28. August 2025

Warum verstoßen wir gegen Vekehrsregeln?

Der Straßenverkehr ist komplex, und wir dürften uns alle einig sein, dass es Regeln braucht, damit alle irgendwie unbeschadet vorankommen. Zugleich ist kaum etwas so normiert wie der Straßenverkehr. Wenn wir uns in ihm bewegen, müssen wir etliche Regeln beachten. 

Wir machen aber alle die Erfahrung, dass sich nicht nicht alle - auch wir selbst nicht - an alle Regeln halten, die der Gesetzgeber aufstellt. Manche Regeln werden grundsätzlich anerkannt, aber dennoch missachtet, wenn man für sich eine gute Begründung dafür hat, etwa fürs Parken im Parkverbot oder schneller fahren als erlaubt. Radfahrende und Gehende wiederum überqueren eine Straße immer mal wieder bei Rot, wenn sie für sich keine Gefahr sehen. Eine Diplomarbeit von Fabian Kühne von 2007 (hinter Bezahlschranke) geht der Frage nach, wie es dazu kommt, dass Verkehrsteilnehmer:innen sich mehr oder weniger an Verkehrsregeln halten und was notwendig wäre, damit sie sich regelkonform verhalten. Menschen halten Regeln besser ein, wenn sie eine Belohnung dafür kriegen, das ist aber im Straßenverkehr nicht der Fall. Folglich wirkt vor allem die Angst vor der Härte einer Strafe.

Ein erster Grund für Regelverletzungen, der für alle gilt, ist, dass wir nicht am Straßenverkehr teilnehmen, weil wir unbedingt Teil dieses Spiels und seiner Spielregeln sein wollen, sondern weil wir von A  nach B wollen und keine andere Wahl haben. Dabei lernen wir: Das Sanktionsrisiko bei den meiten Verstößen ist gering, sie bleiben in der Regel folgenlos. Der Gewinn durch einen Regelverstoß erscheint uns höher als das Risiko einer Verlusterfahrung durch Strafe. Das kann eine Präferenz für regelwidriges Verhalten erzeugen. Hinzu kommt, dass die Sozialkontrolle im Straßenverkehr fast völlig fehlt. Man agiert allein und weitgehend anonym. Und mit Moral verbinden wir die Beachtung von Verkehrsregeln auch nicht. 

Der Autor vertritt die These, dass der Mensch als Fußgänger geboren wird (gemünzt auf den Straßenverkehr), im Lauf der Kindheit zum Radfahrer und erst als Erwachsener nach einer Prüfung zum Autofahrer wird, was zu unterschiedlichen Norm-Wahrnehmungen führt. Zwischen Menschen zu Fuß, auf dem Fahrrad und im Auto gibt es Unterschiede, was die Menge an Regeln und die Strenge der Strafen betrifft. 

Autofahrende müssen eine Führerscheinprüfung ablegen und bewegen sich auf extrem genormten und an den Rändern begrenzten Fahrbahnen, auf denen alles per Linien und Verkehrszeichen und Lichtsignalanlagen geregelt ist. Die technische Ausstattung der Autos ist ebenfalls festgelegt. Sämtliche Verhaltensweisen bei der Benutzung der Verkehrswege sind geregelt. Das Bußgeld für Regelverletzungen bemisst sich an der Schwere der Tat (also den Folgen für andere). Es droht Führerscheinentzug. Es gibt eine Promillgrenze bei Alkohol und ein Drogenverbot

Radfahren darf man ohne Fahrerlaubnis. Auch für Radfahrende sind die Verhaltensweisen geregelt, etwa, wo sie fahren dürfen. Der Autor der Diplomarbeit meint, sie müssten weniger Regeln befolgen, ich meine allerdings, es sind eher mehr und sie finden eine oft verwirrendere Verkehrssituation vor, etwa wenn Radwege plötzlich aufhören oder sie sich in Todesangst auf der Fahrbahn bedrängt fühlen. Zwar ist auch die technische Ausrüstung der Räder vorgeschrieben, aber man muss mit ihnen nicht zum TÜV. Die Strafen bei Regelverstößen sind geringer und es kann kein Radfahrverbot verhängt werden. Die Promillgrenze ist etwas höher und unter Drogen darf man auch nicht radeln. 

Fußgänger:innen dagegen haben deutlich weniger normative Anforderungen zu erfüllen. Nur wenige Verhaltensweisen sind für sie vorgeschrieben. Sie müssen auf Gehwegen gehen und Fahrbahnen zügig überqueren und dabei, wenn vorhanden, Ampeln beachten. Ansonsten dürfen sie auf Gehwegen jederzeit stehen bleiben und ohne Handzeichen die Richtung wechseln. Und sie dürfen das auch betrunken oder bekifft tun. Sie müssen nie nachweisen, dass sie die Regeln gelernt haben, man bemüht sich allerdings, ihnen als Schüler:innen beizubringen, wie sie sich verhalten müssen, damit sie nicht unter die Räder kommen. Die Strafen für Verkehrsverstöße sind meist geringer. Ein Geh-Verbot kann ihnen nicht auferlegt werden. 

Im Übrigen - füge ich an - gibt es zwei Sorten von Verkehrsregeln: Die zum Schutz anderer Verkehrsteilnehmenden und die, mit denen man selbst geschützt werden soll. Fußgänger:innen haben nur Regeln, bei denen man sie vor dem schnellen Autoverkehr schützen will (Fahrbahngehverbot, Fußgängerampeln). Autofahrende müssen dagegen viele Regeln beachten, die man ihnen auferlegt, damit sie nicht andere töten oder verletzen (Geschwindigkeit, Ampeln, Fahrverbote). Radfahrende stehen dazwischen, sie sollen Regeln beachten, mit denen man sie vor dem Autoverkehr schützen will (Radwegbnutzungspflicht, Warten an roten Fußgänger-/Radampeln), aber auch solche, die dazu dienen Fußgänger:innen zu schützen. 

Alter und Geschlecht spielen bei der Regeltreue von Autofahrer:innen und vermutlich auch Radfahrenden eine Rolle: Je jünger jemand ist, desto weniger Unfälle oder extrem kritische Situationen hat die Person erlebt und desto riskanter verhält sie sich (gegen sich selbst und gegen andere). Ältere Verkehrsteilnehmer:innen halten sich mehr an die Regeln als junge. Und sie haben auch eher die Absicht, sich an sie zu halten.

Zu schnell gefahren wird auch eher nachts, und manchmal haben Beifahrer:innen darauf einen Einfluss: Nachts unter jungen Leuten führt das zu riskanterem Fahren, tagsüber zu anständigerem Fahren (in Autos). Es gibt bestimmt auch mehr Radfahrende, die nachts eine leere Kreuzung überqueren, obgleich ihre Ampel noch Rot zeigt. Ein weiterer Faktor ist eine höhere oder niedrigere Selbstkontrolle und die Erwartung, erwischt und bestraft zu werden: höher bei Geschwindigkeitsübertretungen (Angst vor Apparaten, also Blitzern), niedriger bei Alkoholfahrten (wann wird man schon von der Polizei angehalten?). 

Da im Straßenverkehr die Sozialkontrolle fast gänzlich fehlt (man ist alleine und anonym unterwegs), spielen Annahmen darüber, ob das Umfeld die Handlung gut findet oder nicht, keine Rolle. Wo sie doch eine Rolle spielen, ist in einem vollbesetzten Auto oder bei einer Kommunikation mit anderen Verkehrsteilnehmenden: So kommt es zu nächtlichen Wettrennen oder Rasereien. Wobei sich junge Männer im Irrtum befinden, wenn sie meinen, die weibliche Beifahrerin fände es gut, wenn sie sehr schnell fahren, wie die Stuttgarter Zeitung in einem Bericht über die Fahrschule herausstellt. Sie fühlen sich bei so einer Protzerei nicht wohl. Wo Sozialkiontrolle übrigens auch eine Rolle spielt, ist beim Rechtfertigungsdruck vor dem Hintermann, also dem Fahrer, der Fahrerin des nachfolgenden Autos. Vor dem/der will man nicht als langsamer, zögerlicher oder schlechter Fahrer dastehen (was zuweilen dazu führt, dass man in einen Kreisverkehr reinfährt, obgleich es riskant ist), oder zu schnell fährt oder bei schon Rot über eine Ampel fährt (Anmerkung von mir). Oder was bei Radfahrenden mitunter dazu führt, dass sie auf bergauf auf den Gehweg (verboten) ausweichen, damit der Autofahrer an ihnen vorbei kommt. 

Die wenigsten Verkehrsteilnehmer:innen werden sich vornehmen, heute drei Regeln zu übertreten, weil es ihnen Befriedigung verschafft (etwas schneller voranzukommen), aber wenn sich die Gelegenheit ergibt und die Situation günstig ist, dann tun sie es. Grundsätzlich haben solche Fahrer:innen wiederholt die Erfahrung gemacht, dass ihnen nichts passiert ist. Ist er oder sie aber mal mit erheblichen Folgen für ihn selbst erwischt worden, dürfte sich seine oder ihre Bereitschaft zu Regelverstößen sinken. Und steht die Polizei herum, unterlässt man den Verstoß auch. Das Hauptproblem ist, dass sich schwerste, für andere tödliche Zusammenstöße infolge eines Regelverstoßes im eigenen Leben sehr selten ereignen und man sie deshalb nicht als reale Möglichkeit auf dem Schirm hat: nämlich den für Fußgänger:innen, Radfahrenden oder anderen Autofahrenden tödlichen Zusammenstoß, den man durch eigene Raserei oder das Spielen mit dem Handy am Steuer verursacht. 

Die meisten Verkehrsteilnehmenden hängen bei ihren bewussten, halbbewussten oder spontan-automatischen Handlungen der Einschätzung an, dass ihr Delikt keine Opfer erzeugt (Amokfahrer ausgenommen). Auch der Gehwegparker macht sich nicht klar, dass Fußgänger:innen Opfer seines/ihres Verstoßes werden, auch wenn es nur bedeutet, dass sie das Auto auf der Fahrbahn umrunden müssen oder die Straße nicht an der Ecke überqueren können. Oder dass ein Radfahrer, den sie schnell und eng überholen, Opfer ihrer Handlung ist, auch wenn er oder sie nur Angst hat. Perspektivwechsel fallen allen Verkehrsteilnehmenden schwer. Selbst die, die viel Rad fahren, können als Autofahrende Radfahrende einschüchtern und "übersehen", und wer dann mal zu Fuß geht, erfährt und fühlt, wie stressig Radfahrende sein können, und schimpft auf die, die knapp vorbei zischen oder wüst klingeln. 

Es ist ein Unterschied, ob ich mit dem Rad eine rote Ampel missachte, weil ich keine Gefahr für mich sehe (wenn auch verboten und mit einem Punkt in Flensburg bedroht), oder ob ich andere - in unserem Fall - Fußgänger:innen durch mein rasantes und ungeduldiges Fahrverhalten erschrecke, bedränge, wegscheuche und damit stresse. Und an dieser Stelle können wir Radfahrenden auch selber etwas positiv verändern, indem wir Menschen zu Fuß langmütig und freundlich behandeln, beispielsweise im Mischverkehrsbereich im Schlossgarten oder auf für uns nur freigegebenen Gehwegen. Überhaupt wäre mehr Gelassenheit im Straßenverkehr wünschenswert. 

 

13 Kommentare:

  1. Solange Verkehrskontrollen mit Geldstrafen in den Medien unwidersprochen als "Abzocke" bezeichnet werden, solange wird auch die Einsicht zu Verkehrsregeln fehlen.
    Ich erlebe es jeden Tag, als Fußgänger, Radfahrer, Autofahren, ÖPNV-Nutzer, wie sich gedankenlos über Regeln hinweggesetzt wird. Es wird kein My an Hirn verwendet, das eigene Verhalten zu reflektieren. Kommt hier auf dem Gehweg noch ein Kinderwagen vorbei, wenn ich hier stehe? Wie fühlt sich der Radfahrer, wenn ich mit 20cm an ihm vorbeifahren? Was denkt sich der Vordermann, wenn ich ihm bei 130 km/h mit 3m auf der Stossstange hänge und reicht das mir persönlich noch zum Reagieren?
    Es gilt anscheinend hauptsächlich, ICH!!!! als Prämisse.
    Statt Geldstrafe könnte man doch mehr §48 STVO (Verkehrsunterricht) verhängen, dann könnte man vielleicht in Einzelfällen Einsicht zu Verkehrsregeln erzeugen. Man könnte die Strafe dann auch nicht mehr als "Abzocke" bezeichnen und man müsste eigene Lebenszeit für etwas Sinnvolles für die Allgemeinheit aufwenden. Und vielleicht würde das Miteinander im Verkehr etwas entspannter werden.
    Karin

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    1. Das ist gar keine schlechte Idee mit dem Verkehrsunterricht. Geld ist den meisten Leuten nicht so wichtig wie Zeit. Wenn sie also tatsächlich Zeit opfern müssten, dann würden sie sich womöglich mehr Gedanken machen.

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  2. Jeder, der schon mal deutlich den Kopf geschüttelt hat, weil er wegen Autofahrenden warten oder ausweichen musste, weiß, dass diese Art soziale Kontrolle als Aggression betrachtet wird.

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  3. Hallo Zusammen
    Bei einem Thema hab ich eine abweichende Meinung: Erfahrung lässt einen Regeln beachten deren Missachtung einen selbst gefährdet. Wenn es um die Gefährdung anderer geht (Stress Verursachen = milde Form der Gefährdung) dann habe ich eher das Gefühl dass ältere noch weniger zum Perspektivwechsel im Stande sind, und, je nach Persönlichkeit, ihre "Erfahrung" als Argument nehmen die Argumente der anderen als untauglich zu definieren. Von daher ist es wohl nur dem mangelnden Schutz der Radfahrer zu verdanken, dass sie (laut Unfallstatistik) eher harmlose Verstöße begehen. Aber das Argument, dass sich Radfahrer für was Besseres hielten kommt ja immer von denen die meinen Radfahrer sollten im Zweifelsfall auf ihren Vorrang nach StVO verzichten.
    Ich kenne keinen der sich für was Besseres hält, nur weil er / sie nicht mit dem Auto zur Arbeit fährt.
    Höhere Strafen halte ich für wenig wirksam um die Regeltreue zu verbessern. Wenn es so was wie den 7. Sinn noch gäbe wäre das wohl ein Kanal auf dem man durch gezielte Darstellung einiger Situationen aus Sicht der ungeschützten Verkehrsteilnehmer, die Akzeptanz einiger Regeln verbessern könnte.
    Ein weiterer Aspekt wäre auch, dass Gefährdungen, besonders vorsätzliche die als Erziehungsmaßnahmen, als das verfolgt würde was sie sind: Angriff auf eine Person mit einer potentiell tödlichen Waffe. Natenoms Videos zu Fällen die wegen einem Mangel an öffentlichem Interesse nicht zu einer Strafverfolgung geführt haben lassen einen ratlos zurück. Die Verharmlosung der Gefährdung anderer wenn man das mit einem KFZ macht ist bei sehr tief verankert.
    Dazu kommt leider auch noch, dass durch viele Berichte (z.B aus Oberhaching) (Renn-) Radfahrer als Idioten verunglimpft werden, die es wagen ihren Sport im öffentlichen Straßenraum auszuüben. Das führt dann dazu, dass diesen Radfahrern die Rechte nach StVO und auf körperliche Unversehrtheit öfter mal abgesprochen wird. Auf meinen täglichen Wegen von immerhin 50km sind die meisten Gefährdungen die ich erlebe das Ergebnis von Unachtsamkeit gepaart mit schlechter Infrastruktur (z.B KFZ Fahrer aus Einmündung hat erst freien Blick auf die Fahrstreifen wenn das Fahrzeug bereits auf dem Radweg steht, den der Fahrer gar nicht als Straßenteil für fließenden Verkehre sondern als Erweiterung des Gehwegs erkennt)
    ABER die andern 5-10% sind Erziehungsmaßnamen, da mein Pendler ein Randonneur ist, bin ich in den Augen einiger ein Rennradfahrer der die Straße als Rennstrecke missbraucht und kein Pendler der sehr platzsparend auf dem Weg vom Büro nach Hause ist. Und diese Erziehungsmaßnahmen sind oft die wesentlich kritischeren Situationen. Aber leider wird das von den Autofahrern die das machen nicht mal als Regelverstoß wahrgenommen, denn ich bin ja auch kein Verkehrsteilnehmer sondern jemand der die Straße als Sportplatz missbraucht.

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  4. Danke für die vielen zusätzlichen Gedanken. So abweichend scheint mir deine Meinung gar nicht zu sein. Die Frage, ob höhere Strafen helfen würden, lässt sich wohl nicht beantworten, weil solche Vergehen (Delikte) im Straßenverkehr meist spontan und aus einem Affekt heraus geschehen, wo man eben gerade nicht an die Folgen des eigenen Handelns denkt, also auch nicht an eine hohe Strafe. Allerdings denke ich mir, dass höhere Strafen für als lässlich angesehene "Verkehrsünden" wie falsch parken oder Straßen trotz Einfahrt- oder Durchfahrtsverboten zu befahren, schon wirken würden, weil da nicht so viele Emotionen im Spiel sind, sondern eher purer Egoismus. Aber das denke ich mir halt so. Ob es auch so wäre, weiß ich nicht.

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    1. Ich glaube auch, dass hohe Strafen für die von dir genannten Delikte wirksam wären. Die Gehwegparker sind deutlich weniger geworden seit das 55€ kostet und über Wegli ein Kontrolldruck aufgebaut wird, das würde wohl auch bei Einfahrtverboten helfen.
      Der Egoismus siegt halt besonders oft dann, wenn man die Rechte der anderen nicht versteht (weil man selber z.B keinen Kinderwagen schiebt oder eben einen Rollstul nutzen muss) oder sogar negiert (weil Radfahrer Sportler sind die gar nichts auf öffentlichen Straßen zu suchen haben)

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  5. Wir sind durch die USA seit dem 2. Weltkrieg auf Autofahren programmiert. Eisenhower fand die dt. Autobahnen toll und hat ein Wahnsinnsprogramm gestartet das Land mit Highways zu überziehen. Das Auto als Glücksverheißung und Symbol des Fortschritts der Menschheit wurde unseren Eltern ins Bewusstsein gepresst und die meisten von uns haben das übernommen. Es wird niemals eine Kompatibilität zwischen den Verkehrsmitteln geben, da der Erfahrungs- und Wirkraum vollkommen anders sind. Daher muss der MIV- Anteil drastisch reduziert und beschränkt werden. Das verstehen die meisten unserer Mitbewohner leider nicht, da sie mit dem KFZ und dessen Heilsversprechen aufgewachsen sind. Sie sind gedanklich verhärtet. Daher sehe ich z.B. auch für den B14-Umbau in S schwarz. Es fehlt an Vorstellungskraft, Mut und echtem Willen bei den Entscheidern.

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  6. Was bei solchen Betrachtungen gern vergessen wird:
    die Verhältnisse innerhalb solcher Regelwerke spiegeln nicht die realen Macht/Herrschafsverhältnisse wider, es sollte kein unreflektierter Rückschluss nach dem Motto 'weniger Regeln = geringere Schikanierung = mehr Freiheiten = privilegiert' gezogen werden.
    Nehmen wir als plastisches Beispiel mal die Waldbewohner.
    Spazierengehende, Radfahrende und andere homo-sapiens Erscheinungen haben erheblich mehr Regeln zu beachten, sind erheblich mehr juristischen Konsequenzen bei Fehlverhalten ausgesetzt, als etwa die Rehe, Hirsche oder Luchse, die das 'Privileg' haben sich ohne irgendwelche Waldbenutzungsregularien bewegen zu dürfen.
    Nur dass die Luchse kaum eine Chance haben, da die notwendige Größe des Lebensraums durch die zahlreichen tödlichen Autostraßen i.d.R. nicht erreicht werden kann. Es sterben jährlich >200.000 Rehe allein in Deutschland durch den homo-sapiens-automobiliensis plus viele tausend weitere Paarhufer, von den Millionen Kleintieren wie Igel, Katzen, etc. mal ganz zu schweigen.
    Zwar sterben auch 10-20 Exemplare des homo-sapiens-automobiliensis durch die Autounfälle mit Wildtieren in/an Waldgebieten (fälschlich als 'Wildunfälle' bezeichnet), aber das Zahlenverhältnis macht unmissverstänrlich klar, wer da strukturell Opfer und wer Täter ist. Gleiches gilt für die für Jäger:innen stark reglementierte Jagd in den Wäldern.
    Wir können schlussfolgern: strukturelle Machtverhältnisse können durch bloße quantitative Betrachtung der Anteiligkeit von Unterworfenheit unter Regelwerke nicht erfasst werden, sondern es braucht dazu immer auch den Bezug zur real existierenden Wirklichkeit.
    Alfons Krückmann

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    1. Wenn man diese rochtigen Gedanken zu Ende denkt, landet man zwangsläufig beim Anarchismus, oder einer anderen Gesellschaftsform die nicht auf dem Recht des Stärkeren beruht. Der sog. Rechtsstaat ist eine Chimäre.

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  7. Es fehlt meiner Ansicht nach noch der Aspekt, dass wir als Verkehrsteilneher*innen auch die "Absicht" des Gesetzgebers interpretieren und dann Regeln überschreiten, weil wir meinen, die Anordnung würde (zeit- und situationsabhängig) gar nicht zu dieser Absicht passen. Beispielsweise würdewohl jeder im Hochsommer eine "Vorsicht Glätte"-Beschilderung mit Tempolilit an einer Brücke ignorieren. Eine rote Ampel auf einer um 3 Uhr nachts menschenleeren Straße erscheint unnötig, so dass wir gerade als Zufußgehende oder Radfahrende einfach bei rot die Straße überqueren. Auch für für Halteverbote finden sich immer wieder gite Ausreden ("nur kurz").

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    1. Stimmt. Es fällt aber schon auch unter die Kategorie "gar nicht einzusehen", die auch Fußgänger:innen anwenden, wenn sie bei gähnend leerer Fahrbahn bei Rot über die Straße gehen. Dass Radfahrende die Beschilderung an einer Baustelle fast immer "interpretieren" müssen (Radfreigabe nur vergessen oder nicht?", gehört auch zu deinem Aspekt.

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    2. ... das liegt meiner Meinung nach auch daran, dass immer mehr reguliert wird,
      Weil bei Starkregen Samstag nachts Unfälle auf eine typischen Discostrecke passieren, wurde dort erst 80 dann 60 angeordnet.
      Keiner dieser Unfälle ist bei guter Sicht und trockener Straße passiert, und alle die die strecke schon kannten als da noch kein Schild stand fahren halt auf Sicht (also irgendwas zischen 80 und 90)
      Wenn man viele solcher Stellen kennt, dann neigen einige irgendwann dazu alle Regeln in Frage zu stellen. Ist nicht gut aber eben menschlich.

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    3. Mit der Interpretation einer verkehrsrechtlichen Anordnung kann man aber auch falsch liegen. Man hat ja nur die eigene Perspektive und die ist eingeschränkt. Und was mich immer beschäftigt: Warum muss man denn schneller fahren als erlaubt? Was bringt das, außer, dass es andere in Gefahr bringt? Die paar Sekunden, die man da gewinnt. Übrigens haben immer alle "gute Begründungen" dafür, dass sie meinen, eine Regel gelte gerade nicht für sie. Dass der Regelverstoß andere behindert, stört in Gefahr bringt etc. übersieht man dabei.

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