"Warum Lkw-Fahrer vor allem Frauen übersehen", titelt Chip einen Artikel über sogenannte Abbiegeunfälle.
Wobei Chip in der Überschrift natürlich den "Fahrer" weggelassen und den Lkw zur handelnden Person gemacht hat. Anlass war das Urteil gegen einen Lkw-Fahrer, der beim Rechtsabbiegen eine Radfahrerin überrollt und getötet hatte und eine Strafzahlung 6.300 Euro wegen fahrlässiger Tötung leisten soll. Laut Kontrollsystem war er beim Abbiegen 10 km/h schnell gefahren, also schon recht langsam. Laut Gericht war auch diese Geschwindigkeit zu hoch. Die StVO verlangt Schrittgeschwindigkeit.
Der Unfallforscher Prof. Michael Weyde hat Zusammenstöße in Berlin mit Todesfolge untersucht und sich gefragt, warum mehr Frauen als Männer von abbiegenen Lkw-Fahrern (meist Männern) überrollt und getötet werden. Der Grund war auch mir nicht bewusst.
Sein Ergebnis: Auch wenn Lkw sechs Spiegelgruppen haben, bleibt der Bereich direkt zwei Meter vor und neben der Fahrerkabine für den Fahrer unsichtbar (es sei denn, er strengt sich besonders an, um ihn zu erspähen). Die B-Säule verdeckt den Radfahrerin oder den Radfahrer, sie/er ist weder durch die Windschutzscheibe noch über die Spiegel sichtbar. Weyde fiel auf, dass vor allem ältere Menschen und insbesondere Frauen überproportional oft Opfer solcher Abbiegeunfälle wurden und werden. Seine Erklärung: Sie radeln langsamer als Männer. Sie fahren nicht mit 20 bis 30 km/h, sondern mit 10 - 15 km/h.Und deshalb wird es gefährlich für sie. Der Lkw-Fahrer fährt zunächst parallel mit dem Fahrrad, das auf einem Radstreifen oder Radweg fährt, geradeaus. Wenn er abbiegen will, reduziert er seine Geschwindigkeit auf vielleicht 15 bis 10 km/h. Radelt rechts von ihm jemand in derselben Geschwindigkeit, dann sieht er ihn oder sie nicht mehr. Und obgleich er die Radlerin vielleicht überholt hat, als er noch schneller war, hat er sie - wie so oft bei Autofahrenden - bereits vergessen. Biegt er dann ab, hat die Radlerin nicht die geringste Chance.
Schnellere Radfahrer fallen laut Weyde dagegen eher auf, weil ihre Bewegung im Spiegel deutlicher wahrnehmbar sind. Mit anderen Worten, wer schnell von hinten kommt, wird eher im Rückspiegel erkannt, und ist im Zweifelsfall auch schnell am Lkw vorbei, bevor der Fahrer abbiegt. Da hilft übrigens auch das Pedelec Frauen und Älteren aus der Falle heraus, denn mit ihm radelt man leicht 20 bis 25 km/h.
Für langsamere Radfahrende, oft eben Frauen und Ältere, lässt sich die dringende Empfehlung ableiten:
Fahre nie in der gleichen Geschwindigkeit wie der Lkw neben dir! Vor allem, wenn es auf eine Kreuzung zugeht, wo der Lkw-Fahrer abbiegen wollen könnte. Bremse sofort und bleib zurück! Oder beschleunige und fahr bereits vor der Kreuzung vor den Lkw, sodass der Fahrer dich vor sich durch die Windschutzscheibe sehen kann.
Besonders tückisch sind übrigens Betriebsgeländeinfahrten, die wir als Radfahrende nicht so deutlich erkennen wie eine Kreuzung oder eine Seitenstraße vor uns. Der neue Radfahrstreifen in der Hohenstaufenstraße (Foto oben), hat so eine Einfahrt aufs Gelände von Dinkelacker.
Lkw-Fahrende fürchten sich davor, dass sie einen für Radfahrende tödlichen Abbiegefehler begehen, deshalb klebt an manchen Lkw ein Schild, das vor einem Toten Winkel warnt. Sie würden die Aufmerksamkeit gerne an uns Radfahrende delegieren. Das enthebt die Fahrer:innen allerdings nicht der Pflicht, aufmerksam zu sein und auf uns Radfahrende zu achten. Viele tun das auch.

Soweit ich weiß sind die Aufkleber mit dem Taten Winkel unter anderem in Frankreich Vorschrift und bei uns nicht verboten. Daher sind viele Fahrzeuge die international unterwegs sind damit beklebt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Fahrer / Spedition das mach um uns Radfahrer zu warnen...
AntwortenLöschenSchreibfehler - Toten Winkel, und ich meine die Aufkleber vorne auf den Seiten des Fahrzeugs.
LöschenAufgrund §56 StVZO ("(1) Kraftfahrzeuge müssen nach Maßgabe der Absätze 2 bis 3 Spiegel oder andere Einrichtungen für indirekte Sicht haben, die so beschaffen und angebracht sind, dass der Fahrzeugführer nach rückwärts, zur Seite und unmittelbar vor dem Fahrzeug – auch beim Mitführen von Anhängern – alle für ihn wesentlichen Verkehrsvorgänge beobachten kann.") darf ein verkehrssicheres KFZ keinen "toten Winkel" haben. Und ein nicht verkehrssicheres KFZ darf erst gar nicht in den Verkehr gebracht werden.
AntwortenLöschenDiese Aufkleber entfalten ihre Wirkung hauptsächlich dadurch, das sie LKW-Fahrer daran erinnern die Spiegel richtig einzustellen und zu benutzen
... deshalb werden die Spiegel für die Opferschelte auch abgeklebt: https://web.archive.org/web/20220126142430/https://adfc-berlin.de/radverkehr/sicherheit/information-und-analyse/121-fahrradunfaelle-in-berlin-unfallstatistik/222-exkurs-der-tote-winkel.html
LöschenTatsächlich mache ich das schon immer so weil ich es gruselig finde neben einem LKW zu radeln. Neben den Angstweichen an großen Kreuzungen empfinde ich das am gefährlichsten beim Radeln.
AntwortenLöschenMir behagen diese Monster auch nicht- wie wird es dann wohl sein, wenn die Gigaliner kommen?
AntwortenLöschenOffensichtlich ist der Lastwagenfahrer auch "etwas ziemlich blind": es gibt dort bei der Brauerei ja diesen dicken weißen Strich -- und das ist weder Deko noch Kunst am Bau. STVO Anlage 2 (zu § 41 Absatz 1), 68: "Wer ein Fahrzeug führt, darf die durchgehende Linie nicht überfahren oder auf ihr fahren". Die Straße ist breit genug, dass der LKW nicht auf dem Radweg fahren muss (sonst bräuchte er auch eine Klingel und Speichenreflektoren und "muss" einen Helm tragen ....). Abgesehen davon, dass das Rechtsüberholen wirklich gefährlich wäre, wundert doch, dass solche ein Riesen LKW, der ~150.000 € kostet, keinen Warnassistenten / Videocamera zum Rechtsabbiegen hat. Sowas ist ja keine Raketentechnologie und erspart mit Sicherheit viele tote Radies.
AntwortenLöschenAllerdings ist er nicht der einzige, dem das passiert, Pkw-Fahrer:innen machen das auch gern, rechts rüber ziehen, nachdem sie das Fahrrad überholt haben und mit den rechten Reifen im Radstreifen nach oben brausen. Komisch, diese Neigung der Autofahrenden, Radfahrstreifen irgendwie zu missachten.
LöschenDas Problem heißt Radweg. Ein solcher verbessert das Gefühlsleben vieler Radler, nicht aber deren Sicherheit. Geradeausverkehr rechts von Rechtsabbiegern zu führen und ihn damit aus dem Sichtfeld zu entfernen, ist eben eine Entscheidung, die diese Todesfälle erst herbeiführt. Das ist systemimmanent.
AntwortenLöschenDaher die Konzeption in den Niederlanden, seit Jahrzehnten inzwischen: Radweg verschwenkt, dadurch Herstellung vernünftiger Sichtbeziehung, und herabgesetzte Geschwindigkeiten der Kraftfahrzeuge, und zwar nicht durch irgendwelche StVO-Zauberformeln herbeigebetet, sondern durch enge Kurvenradien und Überhöhung des Radwegs physisch erzeugt.
LöschenRadstreifen unmittelbar neben der Fahrbahn haben ebenfalls positive Effekte.
LöschenIch hatte bis vor kurzem die Fürstenrieder Straße in Münchenn als Teil meines Arbeitsweges. Eine lange Straße mit Radwegen auf dem Hochboard neben dem Fußweg, und durch grünstreifen von der Fahrbahn getrennt, z.T mit Parkplätzen zwischen Grünstreifen und Fahrbahn, und Abschnitten mit dem RAdweg links neben dem Grünstreifen unmittelbar an die Fahrbahn grenzend.
In den Abschnitten wo der Radweg unmittelbar neben der Fahrbahn verläuft wurde ich in 10 Jahren nur ein einziges mal übersehen, in den anderen ein mal pro Woche. Und das nicht übersehen werden betrifft nicht nur die Rechtsabbieger sondern auch die die aus den Einmündungen kommen.
Ein Radweg neben der Fahrbahn optisch vom Gehweg getrennt wird wie eine Fahrspur behandelt, ein Radweg neben dem Fußweg, optisch von der Fahrbahn getrennt wird wie ein Fußweg behandelt.
Das Konzept gern hervorgeholte Konzept aus den Niederlanden taugt nicht, um die Sicherheit des Radverkehrs signifikant zu verbessern, im Gegenteil. Pro Fahrkilometer eines Radfahrers/einer Radfahrerin (Personenfahrkilometer) ist die Todes- und Schwerverletztenzahl unter den Radfahrenden signifikant höher als in Deutschland.
AntwortenLöschenQuelle:
https://radunfaelle.wordpress.com/vergleich-de-nl/
LöschenDiese Quelle ist schwierig zu deuten, weil in den Niederlanden Unfälle und Unfallfolgen anders erfasst werden als in Deutschland. In den Niederlanden fragen die Statistiker in Kliniken und bei Anwälten nach und bekommen so Kenntnis von mehr Radunfällen, als in Deutschland über die Polizeistatistik. In den Niederlanden nehmen die Radunfälle aber auch zu, weil immer mehr Älere radeln und oft dafür Pedelecs wählen. Je älter eine radfahrende Gesellschaft, desto mehr Radunfälle. Ob das mit der Radinfrastruktur zu tun hat oder nicht, kann man nicht so einfach sagen.
LöschenAuch die Niederländer selbst (siehe SWOV Grafik in diesem Artikel) sind zu Ergebnis gekommen, das bei ihnen das Todesrisiko höher ist als in Deutschland
LöschenHallo Peter,
LöschenDer gelinkte Blogpost gibt keinen Zusammenhang mit Verschwenkungen her. Daher ist mir nicht klar, inwiefern dieser für das Konzept der Verschwenkungen Verschwenkungen relevant ist. Auch sonst ist der Vergleich dort eher nicht spannend:
* Wie Christine anmerkt: die Demographien der Radfahrer sind nicht vergleichbar. Das wirkt sich auch auf die Verteilung der Fahrleistung aus, die sich ebenso deutlich von Deutschland unterscheiden dürfte.
* Die sonstigen Rahmenbedingungen sind eher nicht gut vergleichbar, mal angefangen bei der Bevölkerungsdichte
* Warum sind Personenkilometer eine geeignete Metrik? Bei kürzeren Trips führt das zu einem Bias zu höheren Unfallzahlen ohne das das Risiko je Person sich ändert. Die persönliche Fahrleistung für tägliche Wege ist ja (auch) eine Funktion der Bevölkerungsdichte
Um beim Thema zu bleiben, könnten wir schauen, wie es sich mit LKW-Abbiegeunfällen in den Niederlanden verhält. Ich habe dazu nicht wahnsinnig viel gefunden. Hast Du da vielleicht eine Quelle?
Ansonsten, Randbemerkung zu dem gelinkten Blog:
Ach ja, der Thomas Schlüter der Radinfrastruktur für völlig kontraproduktiv erklärt mit der Begründung, dass Unfälle beim Überholen im Längsverkehr auf Fahrbahnen (es zählt also zum Beispiel nicht, bei anderen Gelegenheiten im Längsverkehr einen Unfall auf der Fahrbahn zu haben) sehr selten sind. Ich denke schon, dass die "John Foresters" ihren Teil zur langsamen Entwicklung bei der Radinfrastruktur geleistet haben.
Man kann es auch auf die Todesfälle beschränken mit vergleichbarem Ergebnis. Daß Todesfälle des Radverkehrs in Deutschland untererfaßt seien, halte ich für eine nicht haltbare Behauptung. Die Alterskohorte ist in beiden Ländern ebenfalls sehr ähnlich, denn auch in Deutschland nimmt das Alter des Durchschnittsradlers aufgrund von E-Bikes zu.
AntwortenLöschenEs läßt sich zumindest daraus widerlegen, daß mehr Radverkehrsinfrastruktur die Sicherheit des Radverkehrs erhöhe. Dem ist nicht so, aller gefühlten Sicherheit zum Trotz.
Wenn man nur aufs Alter schaut, und da auch nur auf der oberen Seite mag das stimmen. Ich werfe in den Raum, dass Kinder und junge Menschen in den Niederlanden stärker am Radverkehr teilnehmen. E-Bikes waren in dem Blog doch explizit heraus getrennt.
LöschenDaneben gibt es andere Aspekte der Zusammensetzung, wie die Menge an Erfahrung und Sicherheit die eine Person hat. Hier erwarte ich in Deutschland einen stärkeren Zusammenhang mit der Teilnahme am Radverkehr.
Ich sehe daher nicht, dass hier etwas widerlegt oder belegt würde. Dazu bedarf es etwas mehr Evidenz. Gerne auch in einer oder einigen anständigen wissenschaftlichen Veröffentlichung(en).
Ich kann es nicht wirklich beurteilen, aber bei Statistiken ist immer Vorsicht geboten. Ich habe vor zwei Jahren Zahlen gesehen, die zeigten, dass die Niederlande beispielsweise tödliche Alleinunfälle bei Radfahrenden über Krankenhäuser und Anwältkanzleihen erfassen, die bei uns nicht in den Polizeistatistiken auftauchen, weil niemand die Polizei geholt hat. Ich glaube, wir sollten uns nicht gegenseitig Statistiken um die Ohren hauen, weil wir einerseits gegen Radinfrastruktur sind (und Belege dafür brauchen, dass sie sicherer sei) oder andereseits für eine Trennung von Auto- und Radverkehr (und Fußverkehr) und dafür gerne Belege von mehr Sicherheit hätten. Was man aber genau sehen kann ist: Wo es eine stark ausgebaute, auf Trennung basierende Radinfrastruktur gibt, fahren wesentlich mehr Menschen Fahrrad als bei uns auf Straßen, die sie sich mit dem Autoverkehr teilen müssen.
LöschenIn den Niederlanden wird ja mittlerweile vom Separationsdogma Abstand genommen, da sich gezeigt hat, dass Separation der zunehmenden Diversifizierung von Radverkehr (Motorisierung, Nutzergruppen, etc.) nicht gerecht wird, zumindest erstmal dort wo der Erfolgsfall von hohem Radverkehrsaufkommen bei gleichzeitig beschränktem Raum eingetreten ist (Städte in der Randstad, Amsterdam, Utrecht etc.).
AntwortenLöschenAngesichts der zu lösenden Aufgaben im Rahmen der 'Multikrise' stellt sich zudem die Frage, worin der tiefere Sinn besteht Radverkehrsförderung so auszurichten, dass der Autoverkehr weiter ansteigt und die Bedingungen für den Autoverkehr gerade auf den fatalen mittleren und längeren Distanzen durch 'Radinfra' zusätzlich verbessert werden.
Einer der Effekte von NL-Verschwenkungen ist ja, dass Abbieger beim Rechts abbiegen einfahren können und so den nachfolgenden Geradeaus Autoverkehr nicht mehr aufhalten. Das bringt sozusagen die Leistungssteigerung einer Rechtsabbiegespur auch ohne den Platzverbrauch und die Kosten einer weiteren Spur, während Radfahrende Slalom fahren 'dürfen'.
Ansonsten hat sich in der Tat gezeigt, dass nach Niedergang von Radverkehr durch Separationsinfrastruktur eine initiale 'Zündung' von neuem Radverkehr erreicht werden kann (Sevilla, etc.), aber die Separationskonzepte zugleich im Erfolgsfall schnell in Sättigung laufen (Kapazitätsengpässe) und zudem heutige Umwelt- und Klimaziele krachend auch und gerade in den 'Separations-Musterländern' verfehlt werden.
Konzepte von dualer Infrastruktur (generelle Radfahrerlaubnis auf allen Fahrbahnen plus(!) Separationsinfra wo nötig oder sinnvoll) können die Erfordernisse modernen Radverkehrs weit besser adressieren und tappen zugleich nicht direkt in die Falle einer 'Autogerechten Radverkehrsförderung' a la NL.
Ergänzt werden sollten Duale Konzepte m.E. durch möglichst weitgehende Trennung von Fahrverkehr und Fußverkehr, wodurch auch den Anforderungen der von D ratifizierten Behindertenrechtskonvention besser Genüge getan werden kann, und wodurch der gesellschaftlich/kulturelle Wert des Fußgehens erhalten bzw. wiederentdeckt werden kann. s.a.: -> Stadt der kurzen Wege
Auch wenn die Weichen aktuell mit Autobahnbau und autogerechter 'Radinfra' in NL, D, USA etc. anders gestellt werden:
es braucht zwingend einen relevanten Rückgang des MIV in Dichte und Fahrleistung!
NL Separations-Konzepte (pull&pull) müssen da auch in dieser Hinsicht (leider) als gescheitert angesehen werden.
Alfons Krückmann