Die Niederländer:innen haben zwei verschiedene Worte für Leute auf Fahrrädern.
"Wielrenners" radeln in Spezialkleidung mit Helm und vielleicht Sicherheitswesten sportlich und so schnell wie möglich. "Fietsers" sind diejenigen, die in moderatem Tempo, Normalkleidung und ohne Helme und Sicherheitswesten ihre Alltagswege in der Stadt zurücklegen. Wir haben vor allem die Negativ-Begriffe "rasende Radler". "Ramboradler" und "Kampfradler". Na gut, auch wir kennen den Begriffe "Alltagsradler:in", "Radpendler:innen" oder "Freizeitradler:innen".
In der Regel amüsiert man sich in den Niederlanden oder auch in einer Radfahrstadt wie Kopenhagen über unsere Neigung, für Alltagswege Sportkleidung und Outdoorausrüstung zu tragen. Herren, die im Anzug Rad fahren, sind bei uns selten, Frauen in Röcken oder eleganten Kostümen noch seltener. Häufig sind die Fietsers bei uns semisportlich ausgerüstet mit reflektierenden Jacken und Jeans, manche mit Sicherheitswesten über dem Mantel. Und wir fahren (fast) alle gerne ziemlich schnell. Auch das unterscheidet uns von Radfahrnationen. Uns fehlt das noch ein bisschen Radkultur.
Wichtig für uns sind vor allem die beiden Radtypen: Pedelec und Normalrad. Gerade in hügeligen Gegenden beflügeln die E-Räder die Radkultur, auch wenn viele Bioradler:innen diejenigen verachten, die mit Elektrounterstützung radeln. Und natürlich reden wir auch von Rennradler:innen oder Downhillern oder Lastenradfahrerer:innen. Und die sind alle durchaus in verschiedenen Modi unterwegs. Und außerdem gibt es noch Radliebhaber:innen, die besondere Räder ausfahren, Tallbikes oder solche wie dieses (Foto rechts). Und es gibt die Essen-Lieferanten, eine Spezies für sich, die in einem Parallel-Verkehrsuniversum unterwegs zu sein scheint, sehr viel auf Fahrbahnen, aber auch im Schlängelmodus überall, wo man radeln kann. Manchmal passt das Fahrrad nicht zum Verhalten. Ich kann nicht verhehlen, dass ich mich wundere, wenn Radler:innen in Montur mit ihren Rennrädern auf Gehwegen fahren - insbesondere den verbotenen. Auf der Hofener Straße am Neckar begegnen mir zwei Sorten von Rennradfahrer:innen (mehr Männer als Frauen): die einen radeln auf der Fahrbahn, die anderen in nahezu demselben Tempo auf dem freigegebenen Gehweg. Ich kann es niemandem verdenken, wenn er oder sie hier lieber Gehweg radelt, aber dann vielleicht etwas langsamer an den armen Fußgänger:innen vorbei. Nimmt jemand die sportliche Herausforderung an, auf dem Rennrad die Alte Weinsteige hochzuradeln, nötigen er oder sie sie mir höchsten Respekt ab. Und ich verstehe sogar, wenn sie den Gehweg nehmen, sie wollen die Autofahrenden nicht über 800 Meter zu Tempo 5 km/h zwingen. Aber wenn Rennradler dort auf Gehwegen fahren, wo ich mit meinem Pedelec in Alltagskleidung die Fahrbahn fahre, schüttle ich mit dem Kopf. Da passt die Ausrüstung nicht zum Radfahrerherz. Auch Pedelec-Radelnde, die schwungvoll auf Gehwege wechseln, weil sie eine Ampel vermeiden wollen, nötigen mir ein Stirnrunzeln ab, denn gerade mit dem Pedelec ist der Start nach dem Ampelstopp weniger anstrengend als mit dem Normalrad.Oft passt die Infrastruktur nicht zu den Bedürfnissen: Und das nervt vor allem Alltagsradelnde, die sich dann praktikable Wege suchen. Gerade an schlecht organisierten Kreuzungen sehen wir ein munteres Kreuz und Quer von Leuten, die hier jeden Tag ihren Arbeitsweg bewältigen und dies auf routiniert Zeit- und Strecken sparende Weise. Beispielsweise an der Kreuzung Schickardtstraße, Böblinger Straße. Da werden Radfahrende aller Typen dann zu Pfadfinder:innen, die man auch gern Kampfradler nennt. Sie schlängeln sich regellos durch und über alle Straßen.
Dass wir manchmal die anderen Radfahrenden für Idiot:innen halten, gehört wohl dazu. Kürzlich blaffte mich ein Bioradler, der mir in einer Kurve entgegen kam, die er schnitt (ohne dass es zu irgendeiner kritischen Situation gekommen wäre) mit den Worten "Scheiß E-Bike" an. Kann man machen. Aber muss man?
Klar sind Leute, die ihre Räder langsamer fahren als wir selber, die ihre Richtungswechsel nicht anzeigen oder sich nie dessen bewusst sind, dass hinter ihnen auch noch jemand radelt, ein Hindernis. Und wenn man auf dem viel zu schmalen Zweirichtungsradweg auf der König-Karls-Brücke wegen reichlich Radverkehr nicht überholen kann, dann mag das Ungeduld erzeugen. Ich muss dann immer an die prinzipielle Ungeduld von Autofahrenden denken, die hinter mir hängen und vorbei wollen, so als ob der Zeitgewinn relevant wäre oder als ob wir ein Recht darauf hätten, stets so schnell zu fahren, wie wir gerade wollen und können. Wo viele Menschen sind oder eben viele Radfahrende, geht das halt nicht. Und dass es nicht geht, ist nicht einmal schlimm.



Vor allem reden die Niederländer nicht über das Radfahren. "Ich erzähle doch auch nicht davon, wie ich gestern Gemüse mit einem Messer geschnitten habe", wie es Stein van Oosteren ausdrückt.
AntwortenLöschenDas Spezialrad im zweiten Bild ist übrigens ein Dursley Pedersen. Ab und zu sieht man mal eins, soll sehr bequem sein.
Ich bin ein "fietser". Mein Fahrrad ist ein Transportmittel, nicht mehr und nicht weniger. Ich habe gar keine Spezialkleidung fürs Rad, allein schon weil die idR aus Kunstfaser besteht und das möchte ich, wenn es geht, vermeiden. Und ich weigere mich standhaft irgendwas neonfarbenes zu tragen.
AntwortenLöschenMir ist dagegen vollkommen egal wie andere Menschen Rad fahren, so lange sie sich im Großen und Ganzen an die Regeln halten (es gibt Situationen wo ich es nicht tue, weil regelkonformes Verhalten viel zu gefährlich wäre). Und mich jagt ja auch keiner, wenn es denn mal langsamer geht, dann ist das halt so.
Man kann wahrscheinlich skeptisch sein, wenn jemand ausschließlich "Wielrenner", oder generell eben ausschließlich sportlich auf der gemeinsamen Infrastruktur unterwegs ist und sonst mit Kraftfahrzeug.
AntwortenLöschenIch selbst bin mal Fietser (Besorgungen), mal Wielrenner, mal mit verschiedenen Anteilen beides (weiter entfernte Besorgungen, Arbeitswege). Auch Ausflüge können ja in verschiedenen Kategorien landen.
(TLDR: ich störe mich an dem Klischee "so schnell wie möglich", es ist recht nah an den genannten Negativ-Begriffen weil es eine gewisse Rücksichtslosigkeit unterstellt, zumindest lese ich es so)
Der Gedanke "So schnell wie möglich" ist bei mir deutlich eher in der Rolle als Fietser dabei, wobei es vielleicht eher ein "So schnell wie bequem möglich" ist, also ohne Verausgabung usw.. Überhaupt habe ich auch bei anderen Radler*innen in der Stadt eher das Gefühl, dass sie eher schnell sein wollen -- zumindest wenn es nach dem Verhalten geht. Und das ist ja im Rahmen auch in Ordnung, es ist ihre Lebenszeit.
Für mich hat "Spezialkleidung" auch nichts mit "so schnell wie möglich", sondern je nach Situation praktisch ist. Beim Arbeitsweg ziehe ich mich ohnehin um. Als ich noch mehr mit normaler Kleidung gefahren bin habe ich diese wesentlich schneller abgenutzt. Weniger lang unterwegs bin ich dann allerdings auch. Wenn es tatsächlich um rein sportliches Fahren geht ist mir die Geschwindigkeit an den allermeisten Tagen sehr weitgehend egal -- es geht viel mehr um ein bestimmtes Trainingsprogramm, eine bestimmte "Übung". Das dürfte so ähnlich auf zumindest auf einen Teil der sportlich fahrenden Leute zutreffen, es sieht nur aus Sicht der anderen "schnell" aus. Indirekt darum "so schnell wie möglich" zu fahren geht es bei mir selbst am ehesten auf Langstrecken; indirekt weil das sehr lange Tage sind und ich eigentlich eher schaue weit zu kommen aber auch am nächsten Tag noch fahren zu können. Das ist dann aus Sicht der anderen vielleicht immer noch schnell, aber genauso weit weg von "so schnell wie möglich".
Es fehlt der mit Elektromotor sich fortbewegende Radfahrer, der in zwei prall gefüllten Satteltaschen seinen halben Hausstand mit sich führt, wenn er einen kurzen Ausflug zum nächstgelegen Biergarten macht. Zwei Rückspiegel dürfen auch nicht fehlen.
AntwortenLöschenUnd es fehlt der Infulenzer-beinflusste Rose-Rennradfahrer, der in Ryzon-Bekleidung sein 7,5 kg Gefährt vermeintlich schnell bewegt und mitleidsvoll auf die Elektrofraktion schaut.
Allzu negativ wollen wir doch nicht werden. Es geht doch nicht so sehr darum, die eigene Verachtung für andere Radfahrende zu kultivieren, als vielmehr darum, mit etwas mehr Geduld auf die anderen zu scheuen, auch wenn wir manchmal (auch ich) die Stirn runzeln.
LöschenLieber Hannes, mir wirst du ja nicht unterstellen, dass ich feindselig Radfahrende framen will. Dass wir gerne schnell fahren, beobachte ich allerdings schon, vor allem, wenn ich zu den Zeiten unterwegs bin, wo die Radpendler:innen auf dem Heimweg sind, oder wenn mir Rennradler auf dem Neckardamm begegnen, die Fußgänger:innen wegbimmeln. Vielleicht sollten wir uns eingestehen, dass wir (selbstverständlich nicht alle!) zuweilen etwas zu drängelig und gehetzt unterwegs sind. Gute Gründe gibt es dafür natürlich immer. Bei mir beschweren ich inzwischen Fietsers über S-Pedelec-Fahrende auf der Fahrradstraße, die ziemlich schnell seien.
LöschenUnd, lieber Hannes, stimmt, Radfahrende werden gern für viel schneller gehalten als sie sind. Allerdings kann ich die Geschwindigkeit von Radfahrenden inzwischen doch ganz gut einschätzen (du vermutlich auch).
LöschenSchrödingers Radfahrer. Immer sowohl zu schnell ("Der kam plötzlich aus em Nichts."), als auch zu langsam ("Der hält den ganzen Verkehr auf.").
Löschendoppelt so schnell wie erlaubt: manche Radfahrer übertreiben es wirklich:
Löschenhttps://www.bild.de/news/inland/radarkontrolle-fahrradfahrer-mit-59-km-h-in-30er-zone-geblitzt-69c268dc8f5761671715d986
Ach die Bild...
Löschenimmer eine vertrauenswürdige Quelle.