30. Januar 2020

Der Zynismus von Unfallmeldungen

Symbolbild
Polizei- und Pressemeldungen über Unfälle mit Radfahrenden und Fußgänger/innen kommen uns oft grundverkehrt vor, weil sie die Fehler der Autofahrenden verharmlosen. 

Da ist von "übersehen" die Rede, obgleich ein Lenker oder eine Lenkerin einem Radfahrer die Vorfahrt genommen oder jemanden auf dem Zebrastreifen angefahren hat. Und die Radfahrerin hat ja auch keinen Helm getragen. Auf vertrakte Weise erscheinen die Opfer als die Schuldigen. Das beleuchtet auch ein Artikel im Tagespiegel gut und differenziert.

Eine Meldung von für mich unglaublichem Zynismus haben die Stuttgarter Zeitung und Nachrichten am 21. Januar veröffentlicht.

Der Titel "Fahrer ohne Sicht erfasst Kind auf dem Gehweg" benennt das Delikt ganz klar. Aber der Artikel selbst sucht einen launigen Einstieg, der sich auf das Missgeschick des Autofahrers konzentriert. Dessen Scheibe ist nämlich beschlagen. Die dumme Geschichte, die der Autofahrer hier erlebt, rückt die furchtbare Tragödie für das Kind und dessen Eltern an den Rand und macht sie zu einem schmückenden Beiwerk.

Zitat: "Die eiskalten Temperaturen haben für Autofahrer ihre Tücken - etwa kaum Sicht durch die beschlagene Frontscheibe. Einer wollte alles richtig machen – doch dann wurde alles nur noch schlimmer." 

So beginnen Pleiten-Pech-und-Pannen-Geschichten, die darauf anzielen, dass wir uns über das Missgeschick eines Menschen amüsieren. Die Schadenfreude geht hier aber aufkosten eines Kindes, das schwer verletzt im Krankenhaus landet, weil ein Autofahrer mehrere Fehler beging. "Tücken" hatten die eisigen Temperaturen für den Autofahrer, für das Kind hatten sie katastrophale Folgen.
Angesichts der Schwere ihrer Verletzungen ist dieses Wort "Tücken" zynisch. Der Autor zeigt sein Mitgefühl ausschließlich für den Autofahrer. In den kann er sich gut hineinversetzen. Zitat: "Was soll ein Autofahrer tun, wenn die freigekratzte Frontscheibe nach kurzer Fahrt gleich wieder beschlägt? Rechts ran, dachte sich ein 41-Jähriger am winterkalten Dienstagmorgen. Die Entscheidung hatte für ein elfjähriges Schulkind aber fatale Folgen." 

Ein Unfall, der mich entsetzt.
Das Kind ging nicht über die Straße, es ging auf dem Gehweg zur Schule. Es war vollständig ahnungslos. Es musste nicht damit rechnen, dass ein Auto kommt. Weil das Auto von hinten kam, konnte es die Gefahr auch nicht erkennen. Ein Auto stieß es hinterücks zu Boden. Es hatte keine Chance.

Der Autofahrer handelte grundfalsch und extrem gefährdend.
Er  fuhr auf den Gehweg hinauf, ohne irgendwas sehen zu können. Die Folgen für das Kind sind auch nicht "fatal" (denn das heißt "misslich, peinlich, unangenehm"), sondern furchtbar, eigentlich katastrophal. Es hat den Schock seines jungen Lebens erlebt, es hat Schmerzen, es wird noch viele Wochen, wenn nicht Monate mit der Heilung beschäftigt sein. Womöglich wird es die Folgen sein Leben lang spüren. Sie hat zudem eine furchtbare Erfahrung gemacht: die der absoluten Ohnmacht. Sie durfte darauf vertrauen, dass ihr auf dem Gehweg kein Autounfall passiert. Dieses Vertrauen ist komplett zerstört. Mit welchen Ängsten bewegt sie sich künftig auf dem Schulweg? Werden die Eltern sie jetzt immer mit dem Auto hinbringen?

Die falsche Perspektive führt zu falschen Bewertungen.
Das aber bringt der Bericht nicht zum Ausdruck. Da liegt der Fokus auf dem vom Winter und einer zufriegenden Windschutzscheibe geplagten Autofahrer. Zitat: "Der (...) Fahrer war gegen 7.40 Uhr in der Kemnater Straße in Heumaden stadteinwärts nach Riedenberg unterwegs, als ihm nach wenigen Hundert Metern das bekannte Malheur passierte: Die freigekratzte Scheibe begann schon wieder zu beschlagen, und die Fahrt wurde zum Blindflug. Kurz vor dem Schulzentrum und den Tennisplätzen beschloss er, auf dem Gehweg rechts anzuhalten, bis er wieder freie Sicht hatte. Im Prinzip eine richtige Entscheidung – allerdings mit bösen Konsequenzen. Das Auto erfasste ein elf Jahre altes Mädchen, das in gleicher Richtung auf dem Gehweg unterwegs war und von dem Fahrer übersehen wurde. Das Kind erlitt schwere Verletzungen. Es wurde von einem Notarzt behandelt und in ein Krankenhaus gebracht."

Nein: "richtig" war die Entscheidung nicht, auch nicht "im Prinzip". Denn mit dem Auto darf man nie auf Gehwege hinauf fahren, auch nicht, um dort anzuhalten. Und schon gar nicht, wenn man gar nichts sehen kann. Es könnten nämlich Menschen, Schulkinder auf dem Gehweg laufen. Die geraten dann in Lebensgefahr.

Das "Malheur" des Autofahrers bringt ein Kind schwerverletzt ins Krankenhaus. Die "bösen Konsequenzen" sind auch nicht böse (höchstens für den Fahrer), sondern fürchterlich, und zwar für das Kind und dessen Eltern.

Was mich entsetzt ist, dass der Journalist diese Geschichte nicht mit Entsetzen aus der Sicht des absolut unschuldigen Opfers erzählt hat, sondern komplett aus der Sicht eines Autofahrers, der wie sicherlich viele andere auch, leichtfertig losfuhr, ohne dafür gesorgt zu haben, dass seine Windschutzuscheibe nicht wieder beschlägt. Über die Kaskade von Fehlern, die er begeht,  sollten wir nicht auch nur ansatzweise verständnisvoll mitleidig schmunzeln. Denn ein Kind liegt im Krankenhaus. Deshalb wirkt dieser Artikel auf mich zynisch (herzlos, geringschätzig dem Opfer gegenüber, spöttisch).

Hätte der Autor sich nicht in den Autofahrer hineinversetzt, sondern in das Kind und seine Eltern, dann hätte sein Artikel vielleicht so angefangen: "Ein Morgen wie jeder andere, es ist kalt, aber Julia (Name von der Redaktion geändert), will zu Fuß zur Schule gehen. Sie ist schon elf Jahre alt. Gegen acht Uhr erreicht die Eltern der Anruf, den alle Eltern fürchten. Ihre Tochter hatte einen Unfall, es ist mit dem Notarzt unterwegs ins Krankenhaus. Für die Eltern beginnt ein Alptraum. Wird Julia wieder gesund werden? Ein Autofahrer war auf den Gehweg gefahren, obgleich er wegen beschlagener und vereister Windschutzscheibe nichts sehen konnte."
Hätte der Autor sich gesagt, das hätte meine Tochter (Schwester, Mutter, Freundin) sein können, hätte er dann die Entscheidung des Fahrers, auf den Gehweg zu fahren, um dort zu halten, wirklich noch richtig genannt? Wäre er nicht empört gewesen? Wie kann einer fahren, wenn er nichts sieht? Und wieso fährt er dann ausgerechnet auf einen Gehweg, der Schulweg ist? Kennt er die Verantwortung nicht, die er übernimmt, wenn er sich in ein tonnenschweres Fahrzeug setzt? Wie kann es sein, dass solche Menschen Auto fahren dürfen?

Ungefährer Unfallort, StuttgartMaps
Nun ist die Straße dort nur zwei Spuren breit. Der Autofahrer hätte sozusagen mitten auf der Straße anhalten müssen, um abzuwarten, bis die Scheibe frei ist. Das aber wollte er sich und den anderen Autofahrer/innen offenbar nicht zumuten. Vielleicht dachte er, es sei zu gefährlich (weil die anderen auch nichts sehen), zumindest aber wollte er kein Verkehrshindernis darstellen. Und so traf er die falsche Entscheidung aus Erwägungen heraus, die auch den Artikelautor näher waren, als die Gesundheit der Schülerin: Der Autoverkehr darf auf einer Fahrbahn nicht ausgebremst werden, auch dann nicht, wenn dadurch Fußgänger auf dem Gehweg in Lebensgefahr gebracht werden. 

Die Pressemeldung der Polizei war übrigens ganz nüchtern. Sie hat in keiner Weise nahegelegt, das Ungemach mit zugefrorenen oder beschlagenen Windschutzscheiben zu thematisieren. Hätte der Journalist sich doch darauf beschränkt, sie abzuschreiben!

Den Polizeicode entschlüsseln
Auch der Tagesspiegel beschäftigt sich damit, dass Polizeimeldungen, die meist von der Presse übernommen werden, sehr oft Autounfälle verharmlosen, bei denen Nicht-Autofahrer zu Schaden kommen. Es lohnt sich, den Artikel ganz zu lesen, weil er auch erklärt, warum da oft "übersehen" statt "nahm ihm die Vorfahrt" steht. Weil solche Unfälle meist Gerichtsverfahren nach sich ziehen, wollen die Beamten den Täter nicht vorverurteilen. Schließlich sollen sie als Zeugen auftreten, und der Richter entcheidet. Also versuchen sie es zu vermeiden, dem Autofahrer mit ihren Formulierungen bereits eine Schuld zuzuweisen. Immerhin ist die Formulierung "konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen" ein Hinweis auf überhöhte Geschwindigkeit, erfahren wir. 

Doch beim Versuch der Neutralität misslingen den Polizeibeamten oft die Formulierungen zum Nachteil der Opfer. Schließlich haben sie nicht Journalismus gelernt und sind auch keine Schriftsteller/innen. Deshalb erscheinen die Opfer "plötzlich" (so schildert es der Unfallfahrer) vor dem Kühler werden "übersehen" ("Ich habe den gar nicht gesehen", sagt die Autofahrerin) oder sie "prallen gegen das Auto". Was als neutrale Darstellung gedacht ist, ist es aber eben nicht.

Wenn wir die Polizeisprache dechiffrieren können, dann wissen wir zwar: "übersehen" heißt "Vorfahrt genommen" oder "konnte nicht mehr rechzeitig bremsen" heißt "war viel zu schnell." Aber die Leser/innen solcher Berichte wissen das nicht. Sie können das Polizeideutsch zur Vermeidung einer Vorverurteilung des Autofahrers, der vom Richter verurteilt werden soll und wird, nicht entschlüsseln. Sie kriegen ein seltsam schwammiges Bild aus der Winschutschscheiben-Perspektive präsentiert, auf dem die Fußgängerin, der Radfahrer, die Schülerin urplötzlich vors Auto laufen oder auf einem Radweg unsichtbar waren und der Autofahrer überrumpelt erscheint, ohnmächtig, einen Zusammeprall zu verhindern, eigentlich unschuldig. Und wenn die Radfahrerin dann auch noch keinen Helm trug, ja, dann ist sie an der schweren Verletzung am Ende noch selber Schuld. Im Grunde erscheint es dann so, als hätten Fußgänger/innen und Radfahrende den Unfall (dessen Opfer sie sind) vermeiden können, der Autofahrer oder die Autofahrerin aber nicht.

Wir Radfahrenden (und alle die zu Fuß gehen) sehen diese Unfälle aus unserer Perspektive. In über siebzig Prozent der Fälle sind die Autofahrenden Schuld an Zusammenstößen und Verletzungen derer, die nicht im Auto sitzen. Uns entsetzt das, was Autofahrende anrichten. Wer in einem Auto fährt kann andere verletzten oder töten, ohne selbst verletzt zu werden. Das können Radfahrende und Fußgänger/innen nicht. Rücksicht auf ungeschützte Verkehrsteilnehmer/innen (meist nennt man sie "schwächere") ist deshalb die oberste Regel der Straßenverkehrsordnung.


Ein Perspektivwechsel ist notwendig.
Dann finden wir auch die Sprache dafür. Ein bisschen von unserem Entsetzen täte auch dem Journalismus gut. Eine andere Perspektive erzeugt auch eine andere Sprache und Darstellung. Sie würde den Zeitung lesenden Autofahrenden dann auch hin und wieder vermitteln, was für ein gefährliches Gerät sie täglich bewegen, und welche großen Folgen ihre kleinen Fehler für andere haben, die keinen Panzer um sich herum haben. 

Nachtrag: am 1. oder 2. Februar berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland über einen Unfall,  bei dem ein Autofahrer ein siebenjähriges Mädchen auf einem Tretroller erfasst und mitgeschleift hat. Die Zeitung interessiert nur, dass Leute das Kind befreiten, das unter dem Fahrzeug eingeklemmt war, viele Gaffer aber nicht halfen. Das war die zentrale Story. Nicht erwähnt wird, dass der Autofahrer eine rote Ampel an einem Überweg missachtet hatte, also bei Rot weiterraste und das Mädchen anfuhr, das völlig legal bei Fußgängergrün darüber rollerte, obgleich es in der Polizeimeldung steht. Auch hier wird der schwere Regelverstoß des Autofahrers, der ein Kind versetzt, als Nebensache gar nicht erst berichtet.




Kommentare:

  1. Der Artikel im Tagesspiegel ist wirklich gut und differenziert beleuchtet. Ich habe ihn vor ein paar Tagen schon einmal gelesen.

    Das mit den wieder beschlagenden Scheiben lässt sich relativ einfach verhindern: entweder die Klimaanlage an oder aber im Winter beim Losfahren mit offenen Scheiben fahren, bis es warm im Auto ist. Und die letzten Meter vor dem Anhalten auch wieder mit offenen Scheiben fahren. Aber weil das unbequem ist, machen es die wenigsten.

    Ich hatte es nur genau einmal, dass nur noch konstantes Wischen half und das zwei mal in der Minute: es waren 2°C mit Schneeregen draußen. Nasser konnte es gar nicht sein. Früher hatte jeder Autofahrer einen Schwamm (oft mit Leder bezogen) im Auto, um die Scheibe von innen frei zu bekommen. Andererseits werden heute wie damals die Scheiben erst gar nicht frei gekratzt.

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  2. Das mit dem "übersehen" wird fast nur bei Autofahrern verwendet. Wenn die Situation umgekehrt ist, hat der Radfahrer die Vorfahrt genommen. Im Zusammenhang mit Radfahrern habe ich bislang noch kein "hat den korrekt fahrenden Autofahrer übersehen" gelesen. Und wer Vorfahrt genommen hat, muss nicht vor Vorverurteilung geschützt werden. Wenn die Sachlage unklar ist, kann man das auch schreiben ("beide am Unfall Beteiligten behaupten bei grün gefahren zu sein"). "Übersehen" ist immer Entschuldigung und Geringreden. Hat den neben ihm fahrenden beim Spurwechsel übersehen = hat nicht den Kopf gedreht. Man kann es auch neutral formulieren: kollidierte mit dem neben ihm fahrenden. Das ist dann nur der Sachverhalt. Keine Spekulation. Das wäre wirklich das Optimale.
    Den Autofahrer wünsche ich mir eine zeitlang als Fußgänger, damit er mal die (vorsätzliche oder fahrlässige) Rücksichtslosigkeit vieler Autofahrer erlebt.
    Dem schwerverletzen Kind alles Gute, dass es wieder vollständig gesund wird.
    Gruß
    Karin

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    1. Es gibt durchaus Artikel, wo ein Radfahrer einen anderen Verkehrsteilnehmer "übersieht", aber interessanter- und symptomatischerweise handelt es sich dann wiederum um einen in der deutschen Verkehrshierarchie noch weiter unten stehenden Verkehrsteilnehmer, nämlich einen Fußgänger. (https://www.stimme.de/polizei/hohenlohe/Radfahrer-uebersieht-Fussgaenger-und-verletzt-sich-schwer;art1494,4295179) Oder er übersieht das, was alle Verkehrsteilnehmer gerne übersehen, nämlich die riesige Straßenbahn (https://www.rtl.de/cms/radfahrer-uebersieht-strassenbahn-lebensgefaehrlich-verletzt-4450784.html) Eine Meldung habe ich aber auch gefunden, wo ein Radfahrer ein Auto "übersieht" (https://www.echo24.de/heilbronn/heilbronn-toedlicher-unfall-fahrradfahrer-uebersieht-auto-12910984.html). Das Wort "übersehen" ist vermutlich tatsächlich ein Polizei-Code-Wort für sich regelwidrig verhalten, nicht richtig gucken und fahren, obgleich man nicht durfte. Ic hgebe dir Recht, dass es wie eine Lapalie klingt, aber ich habe aus dem Artikel, auf den ich verlinkt habe, gelernt, dass die Polizei das offenbar anders meint. Das find ich sehr interessant. Dennoch sollet die Presse solche Formulierungen nicht übernehmen. Dazu ist sie Presse: Fachsprache übersetzen!

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  3. Wenn sich mir auf dem Gehweg die Brille beschlägt mache ich auch immer das prinzipiell richtige: Ich gehe blind auf die Straße und warte bis meine Sicht wieder frei ist.
    Dass dieser Artikel so überhaupt veröffentlicht wurde ist erschreckend, selbst für die Lokalpresse.

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  4. Es läuft so vieles falsch. Auch in vielen Unfallberichten der Polizei, z.B. be Alleinunfällen von PkW-Fahrern wird so oft auch einfach mal das Wetter oder die schlechte Sicht als Ursache = gemeiner, hinterhältiger Täter genannt, oder wenn ein PkW in die Böschung kracht und das Schadensbild verherrend aussieht, einfach "aus noch unbekannter Ursache" tituliert. Kein Wort zu der Witterungs-, Verkehrs und Strassenzustand angepassten Fahrweise (=vorrausschauend, defensiv, angepasste Geschwindigkeit und hohe Auferksamkeit und Bremsbereitschaft), deren Abwesenheit DIE Hauptursache für diese Unfälle ist. Kommt dann noch ein Unfallgegner hinzu heisst es schlicht "übersehen" und schwupps sind alle aus dem Schneider: Kann man halt nichts machen, konnte man ja nicht wissen, kam ganz pötzlich, was soll ich denn machen, etc... Und weiter geht es so jeden Tag.

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    1. Deshalb sollte die Presse Polizeimeldungen nicht einfach übernehmen. Die Polizei verwendet eine andere Sprachee als die, die wir verwenden. Das habe ich jetzt verstanden. Ich erinnere mich an Gespräche mit Vertreter/innen der Polizei, darunter eine Radfahrerin, bei denen wir klar zu machen versuchten, dass "übersehen" ein blödes Wort ist. Es müsste ein sprachliches Training für Polizisten geben, aber wer soll dass machen, es sind so viele, die solche Meldungen schreiben. Andererseits ist es durchaus nicht so, dass nur Autofahrer andere "übersehen". Ich habe weiter oben Karin so geantwortet (kopiere ich hier noch mal rein: Es gibt durchaus Artikel, wo ein Radfahrer einen anderen Verkehrsteilnehmer "übersieht", aber interessanter- und symptomatischerweise handelt es sich dann wiederum um einen in der deutschen Verkehrshierarchie noch weiter unten stehenden Verkehrsteilnehmer, nämlich einen Fußgänger. (https://www.stimme.de/polizei/hohenlohe/Radfahrer-uebersieht-Fussgaenger-und-verletzt-sich-schwer;art1494,4295179) Oder er übersieht das, was alle Verkehrsteilnehmer gerne übersehen, nämlich die riesige Straßenbahn (https://www.rtl.de/cms/radfahrer-uebersieht-strassenbahn-lebensgefaehrlich-verletzt-4450784.html) Eine Meldung habe ich aber auch gefunden, wo ein Radfahrer ein Auto "übersieht" (https://www.echo24.de/heilbronn/heilbronn-toedlicher-unfall-fahrradfahrer-uebersieht-auto-12910984.html). Das Wort "übersehen" ist vermutlich tatsächlich ein Polizei-Code-Wort für sich regelwidrig verhalten, nicht richtig gucken und fahren, obgleich man nicht durfte. Ic hgebe dir Recht, dass es wie eine Lapalie klingt, aber ich habe aus dem Artikel, auf den ich verlinkt habe, gelernt, dass die Polizei das offenbar anders meint. Das find ich sehr interessant. Dennoch sollet die Presse solche Formulierungen nicht übernehmen. Dazu ist sie Presse: Fachsprache übersetzen! )

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  5. Jedes Jahr haben wir mehrere Tausend solcher Opfer. Da ist es nur logisch, wenn sich die Täter es so leicht wie möglich machen wollen.

    Die amerikanische Journalistin Masha Gessen war letztes Jahr in Stuttgart und schrieb am 21. Juli im Newyorker über "The Weaponization of National Belonging, from Nazi Germany to Trump."

    Da erkenne ich bei anderer Thematik doch ähnliche Muster im Handeln der willfährigen Helferlein.
    Der Schoß ist fruchtbar noch...

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  6. Ein Grund für die Verharmlosung bei den Meldungen könnte auch sein, das Polizisten und Journalisten beruflich bedingt selbst überdurchschnittlich häufig Autos benutzen. Und an "Eine Krähe hackt der Anderen kein Auge aus" ist wohl etwas wahres dran.

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    1. Zudem werden Journalisten von den KFZ-Herstellern satte Rabatte beim Autokauf gewährt. 15% sind keine Seltenheit. Voraussetzung: hauptberufliche Tätigkeit und Presseausweis

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  7. Liebe Christine,

    vielen Dank für den Artikel. Die Berichterstattung in StN, deren Abonnent ich bin, mißfällt mir oft. Dieser spezielle Fall ist mir sauer aufgestoßen. Ich wünsche der Schülerin eine gute Besserung, und dem Journalisten das er das nächste mal erst denkt und dann schreibt.

    gruß,
    Carsten

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    1. Wobei man sich leise fragt, ob es denn keine Redaktion gibt, die so einen Artikel dem Autor mit der Bitte um einen Perspektivwechsel zurückgibt.

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  8. Ralph Gutschmidt30. Januar 2020 um 15:37

    Der Artikel geht noch weiter: "'Grundsätzlich sollte man in solchen Situationen den Warnblinker einschalten', sagt Polizeisprecherin Monika Ackermann."
    Logisch, dann hätte das Kind das von hinten nahende Auto bestimmt bemerkt.

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  9. Polizisten in Warnwesten werden im Übrigen wohl nicht einfach übersehen, sondern "augenscheinlich nicht oder zu spät" wahrgenommen.
    (https://www.n-tv.de/regionales/mecklenburg-vorpommern/Polizist-beim-Regeln-des-Verkehrs-von-Auto-erfasst-article21546703.html)
    P.S.: Im Sinne das (hoffentlich) niemand mit Abschicht umgefahren wird, kann ich die Verwendung des Wortes "übersehen" in Unfallmeldungen schon verstehen, auch wenn das Synonyme "nicht wahrgenommen" besser wäre.
    Noch besser wäre allerdings, wenn auf Wertung und VERMUTUNG in diesen Berichten ganz verzichtet werden würde.
    "wurde erfasst" (passiv) sagt eigentlich alles wichtige aus.

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  10. So ein kluger, gut beobachterter Beitrag. Macht wütend und geht an die Wurzeln. Danke dafür!

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  11. Danke für den Beitrag, das ist ein superwichtiges Thema. Es kommt am laufenden Band vor, dass in den beiden Stuttgarter Zeitungen (ist ja auch dieselbe Redaktion) Radfahrer (oder auch sehr beliebt: die Stadtbahn) "übersehen" werden.
    Auch sehr beliebt: Bei Stadtbahn-Unfällen, bei denen natürlich üblicherweise ein Auto die Vorfahrt missachtet hat, gibt es dann zudem meist ein "Symbolbild", das eine Stadtbahn zeigt. Was haften bleibt beim Leser: Die Stadtbahn hat mal wieder nen Unfall gebaut...


    Zu Deinem Punkt, wie die nötige sprachliche Sensibilität entstehen soll:
    "Es müsste ein sprachliches Training für Polizisten geben, aber wer soll dass machen, es sind so viele, die solche Meldungen schreiben."
    Ich denke, das muss elementarer Teil der Ausbildung sein, bzw. verpflichtender Fortbildungen. Da braucht es ein Commitment von ganz oben, was es bisher offenbar nicht gibt. Sonst wird das alles weiter herumeiern...

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