Vieles ist gut oder nett gemeint, kommt aber nicht gut an, was männliche Radfahrer zu radelnden Frauen so sagen, egal, ob es nützliche Tipps oder vermeintliche Komplimente sind.
Ich weiß, das Thema ist heikel, weil wir uns nicht gern bei Fehlern ertappen lassen. Alle, die das hier lesen, gehören selbstverständlich nicht zu den Menschen, um die es hier geht. Ich erlebe unsere Radcommunity in Stuttgart als ziemlich respektvoll auch und gerade mir als Frau gegenüber. Ich höre aber von radelnden Frauen durchaus auch Geschichten über missglückte oder für sie ärgerliche Kommunikation.
"Ich fahre aber im E-Modus", versichert ein männlicher Pedelec-Radler auf langer Tour einen Alpenpass hoch einer Frau, die auf einem Standardrad mit reiner Muskelkraft hoch radelt. Abgesehen davon, wie albern das ist, möchte sie das eigentlich auch gar nicht wissen, denn es ist ihr völlig egal, ob er sich insgeheim schämt, weil sie als Frau mit reiner Muskelkraft fährt, während er sich von einem Motor helfen lässt.
"Du solltest den Sattel höher stellen", "einen kleineren Gang fahren", "eine andere Radgröße haben", hören Frauen immer mal wieder von Männern, die mit ihnen zusammen radeln. Tipps sind gut, aber nur dann, wenn eine Frau explizit um Rat gefragt hat. Wenn sie nicht fragt, wenn sie nicht von selbst das Gespräch auf Fahrtechnik oder Fahrradeinstellungen bringt, ist sie zufrieden mit ihrem Rad und ihrer Fahrweise und braucht keine Ratschläge. Auch nicht darüber, wie sie ihre Satteltaschen vor einer Tour packen oder wie das Gepäckgewicht am Rad verteilt sein sollte. Es gilt immer: Wenn sie nicht fragt, dann braucht sie auch keine Ratschläge, Belehrungen oder Tipps. Auch wenn der Mann meint, sie bäruchte das. Umgekehrt wollen Männer vermutlich auch nicht von irgendwem (schon gar nicht von einer Frau) hören, dass sie zu hohe Gänge fahren, oder für ihre Touren ein anderes Fahrrad geeigneter wäre.
Dieses ungefragte Erklären nennt man "Mansplaining". Das ist ein Begriff dafür, dass ein Mann einer Frau ungebeten und langatmig etwas erklärt, oft in einem belehrenden Tonfall, so als ob er annähme, dass sie weniger weiß als er. Dabei passiert es, dass er ihr etwas erklärt, was sie längst weiß, weil sie auf dem Gebiet (dem Radfahren) ebenso viel Erfahrung hat wie er. Und das passiert tatsächlich nicht selten, wie mir Frauen erzählen.
Ein absolutes No-Go sind auch Komplimente, die nur deshalb gemacht werden, weil ein Mann die Radlerin als Frau wahrnimmt. Zum Beispiel: "Du fährst aber schnell für eine Frau", "Du hast ja echt muskulöse Beine" oder "tolles Outfit, steht dir!" Also alle Bemerkungen über ihren Körper, auch dann, wenn sie anerkennend gemeint sind. Männer können sich oft nicht vorstellen, wie sehr Komplimente jeglicher Art, die auf den weiblichen Körper zielen, Frauen jäh und unangenhm aufs reine Frausein und damit aufs Sexobjekt reduzieren, während sie doch eigentlich jetzt gerade eine Radtour oder Sport machen wollen. Wir Frauen wollen selbst bestimmen, wann wir als Frauen und wann als Radlerinnen oder Spaziergängerinnen oder Fotografinnen oder Journalistinnen behandelt werden wollen. Also Komplimente bleiben lassen! Zumindest aber vorher die Umkehr-Probe machen: Könnte ich das (als Mann oder Frau) auch zu dem männlichen Radler in der Gruppe sagen. "Du radelst aber schnell für einen Mann", ginge beispielsweise nicht.
Warum wir Frauen Tipps und Komplimente nicht so mögen. Ungebetene Ratschläge, ungefragte Tipps oder nicht eingeforderte Komplimente über unseren Körper sind eine subtile männliche Machtdemonstration. Sie lösen anders, als viele Männer (die es sicherlich gut meinen) glauben, überhaupt keine angenehmen Gefühle aus, sondern eher unangenehme. Sie können sogar bedrohlich wirken. Denn sie sagen uns: Aha, der sieht mich jetzt nur noch als Frau und vielleicht fasst er mich bei nächster Gelegenheit auch an, ohne dass ich es ihm erlaubt habe, oder geht noch weiter. Frauen dürfen sich übrigens auch anziehen, wie sie wollen. Es ist niemals ihre Schuld, wenn ein Mann sich zu einem Kommentar "provoziert" fühlt. Never.

Mich beschäftigt vor allem die Umkehr-Probe. Sie ist angenehm simpel und vermutlich deshalb wirkungsvoller als jede längere Debatte.
AntwortenLöschenWenn „Du fährst aber schnell für eine Frau“ bei einem Mann sofort lächerlich klingt, ist die Sache eigentlich schon geklärt.
Interessanter ist der ungefragte Rat. Der hat den Vorteil, dass er sich als Hilfsbereitschaft tarnen kann. Sattelhöhe, Gangwahl, Gepäckverteilung – alles sachlich, alles gut gemeint, alles möglicherweise vollkommen überflüssig.
Vielleicht ist genau das die elegante Grenze:
Nicht fragen, ob man etwas weiß.
Nicht erklären, was niemand wissen wollte.
Und erst recht nicht den Körper kommentieren, wenn es gerade ums Radfahren geht.
Für viele Kerle wäre das vermutlich schon eine erstaunlich anspruchsvolle Mehrtagestour.
...ok bis hier hin. Wenn ich Abends hinter einer Frau herlaufe, nicht wegen ihr, sondern weil ich da halt herlaufen muss, versuche ich entweder zügig zu überholen, oder die Straßenseite zu wechseln. Nicht generell, aber es gibt ja so Situationen, in denen man(n) reagieren kann, einfach um zu "entschärfen"...
AntwortenLöschenwie ist das auf dem Rad, wenn ich auf dem Heimweg (dicht) hinter einer Frau herfahre, überlege ich immer, ob ich ihr unangenehm bin und versuche zu überholen.
Ist das ein ähnliches Thema wie das zuerst geschilderte ohne Fahrrad, oder kann ich hier etwas gedankenloser sein..?
Jens aus Esslingen
Wenn mir im Dunkeln in einsamer Gegend jemand auf dem Rad folgt(sehe ich im Rückspiegel), dann empfinde ich das nicht als bedrohlich. Bedrohlicher könnte es werden, wenn er überholt, denn dann besteht Gefahr (eine sehr kleine natürlich, kommt fast nie vor), dass er anhält und mich abpasst. Tagsüber ist es mir total egal, wer hinter mir radelt. Und wenn mir einer beim Überholen am Abend sagt, dass mein Rücklicht kaputt ist, ist mir das sogar sehr recht. Und als Fußgänger nachts nicht hinter einer Frau hertappen, ist in jedem Fall nett. Auf die andere Straßenseite wechseln, ist am besten, falls es geht. Wenn nicht, Abstand halten, einfach langsam machen. Mir - und den meisten Frauen - ist allerdings durchaus bekannt, dass der öffentliche Raum lange nicht so gefährlich für uns ist, wie das familiäre Heim.
LöschenHabe es mir, nach einigen blöden Reaktionen, abgewöhnt Ratschläge zu geben. Waren immer nur sicherheitsrelevante Dinge, auf die ich aufmerksam gemacht habe, angebrochene Gabel, oder offene Schnellspanner. Aber wenn die Selbstwirksamkeit voll ausgekostet werden soll, akzeptiere ich das und will nicht im Weg stehen.
AntwortenLöschenNa ja, ein offener Schnellspanner ist schon einen kurzen Hinweis wert. Den würde ich als Frau auch einem Mann geben. Ist ja vielleicht auch eine Frage des Tonfalls, also der der Freundlichkeit.
LöschenDie Reaktion ist auf "Mann spricht zu mir", da kommt der Tonfall nicht mehr an. Mein Alter und Äußeres kann ich nicht ändern. Meine Freundlichkeit... nein, daran liegt es sicher nicht. Interessante Idee, bei mir den Grund zu suchen. Komme aus einer Zeit, in der Nächstenliebe ein weitreichender Begriff war. Diese Zeit ist vorbei, habe nur manchmal Probleme zu sehen, wie weit das reicht. Nun ist jeder sein eigenes Universum. Freiheit und Kette rechts!
LöschenDer einzige Kommentar, den ich (in letzter Zeit immer häufiger) gegenüber anderen Radfahrenden mache ist: "Dein Licht ist zu hoch eingestellt und blendet" - manchmal ergänzt durch "sogar im Hellen", aber in der kommenden Jahreszeit merken das hoffentlich wieder mehr Leute selbst. LED-Licht ist brutal.
AntwortenLöschenErschreckend, was da sonst scheinbar noch alles kommentiert wird...
(Olaf, m)
Schönes Thema. Und so unendlich vielfältig. Startet bei völlig dämlichen Erklärungen wie ich mein Fahrrad einzustellen habe, geht über "das ist zu weit, das kannst du nicht an einem Tag fahren" bis hin zu gefährlichem Verhalten: Unbemerktes Windschatten fahren.
AntwortenLöschenGerne genommen ist auch "wenn ich so leicht wäre wie du, dann wäre ich am Berg auch so stark" ... Abwertung hoch zehn, . Ich bin am Berg verdammt stark. Warum? Weil ich das trainiert hab.
.... was man neutral sehen muss: Fahre ich so schnell wie Männer, dann muss ich im Vergleich deutlich besser trainiert sein. Und dann will ich nicht auch noch klein geredet werden.
Nun ja, als Mann mache ich auch anderen Männern Komplimente, wenn sie gut gekleidet sind. Im Anzug oder im Jersey.
AntwortenLöschenMänner fassen das halt anders auf als Frauen, denn es gibt nicht dieses Machtgefälle. Als Mann kannst du dir das nur schwer vorstellen, was es für alle Frauen heißt, jederzeit gegen den eigenen Willen nicht nur angesprochen, sondern dann auch angefasst oder angegrabscht zu werden, und gelegentlich geht es ja dann auch gewalttätig zu. Ist nicht dein Thema, ist aber lebenslänglich das Thema von Frauen. Sie können es nie ausblenden und sie müssen immer vorsichtig und vorausschauend sein.
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