24. September 2026

Wir tun es alle: Verkehrsregeln in den Wind schießen

Die Frankfurter Rundschau ist geschockt. Sie ist es nicht wirklich, aber der Titel soll halt Interesse erwecken: Warum Deutsche im Auto ihre eigenen Regeln brechen. 

Nicht näher benannte Forscher (Frauen waren wohl nicht darunter) der Björn-Steiger-Stiftung hätten herausgefunden, dass riskantes Autofahren und Regelbrüche nicht die Ausnahme seien, sondern die Regel. "Autofahrer (Fahrerinnen werden nicht erwähnt) ordnen sich überwiegend nicht dem Gesetz oder einer sozialen Norm unter", heißt es im Artikel. Die meisten der für die Studie befragten geben Zeitdruck an. Die jüngere Generation gibt außerdem zu, dass sie das Handy nicht weglegt, weil ihr die Kommunikation übers Handy während der Fahrt notwendig erscheint. 

Übrigens irrt die Zeitung: Es sind nicht "ihre eigenen Regeln", die Autofahrende brechen, sondern eben Regeln, sie sie selbst nicht aufgestellt haben und nicht als ihre eigenen empfinden, sondern eher als Behinderung oder Schikane. Nun hat aber auch jedes Gesellschaftsspiel Spielregeln, die man nicht selbst aufgestellt hat, aber dennoch beim gemeinsamen Spiel befolgt. Warum also beim Autofahren nicht? 

Der Hauptgrund ist, dass wir am Straßenverkehr teilnehmen, nicht weil wir Lust auf das Spiel und die Spielregeln und das gemeinsame Spielerlebnis haben, sondern weil wir von A nach B fahren wollen und uns unsere persönliche Eile als das Wichtigste erscheint. Das Phänomen ist bekannt, dass wir im Straßenverkehr (gilt auch für Radfahrende und Fußgänger:innen) die Regeln nicht als eigene moralische Norm empfinden, sondern als übergestülpt, als etwas, das wir jederzeit aus für uns guten Gründen außer Kraft setzen können. Schon 2007 ist dazu eine Dissertation erschienen, die ausführlich untersucht, warum wir Verkehrsregeln notorisch verletzen, und ich habe darüber 2025 geschrieben. 

Im Straßenverkehr lernen wir vor allem eines: Das Sanktionsrisiko bei den meisten Verstößen ist gering, (anders als beim Gesellschaftsspiel, wo die Mitspielenden dem Spielverderber die Freundschaft kündigen). Regelbrüche bleiben im Straßenverkehr in der Regel folgenlos. Der Gewinn durch einen Regelverstoß erscheint uns damit höher als das Risiko einer Verlusterfahrung durch Strafe (oder Freundschaftsentzug). Das kann eine Präferenz für regelwidriges Verhalten erzeugen. Das liegt auch daran, dass die Sozialkontrolle im Straßenverkehr fast völlig fehlt. Man agiert allein und weitgehend anonym. Die Mitspieler:innen befinden sich außerhalb des Autos und haben meist gar keine Gesichter, schon gar nicht sind sie uns persönlich bekannt. Und als moralisch verpflichtend empfinden wir die Beachtung von Verkehrsregeln in den meisten Fällen auch nicht. 

Interessanterweise ist den meisten nicht bewusst, dass sie andere Verkehrsteilnehmende gefährden, wenn sie mit dem Auto bei Rot über die Ampel fahren oder schnell fahren. Denn viele dürften von sich selbst annehmen, sie hätten alles im Griff, ihnen passiert kein Missgeschick, das andere verletzt oder tötet. Und bei denjenigen Radfahrenden, die mit der Seele von Autofahrenden radeln, besteht zwar nicht so sehr die Gefahr, dass sie andere verletzen (schon gar keine Autofahrenden), aber dass sie selbst einen Sturz oder Zusammenstoß riskieren, wenn sie beispielsweise bei Rot über eine Ampel fahren, an der sie ansonsten lange warten müssten. Aber auch die glauben meistens, ihnen passiere nichts, weil sie ja aufpassen. Wobei die Neigung zu Regelverstößen - sehr vielen Untersuchungen zufolge - unter allen Verkehrsteilnehmenden ungefähr gleich verteilt ist, bei Autofahrenden etwas häufiger, bei Fußgänger:innen etwas weniger. Hinzu kommt, dass von Autofahrenden eine ungleich größere Gefahr für Leib und Leben anderer ausgeht als von Radfahrenden oder Fußgänger.innen. Deshalb müssen Autofahrende dringend besser kontrolliert und ihr für andere gefährdendes Fahrverhalten auch sanktioniert werden. Für die vielen Schwerverletzten und Toten im Straßenverkehr sind Autofahrende verantwortlich, nicht Radfahrende oder zu Fuß Gehende. 



4 Kommentare:

  1. Ich stimme Dir zu, mehr Kontrolle aller am Verkehr Teilnehmenden und insgesamt mehr Geduld und Disziplin im Verkehr.
    Karin

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Christine,
    ich lese deinen Blog super gerne! Leider stolpere ich beim Lesen immer wieder über die sperrigen Formulierungen wie „Radfahrende“ oder „Autofahrende“.Da du mit deinen Beiträgen ja sicherlich die echten Menschen hinter dem Steuer, auf dem Rad oder zu Fuß erreichen möchtest, warum sprichst du sie nicht genau so direkt an? Das erzeugt sofort ein Bild im Kopf und liest sich beim Überfliegen viel flüssiger. Dein Schlusssatz könnte dann zum Beispiel so klingen:
    „Für die vielen Schwerverletzten und Toten im Straßenverkehr sind die Menschen hinter dem Steuer verantwortlich, nicht diejenigen auf dem Rad oder zu Fuß.“

    Andreas

    AntwortenLöschen
  3. Es wird sich nichts ändern, solange wir nicht die ganze Gesellschaft auf andere Grundlagen stellen. Sieht allerdings den letzten Wahlausgängen nicht danach aus.

    AntwortenLöschen
  4. Die Alleinunfälle blendest du leider aus. Ich habe von tödlichen Unfällen gehört, wo der Getötete nachts ne Absperrung ignorierte und in eine Baugrube gestürzt ist. Ich selbst habe auch schon Stürze ohne Fremdeinwirkung mit leichte Blessuren gehabt.

    Gerade bei den steigenden Zahle der Pedelcunfälle liest man auch immer wieder, das die Betroffenen ohne Fremdeinwirkung zu Fall kamen, meist Senioren, die Ihr Pedelec nicht mehr so sicher führen.

    Regelwidriges Verhalten macht im Prinzip "jeder" irgendwo und "jeder" sieht nur die Fehler der Anderen. Ich werde grundlos angehupt oder auch mal angesprochen, da ich aber in Sache Verkehrsregeln ziemlich "sattelfest" bin, kann ich die jeweilige Grundlage auch erklären und die Unkenntnis der Andre offenlegen. Recht behalten tu ich dann doch nicht, denn es entsteht ein Streit, wie z.B. bei Situationen mit "Radfahrer frei"-Zusatz oder Verbotschildern, die mittlerweile als Erlaubnis gesehen werden dort zu fahren.
    Und wo sollen wir Inline-Skater fahren, laut ADAC (also der Autoclub) sind Inline-Skater keine Fahrzeuge gemäß StVO, sondern "Fußgänger", also ab auf dem Gehweg damit, dort habe sich mit schon mal Fußgänger in den Weg gestellt und wollten mich auf den Radweg drängen. Auf dem Radweg werde ich auch nicht gern gesehen. Und geh mal als "Fußgänger" mit 8 Rollen ins Geschäft oder Einkaufszentrum kurz einkaufen, dann verweist das Personal Dich manchmal vor die Tür.... Rechtliche Grundlage, die jeweilige Hausordnung und ein kleines oft nahezu unsichtbares Inliner-Verbot-Piktogramm in irgendeiner Scheibe ganz unten außerhalb des Sichtfeldes..... Komm aber Mutti mit Tochter auf Tret-Roller, sagt keiner was, neulich schob sogar jemand gemütlich mit seinem Fahrrad im Discounter rein.

    Ich halte mich auch nur noch bedingt an Regeln, den Rest erledigt die Eigenverantwortung, auf mach ein Schild im Schilderwald achte ich nicht mehr, auf rote Ampeln auch nicht (vorausgesetzt ich kann gefahrlos fahren und gefährde niemanden, bzw. gebe ein schlechtes Vorbild ab, Kinder in der Nähe).

    An vielen Wegen, Wirtschaftswegen ist ein Zeichen 250, Verbot für Fahrzeuge aller Art, dumm nur, wenn die Fahrradwegweiser, Karten und Routenplaner genau auf diesen Weg verweisen. Es war einst mal der AD"F"C hier der seine Radtouren genau über diese Wege führte und später die Wegweisung über das Wirtschaftswegenetz initiierte, nur die Änderung der Verkehrsschilder unterblieb. So manch Landwirt, Förster, etc. ist auch nicht wirklich begeistert, dass über "seine Wege" Radverkehr geführt wird, zumal die tollen Egoisten-Radler auch nicht ausweichen wollen, wen eine tonnenschwere Maschine beim Arbeitseinsatz naht. An den hiesigen Kanälen sind sogar explizite Verbotschilder für Radverkehr, Fußgänger, dabei haben diese sich als Naherholungsgebiet längst etabliert.

    Regeln betrachte ich als Empfehlung, nicht mehr als verpflichtend.

    AntwortenLöschen