Der Straßenverkehr ist komplex, und wir dürften uns alle einig sein, dass es Regeln braucht, damit alle irgendwie unbeschadet vorankommen. Zugleich ist kaum etwas so normiert wie der Straßenverkehr. Wenn wir uns in ihm bewegen, müssen wir etliche Regeln beachten.
Wir machen aber alle die Erfahrung, dass sich nicht nicht alle - auch wir selbst nicht - an alle Regeln halten, die der Gesetzgeber aufstellt. Manche Regeln werden grundsätzlich anerkannt, aber dennoch missachtet, wenn man für sich eine gute Begründung dafür hat, etwa fürs Parken im Parkverbot oder schneller fahren als erlaubt. Radfahrende und Gehende wiederum überqueren eine Straße immer mal wieder bei Rot, wenn sie für sich keine Gefahr sehen. Eine Diplomarbeit von Fabian Kühne von 2007 (hinter Bezahlschranke) geht der Frage nach, wie es dazu kommt, dass Verkehrsteilnehmer:innen sich mehr oder weniger an Verkehrsregeln halten und was notwendig wäre, damit sie sich regelkonform verhalten. Menschen halten Regeln besser ein, wenn sie eine Belohnung dafür kriegen, das ist aber im Straßenverkehr nicht der Fall. Folglich wirkt vor allem die Angst vor der Härte einer Strafe.
Ein erster Grund für Regelverletzungen, der für alle gilt, ist, dass wir nicht am Straßenverkehr teilnehmen, weil wir unbedingt Teil dieses Spiels und seiner Spielregeln sein wollen, sondern weil wir von A nach B wollen und keine andere Wahl haben. Dabei lernen wir: Das Sanktionsrisiko bei den meiten Verstößen ist gering, sie bleiben in der Regel folgenlos. Der Gewinn durch einen Regelverstoß erscheint uns höher als das Risiko einer Verlusterfahrung durch Strafe. Das kann eine Präferenz für regelwidriges Verhalten erzeugen. Hinzu kommt, dass die Sozialkontrolle im Straßenverkehr fast völlig fehlt. Man agiert allein und weitgehend anonym. Und mit Moral verbinden wir die Beachtung von Verkehrsregeln auch nicht.