Auf schwarzen Rädern, über den Lenker gebeugt, mit Helm, Schutzweste und Rucksack, so kommen viele Radfahrende daher. Meist Männer zwischen 35 und 65. Sie zeigen uns: Zum Radfahren muss man sich einkleiden und panzern.In den Augen von Fußgänger:nnen und vielen Autofahrenden verkörpern diese Gestalten den Kampfradler, den gesichtslosen Radler, der sich an keine Regeln hält und überall fährt.
In den Niederlanden oder in Dänemark fahren alle Fahrrad, vom Kind bis zur alten Dame, fast alle in ihren Alltagsklamotten, im Kleid, im Rock, im Nadelstreifenanzug, im Wintermantel, mit Highheels. Und ohne Helm
Gäste aus diesen Ländern wundern sich über unsere Helm- und Sport-Funktionskleidunswut beim Radeln. Diese Art, uns auszurüsten zeigt, dass für uns Radfahren keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Akt. Vielleicht manchmal sogar eine Demonstration. Aber auch ein Signal an Autofahrende oder Fußgänger:innen: Radfahren ist eine Mutprobe, wir werden gejagt. Auf dem Kongress Cities for Mobility in Stuttgart mit Vertreterinnen aus 40 Partnerstädten Stuttgarts am 20./21. Juni 2016 habe ich gelernt, dass das Bild vom Radfahrer entscheidend davon geprägt wird, wer radelt und wie wir uns dabei anziehen.
Sind wir auf Ausnahme eingestellt und für den Straßendschungel mit mentaler Machete und Sturzhelm ausgerüstet, dann erleben uns alle anderen als Extraterrestische, als Ausnahmen und Sonderfälle im Straßenverkehr. Fahren wir herum wie andere Menschen zu Fuß gehen, in normalen Klamotten, im Businesskostum, im Anzug mit Krawatte, Eltern mit Kindern in Alltagskleidern, dann sind wir Teil der Gesellschaft (übrigens einer großen Mehrheit!), die sich nicht in Autos, sondern selbst an der frischen Luft durch die Stadt bewegt.
Sind die Augen nicht unter Helmen und Schutzbrillen verborgen, können wir einander in die Augen schauen, uns anlächeln, mit Blicken verständigen, und das Radfahren entfacht den Charme, den es für alle eigentlich hat: als leise und sozial sehr interaktive Mobilität, die den Straßenraum bunt macht und belebt.
Das ist übrigens auch ein Argument gegen das Helmtragen bei Alltagsfahrten im Nicht-Rennradler-Modus, oder anders herum, gegen eine Helmpflicht für Radfahrende. In den Niederlanden oder in Dänemark sieht man, dass Radfahren als normale und alltäglich Fortbewegung im Straßenraum gesehen wird. Fußgänger:innen tragen ja auch keine Helme (Autofahrende auch nicht), dabei ist ihr Risiko, auf einer Treppe schwer oder sogar tödlich zu verunglücken sogar höher. Trotzdem setzen wir keinen Helm auf, wenn wir eine Treppe hinunter gehen. Auch nicht beim Fensterputzen oder beim Aufenthalt im Badezimmer. Auch hier ist die Verletzungsgefahr höher als beim Radeln. Das höchste Risiko für eine schwere Kopfverletzung trägt man übrigens im Auto selbst. Trotzdem kommen wir nicht auf die Idee, Autofahrer müssten einen Helm aufsetzen. Also machen wir uns bei dem Thema etwas lockerer und überlassen wir es den Einzelnen, ob er oder sie mit oder ohne Helm radelt. Älteren Radfahrenden empfehle ich persönlich den Helm, denn die Reaktionsgeschwindigkeiten nehmen ab und Stürze verlaufen schwerer.
Der Radverkehr in Stuttgart nimmt deutlich zu. Und in der Innenstadt sind die meisten im Alltagsmodus unterwegs, normal gekleidet und in normalem Tempo. Die Radpendler:innen, die auf den Hauptradrouten weite Strecken zurücklegen, sehen dagegen mehrheitlich eher anders aus: wetterfest, zuweilen mit Leuchgtwesten. Und sie fahren teils sehr schnell. Wochenendradler erkennt man hingegem oft an der Tour-de-France-Montur. Sie zeigen damit, dass sie Radfahren als Freizeitsport sehen. Das ist auch eine Stellungnahme. (Es wäre gut, sie würden dann aber auch sportlich auf der Fahrbahn fahren, nicht auf Gehwegen.)
Grundsätzlich kann jede und jeder überall und auch auf dem Fahrrad anziehen, was sie oder er will. Zeigen tun wir alle etwas damit und wir sollten uns dessen bewusst sein, was wir den anderen zeigen und ob wir das auch zeigen wollten.


Ich inspiriere mich bei der Kleidung seit Jahren an der letzten Zeit in der, außerhalb der Niederlande und vielleicht Dänemarks, das Fahrrad ein ernstzunehmendes Verkehrsmittel war, die 40er und 50er Jahre. Dazu kommt, dass für mich "Funktionskleidung" einfach zu schlecht funktioniert. Ich werde lieber vorübergehend von außen nass, als im eigenen Schweiß zu baden. Ich ziehe mich so an, dass ich vielleicht nass werde, aber nie kalt.
AntwortenLöschenAlso Polohemden aus Wolle, eine Merinowolljacke und/oder langfaserige Baumwolljacke, lederne Radschuhe, auf längeren Alltagsstrecken, Radreisen oder Tagestouren u.dgl. Bundhose und lange Socken. In die Arbeit nornale Hosen und zivile Schuhe, da ich keine Lust habe, mich dort umzuziehen.
(Gegen die Nässe helfen gute, lange Schutzbleche übrigens am besten.)
Das ist auch ein Punkt, am nässesten wird man durch die Fahrbahn. Bzw. ein Schutz davor bringt am Meisten. Um mit Regenhosen einen Vorteil zu haben muss es schon kräftig regnen. So ein bisschen Niesel geht besser ohne.
Löschenchristo.
... ich ziehe meine Regenhosen so gut wie nie an, allerdings fahre ich in RAdhosen die in der Arbeit gut belüftet hängen können, notfalls hab ich sogar eine Ersatzhose im Schrank.
Löschenmeine Strecke in die Arbeit sind 25 km einfach. Das hält keine Hose und kein Paar Schuhe auf Dauer aus, daher fahre ich in Fahrradklamotten und das auch noch auf einem alten Randonneur, auf dem man eine Haltung wie auf dem (Langstrecken-) Rennrad hat, also mit dem Oberkörper nicht gerade aufrecht.
AntwortenLöschenMit der Haltung strengt flottes Fahren einfach am wenigsten an, und bei 25km muss es eben flott sein, dort wo das gut geht. Und egal was ich beim Radlen an hab, fürs Büro muss ich mich umziehen.
Aus dem Grund bin ich so empfindlich wenn in Kommentaren über die Menschen in Radkleidung gelästert wird und das mit Sport auf öffentlichem Grund gleichgesetzt wird. Wobei sich keiner an Joggern in Sportkleidung oder Walkern mit entsprechender Ausrüstung stört. Nur über Radfahrer in Radkleidung gibt es regelmäßig Glossen oder andere polemische Artikel die aus meiner Sicht nichts anders als Hetze sind. Meine Radjacke sieht auch nicht wesentlich anders aus als eine Wander Softshell, nur eben in einer Farbe mit der ich nicht unbedingt durch die Fußgängerzone flanieren würde. Meine Hosen sehen so aus wie die von 80% der Walker Jogger, auch derer über 50 Jahre.
Also was soll an der Kleidung falsch sein? Nur weil es ein paar D**** gibt die meinen meine Kleidung würde ihnen das Recht geben, mich zu gefährden werde ich nicht in Jeans fahren, alle 3 Monate neue hosen kaufen, und auch noch meine Haut im Sitzbereich aufscheuern.
In England gab es eine Kampagne "Educate your sons" weil es immer wieder Kommentare gab, dass Mädchen die sexuell belästigt wurde, wohl einen zu kurzen Rock anhatten.
Auf meinem Arbeitsweg werde ich auch nicht auf den Helm verzichten, der hält mir den Regen aus den Augen, und wenn ich doch mal stürze ist die Stadt halt voll von Randsteinen und anderen Teilen auf die ich nicht ungeschützt mit dem Kopf aufschlagen will.
In diesem Sinne: ich werde die Kleidung anziehen, die fürs Radfahren gemacht ist, weil die dafür wirklich am besten taugt
ich werde einen Helm tragen
ich werde mit einem Rad in einer Haltung fahren, die für die Strecke taugt.
... PS: auf dem Weg zum Bäcker, in den Biergarten oder sonst wo hin, wo ich in Alltagskleidung aufschlagen will, und die Strecke nicht zu lang ist, fahre ich natürlich in Alltagskleidung.
LöschenAber immer noch mit dem gleichen Rad.
Liebe Kommentator:innen, es tut mir Leid, dass ich einige von euch unabsichtlich dazu herausgefordert habe, zu erklären, warum Radklamotten für sie oder ihn besser sind, als Anzug oder Kostüm. Das ist doch selbstverständlich. Fahrwege sind unterschiedlich und die Anforderungen an die Bekleidung auch. Es gibt ja wunderbarerweise keine Kleiderordnung fürs Radfahren, abgesehen davon, dass einige meinen, die Leuchtweste mit Reflektoren sei eigentlich notwendig, um besser gesehen zu werden. Tatsächlich scheint es so zu sein, dass Radfahrende in Alltagskleidung besser gesehen werden als die mit Leuchtwesen, denn beim Sehen kommt es nicht darauf an, ob man Warnfarben trägt, sondern ob Autofahrende Menschen auf Fahrrädern überhaupt sehen wollen. Autofahrende übersehen ja auch riesige gelbe Stadtbahnen (aber seltener Autos).
AntwortenLöschenIch denke es sollte dir nicht leid tun, denn die Reaktionen zeigen was das Bild von Radfahrern prägt und wie das in den Köpfen anderer wirkt.
LöschenIn einer idealen Welt wäre es egal was ich trage, und bei funktionierender aktiver Beleuchtung ist die Warnweste irgendwas zwischen unnötig und Quatsch. Meine persönliche Empfindlichkeit bei dem Thema kommt halt tatsächlich daher, dass das Gefühl habe, meine Kleidung würde bei manchen so interpretiert als hätte ich nicht die Rechte eines normalen Verkehrsteilnehmers. Da wird man von Autofahrer, die einem gerade die Vorfahrt genommen haben angemotzt dass man ja viel zu schnell unterwegs war (obwohl man ja durch eine Bremsung eine Kollision vermieden konnte!) von Freitzeitradlern angemeckert dass der Radweg keine Rennstrecke wäre und ich halt auch mal langsam machen soll (weil die Gruppe in 2 bis 3 er Reihen unterwegs ist und das Gespräch ungern unterbricht). Und das auch mal wenn ich nicht weit hinter meiner Frau herfahre die mit dem Pedelec an der gleichen Gruppe vorbei gefahren ist, ohne einen blöden Kommentar zu bekommen.
D.h ich denke das Thema ist enorm wichtig, zum einen weil die Verkehrswacht und die Polizei uns gerne empfiehlt neonfarben, mit Helm
Und auf der anderen Seite gibt es jedes Jahr im Sommerloch wieder Glossen über Radler die in Radlerkleidung fahren und alle ganz schlimm sind. Alle mit dem Tenor, dass wer Sport machen will, soll das bitte nicht im Straßenraum tun, das das völlig im Einklang mit der StVO geschieht ist dann egal, denn damit sollen Radfahrer ja entrechtet werden.
Dabei verhält es sich mit der Kleidung wie mit dem Radfahren als Verkehrsmittel: die meisten fahren mit dem Rad, weil es das beste Verkehrsmittel für die Strecke ist, wenn man Fahrzeit, Kosten, Flexibilität ud Zuverlässigkeit betrachtet.
Die meisten die mit spezieller Kleidung fahren, tun das weil es sich in dem Fall rentiert sich umzuziehen, sei es um die Alltagskleidung zu schonen oder weil man sich in der Radkleidung besser bewegen kann.
D.h das Ergebnis von sehr rationalen Überlegungen sollte nicht als Statement missinterpretiert werden.
Naja, "unabsichtlich herausgefordert"... man muss den Artikel nicht böswillig lesen, um irgendwie auf die Idee zu kommen. Zitat:
Löschen"Wochenendradler erkennt man hingegen oft an der Tour-de-France-Montur. Sie zeigen damit, dass sie Radfahren als Freizeitsport sehen. Das ist auch eine Stellungnahme."
Klar, es geht hier im Blog vor allem um die Mobilitätswende, zwar ist jede/r auf dem Rad ein Gewinn, aber die Alltagsradler und die Pendler stehen schon ganz klar in der Gunst der Autorin vorne. MAMILS und Wochenendkrieger hingegen signalisieren: ich tue etwas überflüssiges, um Spaß zu haben. Quasi die Vorstufe zu Motorradfahrern.
Ich war bis vor etwa 10 Jahren hauptsächlich Alltagsradfahrer und wäre wahrscheinlich lieber nackt gefahren als mit Trikots mit Sponsoraufdrucken. Mittlerweile gibt es fast keine Alltagsfahrten, ich gehe zu Fuß zur Arbeit, kaufe wenig und meist Online und fahre Rad quasi ausschliesslich aus Vergnügen, und das ziemlich viel. Wenn man eine, zwei, fünf, zehn Stunden am Stück intensiv Rad fährt, merkt man schnell, was da am praktischsten ist, und das sind Radhosen und Trikots. Sogar manchmal mit Sponsoraufdrucken, weil ich die blöden Dinger bei Events zwangsweise mitgekauft habe und ich zu geizig bin, die in die Tonne zu kloppen. Wahrscheinlich gibt es auch deshalb recht viele ältere, nicht immer perfekt ästhetische Körper in synthetischen Wurstpellen, weil es einem mit fortgesetztem Alter relativ egal wird, ob die anderen einen für deppert halten.
Ich kenne "Kampfradler" und "Tour-de-France-Montur" in Diskussionen eigentlich nur als Kampfbegriffe gegen Radfahrer und würde sie lieber distanziert in Anführungszeichen lesen. Diese (und andere) Begriffe dienen der Entmenschlichung und führen zu negativer Einstellung und entsprechend mangelnder Empathie, damit auch zur mangelhaften Wahrnehmung und Rücksichtnahme auf der einen Seite und überhöhten Einschätzung der Gefährlichkeit auf der anderen.
AntwortenLöschenKeiner kämpft hier. Tour de France wird auch von den tatsächlichen Teilnehmer:innen nur wenige Wochen im Jahr ausgetragen, aber deren Erscheinung ändert sich übers Jahr nicht allzu sehr. Andere Leute pendeln in einer ähnlichen, weil funktionalen, Erscheinung zur Arbeit. Wieder andere radeln in Alltagskleidung völlig unkontrolliert und regellos irgendwo entlang, wobei das Rad mit dem Auto gebracht wird. Dennoch würde ich mir nicht erlauben wegen letzterer über Radler:innen in egal welcher Kleidung zu urteilen weil klar ist, dass wir es nicht mit praktisch nicht mit Radlern zu tun haben. Das gleiche gilt bei den mutmaßlichen Freizeitsportlern, also auch hier gibt es eine Teilmenge die sonst nicht mit dem Rad am Verkehr teilnehmen.