1. Mai 2015

Eine traurige Fahrradstraße

Stuttgart hat genau eine Fahrradstraße. Sie ist Teil der Radhauptroute 1 längs durch Stuttgart.  Aber sie ist zum Parkplatz verkommen. 

Radfahrer/innen fahren dort so wie früher auch, und sie schlängeln sich genauso wie früher. Autos dürfen dort eigentlich nicht fahren. Die Straße ist nur für Anlieger frei. Es dürfen nur die dort hinein, die in den Läden oder Gebäuden der Eberardstraße irgendwas zu tun haben. Wer ins Parkhaus am Rathaus will, muss von der Hauptstätterstraße über die Dornstraße einfahren und die Eberhardstraße in die Nadlerstraße kreuzen. Aber ... Pustekuchen.


Kürzlich fiel mir auf, dass eine Radfahrerin an der Nadlerstraße auf den Gehweg fuhr und  bis zur Fußängerampel weiterradelte.  Ich selber fuhr auf der Eberhardstraße und hatte einen Autofahrer hinter mir, der den Motor immer mal wieder aufjaulen ließ, um mir zu zeigen, dass er eigentlich meinte, ich solle ihm da jetzt mal Platz machen.

Ich habe die Radlerin dann angehalten und gefragt, warum sie auf dem Gehweg fährt. Dafür muss es ja einen guten Grund geben. Nachdem wir geklärt hatten, dass es mir nicht darum ging, sie zu tadeln, sagte sie: "Ich bin auf den Gehweg gefahren, weil die Autos mich bedrängen."
"Aber das ist eine Fahrradstraße", antwortete ich.
"Ja, wenn das nur die Autofahrer auch wüssten", erwiderte sie. Außerdem habe sie gerade keinen Helm auf. Es war offensichtlich, dass sie Angst hatte, von Autofahrern nicht gesehen und umgefahren zu werden und irrtümlich meinte, auf dem Gehweg sei sie sicherer. (Wie hoch das Risiko ist, von einem Auto hier umgefahren zu werden, zeige ich übermorgen.)

Das Auto steht dort länger, ein Radler fährt links drum rum,
die Radlerin weicht über den Gehweg aus. 
Das - liebe Stadtverwaltung - ist ein Armutszeugnis für Stuttgart.

So sieht es regulär in der Eberhardstraße aus. Es parkt ein Transporter unmittelbar am Zebrastreifen, ein zweiter (auch ein Auswärtiger) parkt vor ihn. Der blaue Wagen muss auf der linken Spur vorbeifahren. Solche Aktionen bremsen Radfahrer zum Stillstand aus. Und das kann nicht der Sinn einer Fahrradstraße sein.















Dem Ordnungsdienst ist es offensichtlich egal, was in dieser Straße passiert, die die Autofahrer als Parkplatz für sich entdeckt haben. Die Polizei fährt sogar selbst gegen das Einfahrt-verboten-Schild ab Nadlerstraße bis vor zur Ampel an der Torstraße, deren Streuscheiben eindeutig zeigen, dass sie für Radler ist, nicht für Autos. Normalerweise richten sich Autofahrer nicht nach Radlerampeln. Es ist eine interessante juristische Frage. Müssen Autofahrer eine Radlerampel beachten? Was würde passieren, wenn die Radlerampel hier so eine kleine Miniampel wäre wie üblicherweise an Radwegen? Würden die Autofahrer dann ohne zu halten in die Kreuzung fahren? Oder würden sie vielleicht merken, dass sie hier nichts verloren haben? Steht hier eine Autoampel mit Radlerstreuscheiben, weil man damit rechnet, dass Autofahrer hier illegal rausfahren?

Seit die Eberhardstaße Fahrradstraße ist, ist es immer schlimmer geworden mit der Menge der Fahrzeuge und vor allem der Menge derer, die hier in zweiter Reihe und außerhalb der Parkplätze am Straßenrand stehen. An ihnen vorbei schieben sich die Parkplatzsuchenden. Zwischen dem allgemeinen Rangieren und Überholen werden die Radfahrer förmlich zermalmt. Ständig muss ich bremsen, weil zwei Autos nicht aneinander vorbeikommen. Dass ich hier als Radfahrerin Vorrang habe, merke ich nicht. 


Als die Eberhardstaße noch nicht Fahrradstraße war, kam man da als Radler leichter durch, weil die Autos nicht so wild herumgeparkt haben.


Echt traurig!

Übermorgen Teil 2. Was so alles in fünf Minuten passiert. Zwei Radler hätte es beinahe erwischt.









Kommentare:

  1. Ich habe in der Eberhardstraße tatsächlich schon mal erlebt, wie die Polizei eine offensichtlich verwirrte Autofahrerin (Auswärtige, die falsch eingebogen ist und dann gewendet hat) zurecht wies, dass sie hier nichts verloren hat.

    Was an einem guten Vorankommen genauso hindert wie die Autor sind die vielen Zebrastreifen, die auch noch sehr häufig genutzt werden (aus Fahrradsicht - dass Fußgänger das brauchen ist klar).

    Und dann wäre noch das der Sichtschutz vor dem Breuninger: Wenn man vom Rotebühlplatz kommt und am Breuninger links zum Markt abbiegen möchte, sieht man überhaupt nicht, ob von rechts ein Auto kommt, weil da so eine blöde große Werbetafel steht! Sehr gefährlich!!!

    Bei Polizeiautos habe ich auch schon öfters beobachtet, dass man (ohne Blaulicht!) so fährt, wie man am schnellsten vorankommt. Sperrflächen werden überfahre, nach dem Motto: "Uns zeigt doch eh keiner an".

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    1. Ich finde die Fußgänger auf den Zebrastreifen gar nicht so problematisch. Übermorgen erzähle ich was darüber, warum Fußgängerüberwege für RAdler eigentlich kein Problem darstellen, aber nur, wenn dort keine Ampel steht! Das mit dem Abbiegen zum Markt ist mir noch gar nicht als problematisch aufgefallen. Werde ich mir mal genauer angucken.

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  2. Die große Ampel mit neuen Streuscheiben ist vermutlich dort, weil sie schon da war. Ich denke beim Stellen von Anzeigen sollte man speziell in solchen Fällen hier auch mal einen Gang hoch schalten und wirklich auf die Entfernung bestehen.

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    1. Hast Recht, Hannes. Man sollte darauf dringen, dass sie verschwindet. Allerdings soll ja nun der Platz dort am Tagblatturm gänzlich neu geregelt werden. Und vorher wird man da an nix mehr rumschrauben.

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  3. Danke Christine, ein wirklich gut illustrierter Faktenbericht zu den Punkten aus meinem Kommentar vom 28. April 2015/16:27 warum ich die Fahrradstraße, von der Grundidee her und wie diese derzeit umgesetzt ist, als gescheitert ansehe.

    Zu der Ampelfrage: vor dem Umbau war dort eine kleine Radler-Ampel, sowie eine Bus-Ampel und auch schon damals war die Ausfahrt Richtung Rotebühlplatz untersagt. Von den Autofahrern wurde auch damals nur die große Bus-Ampel (genauso fraglich) geachtet – war ja auch der gleiche Ampelmast.

    Ein anderer Punkt, warum ich hier nur entlangfahre, wenn unbedingt nötig und sonst die alternative Route „Olgastraße“ nehme ist, dass trotz der fünf Zebrastreifen innerhalb von 300m Fahrradstraße die Fußgänger überall queren ohne recht auf den (Rad-)Verkehr zu achten – daher muss man logischerweise auch noch versuchen diese rechtzeitig zu entdecken bzw. für diese mitzudenken.
    Die Fußgänger scheinen das Fahrradstraßenkonzept ehr wie das „Share-Space“-Konzept der Tübinger Straße aufzunehmen. Kann vielleicht aber auch daran liegen, dass die Fußgänger an Mischkonzepte mit Radlern gewöhnt werden, wie zum Beispiel zusehen an der derzeitigen Rad-Freigabe (Schrittgeschwindigkeit!) der „Untere Königsstraße“ von Hauptbahnhof bis hin zur Bolzstraße.

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    1. Ja, Fußgänger in Stuttgart sind ein echtes Problem, weil sie noch nicht gelernt haben auf Radler zu achten. Ich sehe das Problem in der Eberhardstraße auch so, allerdings fahre ich da doch recht oft und finde es leichter zu handeln als das Kreuz und Quer von Autofahrern, die mich wirklich ausbremsen. Übrigens wusste ich noch nicht, dass man die Untere Königstraße jetzt tatsächlich radeln darf. Danke für den Hinweis, gucke ich mir demnächst an. (Ich habe nur mal darüber gespottet, dass der neue Fußgänger/Radüberweg am Bahnhof in einen Bereich führt, wo man eigentlich gar nicht radeln darf. Und siehe da, man darf doch.

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    2. Bei der Freigabe ist aber die Richtung wichtig - sonst klappt es nicht ;-) Ich meine immer noch, dass diese Freigabe in Zusammenhang mit diesem "Milaneo-Rikscha-Shuttle-Service" steht. Aber vielleicht auch nur, um die dortigen Fahrradständer überhaupt erreichen zu können, wäre ja ansonsten genauso wenig durchdacht, wie am Milaneo mit seinen Rad-Parkplätzen einige Dutzend Meter hinter dem Beginn der dortigen Fußgängerzone.

      Die Stuttgarter Fußgänger hatten auch ihren Anteil daran, warum ich Ende 2014 entschieden habe, dass die derzeitige Innenstadt-Führung der „Hauptoute I“ für mich unnötigen Stress bietet: wenn ich da entlangfahre, werde ich mich recht sicher entweder über den Verfall bzw. deren Missachtung von im Grunde guten Ideen aufregen oder ich mich selber wirklich in Gefahr bringen, weil mache der geschaffenen Situationen so kompliziert/zweideutig gestallt sind, dass viele Mitmenschen lieber ihr eigenes Ding durchziehen und somit deren Verhalten schwer vorherzusagen ist.

      Mit zum Beispiel der einen Alternative „Olgastraße“ habe ich zwar i.d.R. auch zwei „Immer-Rote“ Ampeln, aber keine zig „Rechts-Vor-Links“, sowie keine unberechenbaren Fußgänger/Parkenden [Gut - es können auch bis zu sieben rote Ampeln sein, wenn es schlecht läuft!]. Dennoch werde ich auf dieser Route vom Fußgänger als Teil des - für ihn gefährlichen - Autoverkehr wahrgenommen und ich muss nicht ständig damit rechnen, dass ein gesichteter Fußgänger nun die Straße überquert. Zudem wurden hier ja auch Einbahnstraßen für die Fahrt in Gegenrichtung freigegeben und weitere Straßen mit einseitigen Parkverboten belegt, um hier eben diesen Radverkehr zu ermöglichen.

      Im Gegensatz dazu rechnet man in der Eberhardstraße ja von vorneherein schon damit, dass Fußgänger hier und da plötzlich auftauchen, aber wenn es mal so weit ist, dass eine Anlage von Fußgängern völlig in Beschlag genommen wird, wie etwa beim beliebten Brennpunkt „Radweg vor dem Landtag“, dann ist nicht unbedingt der Fußgänger sowie sein Fehlverhalten daran schuld, sondern eben auch die Stadtplanung, welche die Radler per „Pflicht-Schilder“ ja exakt in diese Situation hineinlenkt.
      Wenn man das Ganze mal auf den Autoverkehr übertragt: man stelle sich den Aufstand, sowie die (Planungs-)Konsequenzen vor, wenn eines Tages Radfahrer mitten auf dem „Inneren Cityrings“ oder der „Planie“ stoppen würden, um sich zu sonnen! [Feinstaub/Attraktivität und andere Bedenken mal bitte ausklammern]

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  4. Nochmal ein paar Meter weiter, nochmal ein wenig gefährlicher: Direkt am Marktplatz und direkt am Rotebühlplatz jeweils die Fußgänger, die lustig die Straße queren, obwohl es immernoch genau das ist: Ein Straße.
    Im eigenen Interesse behalte ich normalerweise den Verkehr im Blick, wenn ich über eine Straße gehe? – Ein Wunder, dass nicht mehr passiert.

    Jörg

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    1. Ich fahre da oft und finde - entgegen meinen Erwartungen- die Fußgänger in der Fahrradstraße nicht wirklich das Problem (außer an der Ecke Breuninger und Marktplatz, die Fußgänger als Fußgängerzone ansehen), sondern wirklich die Autos und der drastisch angestiegene Parkplatzsuchverkehr mit Parken in zweiter Reihe, der die Straße für Radler einfach dicht macht. Gegen das Parken in zweiter Reihe könnte man ganz leicht vorgehen und hätte eine große Wirkung erzielt.

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  5. Nach meiner kursorischen Kenntnis bezahlt die Stadt Stuttgart einen Fahrradbeauftragten, der nach Auskunft dieses Blogs von Beruf ein Verwaltungsbeamter sein soll. Wäre es bei der Gelegeneheit "traurige Fahrradstraße" nicht mal sinnvoll, den Kollegen Verwaltungsbeamten um eine Stellungnahme zu bitten? Unverständliche Grüße, Stefan K.

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    1. Herr Köhnlein hat sein Büro übrigens direkt in der Eberhardstraße und kann die Konflikte sehen und das Geschrei hören, wie er einmal sagte. Er braucht aber halt auch wirklich echt Personal und weitere Stellen denn es gäbe ja nun wirklich viel Arbeit. Das Entscheidende ist doch aber wohl eigentlich, dass die Politik ernsthaft was tun will, der Gemeinderat also seinen ernsten Willen erklärt und finanziell auch so ausstattet, die Innenstadt wirklich fürs Radfahren herzurichten. Es braucht immer eine politische Mehrheit, einer allein - ein Beauftragter - kann nicht alles retten.

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  6. @ Anoym

    Der Fahrradbeaftragte ist leider völlig alleine es fehlen weitere Stellen. Wir haben vor 2 Jahren im Bezirksbeirat Zuffenhausen die Umsetzung eine 79 Punkteprogramms verabschiedet.Es ist bis heute nichts umgesetzt.

    http://www.buergerverein-zuffenhausen.de/images/download/Fahrradoffensieve/Dokumentation%20Fahrrad-Offensive%20Zuffenhausen.pdf

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  7. „Wer ins Parkhaus am Rathaus will, muss von der Hauptstätterstraße über die Dornstraße einfahren und die Eberhardstraße in die Nadlerstraße kreuzen.“

    Die Dornstraße ist eine Einbahnstraße in Richtung Hauptstätter Straße. Ist auf dem dritten Bild zu erkennen.

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    1. So ist es. Wer ins Parkhaus am Rathaus will, muss an einem von beiden Enden in die Eberhardstraße einfahren, das ist an sich schon eine Konstruktion, die den Autofahrer in die Illegalität bringt, denn er ist ja dann kein Anlieger mehr. Aber das sind so typische Ungenauigkeiten in unser Verkehrsorganisation, die es auch bei Radlern oft gibt. Zum Glück wird es dieses Parkhaus ja bald nicht mehr geben.

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  8. Friedhelm Waitzmann6. Mai 2015 um 01:22

    »Die Polizei fährt sogar selbst gegen das Einfahrt-verboten-Schild ab Nadlerstraße bis vor zur Ampel an der Torstraße, deren Streuscheiben eindeutig zeigen, dass sie für Radler ist, nicht für Autos«

    Die Polizei darf die Straßenverkehrsordnung übertreten, soweit es zur Erfüllung hoheitlicher Aufgaben dringend geboten ist (StVO, § 35). Ob sie dabei ohne oder mit Blaulicht oder gar noch dazu mit Martinshorn fährt, ist ohne Belang.

    Friedhelm Waitzmann, Stuttgart, <publicJJJJMM.fwnsp@spamgourmet.com>

    Bitte JJJJ durch das Jahr und MM durch den Monat des Datums der Kontaktaufnahme ersetzen.

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