Der Deutschlandfunk hat eine einstündige Reportage und Analyse des Radverkehrs und der Radpolitik in den Niederlanden veröffentlicht, die uns einen guten Einblick in Probleme und Chancen verschafft.
Ein paar Gedanken dazu: Leider heißt er in der Url reißerisch "Tod auf dem Rad" und ist mit "Die Niederlande wollen den Radverkehr sicherer machen" überschrieben. Das Ziel des Beitrags ist es, den Radverkehr zu problematisieren. Es wäre schön, wenn auf ähnliche Weise auch mal der Autoverkehr bei uns problematisiert würde. Anlass scheinen Meldungen zu sein, wonach in den Niederlanden inzwischen im Straßenverkehr mit 35 Prozent mehr Radfahrende sterben als Leute in Autos (30 Prozent) oder aber Fußgänger:innen (8 Prozent). An den 8 Prozent getöteten Fußgänger:innen sieht man allerdings auch, dass ein starker Radverkehr und geringerer Autoverkehr für Fußgänger:innen von Vorteil ist. In Deutschland sterben rund 14 Prozent Fußgänger:innen im Straßenverkehr, ca. 16 Prozent Radfahrende, aber rund 45 Prozent Autoinsass:innen. In den Niederlanden radeln im Durchschnitt 23 Prozent, in Utrecht oder Amsterdam aber um die 50 Prozent. Sie legen dabei im Durchschnitt 1000 km pro Jahr zurück. In Deutschland radeln 11 bis 12 Prozent, in Münster oder Freiburg an die 40 Prozent. Und sie legen im Durchschnitt nur 500 km im Jahr zurück. Wo mehr Rad gefahren wird, gibt es also auch mehr Radunfälle.
Die Entwicklung ist nicht neu. Auch in den Niederlanden sterben die misten Radfahrenden, nämlich rund 44 Prozent nach Kollisionen mit Autofahrenden (Pkw, Lkw). 31 Prozent der Stürze ohne Fremdbeteiligung gehen für Radfahrende tödlich aus. Man macht die Senior:innen dafür verantwortlich, die Pedelecs fahren, die Kontrolle verlieren und sich bei Stürzen schwere Kopfverletzungen zuziehen. Zusammenstöße zwischen zwei Radfahrenden machen nur 3 Prozent der Todesfälle aus. Anders sieht es bei Verletzten aus, die in Krankenhäusern landen. Da dominieren mit knapp zwei Dritteln die sogenannten Alleinunfälle wegen Laub, rutschiger Fahrbahn, Bondsteinkanten, Fahrten gegen Hindernisse, Unaufmerksamkeit und Kontrollverlust übers Fahrrad. Kollisionen mit Autos machen wiederum bei den Verletzten nur rund 12 Prozent aus und Kollisionen untereinander rund 11 Prozent (Quelle, niederländisch).
Aber diese Zahlen lassen sich mit deutschen Statistikzahlen nicht vergleichen. Die Statistik in den Niederlanden wird lückenloser geführt als bei uns. Bei uns fließen nur Radunfälle in die Statistik ein, die von der Polizei erfasst werden. In den Niederlanden melden auch Krankenhäuser und Anwaltskanzleien (bei einem Rechtsstreit) Fahrradunfälle an die Statistik weiter. Bei uns dürfte es bei Alleinunfällen, die etwa 30 bis 40 Prozent ausmachen, also eine höhere Dunkelziffer geben als in den Niederlanden.
Auch bei der Altersverteilung gibt es enorme Unterschiede zwischen Unfällen mit Verletzten oder mit Todesfolge. Das größte Risiko gehen Männer über 70 ein, sie machen 42 Prozent aller Fahrradtoten in den Niederlanden aus (sie radeln mehr und überschätzen sich mehr). Bei den Radler:innen, die verletzt in Krankenhäusern landen, ist die Altersklasse zwischen 14 und 24 Jahren mit über 50 Prozent am meisten betroffen. Das wird vor allem den getunten Fat-Bikes zugeschrieben.
Man sieht daran, am gefährlichsten (also lebensgefährlich) ist für Radfahrende auch in den Niederlanden immer noch das Auto. Und dann die Radler:innen für sich selbst, weil sie auf zweirädrigen Fahrzeugen sitzen, die Balance verlangen und Fahrfehler dem Fahrer oder der Fahrerin weniger verzeihen als Autos ihren Fahrer:innen. Und weil auf den Radwegen eben auch rutschiges Laub liegt oder Bordsteine unerwartete Hindernisse darstellen. Auf den in den Niederlanden breiten und oft vom Autoverkehr getrennten Radwegen ist es natürlich auch voller geworden. Der Radverkehr wird von einigen Radfahrenden selbst - die der Rundfunkbeitrag abgefragt hat und ausführlich zu Wort kommen lässt - als zunehmend gefährlich empfunden, und so fünf Prozent der Radelnden setzen jetzt schon mal auch einen Helm auf.
Die Leute, die im Beitrag zu Wort kommen, argumentieren so wie bei uns voller Misstrauen in die Radfahrenden selbst, voller Fingerzeigen auf diejenigen, die andere Räder fahren als sie selbst, vor allem wenn sie alt sind und Pedelecs fahren. Ältere Pedelecfahrende verunglücken auch in den Niederlanden folgenschwerer, so wie bei uns. Allerdings - und das verschweigen solche Mediendarstelleungen immer - nehmen ganz generell die Unfallgefahren im Alter zu, und meistens handelt es sich um Stürze im Haushalt oder auf der Straße. In Deutschland werden deshalb pro Jahr etwa 300.000 Menschen ab 65 in Krankenhäusern behandelt. Alleinunfälle mit dem Fahrrad bei Senior:innen dürften etwa ein Prozent dieser Zahl ausmachen, aber die Dunkelziffer ist höher. Also kein Grund, das Radfahren bei alten Menschen immer wieder in den Medien als besonders großes Problem zu behandeln.
Allerdings richten junge und alte Radfahrer:innen in den Niederlanden (und bei uns) mit ihren Fahrrädern deutlich weniger Personenschäden an als Autofahrende. Und die Kollisionen unter Radfahrenden sind tatsächlich auch eher selten. Im Beitrag werden Leute zitiert, die in der Unmenge von Radfahrenden, die in unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs sind und sich zu Stoßzeiten bis zu echten Radlerstaus zusmmendrängen, ein Problem sehen. Wir hören, dass manche im Gewusel Angst bekommen und den Arbeitsweg nicht zu Stoßzeiten zurücklegen müssen wollen. Dichter Verkehr macht halt überall Probleme (auch dichter Autoverkehr und Stau stesst).
Wirklich problematisch scheinen die Fat-Bikes zu sein, die von Jugendlichen getunt und dann mit über 45 km/h auf Radwegen gefahren werden. Die meisten Unfälle haben Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren. Als in Amsterdam eine Helmpflicht für leichte Mopeds (bis 25, km/h) eingeführt wurde, stiegen die Kids auf Fat-Bikes um, für die bislang noch keine Helmpflicht gilt, aber jetzt diskutiert wird. Fat-Bikes dürfen erst ab 16 gefahren werden und Tunen ist selbstverständlich verboten. (Auf dem Foto sieht man ein Fatbike, dass in der ADFC-Werkstatt in Stuttgart ankam, weil beide Bremsen nicht funktionierten. Kenner:innen sehen, dass die am Vorderrad nicht funktionieren kann, weil das Vorderrad falsch herum in der Gabel steckt und die Bremsscheibe rechts ist, die Bremsbacken aber immer links. Der Besitzer erklärte, er habe es teils selber zusammengebaut.)
Mobilität mit Fahrzeugen muss sein (wir Menschen wollen herumkommen), aber je weniger Autos gefahren werden und je langsamer sie fahren, und je mehr Menschen Fahrrad fahren, desto weniger lebensgefährlich ist das für alle. Ich fand den Rundfunkbeitrag interessant, weil er einen kleinen Einblick in den Verkehrsalltag der Niederlande gibt. Allerdings frage ich mich, warum der Radverkehr unbedingt als Todesgefahr problematisiert werden musste. (Ein Blogartikel zu dieser verzerrten Wahrnehmung erscheint bald).


David Hembrow hatte den Abstieg der Unfallzahlen in den Niederlanden schon 2023 analysiert, ich habe seither nichts gehört, was für andere Schlussfolgerungen daraus sprechen würde. https://www.aviewfromthecyclepath.com/2023/04/whats-gone-wrong-with-road-safety-in.html?m=1
AntwortenLöschenKalle S Süd: vielen Dank für den interessanten Beitrag. Liegen denn zu den Verkehrsopfern auch absolute Zahlen vor? Ich vermute nämlich, dass absolut betrachtet in NL bezogen auf die Gesamtbevölkerung wesentlich weniger Menschen tödlich im Straßenverkehr verunglücken. Meine letzten Reisen in die NL sind schon einige Jahre her. Damals ist mir aufgefallen, dass insgesamt nur sehr wenige Radler mit Helm unterwegs sind. Ich weiß aber nicht, ob das nur mein subjektives Empfinden war.
AntwortenLöschenKalle, S Süd:
AntwortenLöschenIch habe - weil ich das Thema wirklich sehr interessant finde, die Niederlande werden immer so euphorisch als Vorbild angepriesen - selber etwas recherchiert. Ohne Anspruch auf Korrektheit.
NL
18,4 Mio EW
759 Verkehrstote
4,12/100.000 EW
Davon 281 Radler
≙ 37 % Radler
DE
83,5 Mio EW
2814 Verkehrstote
3,37/100.000 EW
Davon 462 Radler
≙ 16 % Radler
Vermutlich gibt es wie im Beitrag erwähnt verschiedene Erklärungen dafür. Zum einen sind in NL mehr Leute mit dem Rad unterwegs. Zum anderen ist (auch sehr spannend) die PKW-Dichte, also die Anzahl zugelassener PKW pro Quadratkilometer, in den Niederlanden fast doppelt so hoch wie in Deutschland:
DE 137 KFZ/qkm
NL 226 KFZ/qkm