Radfahrende problematisieren ist ja beliebt, insbesondere das Pedelec-Fahren. Und dabei großzügig übertreiben, auch. Ob die Behauptung mit Zahlen unterlegt ist, weiß ich nicht. Aber der Autoverkehr ist immer noch problematischer auch für uns Radfahrende. 90 Prozent aller Autounfälle gehen auf menschliches Versagen zurück (falsche Sitzposition, Unaufmerksamkeit, falsche Blickführung, Kontrollverlust übers Auto etc). Und vom Autoverkehr geht die Hauptgefahr für Radfahrende und Fußgänger:innen aus. An rund 75 Prozent der Crashs zwischen Fahrrad und Auto sind Autofahrende Schuld, Aber immerhin 35 Prozent der Radunfälle sind Alleinunfälle. Das nur zur Einordnung. Egal, an wie vielen Crashs oder Alleinunfällen ein Fahrfehler aufseiten des Radfahrers mit eine Rolle spielte, fehlerfrei ist niemand, auch Autofahrende nicht. Aber Fehlervermeidung ist natürlich immer gut.
Den FAZ-Artikel kann ich nicht lesen, er befindet sich hinter der Bezahlschranke. Aber Radweltmeister Mike Kluge, der hier befragt wird, dürfte nicht nur Selbstüberschätzung und Kontrollverlust über schwere Pedelecs genannt haben, sondern auch falsche Fahrtechniken. Wahrscheinlich geht es ums Bremsen, Kurven fahren und um Ausweichmanöver.
Richtig bremsen
Das habe ich noch nie trainiert, und ich vermute viele von ans auch nicht. Aus meiner Jugend weiß ich, dass man übers Vorderrad fliegt, wenn man die Vorderradbremse schnell und voll anzieht. Aus meinen beidhändigen Schock-Bremsmanövern weiß ich, dass das Hinterrad schnell blockiert und dann ausbricht und wegrutscht, wenn ich mit der rechten Hand (hinten) genauso heftig anziehe wie mit der linken (Vorderrad). Ich lasse dann hinten kurz los. Ein wegrutschendes Vorderrad wäre schlimmer, denn dann stürzt man unweigerlich, weshalb ich bei mutmaßlich glatten Untergrund nur mit dem Hinterrad bremse, und das vorsichtig.
Untersuchungen zeigen wohl, dass viele Radfahrende im Ernstfall Fehler machen. Entweder wir bremsen zu zögerlich und nutzen die Bremskraft nicht aus oder wir bremsen zu heftig. Bremst man nur oder vor allem mit der rechten Hand, also das Hinterrad, dann wird der Bremsweg zu lang. Wir bremsen zu schwach. Zieht man nur die Vorderradbremse (mit der linken Hand) an, dann blockiert das Vorderrad schlagartig und das Hinterrad geht in die Luft. Manche machen das gern auch mal extra, weil sie es können (siehe Foto oben von 2015).
Man sollte, so die allgemeine Empfehlung, zu 70 Prozent mit der Vorderradbremse und zu 30 Prozent mit der Hinterradbremse bremsen. Macht man eine Vollbremsung, sollte man außerdem mit dem Körperschwerpunkt nach hinten rutschen, also mit dem Po hinter den Sattel. Das üben Rennradler:innen oder Montain-Biker:innen, aber wir Alltagsradelnden nie. Und die Aufrecht-Sitzposition auf dem Pedelec erschwert das nach hinten Rutschen auch. Das sollten wir Alltsgsradelnden uns aus dem Kopf schlagen. Aber üben könnten wir trotzdem. Wenn man es nicht bei allen Normalbremsungen übt, dann klappt es im Notfall nicht.
Bosch bietet übrigens bereits ABS für Fahrräder an, das hat sich aber irgendwie nie auch nur andeutungsweise durchgesetzt. Vermutlich, weil auch Pedelec-Fahrende nicht noch mehr Elektronik-Systeme verbaut haben wollen, die sachkundige Wartung verlangen.
Richtig Kurven fahren
Es ist ein Irrtum, zu meinen, das Fahrrad werde mit den Händen am Lenker gelenkt, man lenkt es eigentlich und meist automatisch mit dem Körper. Man kippt das Fahrrad leicht in die Kurvenrichtung. Wenn man nicht treppeln muss, streckt man dabei das äußere Bein, hat also das kurvenäußerer Pedal unten. Dabei muss man sich nicht selbst in die Kurve legen (geht bei geringen Geschwindigkeiten auch gar nicht), sondern man kippt nur das Rad leicht unter sich in die Schräge. Damit richtet sich der Lenker auf die Kurve aus. Diese Technik hilft vor allem bei Kurven auf Schotterwegen, denn sie verhindert, dass das Rad unter einem wegrutscht und man auf dem Seite fällt. Wie das geht, kann man in diesem Video schön sehen.
Entscheidend ist beim Kurvenradeln, wohin man schaut. Nämlich aufs Ende der Kurve. Dabei wendet man den Kopf in Richtung des Kurvenausgangs, was die Schultern mitnimmt und sich damit auch auf den Lenker auswirkt. Schaut man hingegen auf den Kurvenscheitel, also die Rundung der Kurve vor einem, dann fährt man auch dorthin und nimmt die Kurve viel zu weit oder schafft sie gar nicht.
Auch das kann man schön bei jeder Gelegenheit üben, die man mehr oder weniger sanfte Kurven fährt. Äußeres Bein gestreckt aufs Pedal, das Rad unter einem leicht in Kurvenrichtung kippen und sich durch die Kurve tragen lassen. Dann klappt das Kurven Radeln auch, wenn eine schnelle Reaktion gefordert ist und es eng zugeht.
Richtig einem Hindernis ausweichen
Wenn an erschrocken den Poller im Weg anschaut oder das Schlagloch vor einem, dann kracht man hinein. Denn man fährt in der Regel mit dem Rad dorthin, wo man hinschaut. Es ist unmöglich, ein Hindernis zu umrunden, das man anschaut. Man muss also sofort nach dem Erkennen an dem Hindernis vorbei schauen, dorthin, wo man hinfahren will. Nur dann hat man eine Chance, drum herum zu kommen, die um so größer ist, je besser man das Kurvenradeln beherrscht. Auch das kann man schön üben, indem man immer mal wieder einen kleinen Fleck auf der Fahrbahn oder einen Gullideckel oder ein kleines Schlagloch umfährt. Dann klappt es vielleicht auch bei Überraschung und Stress.

Bei einer Vollbremsung kann man sich die Hinterradbremse sparen, an irgendeine Dosierung kann man da eh nicht denken.
AntwortenLöschenKörper dabei nach hinten, so wie es im Artikel beschrieben wird, und (das fehlt) die Arme durchstrecken! Denn man geht nicht über den Lenker, weil das Vorderrad blockierte, sondern weil man gegen den Lenker fliegt wenn man sich nicht abstützt.
Haha, und wenn man es ganz genau nimmt, lehnt man nicht nur das Fahrrad in die Kurve, sondern wirft es zunächst in die umgekehrte Richtung aus der Balance.
AntwortenLöschenWarum dieser Spott? Das ist nicht freundlich
LöschenEntschuldige bitte, das ist ein Missverständnis, das war gar kein Spott, wirkt das wegen dem "haha" so? War wirklich nicht so gemeint! Man wirft das Fahrrad tatsächlich vor Richtungsänderungen in die Gegenrichtung aus der Balance.
Löschenhttps://inv.nadeko.net/watch?v=9cNmUNHSBac&t=197&local=true
Danke für die Klartstellung. 😊
LöschenDas mit dem Lenken in Gegenrichtung macht man nur innerhalb des eigenstabilen Fahrzustands, also ab ca. 15 oder 20 km/h (oder einfacher: innerhalb des Bereichs, in welchem man freihändig fahren kann). Darunter lenkt man in die gewünschte Richtung.
LöschenBeim Motorradfahren ist es genauso, da fängt der eigenstabile Bereich so ab ca. 30 km/h an (weswegen 30 er-Zonen für Kradfahrer echt lästig sind).
Thomas
Genauso, wie man über Radfahrer lästert, sie könnten nicht radfahren, gilt dieselbe Aussage auch für die Mehrzahl der Autofahrer, dass sie nicht Auto fahren können. Kein oder zu spätes blinken, bremsen an den falschen Stellen, zu den falschen Zeiten, zu wenig oder zu viel, zu niedrige oder zu hohe Geschwindigkeiten an den falschen Stellen, falsches Kurvenfahren, gravierende Fehler beim Überholen, zu kurzer oder fehlender Sicherheitsabstand, etc. etc.
AntwortenLöschenDie meisten Fehler beim Autofahren können, besonders auch für andere, tödlich sein.
Eine Gefahrenbremsung wird meist durch Dritte ausgelöst, meist nach deren Regelverstößen.
Karin
Beim Motorrad gilt ohne ABS hinsichtlich des Bremsens: Vorne Dosieren, hinten blockieren. Dies deshalb, weil kein normaler Fahrer beide Bremsen gleichzeitig gut dosieren kann; und es bei gut dosierter Vorderbremse auf die hintere nicht mehr ankommt.
AntwortenLöschenBeim Fahrrad ist es fahrdynamisch weitgehend das selbe. Auch hier greift die dynamische Achlastverschiebung. D. h., dass die meiste Last auf dem Vorderrad liegt und das Hinterrad bei besserer Vorderradbremsung immer weniger Gewicht zu tragen hat. Daraus resultiert, dass das Hinterrad immer weniger Bremskraft übertragen kann (der Reifen rutscht dann). Das Vorderrad umso mehr. Wenn jetzt das Vorderrad blockiert und der Reifen haftet, dann dreht sich das komplette Rad samt Fahrer um das Vorderrad (oder anders: es überschlägt sich). Dabei ist es unerheblich, wie der Fahrer den Lenker hält.
Allerdings hilft eine Gewichtsverlagerung nach hinten dabei, die Überschlagswahrscheinlichkeit zu verringern.
Im Übrigen bricht ein blockierendes Hinterrad allenfalls in Kurven aus, auf einer halbwegs gerade gefahrenen Strecke wird es immer dem Vorderrad hinterherrutschen.
Thomas