird, ist einer sehr viel größeren Gefahr ausgesetzt, als ein Radfahrer, der in der Innenstadt radelt oder entlang der Waiblinger Straße oder wo auch immer in Stuttgarts Straßenschluchten. Und ohne Radwege und Radstreifen an Hauptstraßen wird der Radverkehr nicht vermehrt. Es geht darum, den Autoverkehr durch einen Radverkehr zu ersetzen, je mehr Räder, desto besser auch die Luft.

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