Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

11. Oktober 2023

Das radfahrende Museum

Uwe fährt Fahrrad. Aber nur mit solchen vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich traf ihn an einem sonnigen Sonntag im Schlossgarten. 

Er sagte mir, das Rad sei ein Stürmer von 1930. Über zweihundert historische Fahrräder besitzt er, etliche von vor dem ersten Weltkrieg, darunter alte Adler, alte Falter und ein Penny Farthing, auch Witwenmacher genannt, ein Hochrad, das er fahren kann und auch gelegentlich fährt. 

Seine Liebe zu historischen Fahrrädern begann in seiner Kindheit in den siebziger Jahren. Er hatte eine Tante, die ein altes Fahrrad hatte und ihm auslieh. Er fand, es fahre sich besser als die damals neumodischen Räder. Ende der neunziger Jahre kam ihm wieder ein altes Fahrrad unter, das er kaufte. Und dann wurden es sehr schnell immer mehr. Er reiste durch die ganze Republik, um Vorkriegsfahrräder zu kaufen. Inzwischen sind es über zweihundert, die er bei sich zu Hause und in verschiedenen Schuppen lagert. Es dürfte eine der größten Sammlungen alter Fahrräder in Deutschland sein. 

15. September 2023

Warum Leonardo das Fahrrad nicht erfand

Das Fahrrad ist ein Zwischending. So beginnt Elmar Schenkel seinen Essay "Cyclomanie" übers Radfahren in der Literatur. 

Auto, Eisenbahn und Flugzeuge gehörten zum Drama und großem Roman, dem Fahrrad aber, das nicht auf Autobahnen fahren darf und dennoch zwischen Autos auftaucht, sei wie dem "hybriden Essay" eine Zwischenstellung eigen. 

Gleichzeitig teilten Radfahrer (Radfahrerinnen kannte man 2008 noch nicht) sich oft, ob legal oder nicht, Fußwege mit Fußgängern und Reitwege mit Reitern. "Überhaupt schlängeln sie sich manchmal durch das Gesetz." Der Autor stellt fest, das Fahrrad sei in einer "Zeit nach der elektronischen Sintflut" vorsintflutlich anmute, "eine gleitende Paradoxie. Aber es übertrumpft alle komplizierte Maschinerie in einem wichtigen, eines Tages vielleicht überlebenswichtigem Punkt: Es hat die beste Ratio von Energieverbrauch. Gebe ich einem Radfahrer ein Pfund Speck, so kommt er mit den Kalorien entscheidend weiter als alle anderen Fahrzeuge und Tiere dieser Erde." 

Das Trauma der Erfindung des Laufrads und Fahrrads wirkt bis heute nach. Immer schon hatte es etwas von einer Teufelsmaschine, einem Hexenbesen oder einem Umsturzvehikel

18. Januar 2023

Vizepferd, Flitzepie und andere Fahrrad-Wörter

Wir wissen, dass die Niederländer das Fahrrad "fiets" nennen. Aber nicht einmal die Niederländer wussten bis vor zehn Jahren, wo das Wort herkommt. 

Als ein Sprachwissenschaftler aus Gent Freunden im südlichen Rheinland eine Flasche Cider schenkte und sie den Apfelwein "Viez" nannten, was für Vizewein, also Ersatzwein steht, kam er ins Grübeln und besprach sich mit anderen Linguisten. Offenbar nannte man in Deutschland das Fahrrad, als es erfunden wurde, zunächst Vizepferd, und daraus wurde in den Niederlanden das fiets.* 

Die Briten griffen dagegen auf ihre klassische Bildung zurück.

26. Dezember 2022

Das Fahrrad ist das Fahrzeug der Freiheit

Der geistige Mensch bevorzugt das Fahrrad, behauptet Tilman Baumgärtl in einem Beitrag für Forschung und Lehre, denn Radeln mache kreativ. Für die Frauen war es allerdings ein regelrechter Emanzipator. 

Das Fahrrad habe zu wichtigen wissenschaftlichen Durchbrüchen beigetragen, schreibt Baumgärtl: "Albert Einstein fiel die Relativitätstheorie beim Radfahren ein, und Albert Hofmann erfuhr die Wirkung des von ihm entwickelten LSD ebenfalls beim Radeln. Autoren wie Ernest Hemingway, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Conan Doyle oder Henry Miller waren zum Teil fanatische Radfahrer, die auch die inspirierende Wirkung des Radfahrens für ihre Kunst hervorgehoben haben.

Ihm sind leider nur Männer eingefallen, denen das Fahrradfahren den Kopf frei gemacht hat für freies Denken und neue Ideen. Für Frauen war und ist vielerorts das Fahrrad allerdings die Freiheit schlechthin. 

18. Juli 2022

Autostraße bescherte uns einst eine Fußgängerzone

Eine teure Fehlplanung für den Autoverkehr hat uns in den siebziger Jahren die Fußgängerzone Königsstraße beschert. Gemeint ist der Planie-Durchbruch unterm kleinen Schlossplatz. 

Eine Stadtautobahn, die die Theodor-Heuss-Straße mit dem Charlottenplatz verbindet und ursprünglich südöstlichen Kessel mit dem Stuttgarter Westen verbinden sollte. Doch mittlerweile ist auch die Schlossstraße keine Hauptverkehrsachse mehr. Heute haben wir vier bis sechs Spuren für den Autoverkehr zwischen Altem und Neuem Schloss, die heute völlig überdimensioniert wirken. Und schon 1969, nach der Eröffnung, schauten die Verkehrsplaner (damals sicher alle männlich) etwas dumm aus der Wäsche, weil auf einmal, trotz toller neuer Straßenverbindung - also gerade wegen dieser tollen neuen Schnellstraße durch den Stadtkern - gar nichts mehr ging auf den Zubringerstraßen, sie waren alle verstopft. Damals durfte man noch durch die Königstraße mit dem Auto fahren. Erst als man die dicht machte und teilweise in eine Fußgängerzone umwandelte, floss der Autoverkehr wieder. Das nennt man den Braess-Effekt, den der deutsche Mathematiker 1968 vorrechnete. 

24. Januar 2022

Man kann durchaus das Fahrrad neu erfinden

Der Ingenieur Paul Jaray hatte Pech. Er erfand 1921 das Fahrrad neu, aber es gab tödliche Unfälle, und die Produktion wurde zwei Jahre später wieder eingestellt.

Deshalb hat das interessante Fahrrad nie eine Chance bekommen, sich im Alltag über die Jahre samt Weiterentwicklungen zu bewähren, obgleich man es damals für das Fahrrad der Zukunft hielt. Vorgestellt wurde es in der Feuerbacher Heide, der Jubel war groß. 

Man soll damit nämlich viel besser die Stuttgarter Berge hochgekommen sein als mit den Rädern, die wir heute so fahren (Pedelecs ausgenommen). Jaray war ein eher schmächtiger Mann, aber er fuhr den andern Radlern bergauf davon. Es sollen in den Hesperus-Werken in Cannstatt bis 1923 rund 4000 Exemplare gebaut worden sein, und darum gibt es noch einige (weniger als 100). Eines war bei der Ausstellung 200 Jahre Fahrrad 2017 in Mannheim zu sehen, wo auch ich es fotografiert habe. 

Das besondere an dem J-Rad, auch Sesselrad genannt:

12. Juni 2019

Aufs Zweirad nur mit Zylinder

Viele von uns haben Martin Hauge mit seiner nachgebauten Draisine bei den Rad-Aktionstagen und bei der Eröffnung des Radschnellwegs Römerstraße erlebt. 

Der Mann im Gehrock mit Zylinder erweckt die Erinnerung an Karl Drais wieder zum Leben, den Erfinder des Fahrrads. Wir können draufsteigen und damit losfahren. Ich durfte auch mal. Den Stock, den man auf dem Foto sieht, benutzt er als improvisisierten Fahrradständer. Die Hand hat er auf eine senkrechte Schraube aufgestützt, mit der man diesen Sitz noch um Etliches hochdrehen kann, für langbeinige Menschen. 

29. Dezember 2018

In deutschen Schilderwäldern

Foto: Göttsche 
In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kam die Diskussion auf, Fahrräder von der Fahrbahn zu verbannen. Der Grund war politisch.

Das Fahrrad war ein Massenverkehrsmittel der Arbeiter. Man wollte den damals geringen motorisierten Individualverkehr unterstützen und sagte: Fort mit allem anderen von der Straße. Die Nationalsozialisten haben das Mehrklassensystem im Straßenverkehr in Gesetze gegossen, nach dem Prinzip, der Stärkere hat Vorrecht.

21. Juni 2018

Damit die Fahrräder von den Geländern wegkommen

Fahrräder gibt es, die Entwicklung zu mehr Radverkehr ist nicht mehr umkehrbar. Es werden mehr werden. Und wer Rad fährt, will sein Fahrrad auch mal abstellen.

Im Grunde ist es ganz einfach. Wenn man Radfahrenden keine Radbügel an wichtigen Zielen anbietet, dann werden die Räder dort angeschlossen, wo es gerade geht. Irgendwo. So wie hier früher am Geländer der Rathaustreppe. Ich gebe zu, ich habe den Artikel nur wegen dieses historischen Fotos geschrieben.

2. Mai 2017

Moderne Zentauren - von der Eleganz des Fahradfahrens

Das Zweirad ist der Beginn des Individualverkehrs. Vorher gab es nur Pferde und Kutschen mit vier Rädern.

Wir alle wissen, dass Drais das Fahrrad erfunden hat. Genial: Fortbewegung auf nur zwei Rädern. Das bedeutete Balance finden. Eine Bewegungsart, die ihn ans Schlittschuhfahren erinnerte und dem Fliegen nahe kommt: schweben, gleiten und balancieren. Weshalb Fahrräder auch zunächst von Flugzeugpionieren gebaut wurden, Otto Lilienthal zum Beispiel. Das Fahrrad diente als Testgerät zur Fahrphysik.

Es hat dann fünfzig Jahre gedauert, bis die Menschheit diese Fertigkeit, auf zwei Rädern zu gleiten, auf breiter Basis erlernt hat. So stellt es Hans-Erhard Lessing in einem Artikel für das Spektrum der Wissenschaft (4.17, S.62) dar. Die Ausstellung im Technoseum in Mannheim zeigt gerade 200 Jahre Radgeschichte.

7. März 2017

Können Fahrräder fliegen?

Ja, sie können. Oder anders herum gesagt, man kann Fluggeräte bauen, die mit Muskelkraft betrieben werden. 

Mehr auf der Intrnetseite Gustav Mesmer
Der erste dürfte Gustav Mesmer aus Altshausen, Oberschwaben, gewesen sein, der fliegende Fahrräder baute. Bevor er Anerkennung erfuhr saß Mesmer 40 Jahre in der Psychiatrie. In seiner Krankenakte tauchte am 10. Oktober 1932 zum ersten Mal die Notiz auf: "Hat eine Flugmaschine erfunden, gibt entsprechende Zeichnungen ab" (Quelle: www.Gustav Mesmer).

2. Januar 2017

200 Jahre Fahrrad

Das feiern wir dieses Jahr. Und Baden-Württemberg hat ganz besonderen Grund dazu, denn nicht nur das Auto, sondern auch das Fahrrad wurde hier erfunden. Wobei das Auto vom Fahrrad abstammt.

Am 12. Juni 1817 fuhr Karl Drais erstmals auf einer Laufmaschine, die wir heute Draisine nennen und als Kleinkinderräder kennen, durch Mannheim. Dieses Fahrrad hatte keine Kurbel, man schob es mit den Füßen an.

26. März 2014

Der Radfahrer von Hirrlingen

Dies ist der Ausschnitt aus einem Gemälde, welches das Hirrlinger Schloss zeigt.

Der Legende nach wanderte ein ehemaliger Bürgermeister von Hirrlingen (in der Nähe von Rottenburg) einst nach Stuttgart aus. Dort gründete er eine Kneipe als Unterschlupf für diejenigen, die der Macht des Gesetzes vorübergehend ausweichen wollten. Das Bild brachte er Anfang des 20. Jahrhunderts mit. Offenbar fuhr man damals in Hirrlingen schon fleißig Fahrrad. Das Fahrrad, das hier gefahren wird, sieht noch fast so aus wie das Veloziped, welches der Stuttgarter Turnlehrer Johann Friedrich Trefz 1869 baute, hat die Pedale aber schon nicht mehr am Vorderrad.

7. Dezember 2013

Das Auto stammt vom Fahrrad ab

Und Stuttgart war einst Pionierstadt des Radfahrens. Das erklärt mir Markus Speidel vom Stadtmuseum Stuttgart. Ich habe ihn im Tagblattturm im Stockwerk 11, Kulturamt, Planungsstab Stadtmuseum besucht.

In Stuttgart gab es nämlich einen Turnlehrer, Johann Friedrich Trefz, der um 1869 ein Velociped baute. Und eines davon gibt es sogar noch, Markus Speidel hat es im Deutschen Museum in München gefunden. Dort steht es momentan im Depot und wartet darauf, herausgeholt und in Stuttgart im künftigen Stadtmuseum ausgestellt zu werden. Ein Foto durfte ich vom Fotos dieses Trefz-Rads nicht machen, aber eine Skizze habe ich gemacht.